Die katholische Theologin Katja Heidemanns hat in einem Aufsatz über Maria im Spiegel der Glaubens- und Lebenserfahrung von Frauen im Süden der Welt betont: „Heute sind es in besonderer Weise Frauen in den Kirchen des Südens, die für sich das Recht einfordern, Maria aus dogmatischen und konfessionellen Engführungen zu befreien und als Quelle einer befreienden Spiritualität neu zu entdecken.“ Katja Heidemann hat wahrgenommen, dass „die Maria des Magnifikats zur Schlüsselfigur der Spiritualität von Frauen in den kirchlichen Basisgemeinden Lateinamerikas geworden“ ist.
Es geht diesen Frauen nicht um eine bloße Instrumentalisierung der Jesusmutter in den Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Veränderungen, sondern Maria ist auch Vorkämpferin und Modell für eine neue Spiritualität. Besonders große Bedeutung hat Maria auch als Mutmacherin im Kampf der lateinamerikanischen Basisgemeinden für eine umfassende Befreiung.
Im „Dictionary of Third World Theologies“ heißt es über Maria: „… Wenn die Armen und gläubigen Menschen Maria anrufen, ist dies ein Ruf der Suche nach Hoffnung. Maria ist Hoffnung, ist Mutter und Beschützerin, die ihre Kinder nicht in Stich lassen wird. Das macht die Spiritualität der Menschen in Lateinamerika und besonders die Marienspiritualität aus.“
Die feministischen brasilianischen Theologinnen Ivone Gebara und Maria Bingemer betrachten Maria aus der Perspektive des Reiches Gottes. Sie betonen, dass Jesus Nachdruck auf die Zeichen für die Nähe dieses Reiches gelegt hat und nicht auf seine Person. Der Reich-Gottes-Begriff zielt, so Gebara und Bingemer, auf seine gesamte Bewegung, an der Männer und Frauen aktiv mitwirkten.
Deshalb sei der Reich-Gottes-Begriff von erheblicher Bedeutung für die Mariologie: „Von ihm her lässt sich das Handeln Marias in den verschiedenen Formen, unter denen es in der Schrift dargestellt wird, als ein Tun verstehen, das die Zeichen für die Gottesherrschaft aufscheinen lässt, als ein konkretes Tun, das die Gegenwart der Erlösung in der menschlichen Geschichte aufzeigt.“
Das konkretisieren die beiden katholischen Theologinnen mit diesen Sätzen: „Maria ist Verkünderin des Reiches, genauso wie Jesus und so viele andere Männer und Frauen. Jedes Handeln Marias, Jesu, der Propheten, der Apostel, Jünger und Jüngerinnen läuft aufs Reich Gottes zu, auf dieses Neugeborenwerden inmitten der alten Menschheit.“ Aus einem solchen Verständnis heraus ist Maria nicht mehr nur die verehrungswürdige Mutter Jesu, sie ist „Arbeiterin in der Ernte des Reiches, aktives Mitglied in der Bewegung der Armen – genau wie Jesus von Nazaret“.
Viele Frauen im Süden der Welt sehen in Maria eine Schwester, eine Frau, die Solidarität mit anderen Frauen, mit den Schwachen und Schutzlosen gezeigt hat, heißt es in einem Beitrag im „Dictionary of Third World Theologies“. Maria wird als Modell für eine wahre Jüngerschaft verstanden, die das Wort Gottes gehört und es dann angenommen und ins praktische Leben umgesetzt hat.
In Asien wird der Versuch unternommen, auf der Grundlage des alltäglichen Lebens die biblischen Texte über Maria neu zu lesen, schreibt Katja Heidemanns: „Die Maria, die im Magnifikat zur Prophetin ihrer eigenen Befreiung durch Gott wird, ermutigt Frauen in Südostasien, die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise ihrer Region in ihrem globalen Kontext zu analysieren und sich für die Umkehrung einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung einzusetzen, die auf fortgesetzter Unfreiheit und Ungleichheit beruht.“
Die koreanische Theologin Sung-Hee Lee-Linke liest die Weihnachtsgeschichte bei Lukas, wie sie 1998 in der Zeitschrift „Publik-Forum“ dargestellt hat, so: „Durch diese Maria habe ich noch andere Bedeutungen von Weihnachten entdeckt. Weihnachten ist nicht nur ein Fest der Menschwerdung Gottes und ein Familienfest der Christen. Sondern es ist vor allem ein Dankesfest für die besondere Liebe Gottes zu den unterdrückten Frauen in dieser Welt. Diese Liebe finde ich in der Tatsache, dass Gott für die Inkarnation nicht eine Fürstentochter, nicht eine Ausgebildete, nicht eine Außergewöhnliche, nicht eine Schönheit auserwählt hat, sondern eine einfache Frau.“
„In einer Welt voller Ungerechtigkeit ist Marias Botschaft der Gerechtigkeit und Befreiung bedeutsam für die Armen und für die Reichen, für die Opfer von Ungerechtigkeit und ebenso für diejenigen, die andere unterdrücken. Marias Spiritualität kann eine Inspiration für eine grundlegende Verwandlung sein, die wir alle brauchen in unserer Welt des Hungers inmitten von Überfluss, von Kriegen und Kriegsdrohungen, der Ausbeutung von Menschen und Natur sowie einem großen Ausmaß von Tod und Zerstörung, verursacht durch menschlichen Eigennutz und Desinteresse an anderen Menschen.“ Das schrieb 1990 der srilankische katholische Theologe Tissa Balasuriya in seinem Buch „Mary and Human Liberation“. (Vgl. auch die Informationen über Tissa Balasuriya und den Hintergrund seines Buches auf S. 70f.)
Tissa Balasuriya äußerte in seinem Buch die Hoffnung, dass mit einem neuen Verständnis von Maria eine Erneuerung von Theologie und Kirche einhergehen kann – und eine neue Mariologie zur Befreiung der Frauen beitragen wird: „Das Nachdenken über die befreiende Botschaft von Jesus und der Mitwirkung von Maria (und anderer Frauen) daran kann zur Befreiung der Frauen inspirieren, insbesondere durch das Bewusstsein der Frauen von ihren Rechten und ihrer Würde. Das Verständnis von der Rolle Marias und ihrer Identität auf eine menschlichere Weise kann alle Jüngerinnen und Jünger Jesu dazu ermutigen, an dem Kampf teilzunehmen, der erforderlich ist für die Verwirklichung der Frauenrechte in einem Weltsystem, in dem sie für Profit, Vergnügungen und Machtausübung ausgebeutet werden.“
Dieses Verständnis von Maria als Vorkämpferin einer umfassenden Befreiung musste den srilankischen Theologen in Konflikt mit dem Vatikan bringen, ein Konflikt, dessen Konsequenzen er zunächst wohl nicht vorhergesehen hatte. Ausgangspunkt für die theologischen Reflexionen des Befreiungstheologen in seinem Maria-Buch ist die Überzeugung, dass in der vorherrschenden Theologie „Maria zum Vorteil einer männlichen Dominanz und Konformität mit der bestehenden sozialen Ungleichheit interpretiert worden ist“. Es ging dem Verfasser des Buches nicht darum, die Verehrung Marias zu verwässern, sondern er wollte daran mitwirken, diese bedeutungsvoller und wirklich erfüllender für alle zu machen. Maria kann uns heute, schrieb Tissa Balasuriya, zu einem Dienst für Gerechtigkeit, interreligiösem Dialog, Friedenshandeln, Befreiung der Frauen und Sorge für die Natur motivieren.
Das Buch „Mary and Human Liberation“ erschien 1990 und wurde zunächst über Sri Lanka hinaus kaum beachtet. Erst zwei Jahren nach dem Erscheinen warnten die katholischen Bischöfe Sri Lankas vor häretischen Inhalten des Buches. International bekannt wurde diese Veröffentlichung aber erst, als der Autor 1997 wegen des Buches von der katholischen Kirche exkommuniziert wurde. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, war auf Seiten des Vatikans für das Verfahren zuständig, das zum Ausschluss Tissa Balasuriyas aus der katholischen Kirche führte.
An „Mary and Human Liberation“ wurde vor allem kritisiert, dass die unbefleckte Empfängnis Marias und die Vorstellung von der Erbsünde in Zweifel gezogen wurden. Auch die Unterscheidung des Autors zwischen dem, was Jesus gelehrt hatte, und dem, was die Kirche lehrt, stieß im Vatikan auf Ablehnung. Kritisiert wurde außerdem, dass Tissa Balasuriya das christologische Dogma der Kirche relativiert habe, indem er Jesus in seinem Buch nur als „obersten Lehrer“ bezeichnete, hingegen die Gottessohnschaft nirgends explizit anerkannt hatte. Schließlich stießen Tissa Balasuriyas Ausführungen zur interreligiösen Zusammenarbeit auf Missfallen.
Die Exkommunizierung am 2. Januar 1997 löste vor allem unter asiatischen Christinnen und Christen heftige Proteste aus. Auch die Asiatische Menschenrechtskommission befasste sich mit dem Fall und verurteilte das Vorgehen des Vatikan. Vielleicht vom Ausmaß der Proteste überrascht, war man im Vatikan zu neuen Gesprächen bereit, und im Januar 1998 wurde Tissa Balasuriya wieder in die Kirche aufgenommen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Theologinnen und Theologen im Süden der Welt (und nicht nur dort) setzte sich Tissa Balasuriya kritisch damit auseinander, welche Konsequenzen es hat, wenn man biblische Texte wortwörtlich als Gottes Wort versteht und auslegt. Die männliche Prägung der Evangelien erklärt sich für Tissa Balasuriya daraus, dass jeder der Verfasser der Evangelien seine jeweils eigene Zielgruppe und seine Prioritäten hatte. Wenn eine Frau eines der Evangelien geschrieben hätte, vermutet der srilankische Theologe, hätten wir mehr über verschiedene Aspekte von Marias Leben erfahren. Dass der Befreiungstheologe Tissa Balasuriya sich von einem wortwörtlichen Verständnis der Bibel verabschiedete, eröffnete ihm neue Zugänge zu den biblischen Texten.
Tissa Balasuriya lehnte die Vorstellung von Maria als Gottesmutter ab und tat dies auf der Grundlage seines Jesusverständnisses: „Zusammen mit dem Überdenken der Christologie mit dem Ziel, Jesus als jemanden zu verstehen, der sich seines Menschseins vollkommen bewusst war, der fähig war zu leiden, zornig zu sein und sogar in Versuchung zu geraten, müssen wir auch neu über die Mariologie nachdenken. Marias vollständige Menschlichkeit muss in Theologie und Spiritualität anerkannt werden und – so wie die Dinge liegen – wiederhergestellt werden.“
Die von Tissa Balasuriya vertretene Überzeugung, dass Jesus nicht wahrer Gott und wahrer Mensch ist, hat also direkte Auswirkungen auf das Marienverständnis. Es wurde bereits dargestellt, dass auch Jörg Zink ein Jesusverständnis hat, das diesen als Sohn Gottes im Sinne eines menschlichen Bevollmächtigten Gottes versteht, nicht aber als Teil einer wie immer verstandenen Trinität (S. 281ff.). Der srilankische Theologe steht mit seinen Auffassungen also nicht allein da.
Tissa Balasuriya plädierte für eine neue Marienfrömmigkeit. Maria ist von Christinnen und Christen immer wieder in persönlichen Notsituationen angerufen worden, wobei, war er überzeugt, die soziale Dimension vernachlässigt worden ist: „Aber der Mariologie fehlte eine klare und systematische Beziehung zur grundlegenden sozialen Umgestaltung, die Gerechtigkeit innerhalb von Gemeinschaften, Nationen und auf weltweiter Ebene schafft.“ Dies wären aber Implikationen, die sich aus dem Magnifikat ergeben. „Aber über die Jahrhunderte ist die Marienspiritualität kaum in einer Weise dahin entwickelt worden, dem Bösen, den Ungerechtigkeiten der Feudalgesellschaft, dem Kapitalismus, dem imperialistischen Kolonialismus und der männlichen Vorherrschaft entgegenzutreten ... Diese Dimension der Mariologie als gesellschaftlich befreiend entsteht erst in jüngerer Zeit mit der Zunahme eines umfassenden Bewusstseins für die unlösbare Verbindung von sozialer Gerechtigkeit und christlicher Heiligkeit.“
Im Blick auf die Mariendogmen kam Tissa Balasuriya zum Ergebnis, dass sie weniger auf den Evangelien beruhen als auf theologischen Auffassungen späterer Jahrhunderte in Europa. Besonders fatal hätte sich die Vorstellung von der Jungfrauengeburt in Verbindung mit der Vorstellung von der Erbsünde ausgewirkt. Dies betreffe vor allem das Verständnis der menschlichen Sexualität und die Diskriminierung von Frauen.
Die Vorstellung von der Jungfrauengeburt führte Tissa Balasuriya – wie viele zeitgenössische Theologinnen und Theologen – auf eine falsche Übersetzung biblischer Texte zurück. Dieses Dogma stufe alle anderen Menschen außer Maria herab und das gelte besonders für Frauen und ebenso für die vielen Nichtchristinnen und Nichtchristen. Sie haben nach diesem Dogma keine Aussicht, von der Erbsünde erlöst zu werden, weil sie sich nicht zu Jesus bekennen. Der srilankische Theologe hält es gerade für den multireligiösen Kontext seines Heimatlandes für erforderlich, dieses Dogma kritisch zu überdenken.
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Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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