Europäische Gartenkultur seit dem Mittelalter

Der Klosterbezirk St. Gallen ist als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt. 2023 konnte der dazugehörige Klostergarten in neuer Form eröffnet werden. Es wurde dabei an die mittelalterliche Gartenanlage angeknüpft und sie mit heutigen Erkenntnissen zu Biodiversität verbunden. Klostergärten wie der berühmte Garten des Klosters St. Gallen mit seinem Heilkräutergarten und dem Küchengarten waren Orte der Kontemp­lation und der Ehrfurcht vor der Schöpfung, aber zugleich auch wichtig für die Ernährung der Klostergemeinschaften. 

 

Der Orden der Benediktiner hat in mittelalterlichen Klöstern wie St. Gallen einen großen Beitrag zum Entstehen der europäischen Gartenkultur geleistet. Der Ordensgründer Benedikt von Nursia (480-547) hat in seiner Ordensregel geschrieben: "Das Kloster soll wenn möglich so angelegt werden, dass sich alles Notwendige, nämlich Wasser, Mühle und Garten, innerhalb des Klosters befindet und die verschiedenen Arten des Handwerks dort ausgeübt werden können. "

 

Klöster, die nur geringen Zugang zum Wasser hatten, waren oft zum Scheitern verurteilt.  Bevorzugt wurden Standorte an Flüssen, zumal dann, wenn auch Wassermühlen angelegt werden konnten.  Das Kloster St. Gallen erhielt sein Wasser aus dem Fluss Steinach. Über Leitungen erreichte das Kloster so viel Wasser, dass auch die Stadt St. Gallen daran partizipieren konnte, was vertraglich geregelt war. Zur Nutzung des Wassers durch das Kloster gehörte auch der Fischfang, wofür ein Fischer angestellt wurde. Angrenzend an den Garten gab es im Kloster eine Badestube.

  

Klostergarten der Benediktinerabtei St. Mauritius
Im Klostergarten der Benediktinerabtei St. Mauritius (Tholey) ist die Kreuzform mit einem Brunnen im Zentrum bewahrt worden. Foto: Thomas Hummel, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Die meisten Klostergärten haben eine Kreuzform, und häufig bildet ein Brunnen das Zentrum der Anlage, mit dessen Wasser die Pflanzen bewässert wurden, aber dieses kostbare Nass war zugleich ein Zeichen für das Wasser des Lebens als Geschenk Gottes. 

 

Die Klostergärten waren auch Lehrgärten für die Bevölkerung der Umgebung, und sie inspirierten die Landbewohner zur Anlage von Bauerngärten, in denen Gemüse, Kräuter und Blumen zu einem harmonischen Ganzen vereint wurden, begrenzt durch Buchsbaumhecken. Wenn irgend möglich durfte ein Schöpfbrunnen nicht fehlen, der den Mittelpunkt des Gartens bildete. Um mehr Wasser zur Verfügung zu haben, wurde häufig das Regenwasser, das auf die Dächer des Bauerngehöftes fiel, in Regentonnen gesammelt.

 

Vom 15. Jahrhundert an erlebte die Gartenkultur in Italien eine neue Blüte. Reiche Familien wie die Medicis ließen prachtvolle Gärten nach klassischen Vorbildern anlegen, die in ganz Europa bewundert wurden. Der berühmteste Park war der Pratolino in Florenz und dies vor allem wegen seiner zahlreichen Wasserspiele. Nichts ahnende Gäste, die in einer Grotte saßen, wurden von allen Seiten mit Wasser bespritzt und liefen, wenn sie flüchten wollten, direkt auf noch mehr Wasserstrahlen zu. Solche Wasserspiele wurden bald in ganz Europa imitiert. Bewundert wurden auch jene Wasserspiele, die hydraulisch Musik und Geräusche erzeugten.  In der Grotte der Sintflut wurden Donner und Blitz erzeugt, um die nichtsahnenden Besucher zu erschrecken. Vom Pratolino selbst ist nichts mehr übrig, aber seine Wasser-Wirkung reicht bis nach Nordeuropa.

   

Prachtvolle Gärten in den Niederlanden

Die Parkanlage des niederländischen Königsschlosses Het Lo
Die Parkanlage des niederländischen Königsschlosses Het Loo, Foto: FrDr, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Nördlich der Alpen wurden die Niederlande vom 16. Jahrhundert an ein Zentrum der Gartenkultur. Die Niederlande war damals eine führende Handelsmacht. Reiche Kaufleute konnten sich eigene Gärten anlegen lassen, die sich an klassischen Vorbildern orientierten. Den örtlichen Wasserverhältnissen angepasst wurden Gräben, die der Entwässerung dienten, zu einem wichtigen Gestaltungselement dieser niederländischen Gärten.

Der streng symmetrisch angelegte Barockgarten des Königschlosses Het Loo gehört zu den beeindruckendsten Gartenanlagen des Landes.  Er ist auch wegen seiner Brunnen und Wasserfälle bekannt. Wasserfälle anzulegen, war in den flachen Nieder­landen eine besondere gartenbauliche und auch finanzielle Herausforderung.

 

Der englische Besucher Walter Harris schrieb 1699 über Het Loo: „Die Gärten sind äußerst prachtvoll und üppig mit unzäh­ligen edlen Brunnen, Kaskaden, Blumenbeeten, Kies- und Wiesenwegen, Alleen, Statuen, Urnen, Bildwerken und einer angenehmen Aussicht ausgestattet.; eine Arbeit von wunderbarer Pracht, die eines großen Monarchen würdig ist, eine Arbeit von erstaunlichem Aufwand, unendlicher Vielfalt und Kuriosität.“ Berühmt sind zwei Brunnen, die von der himmlischen und der irdischen Weltkugel gekrönt werden. Der Wasserstrahl des Königsbrunnens erreichte eine Höhe von 13 Metern, für die damaligen hydraulischen Möglichkeiten eine viel beachtete technische Meisterleistung.

 

Die Gärten des Schlosses von Versailles

In Konkurrenz zu den Niederlanden wurde Frankreich im 17. Jahrhundert zu einem europäischen Zentrum der Gartenpracht. Ludwig XIV. ließ in Versailles den größten und prächtigsten Barockgarten aller Herrscherfamilien anlegen. Bevor das teure Gartenvorhaben verwirklicht wurde, beschrieb der Herzog von Saint-Simon das Gebiet von Versailles als „den traurigsten und unfruchtbarsten Ort, den man sich vorstellen kann, ohne Wasser und ohne Wald“. Wer heute durch das Gartenreich wandert, kann sich diesen tristen Zustand kaum noch vorstellen.

 

Ludwig XIV. setzte Tausende von Arbeitern und Soldaten ein, um die Gärten anzulegen. Manchmal wurden ganze Regimenter zur Arbeit in Versailles abgeordnet. Der künstliche "Schweizer See" trägt diesen Namen, weil die Schweizer Garde des Königs ihn ausgehoben hat. Der König selbst nahm großen Einfluss auf die Gestaltung der Gartenanlagen und verbrachte einen  großen Teil seiner Zeit in den Gärten. Auch empfing er hier seine Gäste, darunter Herrscher aus ganz Europa,  die beeindruckt und wohl auch neidisch durch die Gärten wanderten. Gäste des Königs wurden mit Schauspielen, Musik und Feuerwerken unterhalten. Berühmt waren die Seespektakel auf dem "Grand Canal" im Zentrum der Parkanlagen. Extra entworfene kleine Schiffe lieferten sich Feuerwerks-Seeschlachten. 

 

Auf dem Kanal konnten die Gäste auch Gondeln besteigen, die der König samt Gondolieri aus Venedig kommen ließ. Der König imponierte auch mit künstlichen Wasserfällen, großen  Springbrunnen mit vergoldeten Figuren sowie Wasserspielen.  Damit die Gartenanlage auch gebührend auf Verständnis und Bewunderung stoßen würde, schrieb der König den ersten Führer durch den Park selbst. 

