
„Was war das doch für ein Blutsauger, dieser Scrooge! Ein schröpfender, habgieriger, raffsüchtiger, geiziger alter Sünder! Er war hart wie Feuerstein, nur dass noch kein Stahl ihm je einen warmen Funken entlockt hatte …“ So beschreibt der Schriftsteller Charles Dickens die Hauptperson seiner Erzählung „Eine Weihnachtsgeschichte“. Auf Englisch lautet der Titel: „A Christmas Carol in Prose. Being a Ghost Story of Christmas“. Eine Geistergeschichte zum Weihnachtsfest? Das mutet merkwürdig an, aber wenn man die Geschichte liest, versteht man den Titel, und es lässt sich ahnen, warum gerade eine Geistergeschichte zu einer der bekanntesten Weihnachtsgeschichten der Welt geworden ist.
Der „Christmas Carol“ ist in fünf Strophen unterteilt, von denen die erste den Titel „Marleys Geist“ trägt. Ebenezer Scrooge lebt, „ohne die geringste menschliche Wärme an sich herankommen zu lassen“, erfahren wir über diesen hartherzigen Londoner Unternehmer. Sein Name ist Programm, denn ein „scrooge“ ist ein Geizhals. Selbst am Heiligen Abend sitzt Scrooge in seinem Kontor, und auch sein Gehilfe Bob Cratchit muss auch an diesem Tag Briefe ins Reine schreiben. Dafür hockt er in einer kleinen düsteren Kammer, „einer Art Gefängniszelle“.
Der Versuch des Neffen von Scrooge, der im Kontor hereinschaut, dem Onkel „Fröhliche Weihnachten“ zu wünschen, schlägt vollkommen fehl. Die Antwort von Scrooge: „Bleib mir vom Leibe mit deinem ‚Fröhliche Weihnachten’! Was ist Weihnachten anderes als eine Zeit, in der man Rechnungen bezahlen soll, ohne Geld zu haben; eine Zeit, in der man feststellt, dass man zwar um ein Jahr älter, doch nicht um eine Stunde reicher geworden ist!“ Unhöflich weist Scrooge seinen Neffen aus dem Büro, aber er kann sich noch immer nicht wieder seinen Büchern zuwenden, denn nun betreten zwei Männer sein Kontor, um ihn um eine Spende für Arme und Mittellose zu bitten, die im Winter besondere Not leiden. Wie fast schon zu erwarten, weigert sich Scrooge, eine Spende zu geben. Auch seinem Schreiber gegenüber verhält sich der Unternehmer abweisend. Er gibt ihm am Weihnachtstag nur unter der Bedingung frei, dass er am folgenden Tag früher seine Arbeit aufnimmt.
Nachdem er am Ende des Arbeitstages sein Kontor verschlossen hat, geht der hartherzige Unternehmer in ein tristes Gasthaus und nimmt dort ein einsames Abendessen ein. Anschließend kehrt er in seine dunkle Wohnung zurück. Dort erscheint ihm ein Geist, sein vor sieben Jahren verstorbener Geschäftspartner und Freund Jacob Marley. Der Geist warnt Scrooge während des Gespräches: „O du verblendeter, unwissender Mensch! Weißt du denn nicht, dass auch die tiefste Reue die Gelegenheiten nicht wettmachen kann, die man im Leben einst verpasste?“ Der Geist von Jacob Marley, der nach dem Tod keine Ruhe findet, ist auf die Welt zurückgekehrt, um seinen früheren Geschäftspartner zu warnen: „Vielleicht bleibt dir die Möglichkeit und Hoffnung, meinem Schicksal zu entgehen – diese Möglichkeit will ich dir verschaffen, Ebenezer!“ Der Geist des Geschäftspartners kündigt an, dass Scrooge in den kommenden Nächten drei Geister erscheinen werden.
Als Erstes erscheint der „Geist der vergangenen Weihnacht“ und führt Scrooge zurück in die Welt seiner Kindheit. Der später hartherzige Mann sieht sich als Kind mit seiner geliebten Schwester wieder, und bedauert, dass er am Vortag einem Kind, das ein Weihnachtslied sang, kein Geld gegeben hatte. Geist und Scrooge besuchen weitere Stationen des Lebens des Mannes, der immer geldgieriger geworden ist. Als Nächstes erscheint der „Geist des diesjährigen Weihnachten“ und bringt Scrooge zur armseligen Behausung seines Angestellten Bob Cratchit, der mit Frau und Kindern ein bescheidenes, aber auch fröhliches Weihnachtsfest feiert.
Aber als der Name Scrooge fällt und auf Vorschlag von Bob Cratchit auch auf sein Wohl getrunken werden soll, muss Scrooge als nicht sichtbarer Beobachter erleben, wie unbeliebt er in der Familie seines Angestellten ist. „Auch die Kinder tranken auf Scrooge Wohl, doch dies war die erste Pflicht des heutigen Tages, die sie nicht von Herzen gern erfüllten. Scrooge war das Schreckgespenst der Familie, und schon die Erwähnung seines Namens warf einen so dunklen Schatten auf die Gesellschaft, dass er sich volle fünf Minuten lang nicht wieder verzog. Als er sich schließlich doch verflüchtigt hatte, waren sie noch zehnmal vergnügter als zuvor, so erleichtert waren sie, nicht mehr an Scrooge, den Schrecklichen, denken zu müssen.“
Nächste Station der nächtlichen Reise von Scrooge und Geist ist die Wohnung seines Neffen, der gerade erzählt, welche Erfahrungen er bei dem Versuch gemacht hat, seinem Onkel „Fröhliche Weihnachten“ zu wünschen: „Er ist schon ein komischer alter Kauz, so viel ist sicher, und lange nicht so nett, wie er sein könnte. Dennoch straft er sich mit all seinen Kränkungen und Beleidigungen am Ende nur selbst …“ Und schließlich prostet sich die Familie „Auf Onkel Scrooge!“ zu.
Der dritte Geist, dem Scrooge begegnet, ist der „Geist der zukünftigen Weihnacht“. Dieses Mal führt die Reise an die Börse, wo sich einige Geschäftsleute, die Scrooge gut kennt, über einen kürzlich verstorbenen Geschäftsmann unterhalten. Scrooge, der sonst immer in dieser Gesellschaft gestanden hatte, fehlt bei dieser Begegnung, was sich Scrooge als Beobachter zunächst nicht erklären kann. Weiter geht die Reise in den Keller eines Altwarenhändlers. Ihm werden gerade einige Vorhänge angeboten, die jemand aus dem Zimmer des Toten geholt hat, während er dort noch aufgebahrt war. „Warum auch nicht“, sagt die Frau, die die Vorhänge verkaufen will. „Jeder ist sich selbst der Nächste. Für ihn jedenfalls hat diese Regel immer gegolten. Wem soll es schon schaden, wenn ein paar dieser Sachen den Besitzer wechseln? Einem Toten bestimmt nicht!“
Auch die Bettdecken sind dem Toten genommen worden: „Er wird sich sicher nicht erkälten ohne sie.“ Scrooge packt das blanke Entsetzen, weil er merkt, dass ihm das gleiche Schicksal droht. Als Kontrast erlebt er, wie die Familie Cratchit um den verstorbenen Sohn Tim trauert. Auf der letzten Station dieser nächtlichen Reise, einem verfallenen Friedhof, muss Scrooge auf dem verwitterten Grabstein erkennen, dass der Geschäftsmann, um den niemand trauert, er selbst ist.
Wer war der Autor dieser berühmten Geschichte? Charles Dickens brachte „wie kein anderer Autor seiner Zeit seinen Wert zum Höchstpreis auf den Markt“, erfahren wir in der Biografie von Hans-Dieter Gelfert. Und wenn man dort weiterliest und sich näher mit dem Leben des Schriftstellers beschäftigt, erfährt man, dass dies nicht das Ergebnis von Geldgier im üblichen Sinne war, sondern auf seine traumatischen Erlebnisse in der Kindheit zurückgehen, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgt haben. Als Charles Dickens am 7. Februar 1812 in der Nähe von Portsmouth das Licht der Welt erblickte, schien ihm eine Kindheit in einem gewissen Wohlstand vorbestimmt zu sein. Sein Vater war in der südenglischen Hafenstadt beim Zahlamt der königlichen Marine beschäftigt, und sein Gehalt ermöglichte der wachsenden Familie einen bescheidenen Wohlstand.
Aber dann passierte das, was zunächst einmal gefeiert wurde, aber bald zu einem Unglück für die Familie wurde: Napoleon wurde 1814 besiegt. Bald nach diesem Sieg beschloss die britische Regierung, die Marine zu verkleinern, und damit fielen auch Posten in der Marineverwaltung weg. Die sorglose Zeit für die Familie Dickens und auch den kleinen Charles nahm ein abruptes Ende, als er sechs Jahre alt war, denn nun wurde sein Vater nach London versetzt und sein Gehalt drastisch gekürzt. Es folgten weitere Versetzungen, vor allem aber erwies sich als Problem, dass die Familie ihren Lebensstil aus besseren Zeiten beibehielt. Im August 1819 musste der Vater einen hohen Kredit aufnehmen. Aber weiterhin lagen die Ausgaben über den Einnahmen, und die Schulden stiegen. Dramatisch wurde die Situation, als der Marineangestellte ein weiteres Mal versetzt wurde und bei dieser Gelegenheit sein Gehalt erneut drastisch sank. Die Familie musste sich einschränken, aber während für die Klavierausbildung seiner Schwester hohe Beträge gezahlt wurden, musste Charles die Schule verlassen, um Schulgebühren zu sparen.
Es kam für den Sohn noch schlimmer, denn nachdem das elterliche Projekt der Eröffnung einer Privatschule mit einem finanziellen Fiasko geendet hatte, wurde das Geld so knapp, dass der Sohn zur Aufbesserung des Familienhaushalts im Alter von zwölf Jahren zur Arbeit in eine Schuhwichsfabrik geschickt wurde. Er musste Etiketten auf Schuhwichsflaschen kleben, zehn Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Die Arbeit war nicht zu hart, und in der Mittagspause erteilte ihm ein Cousin, der als Manager in der Firma arbeitete, Unterricht. Aber für einen Jungen, der liebend gern in die Schule gegangen wäre, war die stupide Arbeit eine tiefe Demütigung. Später hat der Schriftsteller die Fabrik beschrieben: „Es war ein verwinkeltes, halbverfallenes altes Haus, das über den Fluss hinausragte und in dem es von Ratten wimmelte. Die hölzernen Wandverkleidungen, die verrotteten Fußböden und Treppen, die alten grauen Ratten, die im Keller umherhuschten, ihr Quietschen und Scharren, wenn sie die Treppe heraufkamen, der Dreck und Verfall – all das steigt vor meinem inneren Auge auf, als wäre ich wieder dort.“ Der Schriftsteller hat diese Kindheitserfahrungen später in seinen berühmten Roman „David Copperfield“ verarbeitet.
Aber noch war der Tiefpunkt des Leidens des jungen Charles nicht erreicht, denn der Vater wurde 1824 wegen unbezahlter Schulden ins Gefängnis geworfen. Die arbeitsfreien Sonntage verbrachte Charles Darwin nun damit, den Vater im Gefängnis zu besuchen. Immerhin verschaffte sich der Junge in seiner Fabrik durch harte Arbeit und Selbstdisziplin viel Anerkennung. Als sein Vater aus dem Gefängnis entlassen wurde und eine kleine Rente beziehen konnte, hoffte der Sohn zunächst vergeblich darauf, von der Fronarbeit in der Fabrik befreit zu werden. Während die Schwester Fanny weiterhin die teure Königliche Musikakademie besuchte, blieb der Bruder nach dem Wunsch seiner Mutter immer noch Fabrikarbeiter. Die Familie zog inzwischen notgedrungen in ein Armenviertel. Als Charles Dickens endlich die Fabrik verlassen konnte, durfte er wieder eine Schule besuchen, aber wie Biograf Hans-Dieter Gelfert schrieb, war sie eher dürftig, und die unfähigen und grausamen Lehrer sind später zu Vorlagen für Lehrer in den Werken des Schriftstellers geworden.
