
Hercule Poirot sitzt am Heiligabend mit seinem Gastgeber Colonel Johnson, dem Polizeichef von Middleshire, vor dessen Kamin. Der Gastgeber genießt das Kaminfeuer und die Wärme, aber der belgische Detektiv hätte eine gute Zentralheizung vorgezogen, die auch den Rücken wärmt. Der Detektiv hegt auch nicht die sentimentalen Gefühle der Engländer in der Weihnachtszeit. Zwar sei Weihnachten ein Fest der Freude, aber: „Pflegt man zu Weihnachten nicht reichlich zu essen und zu trinken? Sich vielleicht zu überessen? Nun, der übervolle Magen führt zu Magenverstimmung und Magenverstimmung zu Reizbarkeit!“ Auch der Versuch, nett zu scheinen, führt, argumentiert Hercule Poirot, tatsächlich zu Spannungen. „Das Resultat dieser vorgespiegelten Versöhnlichkeit und Großmütigkeit muss früher oder später zur Explosion von Hassgefühlen und Rachsucht führen, die viel intensiver sind, als sie das ganze Jahr hindurch waren.“
Mitten hinein in das Gespräch über die Gefühle am Weihnachtsfest platzt ein Anruf von Inspektor Sugden von Scotland Yard. Als Inspektor Johnson das Telefonat beendet hat, verkündet er seinem Gast: „Der Teufel hol’s! Ein Mord! Am Heiligen Abend – ein Mord!“ Simeon Lee, einer der reichsten Männer der Gegend, ist auf brutale Weise getötet worden. Und wo er nun schon einmal da ist, bietet Hercule Poirot an, bei der Aufklärung des Falls mitzuhelfen. „‘Sie sind wirklich ein Freund‘, sagt Johnson warm.“ Und so verläuft „Hercule Poirots Weihnachten“ unsentimental, ohne Magenverstimmung, aber wie zu erwarten damit, dass er den Mordfall klärt.
Agatha Christie war die Tochter des Amerikaners Frederik Alvah Miller und seiner Frau Clarissa. Die Familie war wohlhabend und lebte in einer Villa in Torquay. Agatha erhielt bis zum 16. Lebensjahr Privatunterricht von ihrer Mutter. Sie begann schon früh mit dem literarischen Schreiben und veröffentlichte bereits im Alter von elf Jahren ihr erstes Gedicht in einer Lokalzeitung. Agatha Christie liebte es als Kind, das Weihnachtsfest zusammen mit ihrer Mutter im alten Herrenhaus der verwandten Familie Watt zu verbringen (ihr Vater starb früh).
In ihren Lebenserinnerungen hat Agatha Christie das alte Herrenhaus der Watts liebevoll beschrieben: „Für ein Kind war es ein wundervolles Haus, um darin Weihnachten zu feiern. Es besaß nicht nur eine Unzahl von Zimmern, Gängen, unerwarteten Stufen, Vordertreppen, Hintertreppen, Alkoven, Erkern – alles, was ein Kind sich nur wünschen kann –, sondern auch eine Orgel und drei verschiedene Klaviere, welche man spielen konnte.“ Dort Weihnachten zu feiern, war etwas Besonderes: „Weihnachten war das Fest aller Feste; es wird mir immer unvergesslich bleiben. Das Frühstück, wo jedes Kind schon ein Geschenk vorfand. Dann eilig zur Kirche und schnell wieder zurück, um weitere Geschenkpakete zu öffnen. Um zwei Uhr das Weihnachtsessen bei zugezogenen Vorhängen, hellem Licht und glitzernden Ornamenten. Austernsuppe (die ich nicht mochte), Steinbutt, gekochter Truthahn und ein riesiges Stick Roastbeef. Anschließend Plumpudding, Fleischpasteten, einen Auflauf und zum Nachtisch natürlich eine Menge köstlicher Süßigkeiten. In meinem Buch Ein diplomatischer Zwischenfall habe ich solch ein Festmahl ausführlich beschrieben. Es ist eines von jenen Dingen, die man in dieser Generation bestimmt nicht mehr erleben wird. Ich bezweifle auch, dass es die Verdauung eines Menschen von heute durchstehen könnte.“
Im Rückblick schrieb sie: „Wenn ich bedenke, was ich in meiner Jugend gefuttert habe – denn ich war immer hungrig –, kann ich einfach nicht verstehen, wie ich es schaffte, so mager zu bleiben – eine richtige Hopfenstange.“
