
„Ich habe mich angeschlossen, weil ich keine andere Wahl hatte.“ Das sagte Bahana Alhadji, ein früherer Kämpfer der Dschihadisten-Bewegung Boko Haram, den Journalisten der britischen Zeitung „The Telegraph“. In dem am 25. Mai 2026 erschienenen Artikel "Terrorist turf war over Lake Chd plungs thousands into hunger" begründete er die Entscheidung damit, dass er mühsam um ein Überleben als Fischer gekämpft hatte und nun nicht nur einen Status und Kameradschaft gewann, sondern auch eine zuverlässige Ernährung: „Als ich dort war, erhielten wir jede Woche Rationen. Sie gaben mir das Gefühl, willkommen zu sein.“ Regelmäßige Mahlzeiten garantiert zu bekommen, ist im bitterarmen Tschad keine Selbstverständlichkeit. Auch erhielt er drei junge Frauen, die Boko Haram entführt hatte, als „Ehefrauen“. Boko Haram entführt systematisch Mädchen und junge Frauen, um sie zu Sklavinnen zu machen.
Dass Bahana Alhadji 2023 nach fünf Jahren floh, lag nach seinen Angaben vor allem daran, dass er inzwischen eine Einheit kommandierte, aber weder einen Sold erhielt noch einen weiteren Aufstieg in Aussicht hatte. Er betonte gegenüber den Journalisten, dass er seinen Beschluss, sich Boko Haram anzuschließen, inzwischen zutiefst bedaure. Er warne jetzt alle davor, sich dieser Organisation anzuschließen. Aber er fügte pessimistisch hinzu: „Die Armee kann Boko Haram nicht schlagen ... Es gibt zu viele von ihnen.“
Wie kamen die Menschen im Tschad und in den anderen Anrainerstaaten des Tschadsees in diese Situation und warum ist es so schwierig, einen Weg zum Frieden zu finden? Das lässt sich nicht verstehen, ohne sich mit dem Tschadsee, seiner Ökologie und dem Leben der Menschen an seinen Ufern zu beschäftigen.

Der Tschadsee hatte einmal die Größe von 300.000 bis 400.000 Quadratkilometern, also etwa die Fläche Deutschlands. Das ist 6.000 Jahre her. Seither ist der See stark geschrumpft, und dieser Prozess hat sich in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dramatisch beschleunigt. Hatte der See 1963 noch eine Fläche von 25.000 Quadratkilometer, so waren das 2001 weniger als 2.000 Quadratkilometer. Es gibt jahreszeitlich stark schwankende Wasserstände, abhängig vor allem vom Wasservolumen der wichtigsten beiden Zuflüsse, der Flüsse Schari und Logone. Die Wassermenge hängt von den Monsunniederschlägen in ihren Quellgebieten ab.
Der See hat vier Anrainerstaaten: Nigeria, Niger, Kamerun und Tschad. Inzwischen hat Nigeria aber keinen Zugang zum See selbst mehr, sondern nur noch zu einem neu entstandenen Feuchtgebiet. Einige frühere Küstenorte am Tschadsee sind inzwischen etliche Kilometer vom neuen Ufer entfernt. Nur im Süden des ursprünglichen Sees gibt es noch große freie Seeflächen, weiter nördlich gelegenen Flächen haben sich in Feuchtgebiete und Inseln verwandelt, die eine üppige Vegetation aufweisen.
Der Tschadsee ist abflussfrei. Etwa 90% der Wasserverluste des Tschadsees erfolgen durch Verdunstung, deren Ausmaß von den Temperaturen von Wasser und Luft in der Region abhängt. Da die durchschnittliche Wassertiefe lediglich etwa zwei Meter beträgt, ist die Anfälligkeit des Sees für ein weiteres Schrumpfen hoch. In den letzten Jahren haben aber massive Niederschläge dazu geführt, dass frühere Flächen des Sees, die inzwischen landwirtschaftlich genutzt werden, bei Flutkatastrophen vorübergehend wieder überschwemmt wurden.
Besonders verheerend wirkte sich eine Flut in den Uferregionen des Tschad im Jahre 2024 aus. Mehr als 432.000 Hektar wurden überflutet und 30.000 Nutztiere ertranken. Viele Tausend Menschen verloren ihre Häuser und ihre landwirtschaftliche Existenzgrundlage. Fast 3,4 Millionen Menschen waren nach Feststellungen der Vereinten Nationen im August 2024 im Tschad von akutem Hunger bedroht. Auch viele Straßen und Brücken wurden zerstört oder stark beschädigt.
Große Schäden gab es auch im benachbarten Kamerun, wo 119 Brücken zerstört wurden. Die Flutkatastrophe nahm auch deshalb so dramatische Ausmaße an, weil schlecht gewartete Staudämme an den Zuflüssen des Sees in Kamerun und Nigeria den Wassermassen nicht standhielten und barsten.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die inzwischen häufigen Extremwetterereignisse in der Region wie Dürren und Flutkatastrophen ganz wesentlich vom Klimawandel verursacht werden. Längerfristig ist zu erwarten, dass steigende Durchschnittstemperaturen zu einem weiteren Schrumpfen des Tschadsees führen werden, was Flutkatastrophen nicht ausschließt. Es besteht eine akute Notwendigkeit, Anpassungsprogramme an die Folgen des Klimawandels zu verwirklichen. Das wird aber durch die gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Region verhindert.
Bedrohlich muss in dieser Situation die Prognose erscheinen, dass die Durchschnittstemperatur in der Region des Tschadsees bis 2080 um 4,3 Grad steigen könnte. Dann würde das, was vom Tschadsee noch übrig sein wird, rasch und unaufhaltsam verdampfen. Gleichzeitig dehnt sich schon jetzt die Sahara sich immer weiter nach Süden aus.
Eine weitere Ursache für das Schrumpfen des Sees ist die Ausweitung der Bewässerungslandwirtschaft an den Zuflüssen und am See. Dies ist der Kommerzialisierung der Landwirtschaft geschuldet und ebenso der Tatsache, dass der Regenfeldbau wegen der geringeren und unzuverlässigeren Niederschläge immer risikoreicher wird. Die Konkurrenz unter den Ackerbaufamilien wird dadurch verschärft, dass manche frühere Viehzüchter durch Dürren ihre Herden verloren haben und nun ein neues Auskommen in der Landwirtschaft suchen. Die knappen Wasserressourcen werden in diesem Konkurrenzkampf übernutzt. Der Wasserstress erhöht sich noch durch das rasche Bevölkerungswachstum in der Region trotz der Abwanderung vieler junger Leute mangels beruflicher Perspektiven.
Etwa 40 Millionen Menschen leben im ausgedehnten Einzugsbereich des Tschadsees. Neun von zehn Menschen leben von Fischfang, Viehzucht und Ackerbau. Damit sie eine Zukunft haben, gründeten die Anrainerstaaten des Sees vor mehr als 60 Jahren die „Kommission des Tschadseebeckens“. Sie soll Frieden und Sicherheit fördern durch ein nachhaltiges Management von Wasser- und Umweltressourcen. So hat die Kommission zum Beispiel Richtlinien für ein klima- und geschlechtersensibles Wassermanagement verabschiedet. Auf lokaler Ebene werden Gemeinden in das Wassermanagement einbezogen und es werden zivilgesellschaftliche Organisationen gestärkt. Allerdings, ohne eine Beendigung der gegenwärtigen bewaffneten Konflikte auf und um den Tschadsee können solche Initiativen keinen nachhaltigen Erfolg haben.
Die Erhaltung des Tschadsees ist für viele Millionen Menschen lebenswichtig. Mashauri Murilo von der „International Organisation of Migration“ hat dies 2018 gegenüber dem „Zeit“-Mitarbeiter Thomas Aders so formuliert: „Der Tschad, Nigeria, Niger, Kamerun, alle diese Länder sind abhängig vom Tschadsee. Der Tschadsee liefert das einzige Frischwasser in einem Wüstengebiet. So viele Existenzen hängen von dem See ab. Wenn der wirklich verschwindet, dann bedeutet das eine ernsthafte Umweltkatastrophe. Denn ohne den Tschadsee kann man kaum mehr von lebenstauglichen Bedingungen in der Region sprechen.“
Die Bevölkerung im Tschadseebecken leidet darunter, dass die Regierungen und Verwaltungen der vier Anrainerstaaten zu wenig tun, um eine flächendeckende Bildungs- und Gesundheitsversorgung aufzubauen und die Wirtschaft nachhaltig zu fördern. Geteerte Straßen und eine Stromversorgung sind selten. Das behindert schon für sich genommen eine wirtschaftliche Entwicklung.
Der Staat, das sind die Steuern, äußern Menschen, die von dem ausgeschlossen bleiben, was man heute nachhaltige Entwicklung nennt. Der Staat erscheint dann nur noch als Steuereintreiber, während zum Beispiel von den gewaltigen Einnahmen Nigerias aus den Ölexporten kaum etwas in den Dörfern am Tschadsee ankommt.

Zu beachten ist dabei, dass Länder wie der Tschad vor gewaltigen Herausforderungen angesichts einer rasch wachsenden Bevölkerung und einer großen Zahl von Flüchtlingen aus Nachbarländern stehen. So hat der Tschad inzwischen über 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen, davon mehr als 900.000 aus dem Sudan. Dabei gehört der Tschad zu den ärmsten Ländern der Welt. Nach UN-Angaben vom Februar 2026 leben 42% der Einwohner des Landes unterhalb der Armutsgrenze. Die internationale Gemeinschaft hat zu wenig getan, um die Länder am Tschadsee zu unterstützen – und sie wird in Zukunft noch weniger tun, wenn der Abwärtstrend bei den Mitteln für die Entwicklungszusammenarbeit und die Katastrophenhilfe sich fortsetzt und vielleicht sogar beschleunigt.
Die weit verbreitete Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem, was die Regierungen für sie tun, hat den Aufstieg der Rebellenbewegung Boko Haram stark begünstigt. Die dschihadistische Bewegung entstand 2009 in Nigeria, breitete sich aber rasch auf alle Anrainerstaaten des Tschadsees aus. 2016 trennte sich ein Teil der Kämpfer von dieser Bewegung und bildet seither einen Teil der überregionalen Bewegung Islamischer Staat. Beide Rebellengruppen bekämpfen einander, bis hin zu Seegefechten auf dem Tschadsee. Ein Gefecht um die Inseln und die angrenzenden Seegebiete zwischen Kämpfern beider Bewegungen vom 5. bis 8. November 2025 ist als "Battle of Lake Chad“ in die Geschichte eingegangen.
Die Aktivitäten der Rebellenbewegungen haben die Lebenssituation der örtlichen Bevölkerung noch drastisch verschlechtert. So trauen sich viele Fischer allenfalls noch, in unmittelbarer Ufernähe zu fischen, weil sie fürchten müssen, von den Booten der Aufstandsbewegungen auf dem See attackiert zu werden. Die Fischer können dann schon froh sein, nur ihren gesamten Fang abliefern zu müssen. Die Rebellen kontrollieren viele Inseln im Sees und haben auch in Küstenregionen so viel Einfluss, dass die Fischer- und Bauernfamilien ihnen „Steuern“ zahlen müssen.
Es wird geschätzt, dass 10.000 Fischer in Gebieten lebt, die von Boko Haram kontrolliert werden. Sie sind gezwungen, „Steuern“ an diese Bewegung zu zahlen.
Weitere Einnahmen erzielt Boko Haram durch die Plünderung von Dörfern und die Verschleppung von Einwohnern, die im „günstigsten“ Fall nach hohen Lösegeldzahlungen der Familien wieder freigelassen werden. Es sollen umgerechnet mindestens 150 Euro für die Freilassung einer gefangenen Person aus dem Tschad gefordert werden – und dabei leben 87% der Menschen in den ländlichen Gebieten von einem Dollar oder weniger am Tag. Viele Familien müssen ihr geringes Vermögen einschließlich ihres Landes verkaufen, um das Lösegeld aufbringen zu können. Wird nicht gezahlt, werden die Gefangenen hingerichtet – egal ob es nun Christen oder Muslime sind,
Mariam Abakar Koukouy hat den Boko Haram-Überfall auf ihr Dorf am Tschadsee überlebt. Völlig überraschend stürmten vierzig Kämpfer ihr Dorf mitten in der Nacht. Sie kidnappten und töteten Menschen und raubten deren Besitz, berichtete die Frau den Journalisten von „The Telegraph“. Sie konnte sich mit ihrem Mann und ihren Kindern verstecken und dann fliehen. Sie leben nun in einem Flüchtlingslager etwas nördlich vom See.
Bei der Flucht konnten sie nichts mitnehmen und sind nun völlig verarmt: „Es ist hart zu betteln, um die Familie zu ernähren. Ich weiß nicht, wo ich mich hinwenden soll – ich fühle mich wie ein Huhn, dem man den Kopf abgeschlagen hat.“ Sie hat nachts große Angst, dass auch hier die Dschihadisten kommen. „Ich mache mir Sorgen um die Sicherheit meiner Kinder … ich kann nicht einmal weggehen, um Holz zu sammeln.“
Die berufliche Perspektivlosigkeit hat viele jüngere Leute veranlasst, sich radikalen islamistischen Bewegungen anzuschließen. Diese haben zahllose Menschen getötet und Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Nach UN-Angaben vom Februar 2026 beträgt die Gesamtzahl dieser Flüchtlinge in den vier Anrainerstaaten des Tschadsees 3,3 Millionen.
An die Kämpfen gegen die Dschihadisten ist eine gemeinsame Eingreiftruppe der Anrainerstaaten des Tschadsees beteiligt, die „Multinational Joint Task Force“. Sie kann die Bevölkerung aber kaum schützen und hat wiederholt durch Menschenrechtsverletzungen das Vertrauen der Menschen verloren. Wenn die Dschihadisten die örtliche Bevölkerung zwingen, Armeebewegungen zu melden, müssen die Menschen anschließend mit Rachemaßnahmen der Soldaten rechnen.
Angesichts der Verfügbarkeit einer großen Zahl moderner Waffen werden zudem die erwähnten Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern um das verbliebene Wasser und fruchtbare Land nun viel gewaltsamer ausgetragen. Erwähnt werden müssen auch die Auseinandersetzungen um die landwirtschaftlichen Flächen, die auf trocken gefallenem Seegrund neu entstanden sind. Vor allem im nigerianisch-kamerunischen Grenzgebiet ist es immer wieder zu Konflikten darüber gekommen, welche Landfläche wem zusteht.
Ulf Lassing hat für die „Konrad Adenauer Stiftung“ die Region am Tschadsee besucht und kam Anfang 2025 in einem Beitrag zum Thema „Warum der Tschadsee islamistischen Terroristen ideale Bedingungen bietet“ zu einer deprimierenden Einschätzung:
„Der See … bot einst 20 Millionen Menschen eine Lebensgrundlage durch Landwirtschaft, Fischerei und Handel. Heute benötigen mehr als zehn Millionen am See lebende Menschen wegen der angespannten Sicherheitslage, viel kleinerer Fischgründe und der Auswirkungen des Klimawandels humanitäre Hilfe, um zu überleben. Fast drei Millionen sind aus ihren Dörfern geflohen. Viele schließen sich aus Verzweiflung den Dschihadisten an. Die Vereinten Nationen sprechen von einer der weltweit größten humanitären Katastrophen, die wegen der Vielzahl von Krisen von der Ukraine über Syrien bis Israel/Gaza kaum noch Schlagzeilen macht.“
