Georg Heinrich Sieveking organisiert 1790 ein großes Freiheitsfest in Harvestehude

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

Es war ein rauschendes Fest, das in die Hamburger Geschichte einging, das Freiheitsfest am 14. Juli 1790 in Harvestehude. Kaum irgendwo anders in Deutschland hätte man den Jahrestag des Sturms auf die Bastille feiern können, denn das hätten die absolutistischen Herrscher von Preußen bis Sachsen rigoros unterbunden. Ein Fest für die Revolution, für den Sturz einer Monarchie, das klang für die adlige Obrigkeit nach Aufruhr und Rebellion. Im relativ liberalen Hamburg war ein solches Fest möglich, zumal sehr viele der Feiernden zur wirtschaftlichen und kulturellen Oberschicht der Stadt gehörten. Ein Sturm auf das Rathaus war von den etwa 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Festes nicht zu befürchten. Die Initiative für das Fest hatte Georg Heinrich Sieveking ergriffen, ein reicher Kaufmann, der zu den Verfechtern der Aufklärung zählte und die Ideale der Französischen Revolution propagierte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

 

Er wurde am 28. Januar 1751 in Hamburg geboren. Sein Vater Peter Niclas Sieveking war ein wohlhabender Tuchhändler, seine Mutter stammte aus einer angesehenen Weinhändlerfamilie. Georg Heinrich, der älteste Sohn, sollte Kaufmann werden. Nach dem Unterricht durch einen Hauslehrer erlernte er die Grundlagen der Tätigkeit als Kaufmann in der privaten Handelsakademie und begann 1766 eine Lehre im Handelshaus von Caspar Voght „dem Älteren“. Der galt als humorvoll, aber kantig im Umgang und war Mitglied des Rates.

 

Sieveking beeindruckte den Kaufmann so, dass er ihn ebenso wie seinen eigenen Sohn Caspar Voght zum Teilhaber der Firma machte. Die beiden jungen Leute verbrachten ihre Arbeitstage im Kontor, aber die frühen Morgen und Abende mit der gemeinsamen Lektüre literarischer Texte, woran sich auch ihr Freund Johann Michael Hudtwalcker beteiligte. Diese Verbindung von kaufmännischer Tätigkeit und kultureller Beschäftigung sollte ihr ganzes Leben prägen. Nach dem Tod des Senators Voght führten dessen Sohn und Sieveking das Unternehmen mit großem Erfolg gemeinsam weiter. Handelten sie zunächst vor allem mit Frankreich und England, so stiegen sie bald auch in den Überseehandel ein, vor allem nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten.

 

Caspar Voght zog sich allmählich aus der Unternehmensführung zurück, ging häufiger auf Bildungsreisen und wandte viel Zeit für seine von der Aufklärung geprägten Projekte wie dem Mustergut in Klein Flottbek auf, während Sieveking die Firma Voght & Sieveking allein leitete. Im Einvernehmen mit seinem Geschäftspartner zog sich Voght 1793 auch offiziell aus dem Unternehmen zurück.

  

Ein Fest in Erinnerung an den Sturm auf die Bastille

1782 heiratete Sieveking die Arzttochter Johanna Margaretha Reimarus. Es wurde eine Liebesheirat und eine Ehe voller Liebe und gegenseitiger Achtung. Das Paar hatte vier Söhne und eine Tochter. Einer der Söhne wurde später Hamburger Bürgermeister, ein weiterer ging als ein führender deutscher Freiheitskämpfer in die Geschichte ein,

Das Freiheitsfest wurde von beiden gemeinsam mit weiteren Freunden vorbereitet. Ein Jahr nach dem Sturm auf die Bastille verbanden noch viele Menschen in Europa große Hoffnungen mit dem Aufbruch in Frankreich und setzten sich für einen demokratischen Neuanfang auch anderswo auf dem Kontinent ein. Viele der zum Freiheitsfest Eingeladenen gehörten zum Familien- und Freundeskreis der Sievekings und Hudtwalckers und kannten einander aus Salons und Gesellschaften von Anhängern der Ideale der Aufklärung.

 

Als Höhepunkt des Freiheitsfestes sang ein Chor eine Ode, dessen Text Sieveking verfasst hatte. Es begann mit diesem Vers:

 

    Freye Deutsche! Singt die Stunde,

Die der Knechtschaft Ketten brach,

Schwöret Treu‘ dem großen Bunde

Unsrer Schwester Frankreich nach!

Eure Herzen sey’n Altäre,

Zu der hohen Freiheit Ehre.

Chor:

Lasst uns grosser That uns freun!

Frey, frey, frey und reinen Herzens seyn!

 

Das Lied berührte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Festes so sehr, dass es im Laufe des Tages mehrmals erklang. Friedrich Klopstock trug zwei seiner Revolutionsoden vor, die ebenfalls einen tiefen Eindruck hinterließen. Caspar Voght berichtete hierüber und über den weiteren Verlauf des Freiheitsfestes in einem Brief: „Der gute Alte weinte vor Freude, als er sie vortrug, seine Verse, und er selbst glühte von jugendlichem Feuer. Doktor Reimarus hat eine ebenso kraftvolle wie schlichte Rede gehalten. Danach haben wir getanzt, gespeist, gesungen und wiederum getanzt; unsre Freude war rein und ungetrübt, das Gefühl der Vaterlandsliebe und Freiheit beherrschte alle unsere Tischgespräche …“

 

Die Freude währte nicht lange. Denn bald erreichte Berichte von den Schrecken der Französischen Revolution auch Hamburg, und es kamen Tausende Flüchtlinge, die vor der Gewalt geflüchtet waren. Voght schrieb später: „Wie ein entzückender Traum schwebten die Jahre 89 und 90 vor meiner Seele. Ich bin schrecklich erwacht.“ Sieveking wollte den Traum von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit trotzdem nicht aufgeben, jedenfalls nicht so rasch.

  

Die Hamburger Revolutionsanhänger geraten in Verdacht

Er beteiligte sich 1792 gemeinsam mit dem französischen Gesandten Lehoc an der Gründung der „Société de Lecture“, einer gemeinsamen Initiative französischer Emigranten und Hamburger Kaufleute und Literaten. Sie bemühten sich, die positiven Seiten der Revolution zu vermitteln und die aktuelle Situation in Frankreich zu diskutieren. Der Gesellschaft gehörten etwa 60 - 70 Personen an, die der Französischen Revolution gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt waren. Präsident der Gesellschaft war Sieveking.

 

Die Gesellschaft musste sich allerdings schon nach wenigen Monaten wieder auflösen, weil sie ein großes Misstrauen beim Rat der Stadt ausgelöst hatte. Sievekings Ruf in der Stadt war so schlecht, dass er sich 1793 genötigt sah, eine „Schrift an meine Mitbürger“ zu veröffentlichen, in der er sich gegen die Behauptungen zur Wehr setzte, er wäre ein Jakobiner und hätte sich über den Tod Ludwig XVI. gefreut. Er distanzierte sich – wie Klopstock - von den Gewaltexzessen der französischen Revolutionäre, nicht aber von den Idealen der Revolution.

 

Die Revolutionsbegeisterung war auch dadurch getrübt, dass sie die Sache von reichen Bürgerinnen und Bürgern blieb, während die übrige Bevölkerung desinteressiert oder sogar ablehnend reagierte. Als die Lebensmittelpreise und die Mieten in der Stadt drastisch stiegen, machte man dafür die vielen Migranten aus Frankreich sowie die großen Lebensmittelexporte (vor allem nach Frankreich) verantwortlich. Als 1794 ein Altonaer Fleischexporteur ein großes Fest mit einem Freiheitsbaum und einer Jakobinermütze feierte, brach der Volkszorn über ihn herein. Die Gaststätte wurde verwüstet, das Geld und der Schmuck der Feiernden in der Menge verteilt.

  

Verhandlungen in Paris im Auftrag der Stadt

Als sich die internationalen Verhältnisse geändert hatten, nutzte der Rat der Stadt 1796 gern die Verbindungen Sievekings nach Frankreich. Eine Allianz absolutistisch regierter Staaten unter Führung von Preußen und Österreich führte Krieg gegen Frankreich. Exporte von Getreide und Fleisch an den Feind wurden verboten. Hamburg hielt sich offiziell daran, aber Hamburger Kaufleute – darunter Sieveking – lieferten diese Waren über das dänisch regierte Altona nach Frankreich.

 

Wien und Berlin forderten daraufhin nicht nur die Einstellung dieses Handels, sondern auch die Ausweisung des französischen Gesandten in Hamburg. Die Stadt erklärte sich dazu bereit, woraufhin der Gesandte von sich aus abreiste. Der Unmut der französischen Regierung war groß und sie ordnete die Beschlagnahme aller in französischen Häfen liegenden Hamburger Schiffe an, ebenso ein Handelsembargo.

Da Frankreich zu den wichtigsten Handelspartnern Hamburgs gehörte, musste schnell etwas geschehen. Deshalb schickte die Stadt Sieveking im März 1796 nach Paris. Erst nach der Zahlung beträchtlicher Bestechungsgelder gelang es ihm, die französischen Verhandlungspartner umzustimmen. Der vereinbarte Vertrag sah aber eine hohe Zahlung Hamburgs vor. Sieveking haftete persönlich für diese Zahlung.

 

Nach der Rückkehr nach Hamburg erklärte Sieveking vor der Kom­merz­deputation: „Ich schwöre es bei Ihrer Achtung, bei meiner Ehre, ich habe Hamburg gerettet. Ich habe dabey gewagt arm zu werden.“ Er verarmte nicht, denn der Rat der Stadt zahlte zwar ungern, sah aber ein, dass ein französisches Handelsembargo der Stadt noch größeren Schaden zugefügt hätte. Sieveking starb am 25. Januar 1799. An dieses Mitglied der Familie Sieveking erinnert kein Straßenname. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

© Frank Kürschner-Pelkmann