Eduard Kley wird 1818 Prediger am jüdischen Tempel in der Hamburger Neustadt

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

Hamburg war im 19. Jahrhundert ein Zentrum der jüdischen Reformbewegung. Heute ist sie vor allem in Nordamerika vertreten und besitzt dort einen großen Einfluss. An der Poolstraße entstand 1818 der Tempel, eine der ersten Reformsynagogen in Deutschland. Die Reformer wollten das Judentum der modernen Welt öffnen und die Kluft zu den christlichen Mitbürgerinnen und Mitbürgern abbauen. Bei der Gestaltung von Tempel und Gottesdienst nahm man Elemente aus der protestantischen Tradition auf. Die An­hän­ger der Reformbewegung stellten heraus, dass sie der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten und ebenso der deutschen Nation. Der Tempel, vorher ein Tanzsaal, bot Platz für 142 Männer und 107 Frauen. Zum ersten Prediger am Tempel berief man Eduard KIey.

  

Ein hochgebildeter Rabbiner wird zum Prediger am Tempel berufen

Eduard Israel Kley wurde am 10. Juni 1789 in der Nähe von Breslau geboren. Es ist kaum etwas über seine Kindheit zu erfahren. Wahrscheinlich war er das Kind armer Eltern, die noch in seiner Jugend verstarben. Trotzdem besuchte er in Breslau eine jüdisch-reformierte Schule, konnte das Rabbiner-Examen ablegen und an der philosophischen Fakultät der Universität Berlin promovieren. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete er als Hauslehrer und sammelte so pädagogische Erfahrungen. In Berlin war er an der Gründung einer Reformgemeinde beteiligt, die aber staatlicherseits verboten wurde.

 

Deshalb übernahm Kley 1817 die Leitung der Israelitischen Freischule, einer Reformschule für Jungen aus armen Familien in der Hamburger Neustadt. Er trat dafür ein, dass Volksschulen nicht nur Unterrichtsanstalten sein sollten, sondern Erziehungs- und Bildungsanstalten, die die „Veredlung des Menschen“ bewirken konnten. Kley war überzeugt, dass die Religion „durch ihre heiligen Gefühle und Lehren die Menschen nicht nur zu guten Menschen, sondern auch zu gewissenhaften Staatsbürgern, zu würdigen Haus- und Familienvätern bildet“.

 

Die Schule sollte die jungen Menschen zu Bürgern jüdischen Glaubens erziehen und auf ein Leben in der modernen Gesellschaft vorbereiten. Religiöse Bildung und die Vorbereitung auf einen erfolgreichen Weg in Berufswelt und Gesellschaft waren für Kley aufs Engste miteinander verbunden. Er entwickelte in der Israelitischen Freischule eine zeitgemäße Alternative zu den bisherigen jüdischen Schulen, bei denen allein religiöse Unterweisung im Mittelpunkt stand. Nach der Rücknahme der in der Franzosenzeit erfolgten Gleichstellung der Juden durch die städtische Obrigkeit in Hamburg sahen Reformer wie Kley in der Bildung eine Möglichkeit zur Emanzipation der Juden.

  

Ein Vertreter des Reformjudentums stößt auf viel Wohlwollen, aber auch Ablehnung

Seine Reformbemühungen stießen bei den liberalen, bürgerlichen Kreisen der jüdischen Gemeinde auf Zustimmung, aber bei orthodoxen Rabbinern und Gemeindemitgliedern auf Skepsis und Ablehnung. Diese Polarisierung wurde noch stärker, als am 11. Dezember 1817 65 Mitglieder der jüdischen Gemeinde den Neuen Israelitischen Tempel-Verein gründeten und am 18. Oktober 1818 den Tempel am Alten Steinweg eröffneten. Kley wurde „Prediger“, wie die Rabbiner am Tempel hießen, und blieb gleichzeitig Direktor der Israelitischen Freischule.

 

Zweiter Prediger am Tempel war Gotthold Salomon. Beide hatten sehr unterschiedliche Predigtstile. Kleys Predigten waren klar strukturiert, und er konnte komplexe Zusammenhänge gut verständlich vermittelten, es fehlte aber häufig die Ansprache des Herzens. Salomon war der gewandtere Redner, der die Gläubigen auch emotional ansprach und seine Predigten mit Bildern und Gleichnissen anreicherte. Nicht nur wegen der unterschiedlichen Predigtstile war das Verhältnis der beiden Prediger immer wieder durch Konflikte geprägt.

 

Konflikte mit den orthodoxe Rabbinern

 Weit heftiger waren die Konflikte mit den orthodoxen Rabbinern und Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Zur Gründung des Neuen Israelitischen Tempel-Vereins dichtete Heinrich Heine:

 

    Die Juden teilen sich wieder ein

In zwei verschiedne Parteien;

Die Alten gehen in die Synagog',

und in den Tempel die Neuen.

 

Die Neuen essen Schweinefleisch,

Zeigen sich widersetzig,

Sind Demokraten; die Alten sind

Vielmehr arisokrätzig.

 

Mehrere Rabbiner der Jüdischen Gemeinde schlossen sich dem Tempel-Verein an, weil sie einen dringenden Reformbedarf angesichts von Säkularisierung und der Orientierungssuche der Gläubigen in einer sich rasch verändernden Gesellschaft sahen. Kley war bemüht, Gedanken der Aufklärung und des Humanismus in seiner Schule und in der Gemeinde zu vermitteln. Auch eine neue Gestaltung der Gottesdienste schien geboten, weil die Hebräisch-Kenntnisse der Gemeindemitglieder gering waren und sie dem traditionellen Gottesdienst kaum folgen konnten.

 

Es wäre falsch, den Orthodoxen ein starres Beharren auf dem Bestehenden zu unterstellen, aber die Reformen im Tempel gingen ihnen entschieden zu weit. Das begann mit anscheinenden Äußerlichkeiten wie der Tatsache, dass die Männer und Frauen das Gotteshaus durch den gleichen Eingang betraten und die Frauen zwar getrennt saßen, aber nicht mehr durch ein Gitter von den Männern getrennt waren, das die Sicht auf die Frauen bzw. Männer nahm.

 

Schon der Name Tempel war für die Orthodoxen eine Provokation, ging damit doch die Bindung an den Tempel in Jerusalem verloren, wo sich die Gläubigen in messianischer Zeit versammeln würden. Die Reformer um Kley hofften nicht auf ein konkretes Wiedererstehen des Tempels in Jerusalem bei der Ankunft des Messias. Jude sein, das hieß deshalb, seinen Lebensmittelpunkt, seinen Tempel an dem Ort zu haben, an dem man lebte. Der Bezug zu Jerusalem wurde auch im neuen Gebetbuch weitgehend weggelassen, das unter intensiver Mitwirkung von Kley entstand. Er veröffentlichte außerdem eine ganze Reihe eigener Predigtsammlungen, einen Katechismus und eine Sammlung deutschsprachiger jüdischer Lieder.

  

Der innerjüdische Streit wird zum politischen Thema

Auch dass man im Tempel viele Gebete auf Deutsch sprach, die Predigten auf Deutsch hielt und den Gemeindegesang von einer Orgel begleiten ließ, bedeutete aus der Sicht der Orthodoxen einen Verstoß gegen die religiösen Traditionen (auch wenn sie später manche dieser Neuerungen des Gottesdienstes übernahmen). Die orthodoxen Rabbiner warnten nicht nur vor dem Betreten des Tempels, sondern auch vor dem Kontakt mit den Häretikern. Der Präsident des Altonaer Rabbiner-Kollegiums beschwor im Oktober 1818 die Gläubigen in einer Erklärung: „Kinder Gottes! Gesetzwidrig ist der Weg, den diese Leute betreten haben. Hütet Euch, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen.“

 

Die streitenden Parteien schalteten den Rat der Stadt ein, um die Rechtmäßigkeit einer eigenständigen Tempelgemeinde oder aber die Unrechtmäßigkeit eines solchen Schrittes bestätigt zu bekommen. Der Rat zeigte allerdings kein Interesse, sich in die innerjüdischen Konflikte verwickeln zu lassen. Er hatte lediglich ein Interesse daran, die Einheit der jüdischen Gemeinde zu bewahren, weil sonst die geordnete Fortführung der jüdischen Armenfürsorge gefährdet sein konnte, mit negativen Folgen für die städtische Armenunterstützung.

 

In dem Erlass vom 17. September 1819 stellte der Rat die kühne Behauptung auf, es gehe gar nicht um die Frage einer Abspaltung. Die Reformer hätten keine Synagoge und keinen Tempel eröffnet, sondern „ein Lokal zum Behuf der öffentlichen Erbauung“. Die neue Vereinigung stellte deshalb lediglich eine Ergänzung der Einrichtungen der Jüdischen Gemeinde dar. So wenig Substanz diese Analyse auch haben mochte, die Kernaussage des Erlasses war eindeutig: Eine Spaltung der Jüdischen Gemeinde wurde untersagt. Also mussten sich die streitenden Parteien arrangieren, was aber immer wieder mit Auseinandersetzungen verbunden war.

 

Wohl nicht zuletzt wegen der Konflikte mit der orthodoxen Mehrheit der Gemeinde und mit seinem Amtsbruder Salomon beendete Kley 1840 seine Tätigkeit als Prediger des Tempel, blieb aber bis 1848 Leiter der Israelitischen Freischule. Dort unterrichtete er anschließend noch einige Jahre. Er starb am 4. Oktober 1867 in Hamburg. Er wird heute als einer der Gründer des weltweiten Reformjudentums anerkannt.

  

Auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf steht ein Gedenkstein für Eduard Kley. 

 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann