
„Die großen Herrn verspeisen unsere Kirschen und spucken uns die Steine ins Gesicht.“ Das beklagte der Poet Wilhelm Hocker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und er verschwieg in seinen Gedichten auch nicht, dass er vor allem den mächtigen Senator Merck meinte, der gerade durch ein zwielichtiges Grundstücksgeschäft ins Gerede gekommen war. Ein auf Merck gemünztes Spottgedicht Hockers begann mit diesen Zeilen:
Merk auf, mein Sohn
Ich will dir was erzählen …
Senator Merck wollte aber nicht zuhören und viele andere gutbetuchte Hanseaten auch nicht. Also zerrten sie den Poeten wiederholt vor Gericht und ließen ihn ob seiner kritischen Verse ins Gefängnis werfen. Der Popularität Hockers tat das lange Zeit keinen Abbruch, im Gegenteil, er brachte in Versform, was die einfachen Leute in Hamburg dachten.
Wilhelm Hocker wurde am 28. Dezember 1812 als Sohn eines Handwerkers in Boizenburg geboren und kam mit neun Jahren nach Hamburg, wo sein Vater einen Weinhandel und eine Gastwirtschaft betrieb. Trotz seiner Intelligenz konnte der Sohn Wilhelm keine höhere Schule besuchen, sondern musste mit 15 Jahren in den elterlichen Betrieben mithelfen. In der Gastwirtschaft hörte er aufmerksam den Gesprächen der einfachen Leute zu und lernte ihre Weltsicht kennen. In seiner knappen Freizeit schrieb Hocker erste Gedichte, und die Schriftstellerin Amalie Schoppe half ihm dabei, diese Gedichte in Zeitschriften unterzubringen.
Über seine Heimatstadt dichtete er ein Spottgedicht, dem dieser Vers entnommen ist:
Hamburg, Stadt der mächt’gen Hanse,
frei und arg beschränkt zugleich,
Hamburg, Stadt der mächt’gen Hänse,
schaue auf Dein reiches Reich!
Schmück‘ die morsche Mauerkrone
einmal noch mit ed‘lem Stoffe,
daß Dein Haupt sich hebe
und Dein Herz Verjüngung hoffe“
1835 erschien sein Spottgedicht „Der Maskenzug, eine Vision“, das die Regierenden der Stadt Hamburgs als maskierte Mitwirkende an einem Karnevalsumzug präsentierte. Die Obrigkeit wollte das nicht hinnehmen, und die liberal eingestellte Altonaer Zeitschrift „Der Freihafen“ schrieb 1843: „Zu Anfang des Jahres 1835 entstand sein ‚Maskenzug‘, der ihn zuerst mit der Polizei in Verbindung brachte. Während das Publicum das Gedicht mit Enthusiasmus aufnahm, verurtheilte der damalige Polizeiherr Hudtwalcker den Verfasser zu 14 Tagen Arrest.“ Es war die erste von diversen harten Strafen. „Der Freihafen“ schrieb über den Verfasser: „Hocker ist mehr Gefühls- als Verstandesmensch, lebhaft und feurig, von Witzen sprudelnd, freimüthig, offen und wahr – offener, als es für sein eigenes Heil ersprießlich ist.“
Hocker wurde vorgeworfen, ein „Pasquillant“ zu sein, also ein Verfasser von Schmähschriften. Das Wort soll auf einen italienischen Schneider namens Pasquino zurückgehen, der Spottverse an eine antike Statue heftete. Auch nannte man Hocker einen „Libellisten“, die Bezeichnung für Verfasser von Pamphleten vor der Französischen Revolution, die das Königshaus angriffen. Hier die Antwort des Satirikers auf die Vorwürfe:
Ich weiß es längst: man ist ein Pasquillant,
wenn öffentlich den Schuft man Schuft genannt.
Ein Libellist, wenn man von Recht erfüllt,
die Streiche dieser hohen Herrn enthüllt
jedoch zum Ruhm des menschlichen Geschlechtes
lebt auch noch heut die Poesie des Rechtes.
Wer gut, wer tugendhaft, wer sittlich rein,
Wird stets vor dem Pamphlet gesichert sein.
Hart aber straft es den, der unberechtigt
Sich fremden Glückes, fremden Guts bemächtigt.
Vernichtend treff es ihn wie Dolch und Gift,
Weil das Gesetz ihn eben niemals trifft.
So etwas schrieb man im Biedermeier-Hamburg nicht ungestraft. Dass Hocker im Volk viel Beifall fand, wenn er sich über die Obrigkeit lustig machte oder sie bissig attackierte, kam erschwerend hinzu. Um weiteren Strafen zu entgehen, zog Hocker 1835 nach Berlin um und arbeitete dort als Handwerker, aber nach drei Jahren kehrte er zurück in die Stadt, die er liebte. Den von Zensoren bedrängten Zeitungsmachern der Stadt rief Hocker zu:
Reiß‘ Dich viel gepreßte Presse los
von allen Deinen Bengeln,
die die Urteilskraft der Leser
nur nach ihrer Willkür gängeln!
Immer wieder wurde Wilhelm Hocker zu Geld- und Haftstrafen verurteilt. Sogar einen richtigen Volksaufstand soll er angestiftet haben - behauptete das Establishment. Jedenfalls stürmte eine aufgebrachte Menge am Abend des 18. Januar 1841 die Gelehrtenschule Johanneum und beendete gewaltsam eine Versammlung des sogenannten „Mäßigkeitsvereins“. Mit der Mäßigung des Volkes war es nämlich vorbei, nachdem bekannt geworden war, dass dieser Verein wohlhabender Bürger den Schnapskonsum der einfachen Leute einschränken wollte, aber den Wein„genuß“ der „besseren Kreise“ guthieß. Einer der Hauptakteure war der Getreidehändler (Kornumstecher) Ehlers, mit dem sich auch Vetter Kirchhoff < S. 482 > angelegt hatte. Angeblich hatte Hocker die Unruhen mit solchen Versen angezettelt:
Wo Helden weilen, die als Zecher,
Als Weinvertilger längst bekannt,
Ich mein die Herren Kornumstecher,
Da ist der Fusel schnell verbrannt!
Mit der Mäßigkeit im Sinne der Oberen der Stadt wurde es nichts, Grund genug für die einfachen Leute, auf das Wohl Wilhelm Hockers anzustoßen. Ihm selbst kam bei dem Konflikt eine Geschäftsidee: Um die Weinliebhaber zu verspotten, lud er alle Weinfreunde ins „Belle Alliance“-Lokal in Eimsbüttel ein, angeblich um den Europäischen Weintrinker-Verein zu gründen. Der Andrang derer, die den Aufruf ernst genommen hatten, war so groß, dass sich der Poet 1844 entschloss, in der Poststraße eine Weinhalle zu eröffnen. Es war ein elegantes Lokal mit großen Spiegeln und mit Gasbeleuchtung, damals noch eine Seltenheit.
Aber Wilhelm Hocker war Poet und nicht Kaufmann, und so musste er mit seiner Weinhalle nach eineinhalb Jahren Konkurs anmelden. Es ging nun steil bergab mit ihm. Er hatte keine Bewunderer mehr und war nach Berichten von Zeitgenossen in einem bemitleidenswerten Zustand. In einem seiner letzten Gedichte schrieb er:
Ich habe die Freuden des Himmels gefühlt
Und getragen die schmerzlichsten Joche;
Ich habe auf seid’nen Matratzen gewühlt
und gelegen im Kellerloche.
1849 musste er erneut wegen „Schmähgedichten“ ins Gefängnis, und dieses Mal infizierte er sich mit Tuberkulose, an der er am 7.Juli 1850 im Alter von erst 38 Jahren im Krankenhaus starb. Was die Obrigkeit von dem Poeten dachte, brachte der Stadthistoriker Dr. J. G. Gallois zu Papier: „Jener Dichterling, nicht ohne eine gewisse Gewandtheit im Reimen, aber ein ebenso charakterloser wie feiger und wüster Geselle, suchte in seiner maßloser Eitelkeit sich zum Wortführer der … öffentlichen Unzufriedenheit zu machen.“
Ganz anders wurde der Dichter im Juli 1843 in der Zeitschrift „Freihafen“ gewürdigt: „Man hat Hocker oft vorgeworfen, daß die Ergüsse seiner Muse nur ein Gifthauch wären, daß er nur niederreiße, heruntermache, mit einem Worte, daß er ein Pasquillant (Verbreiter von Schmähschriften, der Autor) sei, weshalb denn auch alle besseren Literaten sich von ihm abwendeten; aber keine Verurteilung ist wohl ungerechter als diese. Seine Gedichte sind zwar oft beißend, anzüglich und geradezu persönlich, aber was ist die Ursache davon? Der Mangel an Öffentlichkeit und Freiheit in dem freien Staate! Das tiefe Rechtsgefühl, das Hocker’s ganzes Wesen durchdringt, darf sich nicht offen aussprechen über Gebrechen eines Staates, dessen Freiheit lediglich darin besteht, dass seine Bürger auf der Bierbank politisieren dürfen …“
Zwei Jahre vor dem Tod des Poeten gab es 1848 so etwas wie eine Revolution in Hamburg und die reichen Kaufleute konnten die Stadt nicht mehr allein regieren. Der Wahlspruch Hockers hatte gelautet:
Jedoch zum Ruhm des menschlichen Geschlechtes
lebt auch noch heut‘ die Poesie des Rechtes.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
