1844 – Gotthold Salomon, ein beliebter Prediger am neuen jüdischen Tempel in der Poolstraße

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

„Im Namen des einig einzigen Gottes weihe ich diese Stätte hier zur heiligen Wohnung des Herrn … Immer und ewig gehe unser Bestreben dahin, daß die Wahrheit herrsche über den Wahn, der Glaube siege über den Aberglauben, und die Finsterniß schwinde vor dem Lichte.“ So lauteten einige Kernsätze der Predigt von Gotthold Salomon zur Einweihung des neuen Tempels in der Poolstraße am 5. September 1844.

 

Dass ein Tempel und nicht eine Synagoge eingeweiht wurde, war ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier ein Gotteshaus der Reformjuden entstanden war. Der in der Bibel verheißene neue Tempel stand für die Reformer nicht im fernen Jerusalem, sondern an dem Ort, an dem Juden in der Diaspora zu ihrem Gott beteten, wie hier in der Hamburger Neustadt. Und um gar keine Zweifel aufkommen zu lassen, sprach der Prediger von „hier in diesem Zion“.

 

Für die orthodoxen Juden in Hamburg war das eine ungeheure Provokation. Sie glaubten fest daran, dass in der messianischen Zeit die Völker zum Berg Zion ziehen würden und zwar zu dem Berg Zion in Israel. Den Reformjuden wie Salomon hingegen ging es darum, ganz in ihrer jetzigen Heimat anzukommen, als deutsche Juden, die hier ihr Heil erwarteten. Dass er vom Licht sprach, dem die Finsternis weichen würde, lässt erkennen, dass die Wurzeln des Reformjudentums ganz wesentlich auch in der Aufklärung zu finden waren.

  

Die jüdische Reformgemeinde in Hamburg

Anfang der 1840er Jahre umfasste die jüdische Reformbewegung in Hamburg, der Neue Israelitische Tempel-Verein, etwa 800 Mitglieder, was einem Zehntel der jüdischen Bevölkerung der Stadt entsprach. Darunter waren viele angesehene und wohlhabende jüdische Kaufleute und Intellektuelle, die in der Emanzipation der Juden die beste Gewähr für ein Miteinander aller religiösen Gruppen in Hamburg sahen. Der Tempel in der Poolstraße war weltweit der erste Neubau eines liberalen jüdischen Gotteshauses.

 

Wie damals für Hamburger Juden noch üblich, bauten auch die Reformjuden ihr Gotteshaus in der zweiten Reihe hinter Wohnhäuser. Die Fassade des Tempels nahm Elemente des neogotischen Baustils auf, auch das ein Hinweis darauf, dass man sich der christlichen Umgebung anpassen wollte, ohne in ihr aufzugehen. Der Tempel bot 380 Plätze für Männer und 260 für Frauen. Die Frauen waren anders als in den damaligen orthodoxen Synagogen nicht durch Gitter von der übrigen Synagoge getrennt. Vor dem heiligen Schrein, in dem die Thorarollen aufbewahrt wurden, stand eine Kanzel, und zum Tempel gehörten eine Orgel sowie Plätze für einen 50-köpfigen Chor.

 

Gotthold Salomon war bereits seit 1818 Prediger am ersten Tempel gewesen. Er gehörte zur ersten Generation der gebildeten Prediger des Reformjudentums des 19. Jahrhunderts. Von ihnen erwartete die Gemeinden nicht nur profunde theologische Kenntnisse, sondern auch die Fähigkeit, die gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit zu durchdringen und den Gläubigen in Predigten und Vorträgen eine biblisch fundierte Orientierung für ein Leben zu geben, das durch rasche ökonomische, soziale und kulturelle Veränderungen geprägt war.

  

Der sehr gebildete neue Prediger am Tempel

Gotthold Salomon wurde am 1. November 1784 in der Kleinstadt Sandersleben in Anhalt-Dessau geboren. Sein Vater war ein frommer Kaufmann und seine Mutter, die aus einer Rabbinerfamilie stammte, war ebenso fromm. So wuchsen der Sohn Gotthold und seine Geschwister mit Tischgebeten und einer frühen religiösen Unterweisung auf. Bereits mit vier Jahren besuchte der Sohn eine religiöse Elementarschule und konnte mit sieben Jahren die Hebräische Bibel lesen und Verse ins Deutsche übersetzen. Für seine großen Lernfortschritte lobten ihn Lehrern und Eltern kräftig, was ihn zu weiterem fleißigem Lernen ermutigte und in ihm den Wunsch weckte, Rabbiner zu werden.

 

Mit zwölf Jahren schickten ihn seine Eltern zu einem hoch angesehenen gelehrten Rabbiner, der seine religiöse Bildung vertiefte und ebenso durch sein Vorbild die Frömmigkeit des Jungen „influrit“ hat, wie Salomon später in seiner „Selbst-Biographie“ schrieb. Mit sechzehn Jahren besuchte er ein jüdisches Gymnasium in Dessau. 1802 schloss er die Schule ab und wurde als Lehrer an die israelitische Freischule in Dessau berufen. Er unterrichtete Hebräisch und Deutsch sowie mit viel Engagement Religion. Hier kamen seine theologischen und geisteswissenschaftlichen Kenntnisse sowie seine pädagogischen Fähigkeiten zur Geltung. Die Reformvorstellungen der Schule setzte Salomon überzeugend in seinem Religionsunterricht um. Zu den Inhalten gehörten häufig ethische Themen. In seiner „Selbst-Biographie“ schrieb er über diese Zeit: „Mir selbst ward das pädagogische Fach immer lieber und anziehender, und ich befand mich in meinem Berufsleben, trotz der sehr geringen Einkünfte, munter und heitern Muthes.“

 

1810 heiratete Salomon die aus Dessau stammende Rosette Cohn. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er über sie, „die mir jetzt noch treu und liebevoll zur Seite steht, alle jene häuslichen Tugenden besitzend und übend, ohne welche die feinere Weltbildung nicht betrieben und die sittliche Erziehung der Kinder mit Nichten gedeihen kann“. Das Paar hatte drei Söhne und zwei Töchter. Die erstgeborene Rosalie wurde von ihrem Vater sehr geliebt. Als sie im Alter von nur fünf Jahren starb, konnte Salomon „während eines vollen Jahres nicht wieder froh werden“.

 

Salomon verfügte über so profunde Hebräischkenntnisse, dass er begann, hebräische religiöse Schriften ins Deutsche zu übersetzen. Auch wurde er Mitarbeiter der Zeitschrift „Sulamith. Zeitschrift zur Beförderung der Kultur und Humanität unter der jüdischen Nation“. Dies war die erste Zeitschrift in deutscher Sprache, die sich vorwiegend an eine jüdische Leserschaft wandte. Sie trat für ein tolerantes und weltoffenes Judentum ein. Dass Salomon hier mitarbeitete, war ein Zeichen für seine Zugehörigkeit zur entstehenden liberalen jüdischen Bewegung.

 

Das alles waren gute Voraussetzungen dafür, 1818 zum zweiten Prediger am Tempel in Hamburg berufen zu werden. Sein Mit-Prediger Eduard Kley konnte die bedeutendere wissenschaftliche Ausbildung vorweisen, aber Salomon hielt Predigten, die nicht nur rational überzeugend waren, sondern die Gläubigen auch emotional ansprachen. Seine rhetorische Brillanz zeigte sich auch daran, dass er zu zahlreichen Vorträgen bis hin nach Wien, Prag und London eingeladen wurde. Die Konkurrenz zwischen den beiden Tempel-Predigern mündete mehr als einmal in Konflikten. Aber die positiven Erfahrungen überwogen, und so fühlte er sich „in meinem Elemente, und Gönner und Freunde, trugen nicht wenig dazu bei, daß ich mich in dem neuen Amte heiter und wohl fühlte, besonders weil meine geistlichen Vor­träge die Gemeinde ansprachen … weil das Wort aus dem Herzen zum Herzen gedrungen … Außerdem waren die Gegenstände der Predigt dem Leben entnommen und wirkten auf’s Leben.“

 

Salomon leistete Pionierarbeit bei der Gestaltung jüdischer Reformgottesdienste und dies mit großem Erfolg, wie aus seiner Biografie in der Allgemeinen Deutschen Biografie (erschienen ab 1875) hervorgeht: „Was seinen Predigten einen besonderen Reiz gibt, ist die edle Einfachheit der Sprache, die, von aller Ueberladung und Gespreitzheit sich ferne haltend, den Gedanken in lichter Klarheit hervortreten läßt, ihn Jedem verständlich macht und zugleich auch zu Herzen führt.“

 

Viele Predigten erschienen in Predigtsammlungen Salomos, der auch eine ganze Reihe weiterer Bücher veröffentlichte. 1813 veröffentlichte er unter dem Titel „Licht und Wahrheit, die Umbildung des israelitischen Cultus betreffend“ eine Schrift zur Reform des Gottesdienstes. Sie fand viel Unterstützung unter liberalen Juden, löste aber auch heftige Kritik orthodoxer Rabbiner aus. 1837 erschien Salomons Bibelübersetzung „Die Deutsche Volks- und Schulbibel für Israeliten“, die zweite jüdische Bibelübersetzung ins Deutsche überhaupt. Mehrfach musste Salomon Schriften herausbringen, in denen er den weit verbreiteten antisemitische Verleumdungen entgegentrat.

 

Der Prediger engagierte sich auch für die Verbesserung der materiellen Situation armer Gemeindemitglieder. 1825 gründete er den Schillings-Verein zur Unterstützung bedürftiger alter unverheirateter Frauen und Witwen. Er gab dem Verein diesen Namen, „weil der wöchentliche Beitrag nicht mehr als einen Schilling betragen sollte, damit auch Unbemittelte; ja arme daran Theil nehmen könnten und sollten“.

1848 wurde Salomon in die Hamburger Konstitute gewählt, die verfassunggebende Versammlung der Hansestadt, deren demokratische Reformvorstellungen sich leider größtenteils nicht verwirklichen ließen. Er war überzeugt: „Die Freiheit, sowie die Liebe ist nur Eine: fängt der Geist der Freiheit sich zu regen an, so durchdringt er auch alle Verhältnisse und durchweht auch die Religion …“. Gotthold Salomon starb am 17. November 1862.

  

Auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf wurde ein Gedenkstein für den beliebten Prediger aufgestellt.

 

 Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

© Frank Kürschner-Pelkmann