Friederike Klünder führt in Blankenese die Pockenschutzimpfung ein und rettet viele Kinder

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

Es hat eine Weile gedauert, bis die Stadt einen Weg nach Friederike Klünder benannte. 2014 wandte sich der Förderkreis historisches Blankenese an das Bezirksamt Altona, um zu erreichen, dass eine Verkehrsfläche den Namen der Wohltäterin tragen sollte. Es bedurfte dann zahlreicher Initiativen und Gespräche, bis im November 2019 Blankenese einen Friederike-Klünder-Weg erhielt. Ohne die jahrelangen hartnäckigen Bemühungen von Maike und Ronald Holst, die inzwischen auch ein Buch über die Wohltäterin geschrieben haben, gäbe es diese Ehrung sicher nicht. Ronald Holst machte diese Erfahrung: „Der Antrag ist dann im Treibsand der Behörden verschwunden, niemand wusste zwischenzeitlich, wo der Fall gerade bearbeitet wurde.“

 

Aber schließlich konnte das Straßenschild feierlich enthüllt werden, und nun meldete sich auch der Kultursenator Carsten Brosda zu Wort: „Die 1776 geborene Friederike Klünder kannte keine Berührungsängste und setzte sich für das Wohl ihrer Mitmenschen ein. Die Benennung des Wegs im Hessepark gibt ihr einen festen Platz im öffentlichen Bewusstsein und erinnert uns stets an die Bedeutung von Mitmenschlichkeit für gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Angesichts solcher Worte ist der 215 Meter lange Parkweg vielleicht doch ein etwas bescheidener Ort der Erinnerung.

 

Tatsächlich war das Engagement von Friederike Klünder für die Menschen in Blankenese sehr beeindruckend. Sie wurde 1776 als Tochter des Superintendenten Johann Friedrich Gottfried Grupen in Neustadt am Rübenberge geboren. Ihr christlicher Glaube gab ihr zeitlebens Orientierung und Motivation für ihre Unterstützung von Mitmenschen. 1798 heiratete sie den Hamburger Kaufmann Rütger Heinrich Klünder, der zunächst für den Überseekaufmann Peter Godeffroy arbeitete und später zum Direktor der Gothaer Versicherung aufstieg.

  

Eine sozial engagierte reiche Familie

Die Klünders kamen rasch zu Reichtum und konnten es sich 1799 leisten, ein großes Grundstück in Blankenese zu kaufen und dort ein Landhaus zu errichten. Damals erwarben viele reiche Hamburger Familien Grundstücke und Herrenhäuser rechts und links der Elbchaussee, wo sie vor allem die Sommer verbrachten. Die Familie Klünder machte aus einer baumlosen Wiese einen schönen Park, den heutigen Hessepark, der nach einem späteren Besitzer benannt wurde. Auch das schöne Landhaus der Klünders ist erhalten geblieben und heißt jetzt Hessehaus.

 

Das Ehepaar Klünder, das drei Kinder hatte, gehörte zur Hamburger Oberschicht und zeichnete sich durch ein großes Engagement für die Mitmenschen aus. Friederike Klünder war erschüttert über die vielen Kinder in Blankenese, die an Pocken erkrankten und oft unter großen Schmerzen daran starben. Wer überlebte, war auf Dauer mit entstellenden Pockennarben belastet. 1796 entwickelte ein englischer Arzt ein Serum gegen diese Krankheit, und 1804 begannen Ärzte im dänisch regierten Altona, mit diesem Impfstoff gegen die Verbreitung dieser Krankheit vorzugehen. Die Impfung war kostenlos, erreichte aber zunächst Dörfer wie Blankenese nicht. Friederike Klünder bewarb sich erfolgreich als Assistentin beim Altonaer Impfinstitut und lernte dort, mit dem Impfstoff umzugehen und zu impfen.

 

In Absprache mit den Ärzten begann sie 1805, Kinder und Erwachsenen in Blankenese zu impfen. Um das Misstrauen gegen diese Impfungen abzubauen, impfte sie ihre eigene Familie zuerst und nahm dann ihre kerngesunden Kinder mit, wenn sie von Tür zu Tür zog, um die Einwohner des Fischerortes für eine Impfung zu gewinnen. Viele Blankeneser waren zunächst sehr überrascht, dass die reiche Frau diese Aufgabe übernahm, aber der Erfolg ließ sich nicht leugnen.

 

Bis 1832 impfte sie 2.168 Kinder und Erwachsene. Die todbringende Krankheit konnte ausgerottet werden, und nur zwei Kleinkinder starben als Folge der Impfungen. Die „schöne Frau auf dem Berge“, wie Friederike Klünder in Blankenese genannt wurde, weil sie schön war und ihr Landhaus auf einem Hügel stand, fand viel Anerkennung für dieses Engagement.

Parallel zum Kampf gegen die Pocken wollte Friederike Klünder gemeinsam mit ihrem Mann etwas gegen die dramatisch zunehmende Verarmung der Fischerfamilien tun.

  

Der Kampf gegen die Armut der Fischerfamilien

Als Folge der 1806 von Napoleon gegen Großbritannien verhängten Kontinentalsperre durften die Fischer nur in den Küstengewässern fischen und nicht wie bisher auf die Nordsee hinausfahren. Auch verloren sie ihren wichtigsten Absatzmarkt in den Niederlanden, weil sie auch dorthin nicht segeln durften. Viele Fischer fuhren nun nicht mehr zum Fang, es lohnte sich nicht.

 

Um den notleidenden Fischerfamilien zu helfen, kaufte Friederike Klünder große Mengen Flachs. Sie hatte beobachtet, dass in vielen Blankeneser Häusern Spinnräder standen, und so motivierte sie nun die Frauen, Flachs zu spinnen. Cornelia Gögsu hat in einem Text über den Friederike-Klünder-Weg auf hamburg.de/frauenbiografien dazu geschrieben: „Mit drei Frauen, die sie für ihre Idee begeistern konnte, war sie angefangen. Als diese tatsächlich für geleistete Arbeit entlohnt wurden, gab es kein Halten mehr. Immer mehr Frauen wollten von der unverhofften Verdienstmöglichkeit profitieren. Wie die gute Frau es geschafft hat, den Andrang zu bewältigen, das Material zu beschaffen, es persönlich auszuteilen, die Arbeit zu bewerten und die Frauen zu entlohnen, wird ein Rätsel bleiben. Zusätzlich mussten die fertigen Garne und Tuche vermarktet werden, die Transportfrage war zu lösen.“

 

Der Ehemann Rütger Klünder engagierte sich ebenfalls gegen die hohe Arbeitslosigkeit und baute auf seinem weitläufigen Besitz eine Ölmühle, in der viele arbeitslos gewordene Fischer eine Beschäftigung fanden. Es war aber nicht zu übersehen, dass es in Blankenese und Umgebung viele Alte, Kranke und Menschen mit Behinderungen gab, denen mit den Beschäftigungsprogrammen nicht geholfen werden konnte. Deshalb gründete Friederike Klünder eine Armenhilfe, für die sie und ihr Mann in ihrem wohlhabenden Freundeskreis Spenden sammelten.

 

Auch nach dem Ende der Franzosenzeit blieb das Engagement der Klünders gefragt. Das war besonders in den Jahren 1826 und 1827 so, als durch eine Serie von Brandstiftungen viele Strohdachhäuser in Blankenese in Flammen aufgingen und die Bewohner ihre ganze Habe verloren. Bis ins hohe Alter setzte Friederike Klünder ihre wohltätige Arbeit fort. Sie starb 1848, ihr Mann ein Jahr später. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

 

© Frank Kürschner-Pelkmann