
Anfang des 19. Jahrhunderts befand sich das Schulwesen in Hamburg mit wenigen Ausnahmen in einem beklagenswerten Zustand. Die Probleme begannen damit, dass es in Hamburg im Gegensatz zu anderen Teilen Deutschlands keine Schulpflicht gab. Der Rat der Stadt, in dem die reichen Kaufleute und einige Juristen unter sich waren, scheute vor den Kosten einer solchen Bildungsmaßnahme zurück. Mit Privatlehrern, der bürgerlichen Gelehrtenschule Johanneum und dem Akademischen Gymnasium verfügten die Reichen der Stadt über ein gut ausgebautes Bildungsangebot. Die übrige Bevölkerung war vor allem auf eine größere Zahl von Privatschulen angewiesen, die oft gewinnorientiert arbeiteten und deren Leiter und Lehrer keinerlei Qualifikation vorweisen mussten.
Hans-Peter de Lorent, der frühere Vorsitzende der GEW-Hamburg, schrieb in einem Beitrag über das damalige Hamburger Schulwesen: „Zeigten sich die Schulverhältnisse in Hamburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Masse der Kinder in einem erbärmlichen Zustand, war die soziale Situation der meisten Lehrer nicht minder beklagenswert. Das Übel fing damit an, dass es in Hamburg kein Seminar, keine Lehrerbildungsanstalt gab.“ Einer derer, die solche Missstände überwinden wollten, war Johann Carl Daniel Curio, nach dem später das Curiohaus benannt wurde.
Er erblickte am 3. November 1754 das Licht der Welt als unehelicher Sohn des Diakons Erdmann Levin Curio in Helmstedt. Seine Mutter Lovisa Sophia Löloff stammte aus einfachen Verhältnissen und konnte allein nicht für ihren Sohn sorgen. Er wuchs deshalb in einem Waisenhaus auf. Da er durch Klugheit und Bildungshunger auffiel, durfte er von 1769 bis 1771 die lateinische Stadtschule seiner Heimatstadt besuchen. Er wurde anschließend in Hamburg in das Johanneum und das Akademische Gymnasium aufgenommen.
Als Mitglied der Freundschaftlichen Literarischen Gesellschaft in Hamburg lernte er führende Vertreter der Aufklärung der Stadt kennen. Finanziell muss er in dieser Zeit in einer prekären Situation gewesen sein, denn er schrieb später: „In Hamburg musste ich mir durch unermüdlichen Fleiß meinen Unterhalt verdienen.“ Er verfasste zum Beispiel Auftragspublikationen auf Honorarbasis. Trotz solcher Belastungen bestand er alle Schulprüfungen.
Von 1775 an studierte Curio Theologie und Philosophie in Helmstedt. Und wieder hatte er finanzielle Probleme. Einige Freunde in Hamburg unterstützten ihn finanziell, und er arbeitete erneut nebenbei, aber trotzdem musste er „kümmerlich genug leben“. Und auch danach war sein Weg mit finanziellen Problemen gepflastert. Er übernahm nach dem Studium die Leitung einer Winkelschule in Brauschweig mit zwölf Schülern, die er in seiner eigenen Wohnung unterrichtete. Diese Winkelschulen besaßen – meist zu Recht – einen schlechten Ruf und wurden 1780 vom Herzog von Braunschweig verboten. Curio bemühte sich um eine Anstellung als Lehrer an der Waisenschule, hätte aber dann beinahe den Posten eines Feldpredigers für die braunschweigischen Truppen in Kanada angenommen, die dort in britischen Diensten standen.
Aber gerade noch rechtzeitig fand er eine Stelle als Lehrer am Martini Gymnasium in Braunschweig, die allerdings schlecht bezahlt war. Er arbeitete daneben als Journalist und Schriftsteller und gab die „Braunschweigische Zeitung für alle Stände“ heraus. 1781 verfügte er über ein ausreichendes Einkommen, um eine Familie zu gründen. Er heiratete Catharina Maria Friderica Weigel, die Tochter eines Hutmachers in Helmstedt. Sie brachte ein uneheliches dreijähriges Mädchen mit in die Ehe ein, das Curio wie sein eigenes Kind behandelte. Seine Frau gebar weitere fünf Kinder, von denen zwei früh starben.
Wie Carl Heinz Dingedahl 1977 in einem gründlich recherchierten Aufsatz über Curio darstellte, wurde der Lehrer 1794 entlassen. In einem Gutachten beurteilte man ihn als „arbeitsscheu“ oder „nur nach Laune arbeitenden Mann“. Da half ihm auch nicht, dass man ihm eine „unvergleichliche Gabe Kinder zu unterrichten“ attestierte. Es ist unwahrscheinlich, dass der Pädagoge wirklich arbeitsscheu war. Im Gegenteil, um seine Familie zu ernähren, musste er sich diverse zusätzliche Einnahmequellen erschließen und fand deshalb offenbar nicht genügend Zeit für den Unterricht am Gymnasium.
Nach dem Rauswurf aus dem Gymnasium arbeitete Curio als Privatlehrer, was aber finanziell noch weniger einbrachte. Deshalb zog er 1797 mit seiner Familie nach Hamburg, wo er fast sieben Jahre lang an einer angesehenen Privatschule unterrichtete. Auch in Hamburg war er daneben schriftstellerisch tätig. Er veröffentlichte Gedichtbände und zum Beispiel auch Beiträge im „Wandsbecker Boten“ von Matthias Claudius. Auch wurde er Redakteur der Zeitschrift „Hamburg und Altona. Eine Zeitschrift zur Geschichte der Zeit, der Sitten und des Geschmacks. Die Kenntnis der Welt macht uns zu Menschen“.
Berühmt und gern zitiert wird diese Aussage Curios aus dem Jahr 1803 über die Hanseaten: „Wir haben keinen Adel, keine Patrizier, keine Sklaven, ja selbst nicht einmal Untertanen. Alle wirklichen Hamburger kennen und haben nur einen einzigen Stand, den Stand eines Bürgers, Bürger sind wir alle, nicht mehr und nicht weniger.“ Das klingt gut, hatte aber damals nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun. Nur eine wohlhabende und reiche Minderheit der Stadt besaß das Bürgerrecht. Curio selbst gehörte sein Leben lang nicht zu diesen privilegierten Bürgern, die allein die Bürgerschaft wählten und Grundbesitz erwerben konnten. Ihm fehlte das Geld, um einen Bürgerbrief zu erwerben.
1804 eröffnete Curio am Krayenkamp eine eigene „Lehr- und Erziehungsanstalt für Knaben“. In einer Anzeige pries er die neue Schule kräftig an, was schon deshalb geboten erschien, weil die Konkurrenz groß war. In dem Prospekt war zu lesen: „Überhaupt wird in diese Anstalt nach einem überdachten und festen Plan jedesmal das gelehrt, was den frequentierenden Zöglingen nach ihrem Alter und ihren Kenntnissen nützlich und notwendig ist, und dazu dient, sie zu würdigen Bürgern des Vaterlandes zu bilden.“
Leider ist nichts Näheres darüber überliefert, wie Curio solche Ziele in seiner Schule praktisch umsetzte. Es blieb aber eine kleine Schule mit einer Elementarklasse und zwei höheren Klassen. Curio unterrichtete zum Beispiel 1806 jede Woche 35 Stunden, seine Frau 26 Stunden. Daneben war er weiter publizistisch tätig und sie musste sich um den Haushalt und Kinder kümmern. War die Werbung für die Schule vielversprechend gewesen, so waren es die finanziellen Ergebnisse nicht, sodass sie bereits 1811 geschlossen werden musste. Curio war nun wieder als Privatlehrer tätig. Sein Berufsweg als Lehrer lässt ahnen, wie finanziell prekär und unsicher eine solche Existenz damals war.
Es waren auch die eigenen Erfahrungen, die ihn 1805 zum Gründer und ersten Vorsitzende der „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“ werden ließen. An der Gründungsversammlung am 3. November 1805 nahmen lediglich fünf Lehrer und ein Kaufmann teil. Zu den Zielen der Vereinigung gehörte, „daß die immer wachsende Veredlung des Schullehrerstandes in der hamburgischen Republik eigene Würde der Schullehrer, auf richtige Selbsterkenntnis gebaut, die Erleichterung und Vervollkommnung der Schularbeiten und des Bildungsgeschäftes, die Verbesserung der bürgerlichen Lage der Lehrer und die Unterstützung ihrer nachbleibenden Familie die ersten und heiligsten Zwecke der Gesellschaft sein und auf ewig bleiben müssen“. Es ging Curio um die Verbesserung der beruflichen Qualifikation und der materiellen Situation der Lehrer.
Aber der Beginn der Arbeit der Gesellschaft gestaltete sich schwierig, schrieb Hans-Peter de Lorent in einem Beitrag über den Pädagogen: „Die Gesellschaft hatte unter Neid und Verleumdung zu leiden; auch zeigten die Mitglieder nicht die Einigkeit, die für die gedeihliche Entwicklung der Gesellschaft notwendig gewesen wäre. Namentlich Curio wurde von manchen Seiten unterstellt, aus persönlichen Interessen und materiellem Vorteil den Verein gegründet zu haben.“ Er starb am 30. Januar 1815.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
