
„Für Loki und mich war er ein Ombudsmann des menschlichen Anstandes.“ Das sagte Helmut Schmidt nach dem Tod von Siegfried Lenz am 7. Oktober 2014. Geboren wurde Siegfried Lenz am 17. März 1926 in Lyck in Ostpreußen. Er hat seiner Heimat ein schönes literarischen Geschenk mit dem Buch „So zärtlich war Suleyken“ gemacht. In der Schulzeit kam Lenz nach Schleswig-Holstein, trat unter ungeklärten Umständen mit 17 Jahren 1944 in die NSDAP ein, machte ein Notabitur und fand sich danach bei der Kriegsmarine wieder. In den letzten Kriegswochen desertierte er, als er in Dänemark stationiert war.
Im Alter erinnerte er sich in einem DPA-Interview so an seiner Desertation: „Ich war im letzten Jahr des Krieges Seekadett auf der ‚Admiral Scheer‘, ein schwerer Kreuzer, der dann in Kiel bei einem Bombenangriff an der Pier versenkt wurde. Die Besatzung kam nach Naestred (Dänemark) in eine ehemals dänische Kaserne. Wir hatten dort Grundausbildung - bei der Marine gibt es immer Nachholbedürfnisse. Eines Tages sagte ich mir kurz vor Ende des Krieges ‚das hat keinen Zweck, Du musst zurück, Du musst nach Hause‘. Im Gespräch mit zwei Marinekameraden kamen wir zu dem Entschluss, wir versuchen nach Deutschland zu kommen. Da haben wir uns auf den Weg gemacht. Dänen haben uns unglaublich unterstützt, diese drei streunenden deutschen Marinesoldaten. Wir kamen an die Grenze. Englische Panzerspähwagen erwarteten bei Krusau alle deutschen Truppen, die aus dem Norden zurückkamen und dirigierten uns in eine Gefangenschaft in ein Dorf, das Witzwort heißt sehr symbolisch, in der Nähe von Husum. Und da kampierten wir auf freiem Feld, kochten uns Brennnesseln und was es sonst noch zu essen gab.“
Nach der Entlassung studierte Siegfried Lenz in Hamburg die Fächer Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft. Nach zwei Jahren gab er das Studium auf und wurde Redakteur der Tageszeitung „Die Welt“, wo er seine Frau Liselotte kennenlernte. Er gab 1951 diese Stelle auf, beschloss freier Schriftsteller zu werden und unternahm erst einmal eine sechswöchige Reise mit einem Bananendampfer nach Afrika. Danach fand er bei Kritikern und Leserschaft große Anerkennung für seinen ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“. Wie in seinen späteren Werken verknüpfte er gesellschaftliche Themen mit menschlichen Schicksalen.
Mit dem Roman „Deutschstunde“ hat er Millionen Menschen tief bewegt. Der Polizist, der aus einem falsch verstandenen Pflichtgefühl das Malverbot eines Freundes rücksichtslos überwacht, zeigt überzeugend, wie ein Unrechtssystem nur mit all den Menschen funktionieren kann, die „nur“ Befehle befolgen. Siegfried Lenz mehr als 30 Romane und Erzählungen erreichten eine Auflage von mehr als 25 Millionen Exemplaren.
Siegfried Lenz hat sich Verdienste bei der Versöhnung Deutschlands mit drei Ländern erworben, die unter den Naziverbrechen gelitten hatten. Er begleitete Willy Brandt 1970 zum Abschluss der Deutsch-Polnischen Verträge nach Warschau. Auch kehrte er zurück in die Stadt seiner Geburt und Kindheit, die nun Elk heißt und ein Teil Polens ist. Er hat das Gespräch mit den Menschen in Elk gesucht, so sensibel, dass er zum Ehrenbürger ernannt wurde.
Er fuhr mit seiner Frau nach Israel, wo er den Schriftsteller Amos Oz besuchte, der mit Deutschland nichts zu tun haben wollte und der sich doch mit dem Ehepaar Lenz anfreundete. Amos Oz sagte 2014 nach dem Tod von Lenz in einem Interview: „Siegfried Lenz war mir ein persönlicher Freund seit über 30 Jahren und in gewisser Weise auch ein Mentor. Ich habe eine Menge von ihm gelernt. In seinen Romanen hat er über moralische Dilemmata geschrieben, über ambivalente Situationen, Loyalität und Verrat.“
Lenz hat auf seine freundliche, behutsame Weise auch in Dänemark viele Freundinnen und Freunde gewonnen, wo er der beliebteste Deutsche war. Seine humorvolle Beschreibung der „Jütländischen Kaffeetafel“ war dort so beliebt, dass man ihn zum Ehrenmitglied des dänischen Konditorhandwerks ernannte. Hier ein kleine Leseprobe: „Doch kaum hatte ich mich zurückgelehnt, als ein Hügel von kränklicher Weiße gebieterisch auf mich zuschwebte, ein Gletscher, bedeckt mit bräunlichem Moränenschutt, waghalsig verziert mit Kirschen, die dem erstarrten Schaum sanft eingedrückt waren: die erste Großtorte, der Lovkager, der Stolz der Hausfrau, den abzulehnen einer Beleidigung gleichgekommen wäre.
Das vorzeitlich anmutende Ungetüm des Genusses wurde in die Mitte der Tafel gestellt, ein ererbtes Tortenmesser brachte ihm die erste Wunde bei, und dann wurde namentlich jeder aufgefordert, seinen Teller heranzureichen zum Empfang kiloschwerer präzis geschnittener Batzen. Wie viele Schichten waren da verständig übereinander gelegt, der Boden erinnerte an Jütlands sandgraue Küsten, die erste Füllung an seine dunkle Torferde, etwas Versteiftes, Klumpiges gemahnte an einheimische Hünengräber, und beim Anblick der lastenden Sahneschichten musste ich an jütländische Winter denken.“
Siegfried Lenz besaß von 1958 bis 1986 ein Fischerhäuschen auf der Insel Alsen. Hierlebten seine Frau Liselotte und er vier bis fünf Monate im Jahr. Und hier, ohne Fernseher und Telefon, entstanden so bedeutende Werke wie die „Deutschstunde“. Danach machte der Schriftsteller ein Fischerhaus auf der Insel Fünen zu seinem zweiten Wohnsitz neben seinem Haus in Hamburg-Othmarschen. Auch auf Fünen verzichtete er auf Telefon und Fernseher.
Nach dem Tod seiner ersten Frau Liselotte heiratete der Schriftsteller die Dänin und langjährige Freundin der Familie Ulla Reimer. In Dänemark, nicht in Hamburg, wurde 2019 ein kleines Museum für den Schriftsteller eingerichtet. In Hamburg hat man das Haus der Familie Lenz 2017 abgerissen und bisher keine Straße nach ihm benannt. Immerhin, noch zu Lebzeiten wurde er zum Ehrenbürger der Stadt. Der Schriftsteller starb 2014 in Hamburg.
