
„Nun versammelten wir uns alle erwartungsvoll auf dem Flur, die Herzen schlugen schneller, die Hoffnungen wurden immer ausschweifender.“ So erinnerte sich der Schriftsteller Hans Fallada an das Warten auf die Bescherung am Heiligabend in seiner Kindheit. Die großbürgerliche Familie von Mutter, Vater, vier Kindern und die beiden Hausangestellten lebte in einer großen herrschaftlichen Villa in Berlin. Die Kinder konnten sich auf viele Geschenke freuen, auf die sie schon den ganzen Tag warteten. Aus dem Bescherungszimmer hörten sie nun eine raue Stimme: „Seid ihr auch alle artig?“ Das wurde natürlich sofort bejaht. „Habt ihr euch auch alle die Zähne geputzt?“ Das beantworteten die Kinder lautstark mit „Nein“, denn sie konnten voraussehen, dass das die Bescherung nicht verzögern würde. Auf die Frage „Seid ihr denn auch alle fertig?“, erklang von den Kindern ein lautes „Ja“, aber die Mutter meldete sich nun zu Wort: „Wir müssen noch auf Minna warten!“.
Als auch die Küchenangestellte Minna fertig war, ging die Tür des Bescherungszimmers auf. Zunächst einmal musste der jüngere Sohn ein Gedicht aufsagen. Dann war Hans an der Reihe und muss auswendig die Weihnachtsgeschichte aufsagen, wie Lukas sie aufgeschrieben hat: „Es begab sich aber zu der Zeit, das ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …“ Hans erledigte die Aufgabe „glatt“, wie er sich später erinnerte, und danach waren die Schwestern dran, ihre Weihnachtsgedichte aufzusagen. Währenddessen war es den Kindern streng verboten, schon einen Blick auf die Geschenktische zu werfen. Als Hans es trotzdem ganz vorsichtig tat, war sein Vater, der ihn genau beobachtet hatte, sofort zur Stelle, drehte den Kopf des Sohns wieder zum Baum und flüsterte: „Willst du wohl mal nicht schielen! Alle Geschenke fliegen fort, wenn du schielst!“ Das glaubte der Sohn zwar nicht, „doch es schien mir weise, Vaters Aufforderung zu folgen“.
Endlich war das letzte Gedicht aufgesagt, und nun wünschten sich alle ein fröhliches Weihnachtsfest. Danach erklang der ersehnte Ruf: „Und jetzt sucht sich jeder seinen Tisch!“. Jeder hatte in dieser reichen Familie einen Tisch mit Geschenken. Auf dem Tisch von Hans standen all die Geschenke, auf die er gehofft hatte, auch Hagenbecks Buch „Leben mit meinen Tieren“. Die Mutter bestand darauf, dass auch die „nützlichen“ Geschenke wie neue Unterhosen gewürdigt wurden. „Aber das Nützliche ist uns egal, Unterhosen hätten wir sowieso haben müssen Unterhosen sind nicht Weihnachten, aber Bleisoldaten sind es!“ Auch die Hausangestellten wurden mit Geschenken bedacht.
Damit war die Bescherung für die Kinder aber noch nicht beendet, denn unter dem Weihnachtsbaum lagen noch die Geschenkpakete der vielen Onkel und Tanten. Sie durften allerdings erst geöffnet werden, nachdem die langen Weihnachtsbriefe der Verwandten vorgelesen worden waren. „So geht es langsam durch zehn oder zwölf Pakete, unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt“, erinnerte sich später Hans Fallada. Die Kinder sollten Geduld lernen und nicht gierig sein. Nach der Bescherung klang der Heiligabend mit einem Abendessen und dem Klavierspiel des Vaters aus.
Hans Fallada, der diesen Namen erst als Schriftsteller annahm, wurde am 21. Juli 1893 als Rudolf Ditzen in Greifswald geboren. Er hatte drei Geschwister. 1899 zog die großbürgerliche Familie für ein Jahrzehnt nach Berlin. Rudolf Ditzen besuchte ein Gymnasium und sollte nach den Vorstellungen des Vater, aber nicht nach den eigenen Vorstellungen, später wie der Vater Jurist werden. 1909 wurde der Vater zum Reichsgerichtsrat berufen und die Familie zog zum Standort des Gerichts nach Leipzig. Wie schon in Berlin blieb Rudolf Ditzen auch hier ein Außenseiter. Die Familie bemerkte bei ihm „suizidale Tendenzen“ und schickte ihn in ein Sanatorium und anschließend 1911 zur Kost zu einem Superintendenten in Rudolfstadt. Dort besuchte er ein Gymnasium.