Zurück zum Weihnachtsfest bei den Verwandten: „Nach der wohltuenden Untätigkeit des Weihnachtsnachmittags – Untätigkeit für die Älteren; die Jungen lasen, besahen sich ihre Geschenke, knabberten Schokolade – gab es einen herrlichen Tee mit einer großen, mit Zuckerglanz überzogenen Weihnachtstorte und alles Mögliche dazu, und ein Abendessen, bestehend aus kaltem Truthahn und heißen Fleischpasteten. Gegen neun Uhr wurde der Weihnachtsbaum angezündet, an dem noch mehr Geschenke hingen. Ein wunderbarer Tag, an den man sich noch lange zurückerinnerte – bis zum nächsten Weihnachtsfest.“
1914 erlebte Agatha Christie ein dramatisches Weihnachtsfest, das sie in ihren Lebenserinnerungen beschrieben hat. Sie und Archibald Christie hatten sich drei Monate vorher ineinander verliebt und kurz vor Weihnachten überlegt, ob sie heiraten sollten. Es gab aber ein Hindernis. Archie Christie war Flieger in der britischen Luftwaffe und musste gleich nach Weihnachten zurück in den Krieg nach Frankreich.
Drei Tage vor Weihnachten bekam er überraschend einen Kurzurlaub und überzeugte Agatha, mit ihm zu seinen Eltern zu fahren und dort Weihnachten zu feiern. Vor der Abreise hatten Archie und Agatha heftig darüber gestritten, ob sie noch vor seinem bevorstehenden Kriegseinsatz rasch heiraten sollte. Er hatte das verweigert und erklärt: „Das wäre völlig falsch. Auch meine Freude denken so. Man darf nichts übereilen. Du kriegst eine Kugel ab, es erwischt dich, und du lässt eine junge Witwe zurück. Am Ende ist auch noch ein Kind unterwegs – nein, nein, das wäre egoistisch und falsch.“ Sie widersprach heftig, aber er ließ sich nicht von seiner Überzeugung abbringen.
Aber dann, in seinem Elternhaus, änderte er noch in der ersten Nacht seine Auffassung: „Ich habe es mir überlegt. Wir müssen heiraten. Sofort. Morgen werden wir heiraten.“ Sie wandte ein: „Aber du hast doch gesagt …“ Die Antwort: „Kümmere dich nicht darum, was ich gesagt habe. Du hattest Recht, und ich hatte Unrecht. Natürlich ist das das einzig Vernünftige. Es bleiben uns noch zwei Tage, bis ich zurück muss.“ Sie war es nun, die Einwände vorbrachte, und sie stritten erneut, dieses Mal mit umgekehrten Vorzeichen. Sie stimmte schließlich einer Heirat zu. Aber in zwei Tagen zu heiraten, war fast unmöglich, noch dazu, wo am nächsten Tag Heiligabend war.
Der Plan, eine Sondergenehmigung vom Erzbischof von Canterbury zu erhalten, zerschlug sich wegen des Weihnachtsfestes. Ein hilfsbereiter Beamter war aber bereit, ihnen noch am Vormittag des Heiligabends eine Eheerlaubnis zu erteilen. Der Pfarrer stimmte zu, sie noch am Nachmittag zu trauen und sorgte auch für einen Organisten, der den Hochzeitsmarsch erklingen ließ. Es spielte schon gar keine Rolle mehr, dass die Braut kein weißes Kleid und keinen Schleier trug und eine Trauzeugin auf der Straße gefunden werden musste.
Die Frischvermählten beschlossen, den Heiligabend mit der Mutter der Braut zu verbringen. Diese hatte ein schwaches Herz, war aber entgegen allen Befürchtungen sehr erfreut über die Nachricht, und so konnte der Heiligabend und der Weihnachtstag friedlich verbracht werden. Agatha Christie schreibt zum Ende dieses turbulenten Weihnachtsfestes: „Am nächsten Tag fuhr ich mit Archie nach London und verabschiedete mich von ihm, als er sich wieder nach Frankreich einschiffte. Ich sollte ihn sechs lange Monate nicht wieder sehen.“ Sie arbeitete im Krieg als Krankenschwester und dann in einer Apotheke. Dort erfuhr sie viel über Gifte, was sich später als sehr nützlich beim Schreiben ihrer Kriminalromane erwies.
