
„Almosen geben, so wenig wie möglich, aber genügenden Lohn dem fleißigen Arbeiter.“ Das war nicht die Forderung eines sozialistischen Arbeiterführers, sondern einer Frau, die so gar nichts mit der Arbeiterbewegung gemein und für sie übrig hatte. Amalie Wilhelmine Sieveking wurde am 25. Juli 1794 in Hamburg geboren. Ihr Eltern gehörten einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Familiendynastien der Hansestadt an.
Aber die Tochter erlebte trotzdem keine sorgenfreie Kindheit, denn ihre Mutter starb, als sie fünf Jahre alt war, ihr Vater zehn Jahre später. Zwar war der Vater, wie es fast schon Familientradition war, Ratsmitglied gewesen, aber angesichts des Zusammenbruchs der Handelsbeziehungen während der Napoleonischen Kriege war er verarmt, sodass Amalie und ihre drei Brüder nach seinem Tod mittellos dastanden.
Amalie Sieveking konnte froh sein, dass Verwandte sie aufnahmen. Aber bald bekamen auch sie Finanzprobleme, für Amalie Sieveking ein „belehrendes Beyspiel von der Vergänglichkeit des Irdischen! ... Thöricht, wer sich verläßt auf Reichthum u. Glücksgüter, die heute das Auge blenden und morgen welken u. verschwinden. Nur der innere Friede, nur die göttliche Religion sind unverwüstliche Schätze, die uns aufrecht erhalten können in allen Stürmen des Lebens.“
So war es eine Befreiung aus familiärer Abhängigkeit, als Madame Brunnemann sie 1811 als Gesellschafterin zu sich nahm und Amalie Sieveking zusätzlich Privatunterricht erteilen konnte. Die Konvention hätte nun von ihr erwartet, möglichst bald einen jungen Mann aus vermögendem Hause zu heiraten, ihm den Haushalt zu führen, Kinder auf die Welt zu bringen und sie zu erziehen. Aber Amalie Sieveking gab ihre Unabhängigkeit nicht auf und heiratete nicht. Sie fügte sich aber auch nicht in die Rolle der langsam dahinwelkenden Jungfer, die möglichst unauffällig bei Verwandten wohnte, diese in ihrem Haushalt unterstützte und dafür Kost und Logis erhielt.
Amalie Sieveking wollte einen selbstständigen Weg einschlagen und sich dafür einsetzen, dass Frauen, vor allem die unverheirateten unter ihnen, mehr Anerkennung und Entfaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft erhielten. Sie stellte sich 1823 gegen die gesellschaftliche „Convention“, als sie ein Buch veröffentlichte, zwar ohne ihren Namen auf dem Umschlag, aber wer die Verfasserin war, sprach sich rasch herum. „Betrachtungen über einzelne Abschnitte der Heiligen Schrift“ hieß das Werk, in dem sie biblische Texte Vers für Vers auslegte und gleich praktische Anwendungen für die christliche Lebensgestaltung hinzufügte. Fernab aller kritischen Bibelwissenschaft verstand Amalie Sieveking die Bibel – wie die meisten ihrer Zeitgenossen - wortwörtlich als Gottes Wort und als Anleitung zu einem gottesfürchtigen Leben: „So sollt' ich doch noch einmal zu dem festen, kindlichen Glauben an die trostreiche Versöhnungslehre kommen!“
Eine Frau, die dazu noch der von der etablierten Kirche in Hamburg bekämpften Erweckungsbewegung nahestand und über keine theologische Ausbildung verfügte, schrieb ein religiöses Buch – die Empörung war groß, zumal sie das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ auch für die Frauen einforderte. Der ihr freundlich gesinnte Teil des hanseatischen Bürgertums überging das Buch stillschweigend, andere kritisierten es heftig. Aber sie ließ sich nicht beirren und schrieb weitere Bücher, von deren Einnahmen sie aber nicht leben konnte.
An eine Berufstätigkeit im heutigen Sinne war für die Tochter aus einer bekannten Familie nicht zu denken. Darunter litt sie: „Glaubt es mir, in hundert Fällen dürfen wir Unverheiratheten das Gute nicht thun, wozu unser Herz uns treibt, weil uns das Ansehen eines entscheidenden geheiligten auch von der Welt anerkannten Berufes fehlt.“ Um sich aus dieser Notlage zu befreien, reifte in ihr der Plan, eine Schwesternschaft zu gründen, die sich um die Armen und Kranken der Stadt kümmern sollte.
Amalie Sieveking hatte sich erst ganz allmählich der evangelischen Erweckungsbewegung angenähert: „Ein schönes Licht geht mir dämmernd auf.“ Bald gehörte sie zum Kreis der „Erweckten“ in Hamburg, zu deren führenden Mitgliedern Pastor Rautenberg zählte. Mit ihnen teilte sie nicht nur den Wunsch, ihre Kirche zu erneuern und die Christenheit zu neuem geistlichem Leben zu erwecken, sondern auch die Sorge um die Armen.
