
Der Vater Anton Rées war Hofbankier des dänischen Königs, und so konnte der am 9. November 1815 in Hamburg geborene Sohn das Johanneum und das Akademische Gymnasium besuchen. Anschließend studierte er an der Universität Kiel. Der Doktor der Philosophie wäre gern ein hochangesehener Privatgelehrter oder Professor geworden. Es kam anders, denn sein Vater verlor sein ganzes Vermögen in einer Handelskrise. So entschloss sich Anton Rée, Volksschullehrer zu werden, um rasch Geld verdienen zu können. Volksschullehrer! Die Familie war entsetzt, denn dieser Beruf war weder mit hohem Ansehen noch mit gutem Gehalt verbunden. Er hätte wenigstens eine reiche Frau heiraten können, hieß es in der großbürgerlichen Verwandtschaft.
Anton Rée wurde 1838 von der Israelitischen Freischule am Zeughausmarkt als (schlecht bezahlter) Lehrer angestellt, damals eine Schule für Kinder armer Leute. Bildung war die Grundvoraussetzung für eine Emanzipation der jüdischen Minderheit in Hamburg, davon waren vor allem die liberalen Jüdinnen und Juden überzeugt. Zwar war unter der napoleonischen Herrschaft eine formelle Gleichstellung erfolgt, aber mit dem Abzug der Besatzer verloren die Juden ihre Rechte wieder.
In gewisser Weise war die Gründung der Israelitischen Freischule von 1815 eine Antwort auf die erneute Ausgrenzung der Juden. In einem Entwurf für die Gründung der Schule für Jungen hieß es: „Nichts anderes soll das Streben dieser wohlthätigen Anstalt sein, als gute, brauchbare Dienst- und Gewerbeleute zu bilden, die vermöge eines besseren Unterrichts in ihrem künftigen Stande zufrieden mit Gott und ihrem Geschick leben, und die Religion ihrer Väter durch treue Erfüllung ihrer Pflichten, durch ihre Liebe gegen Staat und Mitmenschen zu erkennen geben.“ Die Schule stand dem religiös liberalen „Tempel-Verein“ nahe.
Anton Rée wirkte mehr als ein halbes Jahrhundert lang als Lehrer und Direktor an dieser Schule, eine Aufgabe, der er bis zu seinem Tod im Jahre 1891 nachging. Zunächst haftete der Bildungseinrichtung noch der Ruf einer Armenschule an. Aber unter dem begnadeten Pädagogen und Reformer Rée änderte sich das rasch. Manfred Asendorf stellte 1985 in einem Vortrag über Rée fest: „In seiner Klasse herrschte nicht, wie sonst üblich, eine schauerliche Friedhofsruhe, sondern eine angstfreie, lebhafte Stimmung.“ Nicht nur, wenn er eine seiner lehrreichen Geschichten erzählte, waren die Schüler aufmerksam. Rée war überzeugt: „Der Lehrer hat Aufmerksamkeit zu erregen.“ Das helfe auch gegen Disziplinschwierigkeiten.
Als Verfechter der jüdischen Emanzipation entwickelte Rée aus der kleinen, rein jüdischen Schule eine Modell-Realschule für 750 Schüler. Von 1859 an wurden auch nichtjüdische Schüler aufgenommen, was erforderlich machte, Hebräisch nicht länger als Pflichtfach zu unterrichten, sondern zum Wahlfach zu machen. Rée setzte sich in seiner Schule dafür ein, dass jüdische und christliche Schüler einander besser kennenlernten und Toleranz entwickelten. Die Namensänderungen der Schule brachten den Wandel zum Ausdruck. Ab 1870 hieß sie „Israelitische Stiftungsschule von 1815“ und ab 1890 „Stiftungsschule von 1815“. Da war der Anteil die christlichen Schüler auf zwei Drittel gewachsen.
Die Schulgebühren waren nach den Einkommensverhältnissen der Eltern gestaffelt. Dass Rée die Prügelstrafe ablehnte, eine angstfreie Atmosphäre schaffen wollte und gezielte Hilfen für schwächere Schüler anbot, hätte ihn auch noch im 20. Jahrhundert zu einem Reformpädagogen gemacht. Die Reformschule blieb eine reine Jungenschule. Dass sie Lehrerinnen einstellte, war in der damaligen Schullandschaft fast schon so etwas wie eine Revolution. Als Lehrer und Direktor formte Rée die Schule so, dass sie zu einem überzeugenden Beweis dafür wurde, dass auch Kinder aus armen Familien höhere Bildungsziele erreichen konnten.
Rée war überzeugt, dass Kinder aus armen Familien nur durch die Allgemeine Volksschule den Zugang zu Bildung erhalten konnten. Er setzte sich über Jahrzehnte dafür ein, dass „die große Frage der Gegenwart gelöst wird, die Frage der Volksschule“. Damals waren die weitaus meisten Schulen der Stadt Privatschulen, in denen Schulgebühren zu zahlen waren und die häufig mit Gewinninteressen betrieben wurden. Arme Kinder hatten hier keinen Platz. Die einzige staatliche Schule war das Johanneum. Vehement kämpfte Rée dafür, dass alle Kinder, egal wie reich oder arm ihre Eltern waren, gemeinsam die staatliche Volksschule besuchen sollten.
Den Gegnern der Volkschule für alle trat Anton Rée 1866 mit seiner Schrift „Die allgemeine Volksschule oder Standesschulen?“ entgegen. Der Behauptung, durch die allgemeine Volksschule entstünde Kindern aus wohlhabenden Familien ein sittlicher Schaden, entgegnete er: „Die große Masse der kleinen Leute steht sittlich durchaus nicht tiefer, als die übrige Bevölkerung. Es ist eine Anmaßung von reichen Leuten, wenn sie sich nicht damit begnügen wollen, mehr Geld zu haben, sondern noch obendrein sittlich besser zu sein behaupten. In Zeiten der Noth, öffentlichen Gefahr pflegen sich oft gerade kleine Leute in überwiegender Zahl durch Dienstfertigkeit, Aufopferungsfähigkeit, Muth, Festhalten am gegebenen Worte auszuzeichnen.“
Die Erbgesessene Bürgerschaft, die darüber zu entscheiden hatte, setzte sich aber aus Wohlhabenden und Reichen zusammen, und die hatten kein Interesse an gemeinsamen Schulen für alle Kinder. Sie verhinderten eine solche Reform, aber immerhin gelang es nach langen Kämpfen, die Volksschule 1870 gesetzlich zu verankern, neben der es aber auch private Grundschulen geben durfte (das änderte sich erst 1920, als die Grundschule für alle eingeführt wurde).
Manfred Asendorf stellte in seinem Vortrag fest: „Man wird bezweifeln dürfen, ob die im Unterrichtsgesetz von 1870 dann verankerte öffentliche Volksschule überhaupt zustande gekommen wäre, wenn nicht Rée unbeirrt auf seinem Posten ausgeharrt hätte.“ Er gilt auch als Vater der Allgemeinen Schulpflicht in Hamburg im Jahre 1870 – in manchen Teilen Deutschlands gab es sie damals bereits seit langer Zeit.
Rée trat in der Politik für soziale Reformen ein. Er gehörte 1848 der Verfassunggebenden Versammlung der Hansestadt an, dann dem Reichstag des Norddeutschen Bundes, der Hamburger Bürgerschaft und schließlich dem Reichstag.
In seiner pädagogischen und politischen Arbeit engagierte er sich für die Gleichstellung der Juden, was für ihn Teil einer „sozialen Umgestaltung“ war. Vor allem ging es ihm um eine soziale Emanzipation: ,,Der Zwiespalt, in welchem die Gesamtheit der Juden mit ihrer Umgebung steht, ist kein bloß religiöser, kein bloß politischer, sondern ein viel bedeutenderer und allgemeinerer; er ist ein sozialer. Die soziale Stellung der Juden muß verbessert werden, erst dann wird das Übel, gegen welches wir streiten, mit der Wurzel ausgerottet werden."
Die Freiheit und Emanzipation, die Rée für die Juden anstrebte, war für ihn nicht auf diese Bevölkerungsgruppe beschränkt. Nach seiner Überzeugung sollte es eine „Freiheit für alle“ geben. Der Pädagoge gehörte der Fortschrittspartei an, und für ihn gehörte die Befreiung der Frau zum Fortschritt. So unterstützte er Emilie Wüstenfeld bei der Errichtung der leider nur kurze Zeit bestehenden Hamburger Frauenhochschule.
Im Reichstag engagierte er sich zum Beispiel 1883 im Namen „vieler deutscher Frauenvereine“ gegen eine geplante Entlassung von 64 Telegrafengehilfinnen - nach Ansicht der damaligen Reichsregierung hatte sich Frauenarbeit in der Verwaltung nicht bewährt. Auch seine Ablehnung der Sozialistengesetze und ebenso der propagierten „Erbfeindschaft“ mit Frankreich weisen Rée als Kämpfer für eine demokratische und tolerante Welt aus. Da war es nur konsequent, dass Rée 1859 zum Gründungsmitglied und ersten Vorsitzenden des Vereins zur Förderung der Gewissensfreiheit wurde.
Nach dem Tod Anton Rées am 13. Januar 1891 brauchte Hamburg bis 1920, um die Reformschule am Zeughausmarkt nach ihm zu benennen. Die Nazis benötigten nur einige Tage Regierungszeit, um die Schule zu schließen. Nach dem Ende ihrer Herrschaft dauerte es dann Jahrzehnte, bis eine Straße in Hammerbrook und eine Schule in Allermöhe nach Anton Rée benannt wurden. Neben dem Eingang seiner früheren Schule am Zeughausmarkt, wo heute die Fachschule für Sozialpädagogik untergebracht ist, brachte man eine Tafel an, die an Anton Rée erinnert, den „Kämpfer für Toleranz und für soziale Gerechtigkeit“.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