1921 veröffentlichte Agatha Christie ihren ersten Kriminalroman, „Das fehlende Glied in der Kette“. In dem Roman tauchte erstmals der belgische Detektiv Hercule Poirot auf. Der Roman fand Beachtung, aber den literarischen Durchbruch schaffte die Autorin erst 1926 mit dem Kriminalroman „Alibi“. Er erschien in einer Zeit persönlicher Krisen, deren Tiefpunkt erreicht war, als ihr Ehemann ihr eine Affäre mit einer Golfpartnerin gestand. Am 3. Dezember 1926 verschwand Agatha Christie spurlos. Das löste eine landesweite Suchaktion aus, und in der Öffentlichkeit spekulierte man darüber, ob Agatha Christie noch am Leben war. Nach zehn Tagen fand man sie wohlbehalten in einem Hotel in Harrogate. Sie äußerte sich nie darüber, was an den Tagen geschah, an denen sie vermisst wurde.
Agatha Christie ließ sich 1928 von ihrem Ehemann scheiden. Um sich zu erholen, unternahm sie danach eine Reise in den Nahen Osten. Sie fuhrt mit dem Orientexpress nach Bagdad und sammelte dabei Eindrücke für einen ihrer berühmtesten Romane: „Mord im Orientexpress“. Sie besuchte die Ausgrabungen britischer Archäologen in der antiken Stadt Ur. Dabei gewann sie Informationen und Inspiration für ihren Roman „Mord in Mesopotamien“. Zwei Jahre später besuchte sie erneut diese Ausgrabungsstätten und lernte dort den Archäologen Max Mallowan kennen. Er führte sie durch das Grabungsgelände und begleitete sie, als sie wegen einer Erkrankung nach England zurückkehren musste. Sie verliebten sich ineinander und heirateten im September 1930 in Edinburgh.
Agatha Christie begleitete ihren Mann mehrmals bei seinen Ausgrabungen in Syrien und im Irak, war aber vor allem eine sehr produktive Schriftstellerin. In zahlreichen Romanen stand Hercule Poirot mit Mittelpunkt. In dem Kriminalroman „Mord im Pfarrhaus“ hatte dann Miss Marple ihren ersten Auftritt. Die alte Dame löste mehr als ein Dutzend verzwickte Rätzel in Kriminalfällen, bei denen die Polizei zu scheitern drohte. Viele ihrer Romane wurden zu Theaterstücken, Radiosendungen und Filmen verarbeitet. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Schriftstellerin ihren Erfolg fortsetzen und einen Bestseller nach dem nächsten veröffentlichen.
1960 veröffentlichte Agatha Christie eine Kriminalgeschichte mit dem Titel „Ein diplomatischer Zwischenfall“. In dem Roman wurde die weihnachtliche Ruhe Poirots gestört. Ein reicher Prinz aus dem Nahen Osten und sein Begleiter Jesmond, der im Dienst der britischen Regierung stand, versuchten hartnäckig, Hercule Poirot aus seiner warmen, gemütlichen Wohnung in London zu locken, um in einem ländliches Herrenhaus einen politisch heiklen Fall zu lösen. Der Prinz, der als Thronfolger vorgesehen war, lebte seit einigen Wochen in London. Für seine Braut in der Heimat hatte er einen sehr berühmten Rubin von der Juwelierfirma Cartier mit einer modernen Fassung versehen lasen.
Aber dann hatte der leichtsinnige Prinz einen unverzeihlichen Fehler gemacht. Er zeigte einer Dame, die Interesse an ihm zeigte, das wertvolle Schmuckstück. Sie hatte den Prinzen gebeten, die Kette mit dem Rubin einen Abend tragen zu dürfen. Er hatte zugestimmt – und sie war mit samt dem Schmuck verschwunden. Der Diebstahl des wertvollen Schmuckstücks konnte, wenn er bekannt würde, in der Heimat des Prinzen, Unruhen auslösen, war doch das Herrscherhaus ohnehin sehr unbeliebt. Daraus erklärte sich das Interesse der britischen Regierung, zur Unterstützung der befreundeten Herrscher den Dieben den Rubin abzujagen und das auf eine streng geheime Weise.
Hercule Poirot wurde gebeten, den Fall zu lösen und dafür das Weihnachtsfest in dem Herrenhaus Kings Lacey zu verbringen, wo sich vermutlich die Diebe unter den Gästen des Festes befinden würden. Aber Poirot wollte das Fest nicht auf dem Lande verbringen und heftig schaudernd fügt er hinzu: „Und dann noch in einem großen, uralten Herrenhaus aus Stein.“ Jesmond versicherte ihn, dass er in Kings Lacey eine Zentralheizung gab. „In jedem Schlafzimmer stehen Heizkörper. Ich versichere Ihnen, mein lieber Monsieur Poirot, Kings Lacey ist der Komfort schlechthin für den Winter. Es könnte sogar sein, dass es Ihnen zu warm wird.“ Dass bezweifelte der Detektiv zwar, aber die Aussicht auf ein warmes Herrenhaus gab den Ausschlag. Er erklärte sich bereit, seine warme Londoner Wohnung für die Weihnachtstage aufzugeben und das Fest in Kings Lacey zu verbringen.
Dort kann er den Fall tatsächlich lösen. Wie das geschieht, soll ihr im Interesse derer nicht verraten werden, die den Kriminalroman noch nicht gelesen haben. Es soll aber verraten werden, dass der Stein in dem Plumpudding versteckt war, der zu jedem traditionellen Weihnachtsessen in England gehört, und dass das Mädchen Bridget, das noch zur Schule geht, ihm hilft, den Täter zu überführen, indem sie sich mitten am Weihnachtstag in den kalten Schnee legt. In dem Roman erfahren wir nebenbei viel über englische Weihnachtstraditionen – und ein schönes Ende hat er dann auch. „Tja“, sagte Poirot zu sich selbst. „‘Und jetzt gehe ich. Ich habe meine Aufgabe hier erfüllt.‘ Unerwartet legen sich in diesem Augenblick von hinten zwei Arme um seine Schultern. ‚Da Sie gerade unter dem Mistelzweig stehen –‘es war Bridget. Hercule Poirot genoss es, er genoss es sehr. Er sagte, dass es ein sehr schönes Weihnachtsfest sei …“
Agatha Christie schrieb bis in hohe Alter Romane und Kurzgeschichten. Ihr letzter noch zu Lebzeiten erschienener Roman hat den Titel „Alter schützt vor Scharfsinn nicht“. Von Hercule Poirot, der sie Jahrzehnte lang beschäftigt hatte, verabschiedete sie sich in würdiger Weise. Als sie erkannte, dass sie nicht mehr viel Zeit zum Schreiben haben würde, verfasste sie den Kriminalroman „Vorhang“, an dessen Ende Hercule Poirot starb. Sie verfügte, dass dieses Buch erst nach ihrem eigenen Tod erscheinen durfte.
Sie starb am 12. Januar 1976 an einem Schlaganfall. Ihre 66 Kriminalromane sowie Sammlungen von Kurzgeschichten wurden in viele Sprachen übersetzt und haben inzwischen eine Auflage von mehr als zwei Milliarden erreicht. Sie ist damit wahrscheinlich die am meisten gelesene Schriftstellerin der Welt.
Agatha Christie trug ihren Glauben nicht vor sich her, aber sie besuchte häufig Gottesdienste und spendete einer Kirche auf dem Lande ein Kirchenfenster mit der Jungfrau Maria. Mehrfach kommen religiöse Themen sowie Geistliche und Kirchengemeinden in Agatha Christies Romanen, Kurzgeschichten und Erzählungen vor. Wie erwähnt hatte der erste Miss-Marple-Roman den Titel „Mord im Pfarrhaus“. Der Pfarrer, der zu den Verdächtigen gehört, erzählt im Rückblick, wie es zu dem Mord kam und wie Miss Marple den Fall aufklärte.
In verschiedenen Romanen begegnet uns die stille Gläubigkeit der Schriftstellerin. Es war ein anglikanischer Glaube, der im dörflichen England zu Hause war und der wie das ländliche Leben den Veränderungen durch eine Modernisierung der Gesellschaft und auch der Kirche ausgesetzt war. Agatha Christie hat in ihren Romanen diese traditionelle ländliche Leben und auch die Kirche nicht idealisiert. Schließlich gibt es in ihren Romanen viel Missgunst, Böswilligkeit und manchmal auch Morde in Kirchengemeinden. Im „Mord im Pfarrhaus“ wird alles andere als ein harmonisches Idealbild einer Kirchengemeinde gezeichnet. Aber Agatha Christie hat dieses ländliche Leben ebenso liebevoll dargestellt wie den Glauben der Menschen.
Dieser Glaube wird von ihr nicht lautstark postuliert, sondern man muss sie in den leisen Zwischentönen wahrnehmen. Und wenn jemand laut und überheblich seinen Glauben verkündet und sich als auserwählt ansieht wie der reiche Verleger in „Das Sterben in Wychwood“, nimmt das Ganze kein gutes Ende.
Hercule Poirot ist ein in religiösen Fragen zurückhaltender belgischer Katholik und Miss Marple eine Anglikanerin, die ihren Glauben nicht vor sich her trägt. Sie sagt aber mehrmals: „Ich habe jetzt meins getan ... und man kann nicht alles machen. Man muss drauf vertrauen, dass Gott es dann auch löst.“ Daneben gibt es einige Werke der Schriftstellerin, in denen es unübersehbar um religiöse Fragen geht. Religiös besonders anspruchsvoll ist die Erzählung „Die Versuchung“.
Maria liegt nach der Geburt des Jesuskindes im Stall und wird dort von einem großen Engel aufgesucht. Wie in Lukas Weihnachtsgeschichte verkündet dieser Engel erst einmal „Fürchte dich nicht, Maria“. Er sei gekommen, um mit Maria zu sprechen. „Ich bin nicht mit Geboten gekommen. Aber da Gott dich besonders liebt, lässt er dich mit meiner Hilfe in die Zukunft sehen …“ Sie werde in die Zukunft ihres Sohnes sehen können. Sie sieht tatsächlich einen betenden Mann. „Doch dann hielt sie plötzlich den Atem an, denn der Mann hob sein Gesicht, und sie sah den Schmerz darin, die Verzweiflung und die Trauer … Und sie wusste, dass sie größere Qualen schaute, als sie jemals gekannt und geschaut hatte. Denn der Mann war vollkommen allein. Er betete zu Gott, betete, dass dieser Kelch der Qualen von ihm genommen werde – doch sein Gebet blieb ohne Antwort. Gott war fern und schwieg.“
Maria fragt den Engel, warum Gott schwieg und warum der Mann in seinen Qualen allein ist. Sie senkt demütig ihr Haupt und spricht: „Es ist nicht an uns, die unerforschlichen Ratschläge Gottes zu kennen.“ Die Frage, warum Jesus allein ist, beantwortete sich, als der Engel ihr nun die schlafenden Jünger zeigt. Der Engel spricht: „Sie sind nur fehlbare menschliche Geschöpfe.“
Anschließend erlebt Maria in der Vorausschau die Kreuzigung ihres Sohnes und hört seinen verzweifelten Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Die verzweifelte Maria weint und beugt sich über ihr Kind: „Mein kleines, hilfloses Kind, was kann ich tun, um dich zu retten? Dir das ersparen, was da kommen wird?“ Das ist der Punkt, wo der Engel sie in Versuchung führt: „Du hast in die Zukunft geschaut. Es steht in deiner Macht zu sagen, ob dein Kind leben oder sterben soll.“ Maria ringt mit sich selbst und sagt dann langsam: „Es ist nicht an mir, einem unwissenden und einfachen Weib, den hohen Ratschluss Gottes zu verstehen. Der Herr gab mit mein Kind. Wenn der Herr es mir nimmt, dann ist es sein Wille. Aber da Gott ihm das Leben gegeben hat, ist es nicht an mir, ihm dieses Leben zu nehmen … Das Leben meines Kindes gehört ihm, nicht mir, und ich habe kein Recht, darüber zu bestimmen.“
Danach verschwindet der Engel und „das Knäblein lächelte und streckte seine winzigen Hände der Mutter entgegen, als wollte er sagen: ‚Gut gemacht‘.“ Im Himmel tobt und bebt der zurückgekehrte Enge voller Hochmut und Zorn. Er nimmt sich vor, später Jesus in Versuchung zu führen. Und Luzifer, der sich als Engel getarnt hatte, fährt mit einem gewaltigen Feuerstrahl vom Himmel und die untersten Tiefen.
„Im Stall aber herrschte Freude und Jubel. Der Esel schrie, der Ochse brüllte, Pferde wieherten, und Männer und Frauen drängten herbei, um das Kind zu sehen, und reichten es von einem zum anderen, und es lachte und jauchzte und lächelte sie alle an. ‚Seht‘, riefen sie. ‚Es liebt uns alle. Noch nie hat es ein solches Kind gegeben …‘“
Die Frage, warum Gott das Leiden Jesu und das Leiden aller Menschen zulässt, ist bis heute aktuell geblieben. Wir können den Ratschluss Gottes nicht verstehen, lautete eine Antwort von Agatha Christie. Wir müssen den Versuchungen durch den Teufel widerstehen – und wir können darauf vertrauen, dass mit Jesus die Liebe siegen wird.
Die Schriftstellerin Agatha Christie zögerte nicht, die biblischen Weihnachtsgeschichten mit viel Phantasie auszuschmücken. Das geschah in der Erzählung „Der unfolgsame Esel“. Wie ein Märchen beginnt diese Geschichte mit dem Satz: „Es war einmal ein sehr unfolgsamer Esel.“ Er ließ sich von keinem Besitzer bändigen und ergriff schließlich die Flucht. Er kam nach Bethlehem und folgte hier nicht den Menschenmassen: „Der kleine Esel aber schlüpfte in einen hübschen kleinen Stall, in dem schon ein Ochse und ein Kamel standen.“ Stolz verkündete der kleine Esel den übrigen Tieren und besonders dem hochmütigen Kamel: „Meine Urur-siebenunddreißigmal Urgroßmutter war die sprechende Eselin des Propheten Bileam und hat mit eigenen Augen den Engel des Herrn gesehen.“ Aber das beeindruckte die anderen Tiere nicht. Der Ochse kaute weiter und das Kamel blieb hochmütig.
„Bald darauf kamen ein Mann und eine Frau herein, und es gab eine Menge Aufregung, aber der Esel fand rasch heraus, dass es da gar nichts zum Aufregen gab außer einer Frau, die ein Kind kriegte, aber das passiert schließlich jeden Tag.“ Es kamen dann noch einige Hirten und einige Männer mit reicher Kleidung. Auch deren Geschenke beeindruckten den Esel nicht. „Aber als er neben der Krippe stand, streckte das Neugeborene seine kleine Hand aus, fasste ein Ohr des Esels und hielt es fest, wie kleine Kinder das tun. Da passierte aber ganz Merkwürdiges. Der Esel hatte auf einmal keine Lust mehr, unfolgsam zu sein.“
Deshalb begleitete er auch willig die kleine Familie bei ihrer Flucht vor den Soldaten von König Herodes. Aber völlig überraschend weigerte sich der Esel an einer engen Stelle weiterzugehen. Er sah nämlich als Einziger einen Engel mit flammenden Schwert vor sich, der ihm den Weg versperrte, so wie es Bileams Eselin passiert war. Der Esel fing an, einen Hügel hinaufzuklettern. Er ließ sich davon auch nicht von Joseph abbringen. Es war in dieser Geschichte Maria, die die Situation durchschaute und an die biblische Bileam-Geschichte erinnerte. Daraufhin folgten Maria und Joseph mit ihrem Neugeborenen dem Esel und suchten Schutz hinter Olivenbäumen. Das geschah gerade noch rechtzeitig, denn nun stürmten Soldaten von König Herodes die Straße entlang und fanden die Flüchtlinge nun nicht.
Der kleine Esel sah sich in der Tradition seiner Vorfahren und fragte sich, ob auch er in die Eselin von Bileam in die Zukunft blicken konnte. Er konnte es in dieser Geschichte von Agatha Christie. Aber als er beim Blick in die Zukunft den erwachsenen, leidenden Jesus mit Dornenkrone sah, kam er ins Nachdenken. „Und der kleine Esel wusste plötzlich, dass er nicht mehr in die Zukunft sehen wollte. Er wollte nur in den Tag hineinleben, seinen kleinen Herrn lieben und von ihm geliebt werden und ihn und seine Mutter sicher nach Ägypten tragen.“
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Lesetipp:
Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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