Wenn die „Bleichen“ erzählen könnte, würde wir von Fahrten durch die vereiste Ostsee, von Ausflügen nach Westafrika, von Schrotttransporten durchs Schwarze Meer und von der Romantik der Seefahrt in der Zeit erfahren, bevor dem Schiff als „Old Lady“ der Verschrottung drohte. Die bewegte Geschichte des Schiffes begann in der Zeit des Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre. Damals stieg auch der Bedarf an Frachtschiffen. Die Hamburger Reederei H. M. Gehrkens ließ in Rendsburg den Stückgutfrachter „Bleichen“ bauen, der 1958 in Dienst gestellt wurde.
Das 93 Meter lange Schiff war für den Frachttransport von Hamburg nach Finnland und Schweden vorgesehen und sollte diese Route auch im Winter fahren. Deshalb erhielt es einen verstärkten Schiffsrumpf und erreichte die höchste finnische Eisklasse. In Hamburg wurde Stückgut geladen auf der Rückreise vor allem Papier und Holz. Wenn die Eislage in der nördlichen Ostsee keine Fahrten zuließ, schickte die Reederei ihr Schiff nach Westafrika. Statt Papier und Holz wurden dann Kakaobohnen und Erdnüsse geladen. Die langen Liegezeiten bei de Beladung der "Bleichen" boten der Mannschaft Gelegenheit, Land und Leute in Westafrika kennenzulernen.
Mit seiner Besatzung von 25 Mann und seinen relativ kleinen Luken sowie Zwischendecks in den Frachträumen war die „Bleichen“ vielseitig einsatzbar, aber für die Reederei bald nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Das Be- und Entladen des Schiffes konnte mehrere Tage dauern. Deshalb verkaufte die Reederei Gehrkens das Schiff 1970 an einen italienischen Eigner, der es als „Canale Grande“ neun Jahre lang betrieb. Dann ersteigerte ein türkischer Reeder das Schiff und nannte es „Arcipel“. Das in die Jahre gekommene Schiff ließ sich aber nicht mehr wirtschaftlich als Stückgutfrachter betreiben und diente von 1984 an als Massengutfrachter „Old Lady“ im Schwarzen Meer. Es war das erste Schiff der türkischen Reederfamilie gewesen, und als sie längst eine moderne Flotte besaß, behielt er die Alte Dame. Man verzichtete bewusst auf eine Modernisierung, sodass das Schiff weitgehend im ursprünglichen Zustand blieb, selbst die Innenausstattung.
Aber 2007 waren die Treibstoff- und Personalkosten so stark angestiegen und die Einnahmen so unzureichend, dass nach beinahe einem halben Jahrhundert Einsatz die Verschrottung der „Old Lady“ drohte. Die „Stiftung Hamburg Maritim“ kaufte das Schiff in letzter Minute. Im Januar 2007 kehrte es nach Hamburg zurück. Die „Bleichen“ wird von den Mitgliedern des Vereins „Freunde des Stückgutfrachters MS Bleichen“ renoviert und instandgehalten. Zu den Mitgliedern gehören viele ehemalige Seeleute, darunter auch einige „Bleichen“-Fahrer. An der Instandsetzung hat sich der Verein „Jugend in Arbeit Hamburg“ beteiligt. 2015 kam das Schiff für eine fünfmonatige Grundsanierung auf die Hamburger Norderwerft.
Steuerrad, Maschinentelegraf und große Teile der Ausstattung des Wohnbereichs und des Maschinenraums der „Bleichen“ sind noch im Originalzustand. Selbst ein altes Grundig-Radio im Salon ist erhalten geblieben. Das Schiff steht inzwischen unter Denkmalsschutz. Nach dem Einbau einige moderner Anlagen ist die „Bleichen“ wieder fahrtüchtig und unternimmt jeden Sommer Gästefahrten. Das Schiff liegt am Schuppen 50 und kann als Teil das Hafenmuseum besichtigt werden.
© Frank Kürschner-Pelkmann

