1837 - Lazarus Gumpel finanziert ein vorbildliches Wohnstift für verarmte jüdische Familien

Cover des Buches " Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Lazarus Gumpel hatte das Pech, dass sein Anwesen an der Elbe neben der Villa von Salomon Heine lag. Adolf Strodtmann, Dichter und Heine-Biograf, schrieb über die Beziehungen der beiden reichen Hanseaten: „Die beiden Nachbarn lebten mit einander in einer Art harmlosen Krieges. Jeder suchte dem Andern allerhand Schabernack anzuthun …“ Das war für sich genommen kein Problem für den Nachbarn. Nur erfuhr der Neffe von Salomon Heine, der Dichter Heinrich Heine, von dem „Krieg“. Er hat Lazarus Gumpel nie persönlich kennengelernt, den Nachbarn seines Onkels aber verspottet, indem er im dritten Band seiner „Reisebilder“ eine Figur namens Markese Christophoro Gumpelino aufnahm. Es war ein Zerrbild, das mit dem realen Lazarus Gumpel nichts gemein hatte. So war Gumpel im Gegensatz zu Gumpelino nie zum Christentum konvertiert – und im Gegensatz zu Heinrich Heine. Aber das nützte Lazarus Gumpel nicht viel, er ist seither vor allem durch die Kunstfigur in Erinnerung geblieben.

 

Wer aber war Lazarus Gumpel wirklich? Irmgard Stein hat mit Akribie in dem Buch „Lazarus Gumpel und seine Freiwohnungen in Hamburg“ das zusammengetragen, was über diesen Kaufmann, Reformjuden und Wohltäter noch in Erfahrung zu bringen ist. Zur Welt kam Lazarus Gumpel am 29. April 1770 in Hildesheim. Über seine Jugend ist nichts mehr bekannt. Er heiratete am 4. März 1789 Sophie Meyer (geboren am 29. April 1770) in Hildesheim und betätige sich dort so erfolgreich als Kaufmann, dass er 1796 ein Haus erwerben konnte. 1805 zog Gumpel nach Hannover und erwarb den Status eines Schutzjuden. Zur Familie gehörten neben den Eltern drei Söhne und vier Töchter.

 

1814 zog die Familie nach Hamburg um, und von diesem Zeitpunkt an wissen wir sehr viel mehr über Lazarus Gumpel. Er wurde im November 1814 in die Jüdische Gemeinde aufgenommen, und im folgenden Jahr findet sich dieser Eintrag über ihn im Hamburgischen Adressbuch: „Kaufm. u. Manufakt, Waaren en gros, Neuenwall no 134“. Er konnte in Hamburg kein Grundstück und Haus erwerben, weil Juden das Bürgerrecht verwehrt blieb und dies die Voraussetzung für Grund­erwerb war. Deshalb konnte er das Haus Neuer Wall 134 nur unter Einschaltung eines Mittelsmanns in Besitz nehmen.

 

Lazarus Gumpel gehörte 1817 zum Kreis der Gründungsmitglieder des Neuen Israelitischen Tempel-Vereins. Diese jüdische Reforminitiative führte deutsche Gebete und Predigten ein, ebenso die musikalische Begleitung des Ritus durch gemischten Chor und Orgel. Lazarus Gumpel wurde in die fünfköpfige Deputation des Tempel-Vereins gewählt und gehörte von 1819 an auch dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde an, die sowohl aus orthodoxen als auch liberalen Juden bestand. Auf Initiative der Reformer erfolgte die Umbenennung von „Israeltische Gemeinde“ in „Deutsch-Israelitische Gemeinde in Hamburg“.

Mitte der 1820er Jahre beschloss der Kaufmann Gumpel, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen und seinem ältesten Sohn Gustavo die Leitung der Geschäfte zu übergeben. 1828 erwarb er einen großen Alterssitz in Altona, der vorher dem Oberpräsidenten der Stadt und dessen Frau gehört hatte. Das Anwesen reichte von der Palmaille über den Altonaer Balkon bis zur heutigen Klopstockterrasse und war im Süden von der Elbe begrenzt. Dass ein jüdischer Kaufmann ein solches Anwesen und bald darauf ein weiteres großes Grundstück an der Elbe erwarb, wird viel Aufmerksamkeit erregt haben, aber in Altona war man weniger judenfeindlich eingestellt als im benachbarten Hamburg.

 

Gumpel beteiligte sich an verschiedenen Initiativen mit dem Ziel der bürgerlichen Gleichstellung der Juden in Hamburg, die aber an den judenfeindlichen Einstellungen vieler christlicher Bürger und Politiker scheiterten. Er wandte sich im Alter seinem letzten großen Projekt zu, der Errichtung des Lazarus Gumpel-Stifts. Er hatte schon länger geplant, eine wohltätige Stiftung zu gründen und etwas zu tun, um „der so oft eintretenden gänzlichen Verarmung ordentlicher und täthiger aber unbemittelter Leute vorzubeugen“. Das war ein recht neuer Ansatz der Armutsbekämpfung, denn bisher wurde bereits Verarmten geholfen, während die Präventionsarbeit vernachlässigt worden war.

 

Freiwohnungen für verarmte jüdische Familien

Gumpel war überzeugt, „daß man dem gänzlichen Untergange herunter gekommener Leute am besten dadurch vorbeugen kann, daß man sie von einer ganz nothwendigen jährlich zweymal wiederkehrenden und daher sehr drückenden Ausgabe, nämlich der Miethe befreiet“. Damals war es üblich, dass Mieter nicht monatlich, sondern halbjährlich zu Zahlungen verpflichtet waren. Wer über ein ausreichendes Einkommen verfügte, legte jeden Monat Geld für die nächste Mietzahlung zurück. Aber wer ohnehin über ein unzureichendes Einkommen verfügte, der konnte nichts sparen und musste am nächsten Zahlungstermin einen teuren Kredit aufnehmen, was die finanzielle Miesere weiter verschärfte und oft in der Obdachlosigkeit mündete.

 

Gumpel wollte mit seiner Stiftung erstmals jüdische Freiwohnungen schaffen und damit die Familien vorbeugend vor Zahlungsunfähigkeit und Obdachlosigkeit bewahren. Es sollten Familien in die Freiwohnungen einziehen, deren Einkommen für den Lebensunterhalt ausreichte, wenn sie von den Mietzahlungen befreit sein würden. Unter Einschaltung eines christlichen Mittelsmanns konnte er im November 1837 ein Grundstück an der Schlachterstraße in der Nähe des Großneumarkts erwerben.

 

Auf dem Grundstück standen an der Straße zwei Wohnhäuser, deren Wohnungen vermietet wurden, um den Unterhalt der Freiwohnungen zu ermöglichen. Im Hof entstanden insgesamt 41 Stiftswohnungen in mehreren Gebäuden. Die Stiftung vergab sie an ausgewählte bedürftige Familien. Das Lazarus Gumpel-Stift entwickelte sich zum Vorbild für weitere jüdische Stifte sowie für Stifte, die jüdische und christliche Familien aufnahmen. Kurz erwähnt werden kann hier nur das jahrelange Engagement Gumpels gegen eine Diskriminierung der Juden und für ihre Emanzipation. Dabei arbeitete er sehr eng mit Gabriel Riesser zusammen.

   

Lazarus Gumpel starb am 9. November 1843. Das von ihm begründete Stift wurde während der Naziherrschaft aufgelöst. Vom Oktober 1941 bis zum Juli 1942 deportierten die Nazis 127 Menschen von den Gebäuden des Lazarus Gumpel-Stiftes aus in Konzentrationslager. Die Stiftgebäude wurde im Juli 1943 durch Bomben zerstört und nicht wieder aufgebaut. Die Schlachterstraße ist vom Stadtplan verschwunden.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann