Rosa Maria Assing eröffnet 1823 einen literarischen Salon in der Poolstraße

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

„Es ist wahr, er spricht viel und gern über sich selbst, aber immer geistreich, und ich mag mich sehr gern im Gespräch mit ihm ergehen; auch verhehle ich nicht, wie sehr mir die Beschreibung seiner Harzreise gefallen hat.“ Das schrieb Rosa Maria Assing 1826 nach einem Besuch von Heinrich Heine im literarischen Salon in der Hamburger Poolstraße, zu dem sie mit ihrem Mann David Assing einlud. Hier trafen sich viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Karl Gutzkow und Amalie Schoppe. Friedrich Hebbel besuchte nicht nur den Salon, sondern erhielt auch eine medizinische Behandlung durch den Ehemann.

 

Und hier war seit 1823 auch Heinrich Heine häufiger zu Gast, den David Assing eitel und egoistisch fand, seine Frau aber sehr schätzte und sich von ihm zum Verfassen eigener Gedichte inspirieren ließ. Heinrich Heine schrieb später über seine Beziehung zu der Salonière: „Wir, wir verstanden einander durch bloße Blicke, wir sahen uns an und wussten, was in uns vorging …“. Zum literarischen Salon kamen auch bekannte Aufklärer wie Gabriel Riesser. Neben Diskussionen und Lesungen gehörte auch das Lesen mit verteilten Rollen von Dramen von Autoren wie Shakespeare und Goethe zum Angebot des Salons. Als die beiden Assing-Töchter älter wurden, beteiligten sie sich mit engagierten Beiträgen an den Gesprächen im Salon.

 

Die spätere Salonière Rose Maria Varnhagen kam am 28. Mai 1783 in Düsseldorf zur Welt. Ihr Vater war der Medizinalrat Johann Andreas Jacob Varnhagen. Die Mutter Anna stammte aus einer wohlhabenden Familie in Straßburg. Sie war Protestantin, ihr Mann Katholik. Für ihr Kinder wählte das konfessionsverschiedene Paar eine pragmatische Lösung: Rose Maria wurde evangelisch getauft, der Bruder katholisch. Die Kinder wurden von einem Hauslehrer unterrichtet.

  

Kindheit in einer Familie, die Sympathie für die Französische Revolution hegte

Beide Eltern setzten sich für Menschenrechte ein und hegten große Sympathien für die Französische Revolution, auch wenn sie die Gewaltexzesse ablehnten. Die Tochter wurde von diesen politischen Überzeugungen beeinflusst und spielte auf der Gitarre die Marseillaise und revolutionäre französische Lieder.

 

1790 zog die Familie nach Straßburg, wo der Vater gern Universitätsprofessor geworden wäre. Als dieser Plan scheiterte, zog der Vater mit seinem Sohn zurück nach Düsseldorf, während Mutter und Tochter zunächst in Straßburg blieben. Hier besuchte Rosa Maria eine reformpädagogische Schule und erhielt wichtige Impulse für ihre spätere pädagogische Arbeit. Der Vater sah sich wegen seiner Sympathien für die Französische Revolution in Düsseldorf wachsenden Schwierigkeiten ausgesetzt. Er verlor das Bürgerrecht und durfte sich nur noch tagsüber in der Stadt aufhalten. Er zog daraufhin 1794 mit seinem Sohn nach Hamburg, wohin ihm zwei Jahre später Mutter und Tochter folgten.

 

Engagement für eine selbstbestimmte Haltung der Frauen

Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1798 gerieten Witwe und Kinder in materielle Not. Ein Freund der Familie ermöglichte es dem Sohn Karl August, in Berlin ein Medizinstudium zu beginnen. Die 17-jährige Rosa Maria verfügte inzwischen über eine solche Bildung, dass sie eine Stelle als Erzieherin fand und mit dem Gehalt ihre Mutter unterstützen konnte. Einige Jahre später arbeitete sie als Gesellschafterin. 1811 eröffnete sie mit finanzieller Unterstützung ihres bisherigen Arbeitgebers ein Mädchenpensionat in Altona, das sie drei Jahre später nach Hamburg verlegte.

 

Sie veröffentlichte bereits in dieser Zeit Gedichte und Novellen. Nikolaus Gatter schreibt in einem Aufsatz über sie und ihre Schwägerin Rahel Varnhagen über Rosa Marias literarische Arbeit: „Ihre Stoffe entnahm die Autorin der Historie und Sagenwelt, dem Kleinbürger- und Handwerkeralltag. Sie warnte vor zwanghafter Anpassung an Tugendkataloge, vor der Unfreiheit zu früh geschlossener Ehen, forderte die Frauen zu selbstbestimmter und weltoffener Haltung auf.“ Auch als Übersetzerin altfranzösischer Texte machte sie sich einen Namen.

  

Das Glück in einer sehr harmonischen Ehe

1814 heiratete ihr Bruder Karl August Varnhagen die Jüdin Rahel Levin, die als Rahel Varnhagen als Schriftstellerin und als Gastgeberin eines literarischen Salons in Berlin berühmt wurde. Anfang 1816 verlobte sich Rosa Maria Varnhagen mit dem Arzt David Assur, der an den Freiheitskriegen teilgenommen hatte und der wie sie lyrische Werke veröffentlichte. Er stammte aus einer jüdischen Familie, ließ sich aber taufen, um in Hamburg als Arzt praktizieren und eine Christin heiraten zu können. Er veränderte aus diesem Anlass seinen Nachnamen in Assing. Im November 1816 fand die Heirat statt, und im folgenden Jahr kam der Sohn Carl Eginhard zur Welt, der aber nach kaum einem Jahr starb. Die Assings bekamen danach noch zwei Kinder, die Töchter Ottilie und Ludmilla.

 

Ihr Glück in einer sehr harmonischen Ehe hat Rosa Maria Assing in dem Gedicht „Rückblick“ der Nachwelt vermittelt:

 

    Es waren schwere Zeiten,

Die Welt bedränget hart,

Kein Lichtblick wollt‘ erhellen

Die trübe Gegenwart.

Da blühte unsre Liebe

So rein, so mächtig auf,

Da wurde hell und sonnig

Uns trüber Tage Lauf.

  

Die Eröffnung eines literarischen Salons

Die Familie bezog ein bescheidenes Haus in der Poolstraße, damals ein dicht besiedeltes Wohngebiet in der Hamburger Neustadt, wo überwiegend Juden lebten. In ihrem kleinen Haus eröffneten Rose Maria Assing und ihr Mann ihren literarischen Salon. Aber auch künstlerisch blieb die Salonière weiter tätig. Schon in früher Kindheit hatte sie gemeinsam mit ihrem Bruder die Kunst des Scherenschnitts geübt. Als Erwachsene vertiefte sie ihre Fähigkeit, kunstvolle Scherenschnitte zu erstellen.

Renate Schipke hat in der Zeitschrift des Deutschen Scherenschnittvereins betont, dass diese sich „durch eine außergewöhnliche Feinheit und handwerkliche Vollkommenheit auszeichnen“. Es sind Scherenschnitte zu einem breiten Spektrum von Themen erhalten geblieben: tropische Landschaften mit Kamelen und Krokodilen, Märchenlandschaften, Fabelwesen, Schmetterlinge und sehr viele filigran dargestellte Blumen.

 

Renate Schipke schrieb zu den Scherenschnitten: „Diese kleinen Miniatur-Kunstwerke spiegeln die ästhetischen Anschauungen eines bestimmten Zeitgeistes – der Romantik – wider. Das phantasievolle, traumhafte, schwebende, von der Wirklichkeit gelöste Dasein und das Hinübergleiten in eine mystische Märchenwelt fand in dem zerbrechlichen und empfindlichen Material, dessen Bearbeitung besonderer Vorsicht, Geschicklichkeit und gefühlvoller Hingabe bedurfte, eine adäquate Ausdrucksmöglichkeit.“ Manche ihrer Scherenschnitte wurden in eine Kunstausstellung in Hamburg aufgenommen.

 

Rosa Maria Assing unternahm mit ihren beiden Töchtern mehrere Bildungsreisen, die sie 1835 auch nach Paris führten, wo sie Heinrich Heine besuchten. Sie starb am 22. Januar 1840. Amalia Schoppe schrieb in einem Nachruf über den Salon ihrer Freundin: „Wer nur irgend eine literarische Berühmtheit erlangt hatte, suchte sich Empfehlung an Rosa Maria zu verschaffen und fand freundliche Aufnahme.“ Und der Nachruf des Schriftstellers Karl Gutzkow endet mit dem Satz: „Nun ist dem Freundeskreis der Mittelpunkt genommen.“

 

Ihr Witwer sorgte dafür, dass ihre unveröffentlichten oder verstreut erschienenen Gedichte und Erzählungen in Buchform erschienen. Die Töchter zogen nach Berlin und nahmen viele Scherenschnitte der Mutter mit, die sich heute im Besitz der Berliner Staatsbibliothek befinden. Einzige Erinnerung an Rosa Maria Assing in Hamburg ist eine Gedenktafel am modernen Gebäude Poolstraße 15 in Erinnerung an ihr früheres Haus.

  

Die Tochter Ludmilla trat in die Fußstapfen ihrer Eltern und Großeltern und unterstützte die Revolution von 1848 als eine der ersten bekannten deutschen Journalistinnen. Sie beschrieb zum Beispiel die Barrikadenkämpfe in Berlin aus der Perspektive der Revo­lutionäre. Angesichts einer drohenden Haftstrafe flüchtete sie nach Florenz, wo sie 1880 starb. Ihre Schwester Ottilie trat als Schauspielerin auf und förderte das Theaterunternehmen des befreundeten Schauspielers und Theaterdirektors Jean Baptiste Baison, das allerdings finanziell scheiterte, nachdem das Vermögen von Ottilie Assing aufgebraucht war. Sie wanderte anschließend in die USA aus und engagierte sich dort in der Anti-Sklaverei-Bewegung. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann