1841 – Friedrich Eduard Dannenberg gründet ein volkstümliches Theater am Spielbudenplatz

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5, 38 Euro

„Wat heet hier Goethe! Datt sünd nur Utreden! Heiroden sall he se! Heiroden!” Theaterdirektor Dannenberg war machtlos. Schon flogen Äpfel, Kartoffeln und Zigarettenstummel. Anständig zugehen sollte es am Spielbudenplatz außerhalb der Stadt, fand das Publikum, und deshalb hatte Doktor Faust gefälligst Gretchen zu heiraten, egal was dieser Goethe sich ausgedacht hatte. Bevor das Theater kurz und klein gehauen wurde, lenkte der Direktor ein. Die „Faust“-Aufführung bekam einen neuen Schluss, und unter dem Jubel des Publikums heiratete Faust sein Gretchen.

 

Hoch her ging es oft im Elysium-Theater, eine Mitte des 19. Jahrhunderts weit über Hamburg hinaus bekannten Bühne. Der Chef des Hauses, Friedrich Eduard Dannenberg, hatte sich vom Marktausrufer über den Heldendarsteller zum Theaterdirektor hochgearbeitet. Hochnäsig wurde er nicht. Vormittags zog er in Manchesterhose und blauem Hemd durch die Straßen und verkündete lautstark „Schulln, Schulln, Schellfisch un Stenbütt!“

 

Nachmittags legte er seine Ritterrüstung an und lockte die vorübergehenden Seeleute in sein Theater: „Man rin in de Bood, Smuttje, wenn du dien Geld noch nich all versopen hest!“ Jede Aufführung dauerte nur eine dreiviertel Stunde. Das wäre genug fürs Eintrittsgeld, fand Dannenberg und bearbeitete auch Klassiker wie „Wilhelm Tell“ und „Hamlet“ eigenhändig. Diese Stücke pries er als „verkürzt und verbessert“ an.

Auch der Mord an Präsident Lincoln und die Hinrichtung von Kaiser Maximilian in Mexiko wurden verkürzt, aber in ihrer ganzen Schauerlichkeit auf die Bühne gebracht. Ein Erfolgsstück stand in drei Wochen 80 Mal auf dem Programm. Wenn das Theater einmal nicht ausreichend gefüllt war, mussten die Zuschauer so lange auf den Beginn eines Stückes warten, bis der Direktor genügend zusätzliche Personen angelockt hatte.

 

Der Direktor warb nicht nur das Publikum an, er saß auch an der Kasse und spielte anschließend gleichzeitig mehrere Hauptrollen, um Gagen zu sparen. Das erforderte gewisse Eingriffe in Goethes und Schillers Werke, denn selbstverständlich konnten nie zwei von Dannenberg gespielte Helden gleichzeitig auf der Bühne auftreten. Zwischendurch trat der vielbeschäftigte Direktor immer mal wieder vors Theater, um lautstark neues Publikum anzulocken.

 

Die Schauspieler wurden von der Straße weg engagiert, und neben der mäßigen Gage winkte ihnen bei Zufriedenheit des Publikums ein Bier, welches ihnen der Direktor auf offener Bühne reichte. Gelegentlich warf jemand aus dem Publikum den Akteuren auch schon mal eine Mettwurst auf die Bühne. Im Publikum strickten derweil die Damen und tranken Kaffee, während die Männer dem Grog zusprachen. Wenn die kleine Kapelle volkstümliche Weisen spielte, sangen alle mit.

 

Dannenberg war eine stattliche Person, soll aber hässlich gewesen sein, was seinem Selbstbewusstsein nicht schadete. Wir verdanken Carl Hagenbeck < S. 713 >, dem Gründer des gleichnamigen Tierparks, eine Beschreibung des Theaterdirektors, denn als Kind wohnte er mit seiner Familie im gleichen Haus in der Peterstraße: „Schön war der berühmte Mann gerade nicht, denn sein von einem Backenbart umrahmtes Gesicht wurde durch eine eingesunkene Nase entstellt … Dem unschönen Äußeren stand aber ein um so anständigeres Inneres gegenüber.“

 

Auch durch bunte Phantasiekostüme glich Dannenberg sein Manko aus. Er ließ sich durch nichts irritieren. Wenn das Visier seiner Ritterrüstung wieder einmal an unpassender Stelle herunterklappte und ihn zur Gaudi des Publikums mitten im Satz unterbrach, klappte er es seelenruhig wieder hoch und setzte den Satz dort fort, wo das Missgeschick ihn unterbrochen hatte.

 

Der kleine Carl Hagenbeck hatte immer freien Eintritt im Elysium-Theater und erinnerte sich später: „Mehr als einmal habe ich als Galeriebesucher den Aufführungen beigewohnt und die heiter­sten Szenen miterlebt. Mitten in die hochtrabendsten Ritterdialoge sausten zuweilen vom hohen Olymp (der Galerie, der Autor) herab faule Äpfel und Eier auf die Bühne. Während die Vorstellung unterbrochen wurde, stürmten im Laufschritt die Schauspieler zur Galerie, um den Übeltäter an die Luft zu setzen.“

 

 

Improvisation wurde von den Schauspielern erwartet

Zum Textlernen war beim häufigen Programmwechsel kaum Zeit, zumal es keine Textbücher gab, also musste improvisiert werden. Dann kam es vor, dass die Handlung erst auf Umwegen dem vorgesehenen Ende entgegengespielt werden konnte. So auch an einem Abend, an dem ein Stück mit dramatischem Königsmord auf dem Programm stand. Nun gab es zu dieser Zeit noch eine Torsperre am Millerntor, und wer zu spät kam, musste eine Strafe zahlen, um noch in die Stadt gelassen zu werden. Das Stück zog sich hin, Publikum und Direktor wurden unruhig. Nachdem es schon zwei Mal vom Millerntor her geläutet hatte, rief Dannenberg aus dem Zuschauerraum: „Mookt to, mookt to! Dat hett al tweemol lüüdt!“ Auf die Antwort, der König sei noch immer nicht tot, brüllte er zurück „Denn pett em in'n Moors!“

 

Unvergessen auch diese Szene, die Albert Borcherdt in seinem Buch „Das lustige alte Hamburg“ überliefert hat: „Einmal hatte der Ritter Albrecht von Waldsee, indem er … den Bären weidlich mit seinem Schwert bearbeitete, zu sagen: „Hierher Genossen, das Untier ist gleich erlegt! Ein kräftiger Lanzenstoß noch!“, worauf der erzürnte Bär seine Maske abwarf und schrie: „Du verdreite Schinner! Meenst Du, dat ik mi för veer Schilling den ganzen Dag dat Lieb mit din olen Bratspeer tweipeeken laten will?‘“

Der größte Reiz des Elysium-Theaters bestand darin, wie Schauspieler und Publikum miteinander agierten. Johannes Sass hat dies in seinem Buch „Hamburger Originale und originelle Hamburger“ so beschrieben: „Ehe die Vorstellung begann, trat der Kapellmeister des Hauses an ein ziemlich abgespieltes Klavier und fragte die Anwesenden: ‚Wat sall ik för enen opspeeln?‘ Anregungen kamen meistens von der Galerie, wo man alsdann mitzusingen pflegte … Dieses gemütliche Miteinander bestand auch während der Vorstellung. Das Publikum spielte mit, wenn es von der Handlung gepackt war, oder es unterhielt sich, wenn es sich langweilte. Wurde diese Unterhaltung zu laut geführt, so trat Dannenberg, seine Rolle unterbrechend, an die Rampe und rief: ‚Wenn ji nicht ruhig sien wüllt, denn holl ik eenfach op to speeln!‘“ Dann kehrte Ruhe ein, denn alle wussten, dass die Drohung ernst gemeint war.

 

In einem Stück traten vier Kinder als Sprösslinge der gleichen Familie auf. Die vier Jungen waren aber gleich groß und offenbar auch gleich alt. Aus dem Publikum kam mitten im Stück der Ruf: „De Kinner hebbt woll all densülbigern Dag Geburtsdag?“ Dannenberg wurde zornig, unterbrach das Stück und rief dem Zwischenrufer zu: „Jo, du Dööskopp, dat sünd all veer Dwilllings … Teuf man noch twee Minuten, ik koom glieks no di röber!“ Der Direktor kam nicht zu dem Zwischenrufer herunter, und mehr als einmal blieb unklar, ob Zorn und Drohungen gespielt oder echt waren. 

 

Die Presse ignorierte das Erfolgstheater am Spielbudenplatz. Nur einmal wurde es lobend erwähnt, und schon tauchte Dannenberg wutschnaubend in der Redaktion auf: Das dürfe nicht wieder vorkommen! Die Schauspieler seines als „Kunstinstitut“ bezeichneten Theaters hätten daraufhin eine Erhöhung der Gagen gefordert: „De Bande hett dat lesen un will nu Zulag hebben!“ Dabei war der Direktor ohnehin immer knapp bei Kasse, und ohne den morgendlichen Fischverkauf war sein Theater nicht zu erhalten.

 

Wer unzufrieden war, erhielt sein Eintrittsgeld zurück - es soll aber nicht oft vorgekommen sein. Seeleute und Hafenarbeiter, Straßen- und Dienstmädchen genossen die Aufführungen Dannenbergs. Viel Geld war bei diesem Publikum nicht zu verdienen. Zu ihrem 80. Geburtstag hat das „Hamburger Abendblatt“ im September 1957 Johanna Denker besucht, die jüngste Tochter Dannenbergs. Sie erinnerte sich an die Zeiten, als ihre Mutter abends müde aus dem Souffleurkasten stieg und die Kasse zählte, und oft reichte das Geld nicht aus, um die siebenköpfige Familie zu ernähren.

 

Es kam noch schlimmer: „Die große Not zog aber bei uns ein, als mein lieber Vater (1868) starb. Wir beiden jüngsten Mädchen kamen ins Waisenhaus.“ Dort litt sie unter Heimweh und schlechter Behandlung. Sie verdingte sich als Dienstmädchen. Ihr  Leben nahm dann doch noch eine positive Wendung: „Auf dem Werftarbeiterball von Blohm & Voss lernte ich einen jungen Mann kennen. Liebe auf den ersten Blick! Er heiratete mich, und dann begann die schönste Zeit, 54 Jahre einer glücklichen Ehe, aus der Kinder, Enkel und Urenkel hervorgingen.“ Ein Schluss, der auch dem Publikum des Elysium-Theaters gefallen hätte! 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

© Frank Kürschner-Pelkmann