
„Nie hat wohl zwischen einem Vater und seinem Kinde, so groß auch Eltern- und Kindes-Liebe sein mag, eine größere, innigere Liebe, ja, ich möchte sagen, Sympathie, existirt, als zwischen dem meinigen und mir, auch war unsere innere und äußere Aehnlichkeit sehr groß … Ich saß still neben ihm, wenn er las oder schrieb; sah ihm zu, wenn er malte, lauschte mit unbeschreiblichem Entzücken seinem Gesange am Clavier oder an der Harfe zu, die er beide meisterhaft spielte, und begleitete ihn sogar, wenn er seine Kranken besuchte, denn selbst dann, besonders wenn er zu Wagen weite Touren zu machen hatte, mochte er sich nicht von mir trennen.“
Es waren dies wohl die glücklichsten Jahre ihres Lebens, die Amalie Weise als Kind mit ihrem Vater auf der Insel Fehmarn verbrachte. Sie wurde am 9. Oktober 1791 als Tochter des Inselarztes geboren und genoss das ruhige Leben in einer wohlhabenden Familie. Das änderte sich 1798, als ihr Vater starb. Die Mutter musste nun arbeiten und gab ihre Tochter in Pflege zu einem Onkel.
Es muss ein schreckliches Erwachen gewesen sein, als die trauernde Amalie feststellen musste, dass sie nun im Haus eines alkoholkranken und gewalttätigen Verwandten leben musste. In ihrer autobiographischen Erzählung „Clementine“ schilderte sie später diese Erfahrungen auf erschütternde Weise: „Wehe ihr, wenn sie sich aus Unkenntnis des Weges verirrt hatte und eine Minute nur später ausblieb, als ihr Peiniger hätte haben wollen! In diesem Falle blieb die Züchtigung nie aus, die, um das Übermaß ihrer Leiden zu vermehren, auf eine wahrhaft teuflische und alles ertödten müssende Weise an ihr vollzogen wurde. Der Onkel sah dann auf die Uhr, deutete auf die ihr zur Rückkehr bestimmte Zeit, nahm den starken Haselstock, den besten Gehülfen seiner Erziehungsmethode ... und führte sie in das Gehölz hinab, wo er sie so lange schlug, bis sie – nicht mehr schrie und weinte.“ In dieser Zeit fing sie an, heimlich Gedichte und Geschichten zu schreiben.
1802 heiratete die Mutter den Hamburger Kaufmann Johann Georg Burmeister und holte ihre Tochter zurück zu sich. Aber das Leben wurde erneut belastet, als ihr Stiefvater in der Zeit der französischen Herrschaft Konkurs anmelden musste. Die fünfzehnjährige Amalie nahm daraufhin 1806 eine Stelle als Hauslehrerin an und schrieb weiter Gedichte, Erzählungen und Romane. Sie gehörte in dieser Zeit einem Kreis junger Literaten an, in dem sie viel Anerkennung fand.
1811 lernte sie den Jurastudenten Friedrich Heinrich Schoppe kennen. Er liebte sie, sie ihn aber nicht, erwartete aber bald ein uneheliches Kind von ihm. Sie flüchtete nach Fehmarn, wo sie 1813 ihren ersten Sohn zur Welt brachte. Unter dem sozialen Druck als Mutter eines unehelichen Kindes heiratete sie 1814 den Vater. Es war erkennbar eine Zweckehe, und sie bestand darauf, dass ihr Mann noch am Tage der Heirat auf Fehmarn die Insel wieder verließ. Sie blieb auf Fehmarn wohnen, während er in Hamburg lebte. Erst 1817 zogen sie in eine gemeinsame Wohnung in Hamburg, es blieb eine unglückliche Ehe, und sie zog nach einigen Monate wieder aus. Aber sie wurde in dieser Zeit erneut schwanger und gebar ihren zweiten Sohn im Mai 1818.
Bald darauf gründete sie gemeinsam mit einer Freundin eine private Mädchenschule in Wandsbek. Aber diese Freundin erwies sich als unzuverlässig, und die Schule musste bald wieder geschlossen werden. Amalie Schoppe sah sich nun mit hohen Schulden konfrontiert und entschloss sich, noch einmal zu ihrem Ehemann zurückzukehren. Wieder scheiterte der Versöhnungsversuch und wieder wurde sie schwanger. Sie trennten sich endgültig, ohne sich jemals scheiden zu lassen.
Amalie Schoppe war nun die Mutter von drei Söhnen. Dank eines enormen Arbeitspensums verdiente sie gut mit ihrer journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit und konnte den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder finanzieren. Aber ihre „Schreibwut“ nahm solche Ausmaße an, dass diese nicht nur Bewunderung, sondern auch Verwunderung auslöste. Etwa 200 Bücher hat sie veröffentlicht, dazu eine große Zahl von Artikeln. 1827 gründete sie die wöchentliche Zeitschrift „Neue Pariser Modeblätter“ mit einer literarischen Beilage. Viele wären mit der Herausgabe der Zeitschrift vollauf beschäftigt gewesen, aber Amalie Schoppe setzte parallel ihre schriftstellerische Arbeit fort.
Sie machte es sich zur Aufgabe, junge Literaten zu fördern, so auch Friedrich Hebbel < S. 424 >, der unter bedrückenden Verhältnissen in Wesselburen lebte. Sie veröffentlichte seine Gedichte und ermöglichte es ihm auch, nach Hamburg zu kommen, um seine Bildung zu erweitern. Sie verschaffte ihm einige „Freitische“. Er konnte von da an regelmäßig bei einigen reichen Familien als Gast essen, war aber empört über deren gönnerhaftes Verhalten. Auch zerstritt er sich mit Amalie Schoppe, obwohl sie mit einer Geldsammlung die ersten Mittel für sein geplantes Studium zusammenbekommen hatte. Er fühlte sich von ihr gegängelt. Hebbel war bald in erster Linie auf die Unterstützung von Elise Lensing angewiesen, die sich in ihn verliebt hatte, aber über keine großen Geldmittel verfügte. Amalie Schoppes Förderung anderer Dichter endete nicht selten ebenfalls mit Konflikten.
Sie gründete einen der damals in gebildeten Kreisen sehr beliebten Salons, in dem auch der Dichter Wilhelm Hocker regelmäßiger Gast war. Vor allem aber schrieb sie unentwegt: „Es ist mein Unglück, daß eine so große Fülle von Stoff noch in mir ist … Es treibt und drängt ständig in mir; Bild reiht sich an Bild, ja, alles was sich mir im Leben als bemerkenswert darbietet, wird in mir zur Erzählung, zum Roman …“ Der Literaturwissenschaftler Axel Walter hat ihren Drang, immer weiter zu schreiben, angesichts ihrer oft trüben Lebenssituation so gedeutet: „Sie hat sich dann immer in eine Nische zurückgezogen und in ihrer eigenen, sehr viel glücklicheren Welt gelebt. Ein Eskapismus, den heute noch jeder verstehen kann. Und das hat sie über Wasser gehalten.“
Sie brauchte immer wieder etwas, was sie am Leben hielt. Ihr ältester Sohn starb 1833 an Schwindsucht, der zweite Sohn starb auf Java, wohin er wegen hoher Schulden geflüchtet war. 1842 zog Schoppe mit ihrer Mutter nach Jena, wo diese aber bereits ein Jahr später starb. Als ihr jüngster Sohn wegen Unterschlagung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, kehrte sie nach Hamburg zurück und besuchte ihn regelmäßig im Gefängnis. Nach seiner Freilassung wanderte er nach Amerika aus, und die Mutter folgte ihm 1851, wo sie am 25. September 1858 nach einem Schlaganfall starb.
In Barmbek erinnert der Amalie-Schoppe-Weg an die Schriftstellerin. Einige wenige ihrer Bücher sind im Buchhandel lieferbar.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
