
„Ich beuge mich Ihrem Wunsche, aber nicht aus Überzeugung!“ Wer sich dem Wunsch eines Theaterdirektors beugte, war Henrik Ibsen. Er schrieb 1880 einen zweiten Schluss seines Schauspiels „Nora“, und nun blieb Nora bei Mann und Kindern. Im Thalia Theater endete das Stück deshalb 1880 mit einer idyllischen Familienszene. Das Publikum verließ zufrieden das Haus, und der Direktor war es auch. Der zweite, versöhnliche Schluss von „Nora“ wird heutzutage nur noch selten gespielt, aber es gibt ihn immerhin dank dem Thalia-Direktor Chéri Maurice.
Charles Maurice Schwartzenberger wurde am 29. Mai 1805 in der französischen Stadt Agen geboren, aber unter diesem Namen kennt ihn kaum jemand, wohingegen er unter seinem Künstlernamen Chéri Maurice Hamburger Theatergeschichte schrieb. Eine solche Karriere war ihm nicht ins Stammbuch geschrieben, eher schon die Fortführung der kleinen Likörfabrikation, die die jüdische Familie zunächst in Frankreich und von 1826 an in Hamburg betrieb.
Der Umzug der Familie nach Hamburg war wohl darin begründet, dass die große französische Einwandererkolonie in der Stadt einen lukrativen Markt für französische Spirituosen erwarten ließ. Ausländer und Jude zu sein, das war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Hamburg weiterhin ein Makel, auch wenn der Geist der Aufklärung und die industriellen Umbrüche die alte Ordnung allmählich überwanden.
Immerhin durfte die Familie Schwartzenberger ihre Fabrik eröffnen und ebenso das Tivoli am Besenbinderhof, ein Vorläufer heutiger Vergnügungsparks mit Gauklern, Feuerschluckern, einer 200 Meter langen Rutschbahn und anderen Attraktionen. Hier im Tivoli durfte der erst 24 Jahre alte Charles 1829 ein Sommertheater eröffnen. Gespielt wurde in einem Freilichttheater. Mit plattdeutschen Schwänken und aus dem Französischen übersetzten Unterhaltungsstücken lockte Charles, der sich den Künstlernamen Chéri Maurice zugelegt hatte, Tausende von Hamburgern ins Tivoli.
Die Theaterwelt wurde auf den jungen Theaterdirektor aufmerksam. Bereits zwei Jahre später berief man ihn zum Mitdirektor des Steinstraßen-Theaters, und er konnte nun sommers wie winters Stücke aufführen. Beide Theater führte er nicht nur zu künstlerischen Erfolgen, sondern auch in die schwarzen Zahlen. Und da geschäftlicher Erfolg in Hamburg zählte und Chéri Maurice sich taufen ließ, konnte er am 20. Juli 1832 den Bürgerbrief erwerben.
Einige Tage später heiratete er die Bürgertochter Emilie Möller, mit der er einen Sohn hatte. Schon damals legte Chéri Maurice großen Wert auf ein niveauvolles Unterhaltungstheater. Der Theaterhistoriker Paul Möhring schrieb über den Theaterdirektor: „Unter ihm wurde vortrefflich Komödie gespielt. Maurice duldete nicht die geringste Nachlässigkeit und verlangte von seinen Mitgliedern denselben Eifer, wie er von Darstellern eines Hoftheaters gefordert wurde.“
Nach dem Großen Brand von 1842 verschärfte die Stadt die feuerpolizeilichen Bestimmungen für Theater und das Steinstraßen-Theater musste schließen. Der wohlhabend gewordene Chéri Maurice ließ daraufhin am Pferdemarkt (heute Gerhart-Hauptmann-Platz) das Thalia Theater bauen, gegenüber vom jetzigen Theater. Ein halbes Jahrhundert lang leitete er von 1843 an das Theater und machte es zu einer der anerkanntesten Bühnen Deutschlands. Man sprach von der „norddeutschen Burg“, verglich das Theater also mit dem Wiener Burgtheater.
Alle gesellschaftlichen Kreise strömten in das Thalia Theater, das 1.300 Plätze bot. Um das Stadttheater vor der Konkurrenz zu schützen, verbot man Chéri Maurice, Trauerspiele und Opern aufzuführen, und auch die Höhe der Eintrittsgelder wurde reglementiert. Der Theatergründer musste sich sogar gegen das städtische Ansinnen zur Wehr setzten, sein Haus Zweites Theater zu nennen. Der Theaterdirektor nahm die leichte Muse ernst und führte sie zu einer bis dahin nicht gekannten Blüte.
Verglichen mit anderen Unterhaltungstheatern bot das Thalia Theater ein sehr hohes Niveau. Allen konnte es das Theater allerdings nicht recht machen. Der Theaterkritiker Hermann Uhde schrieb 1872: „Etwas Jammervolleres wie jetzt dies Thalia Theater ist nicht zu denken … fast nur Pariser Machwerke, geile und zotige Stücke – gräßlich!!“ In der Stadt mokierten sich manche Leute über den jüdischen Emporkömmling, aber die Anerkennung überwog.
Lange Zeit hatte Chéri Maurice mit Auflagen zu kämpfen. Der Senat ordnete 1854 zum Schutz des städtischen Stadttheaters an, dass das Thalia Theater keine Schauspiele mehr aufführen durfte und auch keine Lustspiele mit mehr als zwei Akten. Der Theaterdirektor musste immer wieder Bußgelder zahlen, und vor Gericht wurde gestritten, ob ein Stück ein Schauspiel oder ein Lustspiel war. Chéri Maurice verlor immer, denn die „gehobenen“ Kreise in Hamburg waren sich einig, das Stadttheater mit seinen Opern und ernsten Theaterstücken vor der Konkurrenz des populären Unterhaltungstheaters zu schützen. Dem Publikum gefiel das Thalia-Programm einschließlich der plattdeutschen Stücke weiterhin, gerade auch die französischen Komödien. 1860 gab die Stadt nach und hob alle Restriktionen auf.
Chéri Maurice reiste kreuz und quer durch Deutschland und warb die besten Schauspielerinnen und Schauspieler ab, sodass er sich den Ruf des „Rattenfängers von Hamburg“ einhandelte. Der Theaterdirektor erwarb sich große Verdienste um den Aufbau und die Förderung eines festen Ensembles und besonders des Theaternachwuchses. Der Theaterkritiker Paul Lindau stellte 1872 fest: „Fast alle Schauspieler, welche heutzutage in der Künstlerwelt einen klangvollen Namen haben, sind bei Maurice in die Schule gegangen und von ihm ausgebildet worden.“
Die Leistungen des Theaterdirektors werden noch deutlicher, wenn man erwähnt, dass jedes Jahr bis zu 100 Stücke zur Aufführung kamen. Der kleine energische Mann übernahm zwei Mal zusätzlich die Leitung des Stadttheaters, aber das war auch für ihn zu viel, sodass er sich hinfort wieder auf sein Thalia Theater konzentrierte und es noch als Achtzigjähriger leitete. Dann übernahm sein Sohn ohne großen Erfolg die Leitung. Als dieser überraschend 1893 starb, ergriff der Vater mit 89 Jahren noch einmal für eine Spielzeit das Zepter in seinem Theater. Am 27. Januar 1896 starb Chéri Maurice, der erfolgreichste Hamburger Theaterdirektor des 19. Jahrhunderts.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