Die Choleraepidemie des Jahres 1831 nahm Sieveking zum Anlass, einen „Aufruf an christliche Seelen“ zur Gründung eines Hilfsvereins zu richten. Aber keine einzige Frau meldete sich, wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil die Sorge in der Bevölkerung groß war, sich durch die Behandlung der Kranken selbst anzustecken. Also entschloss sie sich, allein als Helferin in ein Krankenhaus für Cholerakranke zu gehen. Sie pflegte die Kranken aufopfernd und hatte sich rasch das Vertrauen von Patienten und Ärzten erworben.
Als die Cholera abebbte, warb Amalie hartnäckig für den Gedanken einer Schwesternschaft, ähnlich den Frauenorden der Katholiken. Das gelang nicht, aber immerhin hatte sie bis 1832 dreizehn Frauen gefunden, die mit ihr zusammen einen diakonischen Verein gründeten, um sich um Kranke und Arme zu kümmern, den Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege. Sie alle waren, schrieb Amalie Sieveking, „beseelt von einem Liebeseifer, der seinen Grund hat im lautern evangelischen Glauben“.
Da die Frauen aus reichen oder zumindest wohlhabenden Familien kamen, war eine Bezahlung nicht erforderlich, was die Finanzierung der Arbeit des Vereins sehr erleichterte. Angesichts der großen Not in vielen Hamburger Stadtteilen war sich Sieveking bewusst, dass ihr Verein nur einer kleinen Gruppe von Menschen direkt helfen konnte. So bemühte sich der Verein darum, Menschen darin zu unterstützen, aus eigener Kraft zurechtzukommen und vor allem eine bezahlte Arbeit zu finden, von der sie leben konnten.
Das Ansinnen, wie damals in ähnlichen kirchlichen Zusammenschlüssen üblich, einen Mann an die Spitze des Vereins zu stellen, möglichst einen „würdigen Geistlichen“, beantwortete Amalie Sieveking so: „Das Bedürfniß, einen Mann an die Spitze des Ganzen zu stellen, wird von uns … nicht empfunden.“ Der selbstständige Verein von Frauen stieß auf Vorbehalte in der bürgerlichen Gesellschaft, aber an solche Vorbehalte hatte sich die tatkräftige Sieveking gewöhnt und vertraute auf ihren Gott, der sie sicher durchs Leben leiten würde: „In der Unterhaltung mit Gott stellte sich mir das Eine, das noth ist, lebhaft vor Augen, und dadurch erhielten die kleinen Uebel, die ich vorher in Riesengestalt gesehen hatte, ihre Zwergenhaftigkeit wieder.“
Als Skandal empfand sie es, wie schlecht viele Menschen bezahlt wurden „O wer sich doch darauf verstände, das Gewissen der Arbeitgeber zu schärfen! Was ich im Auge habe, ist vornehmlich die Gewissenlosigkeit, mit der manche jede schuldige Rücksicht auf Gesundheit und Moralität ihrer Arbeiter versäumen.“ Allerdings, aus der Analyse der Missstände gelangte sie nicht zu den radikalen Forderungen der Sozialisten nach einer radikalen Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft. Sieveking blieb hier ihrem bürgerlichen Hintergrund verhaftet und lehnte außerdem die gegen die Kirche gerichteten Tendenzen in der Frauen- und Arbeiterbewegung ab.
Sievekings und die Frauen ihrer Gemeinschaft sowie zahlreiche freiwillige Helferinnen kümmerten sich aufopferungsvoll um Bedürftige, und dank vieler Spenden war es möglich, von 1839 an ein Kinderhospital und einige Wohnstifte für bedürftige Menschen zu errichten. Von denjenigen, die Hilfe erhielten, wurden Fleiß, Verzicht auf übermäßigen Alkoholkonsum, Ordnungsliebe und ein gottesfürchtiger Lebenswandel erwartet. In einem Brief zu den Zielen der Wohnstifte schrieb Sieveking: „Der Vorteil aber, den ich mir von diesem Zusammenwohnen einiger unserer Armen verspräche, bestünde vornehmlich in der genaueren moralischen Aufsicht, die hier möglich wäre.“
Unermüdlich war Amalie Sieveking selbst unterwegs, um Kranke zu besuchen und für die Unterstützung von Hilfsbedürftigen zu werben. Diesem Ziel dienten auch ihre erwecklichen Schriften, aber zum Schreiben kam sie bei ihrem 18-Stunden-Tag nur noch recht selten. Sie starb am 1. April 1859, und ihrem Wunsch gemäß hat man sie in einem Armensarg beigesetzt. An ihrem Grab standen Menschen aus der Oberschicht und ganz Arme und gaben einer Frau das letzte Geleit, die ein Leben für die Kranken und Armen einem Leben im goldenen Käfig einer gutbürgerlichen Familie vorgezogen hatte.
Das Amalie Sieveking Krankenhaus in Volksdorf und der Amalienstift in St. Georg tragen den Namen der Gründerin diakonischer Einrichtungen. Der Amalie-Sieveking-Weg in Volksdorf erinnert ebenfalls an sie.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