Im Alter von 15 Jahren wurde Charles Dickens 1827 in einer Anwaltspraxis angestellt. Er verdiente wenig und konnte nicht verhindern, dass die Familie wegen Mietschulden erneut umziehen musste. Der Sohn war sparsam, fleißig und lernbegierig. Nach zwei Jahren konnte er so gut stenografieren, dass er eine Anstellung als Gerichtsreporter fand und ausführlich über Prozesse berichtete. Die wenige freie Zeit nutzte er für Museums- und Theaterbesuche. Bis Charles Dickens seinen 21. Geburtstag feierte, zog die Familie noch mehrmals um, aber zuletzt wieder in ein ansehnliches Haus, denn die finanzielle Situation hatte sich etwas gebessert.
Ein Jahr später konnte Charles Dickens seine erste Geschichte veröffentlichen, die den Titel „Ein Sonntag außerhalb der Stadt“ trug. Für diesen und weitere Zeitschriftenbeiträge erhielt er kein Honorar, aber nachdem die literarische Welt auf den jungen Schriftsteller aufmerksam geworden war, konnte er seine Geschichten in bedeutenderen Zeitschriften und Zeitungen publizieren, jetzt auch für Honorare. 1836, Charles Dickens war gerade 24 Jahre alt geworden, erschien sein erstes Buch als Sammlung bereits publizierter Geschichten. Es wurde ein Erfolg, und jetzt begann das, was Biograf Hans-Dieter Gelfert in einer Kapitelüberschrift als „Schaffensrausch“ bezeichnet hat. Charles Dickens veröffentlichte in rascher Folge Fortsetzungsromane und Bücher. Von nun an konnte der Schriftsteller harte Verhandlungen um möglichst hohe Honorare führen. Als weitere Geldquelle übernahm Charles Dickens die Herausgabe von Zeitschriften, in denen auch eigene Fortsetzungsromane und Geschichten erschienen, darunter sein berühmter Roman „Oliver Twist“.
Der Erfolg und der damit verbundene gesellschaftliche Aufstieg ermutigten den Autoren, sein Junggesellenleben aufzugeben und eine Familie zu gründen. Er heiratete 1836 Catherine Hogarth, und im folgenden Jahr wurde der erste Sohn geboren. Auch wenn wenig Zeit für das Privatleben blieb, wird Charles Dickens als Familienmensch beschrieben.
Die folgenden Jahre waren ausgefüllt mit immer neuen Fortsetzungsromanen, Zeitschriftenprojekten und einer rasch wachsenden Zahl von Lesungen, bei denen er später häufig Auszüge aus der „Weihnachtsgeschichte“ vortrug. Seinen literarischen Erfolg münzte der Schriftsteller konsequent in finanziellen Erfolg um, und bald konnte sich die junge Familie eine repräsentative Villa leisten. Charles Dickens genoss den gesellschaftlichen Status als „Gentleman“, der Traum seiner Kinderjahre. Aber der neue Lebensstil war teuer, und außerdem musste der erfolgreiche Sohn mehrfach für die Schulden seines Vaters aufkommen. Schließlich setzte Charles Dickens sogar Anzeigen in die Zeitungen, dass er in Zukunft für keine Schulden außer den eigenen aufkommen werde. Aber auch das half nichts. Deshalb musste der Schriftsteller mehrmals bei seinen Verlegern um Kredite nachsuchen.
Bei einer Reise in die USA machte sich Charles Dickens in bürgerlichen Kreisen unbeliebt, weil er die Einhaltung des Urheberrechts einforderte (für die vielen Abdrucke seiner Bücher in den USA bekam er kein Honorar) und den Rassismus in der Gesellschaft anprangerte. In die Heimat zurückgekehrt, beteiligte er sich an der politischen Kampagne für die Verbesserung der katastrophalen Arbeitsbedingungen in den britischen Kohlebergwerken. Von nun an setzte sich der bekannte Schriftsteller immer wieder für Sozialreformen ein, so auch für die Einschränkung der Kinderarbeit, ein Thema, das ihn seit seiner Kindheit bewegt hatte. Und hier sind wir wieder bei der berühmten „Weihnachtsgeschichte“ angelangt, denn Hans-Dieter Gelfert schreibt in seiner Dickens-Biografie über das Jahr 1843: „Die Beschäftigung mit dem Elend der Kinderarbeit scheint der Anlass dafür gewesen zu sein, dass er im Herbst den Plan fasste, zum Weihnachtsfest unter dem Titel A Christmas Carol seine Sozialkritik in die Form eines Weihnachtsmärchens zu gießen.“
Besonders die Lektüre eines Parlamentsberichts über die Ausbeutung der Kinder in Fabriken hatte Charles Dickens derart erbost, dass er die Missstände mit den Mitteln eines Schriftstellers bekämpfen wollte. Er wählte dafür eine Geschichte, in der märchenhafte Abschnitte und realistische Darstellungen der Missstände in England kunstvoll miteinander verwoben wurden.
In England werden noch heute krasse soziale Missstände als „wie bei Dickens“ bezeichnet. Und zwei Jahrhunderte nach der Geburt des Dichters gibt es gerade in London weiterhin oder wieder tiefste Armut, die einen scharfen Kontrast zu dem unerschöpflich scheinenden Luxus derer bildet, die von den globalen Finanzspekulationen leben. Als Lars Reichardt für eine Geschichte über Charles Dickens für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ recherchierte, machte er diese Erfahrung: „Die Londoner City fürchtet sich vor dem Toten. Eine Handvoll Banker haben wir um ein Gespräch über Charles Dickens gebeten. Nur einer wollte reden …“ Aber der bekam dann ein Redeverbot von seiner Bank. „Dickens’ Name ist in der City von London zum Reizwort geworden … Es muss schwierig sein für die Verantwortlichen im Londoner Rathaus: einen Dichter zu feiern, ohne zugleich an bittere Armut zu erinnern.“
Auffällig an der Weihnachtsgeschichte wie auch an vielen seiner Romane und Erzählungen ist, dass Charles Dickens die innere Umkehr von Menschen in den Mittelpunkt der Handlung stellte. Das unterschied ihn von seinem Zeitgenossen Karl Marx. Beide waren in ähnlicher Weise empört über die sozialen Missstände in England. Karl Marx schloss daraus, dass grundlegende Veränderungen der ökonomischen Verhältnisse erforderlich waren. Und Charles Dickens? Er sah Armut und Unwissenheit als wichtigste Ursachen der Misere an und sprach sich 1843 in einer Rede dafür aus, den „Wolf des Hungers“ und den „Drachen der Unwissenheit“ zu bekämpfen. Zu dem, was nach Auffassung des Schriftstellers dagegen half, noch einmal Hans-Dieter Gelfert:
„Was er als Mittel gegen die Entfremdung forderte, war nicht die Veränderung der Produktionsverhältnisse durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel, sondern die Vermenschlichung der sozialen Beziehungen durch Herzensgüte und mitmenschliche Wärme. Das aber konnte seiner Meinung nach nicht aus dem kalten Verstand und aus wissenschaftlichem Kalkül kommen, sondern nur aus der natürlichen Kreativität der menschlichen Fantasie.“
Diese Hoffnung auf das Gute im Menschen, das sich Bahn bricht, bestimmte auch seinen Glauben, den Charles Dickens seinen Kindern dadurch nahegebracht hat, dass er ihnen ein Buch über das Leben Jesu schrieb, in dem die christliche Ethik im Zentrum steht. Damit in Einklang stand seine Hoffnung auf Erlösung. Und so betrachtet kann auch die „Weihnachtsgeschichte“, die diese Ethik vermittelt, als eine zutiefst religiöse Geschichte verstanden werden, auch wenn es vordergründig kaum um ein religiöses Geschehen geht.
In der Person von Scrooge wird auch eine Kritik am damals weit verbreiteten religiösen Puritanismus geübt, betont Melanie Kurth in einer Hauptseminararbeit über die „Weihnachtsgeschichte“: „Nach der Ethik der Puritaner ist Arbeit der von Gott bestimmte Zweck des Lebens, und im wirtschaftlichen Erfolg des Einzelnen zeigt sich die Erwählung durch Gott. In dem Charakter Scrooges mit seiner extremen Sparsamkeit, seiner radikal ablehnenden Haltung Armen gegenüber und seiner unermüdlichen Arbeitswut, die ihn selbst an Weihnachten nicht ruhen lässt, karikiert Dickens den typischen Puritaner, wobei er jedoch die religiöse Dimension der Prädestination außen vor lässt.“
In der Wissenschaft wird kontrovers diskutiert, in welchem Umfang sich weitere religiöse Motive in Dickens Weihnachtsgeschichte finden. Aber eine der erbaulichen Weihnachtsgeschichten, wie sie von vielen anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern verfasst wurden, ist das Werk von Charles Dickens schon deshalb nicht, weil mit der Umkehr von Scrooge kein verändertes religiöses Leben verbunden ist. Es kann wohl so viel gesagt werden: Die besondere Stimmung des Weihnachtsfestes lässt auch Scrooge schließlich nicht kalt. Als er sich an frühere Zeiten erinnert, begünstigt das seine Umkehr und die ist für Charles Dickens mit der Hoffnung auf grundlegende gesellschaftliche Veränderungen verbunden, denn die gehen nach seinem Verständnis von einer individuellen Umkehr aus.
Das Buch „Eine Weihnachtsgeschichte“ wurde auf Anhieb ein Verkaufserfolg, aber das löste eine Welle von Raubdrucken aus, gegen die sich der Schriftsteller unter Anrufung der Gerichte zur Wehr setzte. Aber auch wenn er die Prozesse gewann, half ihm das häufig wenig, weil die Verleger der Raubdrucke Konkurs anmeldeten und Charles Dickens auch noch für die Gerichtskosten aufkommen musste. Aber erst einmal feierte der Dichter nach dem grandiosen Erfolg des Weihnachtsbuches ein fröhliches und unbeschwertes Weihnachtsfest. Der Radiojournalist Hanjo Kesting hat es beschrieben:
„Das Weihnachtsfest zelebrierte er in jedem Jahr als das schönste aller Feste. Aber zu Weihnachten des Jahres 1843 war Dickens in besonders ausgelassener Stimmung. Er trat als Zauberer auf, flambierte Plumpudding in einem Hut und verwandelte eine Dose mit Kleie in ein lebendiges Meerschweinchen. Jane Carlyle, die Frau eines berühmten Schriftstellers, die zu Dickens’ Gästen gehörte, berichtete von diesem ‚ganz und gar schönsten Fest, auf dem ich je in London war’. Der Gastgeber, schrieb sie, ‚war der beste Zauberkünstler, den ich je gesehen habe’. Er setzte seine Kunststücke mit so viel Begeisterung in Szene, dass er von seinen Bemühungen geradezu betrunken war.“
Charles Dickens hat in den folgenden Jahren eine ganze Reihe weiterer Weihnachtsgeschichten geschrieben, aber keine war so erfolgreich wie „A Christmas Carol“. Es ist vermutlich die erfolgreichste Weihnachtsgeschichte eines Schriftstellers, und im englischsprachigen Raum gilt Charles Dickens als der Mann, „der Weihnachten rettete“. Das Buch „A Christmas Carol“ ist in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehr als 50 Mal verfilmt worden. Selbst die Muppets und Barbie sind schon zu Hauptdarstellern der Geschichte geworden. In der englischen Originalversion der Micky Maus-Geschichten heißt der geldgierige Onkel nicht wie bei uns Dagobert Duck, sondern Scrooge Duck, eine deutliche Anspielung auf die geizige Hauptperson der berühmten Weihnachtsgeschichte.
In der Vorweihnachtszeit 2009 brachte der Disney-Konzern eine 3D-Version der Geschichte in die Kinos, für die das „unendliche Reich der Effekte“ genutzt wurde und dies hatte Konsequenzen, schrieb ein Filmkritiker der „Rheinischen Post“ 2009: „Die Folge ist eine Version von Dickens ‚Weihnachtsgeschichte’, in der der alte Scrooge ständig irgendwelche Abhänge, Kanalrohre oder Stadtschluchten hinunterstützt oder in atemberaubenden Flugfrequenzen durch sein Leben jettet. Das ist zwar technisch erstklassig, doch für Besinnliches bleibt keine Zeit. Und fürs Erzählen auch nicht.“
Und auch dieses Angebot in der Vorweihnachtszeit 2011 verdient Erwähnung, auch wenn man sich fragen mag, ob in den Aufführungen eines Hamburger Theaters von der Sozialkritik von Charles Dickens noch etwas übrig geblieben ist: „Wir laden Sie ein, mit uns zu lachen, zu träumen und zu ‚weihnachten’. Vor und zwischen den Gängen des duftenden Weihnachtsmenüs (zubereitet von Sternekoch Klaus Platzer) entführen wir Sie mitten hinein in die Geschichte um den reichen Ebenezer Scrooge – fröhlich, nostalgisch, charmant und komisch – und sehr weihnachtlich.“ Da kann man dann wirklich nur noch „Fröhliche Weihnachten“ wünschen.
Charles Dickens setzte seine Prominenz dafür ein, Vorhaben zugunsten der armen Bevölkerung Englands zu fördern, zum Beispiel für Schulen, die bitterarmen Kindern und Erwachsenen zumindest eine rudimentäre Bildung vermittelten. Er selbst hatte erlebt, wie es jemandem geht, dem eine gute Schulbildung vorenthalten wird. 1847 engagierte sich Charles Dickens zum Beispiel für das „Urania College“, in dem straffällig gewordene Mädchen und ehemalige Prostituierte eine Bildung erhielten. Er selbst verwendete viel Zeit und Energie für solche Vorhaben, selten aber größere Geldbeträge. Das lag an seiner von Zeit zu Zeit prekären finanziellen Situation, aber mehr noch an seiner ständigen Furcht vor einem möglichen finanziellen Absturz.
Charles Dickens arbeitete so hart, wie es heute allenfalls die schlimmsten „Workaholics“ tun. Zu seinen Tätigkeiten gehörten die Herausgabe einer Tageszeitung und mehrerer Zeitschriften sowie die Veröffentlichung mehrerer Romane und zahlreicher Geschichten. Dazu kam eine große Zahl von Lesereisen. Neben all diesen Aufgaben blieb wenig Zeit für das Familienleben. Dabei war Charles Dickens der Vater von zehn Kindern. Es muss zu einer allmählichen Entfremdung zwischen den Ehepartnern gekommen sein, zumal Catherine Dickens immer mehr Mühe hatte, das hektische Leben ihres Mannes, einschließlich der vielen Reisen kreuz und quer durch Europa und nach Amerika, mitzumachen. Als sich Charles Dickens 1857 in eine 18-jährige Schauspielerin verliebte, kam es zum endgültigen Bruch und im Mai 1858 zur Scheidung. Charles Dickens war nun noch mehr bestrebt, das Verhältnis zu seiner Geliebten geheim zu halten, was aber der prominenten Person schwerlich gelingen konnte.
Der Schriftsteller unternahm jetzt noch umfangreichere Lesereise durch Großbritannien und die USA, oft mit Dutzenden Terminen in wenigen Wochen. Dazu schrieb er weiter unentwegt Romane und Geschichten. Er las und schrieb auch gegen die finanziellen Erwartungen seiner Kinder an, von denen mehrere es nicht schafften, ohne die Hilfe des Vaters zurechtzukommen. Aber die Lesungen, verbunden mit langen Reisen, wurden für den älter gewordenen Schriftsteller immer mühsamer, und auch seine Schaffenskraft ließ nach. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, aber Charles Dickens arbeitete noch am Tage vor seinem Tod an einem Roman. Er starb am 9. Juni 1870 im Alter von 68 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.
Welches Leben hat Charles Dickens geführt? Hans-Dieter Gelfert ist in seiner umfangreichen Biografie zu dem Ergebnis gekommen: „Schaut man aber hinter die Kulisse des Lebens, findet man keinen Menschen im Gleichgewicht, sondern einen Gehetzten. Dickens war ein Leben lang auf der Flucht vor der traumatischen Erinnerung an den Moment seiner tiefsten Erniedrigung, als er als Kind in der Schuhwichsfabrik arbeiten musste und keine Aussicht auf höhere Bildung mehr zu haben schien. Selbst dann noch, als er Einkünfte erzielte, die den Honoraren heutiger Filmstars vergleichbar sind, äußerte sich bei ihm immer wieder die latente Angst, seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr gerecht werden zu können.“
Kehren wir noch einmal zu Scrooge zurück, den wir auf dem Friedhof verlassen hatten. Als er seinen verwitterten Grabstein als Symbol seines gescheiterten Lebens sieht, will er dieses Schicksal abwenden und sagt dem Geist: „Von nun an will ich Weihnachten aus tiefstem Herzen ehren und auch das ganze Jahr hindurch im Geist des Christfestes handeln. In mir sollen die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft fortwirken. Die Lehren, die sie mir erteilt haben, werde ich nie mehr vergessen!“
Als Scrooge nach der Begegnung mit den drei Geistern erwacht, ist er ein anderer Mensch. Er kauft einen riesigen Truthahn und lässt ihn anonym zur Familie Cratchit bringen. Dann wandert er durch die Stadt, wünscht den Menschen ein fröhliches Weihnachten und geht schließlich zum Haus seines Neffen, wo er herzlich aufgenommen wird. Charles Dickens beschreibt dieses Weihnachtsfest so: „Welch wunderbares Fest, welch wunderbare Speise, welch wunderbare Eintracht, welch wunderbares Glück.“
Das Glück setzt sich am nächsten Tag fort, denn Scrooge wünscht seinem Angestellten Bob Cratchit fröhliche Weihnachten, nennt ihn seinen Freund, erhöht seinen Lohn und kündigt an, seine Familie zu unterstützen. Dazu gehört, dass er den behinderten Sohn Tim davor bewahrt, in jungen Jahren zu sterben. Charles Dickens schreibt über den veränderten Scrooge: „Er wurde ein so guter Freund, ein so guter Brotherr, ein so guter Mensch, wie ihn die gute alte Stadt London oder auch jede andere gute alte Stadt, jedes Städtchen oder Viertel auf der guten alten Welt nur je gesehen hatte … Seit dieser Zeit sagten die Leute über Scrooge, dass er wirklich, und wohl besser als jeder andere Mensch, wisse, wie man richtig Weihnachten feiere.“
Ein kitschiges, übertriebenes Ende? Jedenfalls eines, das Millionen Menschen angerührt hat, und ein Ende, das ganz authentisch den Geist der Weihnachtsfeiern des Schriftstellers widerspiegelte. Eine seiner Töchter erinnerte sich so an die fröhlichen Weihnachtsfeste ihre Kindheit: „Für meinen Vater war das eine Zeit, die ihm lieber war als jede andere des Jahres, es war eine herrliche, durch und durch heitere Zeit für ihn, und er war jedes Mal in Hochform: ein glänzender Gastgeber, glücklich und ausgelassen wie ein Junge, und immer mittendrin in allem, was vor sich ging. Und dann das Tanzen! Nichts konnte ihn stoppen! Er liebte Weihnachten sowohl um seiner tiefen Bedeutung, als auch um seiner Freuden willen.“
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Lesetipp:
Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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