Mit einem Mitschüler plante Rudolf Ditzen einen Doppelselbstmord, den sie am 17. Oktober 1911 als Duell tarnten. Der Freund erlag seinen Schussverletzungen, während Rudolf Ditzen schwerverletzt überlebte. Er wurde unter dem Vorwurf des Todschlags in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Mit der Begründung der Schuldunfähigkeit wurde die Anklage fallengelassen. Rudolf Ditzen kam in eine psychiatrische Klinik. Danach beendete er seine Gymnasialausbildung nicht, sondern absolvierte von 1913 bis 1915 eine landwirtschaftliche Ausbildung. Danach arbeitete er in einer Kartoffelanbaugesellschaft und auf einem Gut.
Die Zeit von 1917 bis 1919 verbrachte er wegen seiner Alkohol- und Morphiumabhängigkeit überwiegend in Entzugskliniken und Sanatorien. 1920 unternahm er ernsthafte Schritte, Schriftsteller zu werden und verwendete von nun an das Pseudonym Hans Fallada. Zunächst fanden seine Werke wenig Beachtung und waren finanziell nicht erfolgreich. Anfang 1921 wurde er erneut vorübergehend in eine Klinik eingewiesen. Er setzte seine literarische Arbeit fort, nahm aber nach der Entlassung aus der Klinik, Verwalterstellen auf Gutshöfen an, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Zur Finanzierung seines Morphium- und Alkoholkonsums beging er mehrfach Unterschlagungen, die aufgedeckt wurden. 1923 wurde er zu einer dreimonatigen Haftstraße verurteilt, 1926 dann zu einer zweieihalbjährigen Haftstrafe.
Nach seiner Entlassung 1928 wohnte er vorübergehend als Untermieter bei der Familie Issel in Hamburg-Eilbek. Die Tochter Anna (genannt „Suse“) und er verliebten sich ineinander und heirateten im April 1929. Hans Fallada fand eine Anstellung beim Fremdenverkehrsverband in Neumünster und dann als Anzeigenwerber bei einer Tageszeitung. Das war in Zeiten der Weltwirtschaftskrise eine denkbar schwierige Aufgabe. Die Lebenssituation von Hans Fallada und seiner Frau hat der Schriftsteller später zu der Geschichte „Fünfzig Mark und ein fröhliches Weihnachtsfest“ verarbeitet. Seine Frau erhielt in dieser und anderen an die eigene Lebensgeschichte anknüpfenden Erzählungen den Namen „Itzenplilz“.
Die Geschichte beginnt so: „Wir waren frisch verheiratet, Itzenplitz und ich, und hatten eigentlich nichts. Wenn man sehr jung ist, dazu frisch verheiratet und sehr verliebt, macht es noch nicht viel aus, wenn man ‚eigentlich gar nichts‘ hat.“ Aber ohne Wünsche ist das Paar trotzdem nicht. Itzenplitz hätte gern ein Paar warme Hausschuhe. Der Wunsch verwunderte den Ehemann, denn er wurde mitten im Sommer bei einem Spaziergang geäußert. Dabei blieb es nicht, denn die umsichtige Ehefrau schlug vor, „wir sollten jetzt schon anfangen, jeden Wunsch, der uns einfällt, aufzuschreiben. Nachher zu Weihnachten geht alles in einer Hatz, und man schenkt sich womöglich etwas ganz Dummes, was man nachher nicht braucht.“
Also wurde auf der Stelle eine Liste angefertigt, beginnend mit den Hausschuhen. Die Liste wuchs im Hochsommer, im Herbst, mit dem ersten Schnee und mit dem Blick in die weihnachtlichen Schaufenster. Sie wuchs und wuchs, aber das beeindruckte Itzeplitz nicht: „Das macht gar nichts, dass so schrecklich viel darauf steht. Dann haben wir die Auswahl. Eigentlich ist es doch mehr eine Streichliste. Kurz vor Weihnachten streichen wir alles, was nicht geht, jetzt haben wir das Wünschen doch noch frei.“ Nach einigem Nachdenken fügte sie hinzu: „Wünschen kann ich mir doch, was ich will. Nicht wahr, Mumm?“ Der Ehemann mit dem Kosenamen Mumm stimmte leichtsinnigerweise zu – und schon standen auch noch ein blauseidenes Abendkleid und ein Radioapparat auf der Liste. Es folgte ein heftiger, aber überflüssiger Streit darüber, ob das Kleid oder der Radioapparat wichtiger waren – überflüssig, weil für keines von beiden in den nächsten Jahren Geld vorhanden sein würde.
Es folgten Monate des Sparens und des Bemühens, für die Zeitung mehr Anzeigenkunden und mehr Abonnenten zu gewinnen, um dafür Tantiemen zu kassieren. Aber die Einnahmen blieben gering und reichten gerade, um das junge Ehepaar am Leben zu halten. Der Versuch, von der Zeitung die Zusage für eine Weihnachtsgratifikation von 50 Mark zu erhalten, stieß auf brüske Ablehnung von Herrn Heber, der die Finanzen und die Kasse der Zeitung führte.
Je näher Weihnachten rückte, desto intensiver versuchte das Paar, doch noch an das Geld zu kommen, um die Wünsche auf der Liste, die schon zusammengestrichen war, zu finanzieren. Itzeplitz versuchte sogar, Herrn Heber zu bezirzen, was auch zu gelingen schien, bis sie auf die Gratifikation zu sprechen kam. Da war Schluss mit der Freundlichkeit. Dann kam der Heiligabend, an dem Herr Heber mittags überraschend verkündete, dass es nun doch die Gratifikation von 50 Mark geben würde. Es war ein Weihnachtswunder, welches das Paar in Hektik versetzte, nun doch noch die Geschenke zu kaufen, die auf der Liste übrig geblieben waren. Und es blieb sogar noch Geld, um für die kürzlich zugelaufene Katze einen Bückling zu kaufen, den diese „mit Krachen und Zerren“ verdrückte. Und so wurde es doch noch ein „schönes, herrliches Weihnachtsfest“.
Hans Fallada hat hier seine Kritik an einer Gesellschaft, in der krasse Armut und bedrückende Abhängigkeiten herrschen, in die humorvoll erzählte Weihnachtsgeschichte "Fünfzig Mark und ein fröhliches Weihnachtsfest" verpackt. Zu so einer Geschichte gehörte dann ganz selbstverständlich ein „happy end“.
Auch eine weitere Geschichte Falladas hat seine Zeit als Anzeigenverkäufer und Abonnentenwerber in Neumünster als biografischen Hintergrund. Ausgangspunkt für die Geschichte „Die Weihnachtsfreude“ bildet die Begegnung mit einem Berliner Verleger, den der schäbig gekleidete mit literarischen Ambitionen und seine Frau auf einem Bahnhof zufällig begegneten. Der Verleger erkundigte sich danach, was sein Bekannter beruflich machte und verkündete: „In so einem Kaff rumlaufen und Abonnenten werben! Sie müssen nach Berlin, Mensch!“ Der Bekannte erklärte ihm, er könnte doch nicht aufs Blaue nach Berlin ziehen, er hätte nicht die geringste Reserve.
Der Berliner Verleger war offenbar zu einer Unterstützung bereit und fragte: „Was würden Sie in Berlin als Minimum zum Leben gebrauchen?“ Der zukünftige Schriftsteller warf einen kurzen Blick auf seine Frau Suse und antwortete dann: „Das müssen wir uns erst ausrechnen. Dürfen wir es Ihnen schreiben?“ Sie durften: „Schön, schreiben Sie mir das möglichst bald. Ich besorge Ihnen dann eine Stelle.“ Schon bei der Bahnfahrt begannen die beiden zu rechnen. Die Berechnung wurde dadurch erschwert, dass sie im neuen Jahr ein Kind erwarteten und dass sie außerdem nicht wussten, was eine Mietwohnung in Berlin im Monat kostete.
Sie kamen auf ein Bruttogehalt von zweihundertfünfzig Mark. „Es schien uns eine unverschämte Forderung, aber billiger war es nicht zu machen. Wir mussten ja so viel anschaffen, besonders auch für das Baby – wir hatten rein nichts! Mit Zittern und Zagen setzte ich die Zahl 250 in den Brief, mit Bangen steckten wir ihn in den Kasten – und nun warteten wir auf die Antwort.“
Sie warteten erst einmal vergeblich. Der Abonnentenwerber hätte am 15. August kündigen müssen, um seinen Vertrag zum 1. Oktober zu beenden. Aber es kam keine Antwort, auch im Oktober und November nicht. So hieß es, weiter zu versuchen, Abonnenten für eine Zeitung zu finden, die zu sterben drohte. Am 15. November, dem Kündigungstermin für den 31. Dezember, schrieb der Ehemann einen weiteren Brief an den Berliner Verleger, ohne seine Frau einzuweihen. Er verminderte die Gehaltsforderung auf zweihundert Mark – aber es kam noch immer keine Antwort.
Endlich, am 23. Dezember, kam der Brief, den das Paar gar nicht mehr erwartet hatte. Ab dem 1. Januar erhielt er eine Stellung für zweihundert Mark im Monat. Dienstbeginn sollte am 2. Januar um 8 Uhr sein.
Die Freude war groß, aber auch die Sorge. Würde der Zeitungsverlag seinen Mitarbeiter ziehen lassen, wo er nur gut eine Woche vor Jahresende kündigte? Warum nur hatte der Berliner Verleger erst jetzt geschrieben? Wollte er eine Weihnachtsfreude machen? „Später lernte ich, dass mein Verleger nicht im Geringsten an Weihnachtfreude gedacht hatte. Vielmehr hatte er die Einrichtung des Komposthaufens: alle Dinge, die er nicht gleich erledigen konnte oder wollte, kamen auf einen ständig wachsenden Haufen und lagerten dort ab. ‚Sie haben keine Ahnung‘, sagte er mir später oft, ‚wie viel Sachen sich durch bloßes Lagern von selbst erledigen! Mein Komposthaufen ist eine wunderbare Einrichtung.‘“
Ganz so wunderbar war diese Einrichtung für seinen zukünftigen Mitarbeiter nicht, denn er musste nun zu seinem bisherigen Brötchengeber gehen und über die Auflösung seines Vertrages binnen einer Woche bitten. Wie von ihm erwartet, sperrte sich der Zeitungsverleger gegen eine so rasche Beendigung des Vertrages. „Der Mann hatte mir oft genug versichert, dass ich der überflüssigste Mensch unter der Sonne sei und dass er keine Ahnung habe, warum er mir eigentlich mein Gehalt zahle. Aber nun hörte ich es natürlich ganz anders, ich hatte schon das Richtige geahnt. Jetzt war ich vollkommen unersetzlich. Jawohl, ich konnte gehen, aber erst nach ordnungsgemäßer Kündigung am 1. April.“
Und nachdem er seinen Beschäftigten ausreichend in Angst versetzt hatte, gab der Verleger ihn doch zum Jahresende frei. Und so stand das Paar am Silvestertag mit zwei Koffern und sehr wenig Geld in Berlin. Erst einmal musste eine Wohnung gesucht werden, und welche Arbeit den Ehemann erwartete, wusste er noch nicht.
Die Erzählung „Die Weihnachtsfreude“ hatte einen biografischen Hintergrund, war aber mehr als die Wiedergabe einer Biografie. Tatsächlich hat Hans Fallada noch während seiner Zeit in Neumünster seinen Erfolgsroman „Bauern, Bonzen und Banditen“ verfasst. Der Verleger Ernst Rowohlt holte ihn 1930 nach Berlin und gab ihm einen Halbtagsjob in seinen Verlag. Das ließ Fallada ausreichend Zeit für seine schriftstellerische Arbeit. Zunächst wohnte er mit seiner Frau zur Untermiete in Moabit. Aber bereits 1932 war er als Schriftsteller so erfolgreich, dass er eine Villa mieten und später kaufen konnte. Sein sozialkritischer Roman „Kleiner Mann – was nun?“ war ein großer Erfolg und fand auch international viel Anerkennung. Er hat darin seiner Frau, die ihn immer wieder nach Kräften unterstützte, mit der von vielen Leserinnen und Lesern geschätzten Figur des „Lämmchens“ einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte gesichert.
Bald nach dem Machtantritt der Nazis wurde Hans Fallada Opfer eines Denunzianten, der behauptete, der Schriftsteller hätte in einem Gespräch staatsfeindliche Äußerungen gemacht. Die Vorwürfe hatten zur Folge, dass Fallada für zwei Wochen in Haft kam. Nach der Freilassung gab das Ehepaar die Berliner Villa auf und kaufte sich in dem Dorf Carwitz in Mecklenburg ein Haus. Hier schrieb Fallada weitere Romane, unter anderem das sozialkritische Buch „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“. Es beruhte auf seinen negativen Erfahrungen im Gefängnis von Neumünster. Da er die Zustände während der Weimarer Republik thematisierte, erregte er mit dem Buch keinen Anstoß bei den nationalsozialistischen Herrschern.
Die führenden Nationalsozialisten beurteilten das Werk des Erfolgsautors Fallada unterschiedlich. Während Joseph Goebbels es schätzte, stand Alfred Rosenberg ihm ablehnend gegenüber und ließ einige Bücher verbieten. Hans Fallada reagierte darauf, indem er nun Unterhaltungsliteratur veröffentlichte und sich mit dem Regime gut stellte.
Hans Fallada und seine Frau ließen sich im Juli 1944 scheiden. Das konnte Hans Fallada nicht verkraften. Er bedrohte am 28. August 1944 schwer betrunken seine geschiedene Frau mit einer Pistole. Ein Schuss löste sich und landete in einem Tisch. Hans Fallada wurde wegen versuchten Totschlags angeklagt. Man erklärte ihn dann wegen seiner Morphium- und Alkoholabhängigkeit für nicht zurechnungsfähig und wies ihn in eine Klinik ein. Hier schrieb er unter anderem den autobiografischen Roman „Der Trinker“. Im Dezember 1944 entließ man ihn aus der Klinik.
Hans Fallada erlebte die Nachkriegszeit in Mecklenburg, einen Teil der Sowjetischen Besatzungszone. Er heiratete Anfang Februar 1945 erneut und zog zu seiner Frau in ihrer Villa in die Kleinstadt Feldberg. Die Sowjets machte ihn nun zum Bürgermeister von Feldberg, weil er als politisch unbelastet galt. Dieses Amt gab Fallada bald wieder auf und zog mit seiner Frau nach Ostberlin. Dort setzte er seine literarische Arbeit. Der kommunistische Kulturpolitiker und spätere Kulturminister der DDR Johannes R. Becker nahm den Schriftsteller unter seine Fittiche. Fallada erhielt durch diese Protektion eine Redakteursstelle bei der „Täglichen Rundschau“.
In dieser Zeitung erschien am 25. Dezember 1946 die Erzählung „Das Weihnachten der Pechvögel“. Der Icherzähler beginnt die Geschichte so: „Ich möchte wirklich gern mal wissen, wie das bei anderen Leuten mit ihren Festtagen und besonders mit Weihnachten ist, ob da alles wirklich immer klappt? Natürlich tun wir immer so, als sei auch bei uns alles in Ordnung, aber ich hab noch kein Weihnachtsfest erlebt, wo’s glattging bei uns. Dass eines von uns zum Fest todsterbenskrank wird, das ist noch ‘ne Kleinigkeit, aber was meint ihr zu ‘nem Heiligen Abend, wo ’ne halbe Stunde vor der Bescherung Einbrecher alle Geschenke einschließlich Baum und Festbraten klauen? Oder ein Fest mit Stubenbrand, Feuerwehr und Wasserschaden? Oder ein bunter Teller, auf den ein von uns nie entdeckter Witzbold zwischen die Süßigkeiten Laxinkonfekt geschmuggelt hatte, und wir mussten die ganzen Festtage laufen, laufen, laufen -?!!“
All das ist der Familie Pech passiert, und der Vater sagt immer: wer Pech heißt, muss auch Pech haben. Der Vater lässt sich durch kein Pech erschüttern und nimmt es einfach komisch. Der Sohn Peter Pech, der Icherzähler dieser Geschichte, wurde Weihnachten 1945 dafür ausersehen, den Tannenbaum zu besorgen. Die Familie hatte lange überlegt, ob sie Weihnachten feiern sollte, denn „der Zusammenbruch lag uns noch schwer in den Gliedern, und in unserer trauten Ruine fehlte es uns auf vielen Gebieten noch an dem Nötigsten“. Aber wegen der jüngsten Zwillinge Palma und Petta wird beschlossen, Weihnachten zu feiern und zwar mit Weihnachtsmann und Lichterbaum.
Peter Pech macht sich also auf die Suche nach einem Weihnachtbaum. Nachdem mehrere Pläne sich als undurchführbar erwiesen haben, einen kostenlosen Baum er erhalten, scheint sich in der Eckkneipe eine Lösung anzubahnen. Peter Pech kommt mit einem greisen Mann ins Gespräch, der erklärt, dass er auf dem Lande ein Grundstück besitzt, auf dem Christbäume stehen. Er bietet dem Jungen an, dass er einen Baum geschenkt bekommt, wenn er vier Bäume für den Greis abhackt. Er soll niemanden mitbringen, beharrt der Greis: „Nur wa zwee beede. Sonst nischt. Um sechse früh uff en Sonntag bei die Pankower Kirche.“
Peter Pech macht sich mit einer Axt, die er in einer Aktentasche versteckt hat, am Sonntag mit dem Greis auf den Weg. Als beide an dem Grundstück mit den Christbäumen ankommen, passt kein Schlüssel des Greises für das Torschloss. Er nennt das Pech: „Ich ha‘ den Schlüssel noch uffn Tisch jepackt. Un nu doch vajessen!“ Peter Pech will die lange Tour kein zweites Mal machen und klettert über den Zaun. Der Greis gibt ihm eine Beschreibung, wo er die geeigneten Bäume finden wird. Nur befinden sich ganz in der Nähe davon die Gebäude der Baumschule, der die Tannenbäume tatsächlich gehören.
Peter Pech hat wieder mal Pech, denn als er beginnt, den ersten Baum abzuhacken, werden die Angestellten der Baumschule auf ihn aufmerksam, halten ihn fest und rufen die Polizei. Seine Geschichte von dem Greis, dessen Namen er nicht einmal kennt, und dem angeblich die Bäume gehören, glaubt ihm niemand. Der Greis selbst ist auch nicht zu finden, denn er hat sich längst aus dem Staub gemacht. Deshalb muss Peter Pech auf die Wache, und da er sich weigert, seinen richtigen Namen zu nennen, landet er im Polizeigefängnis.
Auch bei mehreren Verhören weigert er sich hartnäckig, seinen Namen preiszugeben. Er kommt erst wieder frei, als sein Vater in der Wache auftaucht und erklärt, dass dies sein Sohn Peter Pech ist. Der erzählt nun unter Tränen die vollständige Geschichte. Sie erscheint dem Kommissar plausibel und so darf Peter Pech nach einer „gepfefferten Strafpredigt“ nach Hause. „Dass unser Weihnachtsfest 1945 kein voller Erfolg war, kann man sich denken. Petta und Palma fanden, dass ein Tannenzweig, mit drei Lichtlein besteckt, kein Ersatz für einen funkelnden Weihnachtsbaum ist, und wir Großen standen alle noch zu sehr unter dem Eindruck der Angst, die wir in den letzten zwei Wochen ausgestanden hatten. Ich denke, Weihnachten 1946 wird in jeder Hinsicht ein größerer Erfolg werden.“
Diese Erzählung kann auf dem Hintergrund der Kindheitserfahrungen des Schriftstellers gelesen werden. Er hat diese Erfahrungen später so beschrieben: „Ich bin ein tüchtiger Pechvogel gewesen, der jede Treppe hinunterfiel, sich Mühlsteine auf die Finger warf, unter galoppierende Pferde sich legte, immer auf der Schule erwischt wurde, wenn er mal mogelte.“
Das mag übertrieben klingen, aber tatsächlich hat der Junge immer wieder darunter gelitten, dass er den Erwartungen seines Vaters nicht entsprach und in der Schule ein Außenseiter blieb. Das hinterließ Spuren, wie dieser Satz des erwachsenen Fallada zeigt: „Irgend etwas in mir ist nie ganz fertig geworden, irgendetwas fehlt mir, so dass ich kein richtiger Mann bin, nur ein alt gewordener Gymnasiast, wie Erich Kästner mal von mir gesagt hat.“
Johannes R. Becher sorgte dafür, dass Hans Fallada im Ostberliner Majakowskiring in Pankow ein Haus erhielt, wo die DDR-Machtelite abgeschirmt von der Bevölkerung wohnte. Hans Fallada und seine Frau waren weiterhin morphiumabhängig und wurden einige Zeit in einer Privatklinik. Nach seiner Entlassung wollte Hans Fallada sich das Leben, was Johannes R. Becker verhindern konnte, der im Nachbarhaus wohnte.
Es folgten Aufenthalte in mehreren Kliniken und Entzugsanstalten. Er schrieb weiterhin literarische Werke, darunter den Roman „Jeder stirbt für sich allein“ über ein Ehepaar, das Widerstand gegen die Nazis leistete und hingerichtet wurde. Letzte Station im Leben von Hans Fallada war eine Klinik in Berlin-Niederschönhausen, wo er 5. Februar 1947 im Alter von 53 Jahren starb. Er hatte große Romane über „kleine Leute“ geschrieben und gilt heute als einer der besten deutschen Erzähler des 20. Jahrhunderts.
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