 

Viele Tausend Pflanzen und die Wasserattraktionen erforderten große Mengen Wasser, die vor Ort nicht verfügbar waren. Deshalb musste das kostbare Nass durch Wasserleitungen und Aquädukte aus der geholt werden. Ein gewaltiges Pumpwerk mit 14 Wasserrädern entnahm der Seine jeden Tag 5.000 Kubikmeter Wasser in 162 Meter Höhe pumpen konnte.

  

Die großen Bassins mit den Wasserspielen gehören zu den Attraktionen der Parkanlagen von Versailles
Die großen Bassins mit den Wasserspielen gehören zu den Attraktionen der Parkanlagen von Versailles, Foto: Coyau / Wikimedia Commons, Foto: Coyau / Wikimedia Commons

Das Wasser wurde in ein Reservoir oberhalb der Gärten von Versailles geleitet und versorgte von dort aus zahlreiche Wasserspiele, 1.400 Fontänen, große Bassins und den künstlich angelegten See. Angesichts des immensen Wasserbedarfs all dieser Anlagen gab es ein Wassersparprogramm. Nach einem ausgeklügelten Plan wurden die Fontänen und Wasserspiele nur in dem Teil der Parklandschaft in Gang gesetzt, in dem sich die königliche Familie gerade aufhielt.

 

Barockgärten nach dem Vor­bild von Versailles entstanden unter anderem in Herrenhausen (Hannover), Sanssouci (Potsdam) und Schönbrunn (Wien). Aber viele möchten auch die Gartenanlage sehen,  an der sich spätere Gartenplaner orientierten.  Die Gärten von Versailles gehören weiterhin zu den am häufigsten besuchten Sehenswürdigkeiten Frankreichs. Von den 10 Millionen Versailles-Besucher kommen 7 Millionen wegen der Gärten.   

  

Englische Landschaftsgärten

Dieser perfekten, mit dem Lineal entworfenen Barock-Gartenwelt stellten englische Landschaftsarchitekten ihr Konzept von einer „kunstvoll wilden Natur“ entgegen, so der Literat und Verfechter naturnaher Gärten: Alexander Pope. Von ihm ist auch der folgende Satz überliefert: „Bei allem vergiss niemals die Natur.“ Die Natur sollte aber nicht wild wuchern, wie sie wollte, sondern eben „kunstvoll“. Deshalb wurde die Natur unter großem Aufwand so gestaltet, dass sie den Idealvorstellungen der Schöpfer dieser Gartenlandschaften entsprach. Anders als in barocken und vielen anderen Gärten der Welt gab es keine klare Abgrenzung des Gartenareals mit Zäunen, Hecken oder Mauern, sondern der ganze Landbesitz samt Wiesen und Feldern wurde in die Gartengestaltung einbezogen. Die Prachtexemplare unter diesen Gärten waren zugleich Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, denn es wurden 100 und mehr Gärtner benötigt, um die Natur gemäß dem Gartenplan unter Kontrolle zu behalten.

   

Der Fluss Skell ist in den Landschaftsgarten "Studley Royal" einbezogen worden
Der Fluss Skell ist in den Landschaftsgarten "Studley Royal" einbezogen worden, Foto: Christopher Hilton, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons

Wasserläufe und -flächen spielen in diesen englischen Gärten eine wichtige Rolle. Besonders prominent sind sie in dem Garten Studley Royal im Norden von Yorkshire. Der Garten wurde ab 1722 von John Aislabie angelegt, der als Geschäftsmann gescheitert war, aber als Gartengestalter sein wahres Talent entdeckte. David Joyce schreibt in seinem Buch „Große ­Gärten der Welt“ über Studley Royal: „Unter Einbeziehung des Flusses Skell wurde ein hervorragender architektonischer Wassergarten geschaffen, zu dem ein großer See, Grotten­quellen, ein langer Kanal und die Mondweiher – einer rund und zwei sichelförmig – gehörten, neben denen der ‚Tempel der Frömmigkeit‘ steht.“ Das Dessau-Wörlitzer-Gartenreich ist ein frühes Beispiel dafür, wie die englischen Vorstellungen von einem Landschaftsgarten auf dem Kontinent aufgenommen wurden.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann