
„Er tappte durch die dunkle Vorstadt. Die Häuser standen abgebrochen gegen den Himmel.“ So beginnt eine der bekanntesten Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert, „Die drei dunklen Könige“. Man ahnt bereits, dass es hier um die düsteren Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg geht, als die Naziherrschaft zu Zerstörung und Not geführt hatte und das „Wirtschaftswunder“ noch weit entfernt war. Der Mann, der durch die dunkle Vorstadt tappte, hatte Holz gesammelt und war auf dem Weg zurück zu seiner Frau und dem gerade geborenen Kind. Seine Frau erwartete ihn mit müdem Gesicht in einem kalten Zimmer. Der Mann legte das mürbe Holz in einen kleinen Blechofen. Das Feuer bot nur etwas Wärme und etwas Licht. Der Mann war zornig, dass seine Frau und das Neugeborene frieren mussten. „Aber er hatte keinen, dem er dafür die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte.“
Als er die Ofentür aufmachte, fiel etwas Licht auf das Gesicht des neu geborenen Kindes. „Die Frau sagte leise: Kuck, wie ein Heiligenschein, siehst du?“ Sie sah darin an diesem Weihnachtsabend ein Hoffnungszeichen. Der Mann blieb bei seinem unausgesprochenen Zorn. Und dann tauchten die drei dunklen Könige auf, die dieser Kurzgeschichte ihren Namen gegeben haben. Es waren drei kriegsversehrte Soldaten, die sich ein wenig aufwärmen wollten. Sie versprachen, ganz leise zu sein. Sie schenkten dem Mann Tabak, seiner Frau zwei Bonbons und dem Kind einen selbstgeschnitzten Esel.
Als die Soldaten sich über das Kind beugten, begann es zu schreien, ein Zeichen für seine Lebendigkeit. Die drei Soldaten machten sich wieder auf den Weg. Der Mann sagte zu seiner Frau „Sonderbare Heilige“ und fügte hinzu „Merkwürdige Heilige“. Die Frau flüsterte: „Aber das Kind hat geschrien“, und sie fügte stolz hinzu: „Kuck mal, wie lebendiges ist.“ Hoffnungsvoll endete diese Erzählung, die in der dunklen Trümmerlandschaft der Vorstadt begonnen hatte: „Heute ist ja auch Weihnachten, sagte die Frau. Ja, Weihnachten, brummte er, und vom Ofen her fiel eine Handvoll Licht auf das kleine schlafende Gesicht.“
Wolfgang Borchert hat die Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“ 1946 geschrieben. Die Gefahr ist groß, in dieser Geschichte nur das hoffnungsvolle Ende zu betonen, gerade weil sie einen Weihnachtstag beschreibt. Aber zumindest der unausgesprochene Zorn des Mannes sollte uns daran hindern, sie verkürzt zu verstehen. Es ist für Wolfgang Borchert der Zorn junger Männer, die im Krieg zugleich Täter und Opfer waren. Viele von ihnen waren, so erkannte der Schriftsteller, nicht bereit, sich mit den eigenen Verstrickungen in einen barbarischen Krieg auseinanderzusetzen. Vergeblich suchte der Vater nach jemanden, den er für die elenden Zustände verantwortlich machen konnte. Die drei dunklen Könige, selbst kriegsversehrt, wurden durch ihre Geschenke zu Boten für eine hoffnungsvolle Zukunft.
Professor Karl-Josef Kuschel hat in seinem Buch „Das Weihnachten der Dichter“ diese Kurzgeschichte als Sehnsuchtsgeschichte verstanden: „Sehnsucht nach neuem Leben, nach Neuanfang. Das Motiv der ‚Königs‘-Huldigung für den neugeborenen Messias hat dann die Funktion, diesen Neuanfang ins Epochale, Geschichtliche zu steigern. Borchert war offensichtlich daran gelegen, seiner elementar-realistischen Szene ein Mehr an Bedeutung zu geben. In der kleinen Geschichte sollte sich eine große ‚wiederholen‘. Nullpunktsituation, damals wie heute. Auch damals hatte alles angefangen mit einem Kind in düsterer Zeit. Jetzt ist wieder die Zeit, neu anzufangen, der Sehnsucht nach Leben Gestalt zu geben. Kurz: Indem Borchert die neutestamentliche ‚Königs‘-Huldigung für den neugeborenen Messias hier als Prä- und Subtext mitlaufen lässt, bekommt seine ‚banale‘ Szene den Rang eines geschichtlichen Neuaufbruchs in zerrütteter Zeit.“
Wer war der Schriftsteller, der rasch zu einem führenden Vertreter der sogenannten „Trümmerliteratur“ stilisiert wurde? Wolfgang Borchert kam am 20. Mai 1921 in Hamburg-Eppendorf zu Welt. Sein Vater war Volksschullehrer, die Mutter Heimatdichterin. Nach der Volksschule besuchte er eine Oberrealschule. Wolfgang Borchert wurde 1937 konformiert, trat aber drei Jahre später aus der Kirche aus. Danach befasste er sich wiederholt mit religiösen Themen, ohne Christ zu werden.
Mit 15 Jahren begann Wolfgang Borchert, Gedichte zu schreiben. Sein großes Vorbild war Rainer Maria Rilke. Der Schriftsteller Peter Rühmkorf, der eine Monografie über Borchert verfasste, bewunderte Borchert, stand seinem Jugendwerk aber kritisch gegenüber und sprach von einem „Allesversucher und Nichtskönner“ in dieser Lebensphase. Im Dezember 1937 entschloss Wolfgang Borchert sich nach dem Besuch einer Hamlet-Aufführung unter der Regie von Gustav Gründgens, eigene Stücke zu schreiben und Schauspieler zu werden.
Seine schulischen Leistungen hatten sich als Folge seiner schriftstellerischen Ambitionen und des Desinteresses am schulischen Lehrstoff so verschlechtert, dass die Eltern sich 1939 entschlossen, den Sohn eine Buchhändlerlehre beginnen zu lassen. Im April 1939 nahm die Gestapo ihn mit dem Vorwurf fest, er habe in mehreren seiner Gedichte die Homosexualität verherrlicht. Diese Behauptung konnte der junge Autor entkräften, aber nun war die Gestapo auf die gesellschaftskritischen Tendenzen in seinen Werken aufmerksam geworden und überwachte ihn fortan. Wolfgang Borchert nahm das wahr, betrachtete es aber zunächst gelassen und pflegte weiterhin Kontakt zu gesellschaftskritischen Kreisen.
Er konzentrierte sich nun auf seine Schauspielausbildung und bestand im März 1941 die Abschlussprüfung. Eine Wanderbühne engagierte ihn, aber bereits im Juni 1941 musste Wolfgang Borchert Soldat werden. Nach einer dreimonatigen Grundausbildung nahm er gezwungenermaßen am Angriff auf die Sowjetunion teil. Ende des Jahres, mitten in einem kalten Winter, erhielt er den Auftrag, sich im Raum Smolensk am Ausmessen von Gräbern für gefallene deutsche Soldaten zu beteiligen. Diese Erfahrung hat er später in einer Kurzgeschichte verarbeitet.
„Er lag unbequem in dem flachen Grab. Es war wie immer viel zu kurz geworden, so dass er die Knie krumm machen musste. Er fühlte die eisige Käte im Rücken.“ Jesus ist der Spottname dieses Soldaten. Der „Alte“, sein Kompaniechef, nannte ihn so, weil er so sanft aussah, erfahren wir am Ende der Kurzgeschichte "Jesus macht nicht mehr mit".. Diesem Jesus war der Befehl erteilt worden, sich probeweise in die Gräber zu legen, die zwei Kameraden in den eisigen Boden sprengten, um dort gefallene deutsche Soldaten zu beerdigen. Die Toten lagen schon bereit, und Jesus musste sich in immer neue Gräber legen, die viel zu kurz und viel zu flach waren. „Zwei Köpfe erschienen am Himmel über dem Grabrand. Na, passt es, Jesus? Fragte der eine Kopf …“ Und Jesus antwortete pflichtgemäß: „Jawohl. Passt.“
Aber dies Mal tat Jesus Unerwartetes. „Er stand in dem vielzuflachen Grab, hauchte einen warmen Nebel gegen seinen entblößten frierenden Finger und sagte leise: Ich mache nicht mehr mit.“ Als der Unteroffizier ihn zur Rede stellte, wiederholte er leise seine Weigerung: „Jeden Tag die Gräber aussprengen. Jeden Tag sieben oder acht Gräber. Gestern sogar elf. Und jeden Tag die Leute da reingeklemmt in die Gräber, die ihnen immer nicht passen. Weil die Gräber zu klein sind. Und die Leute sind manchmal so steif und krumm gefroren. Das knirscht dann so, wenn sie in die engen Gräber geklemmt werden … Das sollen sie den ganzen Tod aushalten. Und ich, ich kann das Knirschen nicht mehr hören.“
Jesus weigerte sich, dem Unteroffizier zu gehorchen und sich weiterhin probeweise in die frisch gesprengten Gräber zu legen. „Nein, Nein. Und immer ich. Immer soll ich mich in das Grab legen, ob es passt, immer ich … Mir ist das grässlich, dass ich immer in die Gräber steigen soll. Immer ich.“ Er legte seine Spitzhacke leise neben den Haufen toter Menschen, für die noch Gräber gesprengt werden sollten. „Er hätte die Spitzhacke auch hinwerfen können, der Spitzhacke hätte es nicht geschadet. Aber er legte sie leise und vorsichtig hin, als wollte er keinen stören oder aufwecken. Um Gottes Willen keinen wecken. Nicht nur aus Rücksicht, aus Angst auch.“ Jeus entfernte sich ganz leise vom Ort des Grauens. „Der Unteroffizier schrie – aber Jesus sah sich nicht um. Nur seine Hände machten eine Bewegung als sagte er: Leise, leise! Um Gottes willen keinen wecken! Ich will das nicht mehr. Nein. Nein. Immer ich. Er wurde immer kleiner, kleiner, bis er hinter einer Schneewehe verschwand.“
Der Unteroffizier notierte den Namen in seinem Notizbuch, er würde Meldung machen. Jesus würde, vermutete der Unteroffizier, vom „Alten“ zusammengebrüllt werden. Nach ein paar Tagen werde Jesus „wieder ganz normal für eine Zeitlang“. Anschließend machte der Unteroffizier die Sprengladung fertig für das nächste Grab. Die letzten Worte des Offiziers in dieser Kurzgeschichte: „… melden muss ich ihn, das muss ich, denn die Gräber müssen ja sein.“
Die Kurzgeschichte ist ein Aufschrei gegen die „Normalität“ eines Krieges, in der die Humanität außer Kraft gesetzt wird. Ein Soldat ist nicht mehr bereit, immer und immer wieder eine grausige Rolle zu übernehmen und sich probeweise in die viel zu kurzen und zu flachen Gräber für tote Kameraden zu legen. Es ist kein Zufall, dass Wolfgang Borchert diesem Soldaten den Namen Jesus gab. Zwar war es vordergründig ein Spottname, den er von seinem Vorgesetzten erhielt. Aber dieser sanftmütige Jesus, der immer wieder aus den Gräbern aufsteht, will die Würde der Toten und ihre Ruhe achten. Er sagte Nein, so wie Wolfgang Borchert es in seinem berühmten Aufruf „Dann gibt es nur Eins“ nach dem Krieg von allen forderte: „Sag NEIN“. Es hieß dort in einem Absatz: „Du Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“
Karl-Josef Kuschel hat die Verweigerung des Soldaten Jesus so interpretiert: „Die Geste der Verweigerung ist kein Protest und keine politische Aktion. Sie ist bloß Geste, nichts als ein Zeichen. Und doch wird unter den Bedingungen der völligen Brutalisierung und Entmenschlichung die Sanftheit des Sanften, die Verweigerung des Unbedeutenden zum Politikum ersten Ranges. Einer hat es gewagt, die mörderische Ordnung zu unterbrechen. Was als ‚Spitzname‘ gedacht ist, ist unter diesen Umständen Symbol der Rettung eines Restes on Menschlichkeit. Der namenlose Soldat, der Anonymus und moderne Jedermann des 20. Jahrhunderts, hat auf einmal menschliche Kontur: Der Name ‚Jesus‘ macht ihn unterscheidbar, unverwechselbar.“
Wolfgang Borchert machte auch im Krieg keinen Hehl daraus, dass er das Naziregime ablehnte. Aber er blieb gezwungenermaßen Soldat. Am 23. Februar 1942 kehrte er von einem Postengang mit einer Schussverletzung an der linken Hand zurück. Ein Finger musste amputiert werden. Er geriet in den Verdacht der Selbstverstümmelung und wurde in einem Lazarett in der Heimat verhaftet. Im Prozess forderte der Ankläger die Todesstrafe, aber das Gericht sprach ihn frei. Allerdings blieb er in Haft, weil ihm nun die Regimekritik in seiner Korrespondenz vorgeworfen wurde.
Wolfgang Borchert erhielt auf der Grundlage des Heimtückegesetzes eine Gefängnisstrafe von acht Monaten. Sie wurde in sechs Wochen Arrest und anschließende „Frontbewährung“ umgewandelt. Im November 1942 kam er erneut die Ostfront in Russland. Er erlitt Erfrierungen und erkrankte an Gelbsucht. Nach einem Aufenthalt im Seuchenlazarett in Smolensk verlegte man ihn in ein Reservelazarett im Harz. Von dort aus konnte er Besuche in Hamburg machen und schrieb erschüttert über die durch Bombenangriffe zerstörte Heimatstadt Hamburg.
Er wurde als wehrdienstunfähig beurteilt und wurde nun zur Truppenbetreuung an ein Fronttheater kommandiert. Nachdem er vor seinen Zimmerkameraden eine Goebbels-Parodie aufgeführt hatte, denunzierte man ihn. Er wurde verhaftet und erlebte im Untersuchungsgefängnis, wie brutal mit politischen Dissidenten umgegangen wurde. Eine ärztliche Behandlung verweigerte man ihm. Im August 1944 verurteilte ihn ein Militärgericht zu neun Monaten Gefängnis wegen Wehrkraftzersetzung. Zwecks „Feindbewährung“ musste er die Strafe nicht antreten, aber wegen seiner Erkrankungen auch nicht an die Front. Er wurde in eine Garnison in Jena verlegt, geriet in Kriegsgefangenschaft, konnte fliehen und schlug sich nach Hamburg durch. Dort kam er am 10. Mai 1945 völlig erschöpft an.
Obwohl er unter Gelbsucht und Fußverletzungen litt, engagierte sich Wolfgang Borchert noch 1945 in Kabaretts und Theatern, unter anderem als Regieassistent am Deutschen Schauspielhaus. Aber die weitere Verschlechterung seiner Gesundheit erzwang einen Krankenhausaufenthalt, ohne dass er genesen konnte. Trotzdem schrieb er unentwegt Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke. In nur acht Tagen verfasste er sein Drama „Draußen vor der Tür“.
Der Kriegsheimkehrer Beckmann musste in diesem Drama erleben, dass die Daheimgebliebenen den Krieg und die Verbrechen im Krieg bereits verdrängten. Nach den Erlebnissen im Krieg und einer dreijährigen Kriegsgefangenschaft in Sibirien fand Beckmann keinen Platz für sich in der Nachkriegsgesellschaft. Viele Angehörige der junge Generation waren nach den Kriegserfahrungen verstummt. Wolfgang Borchert hat der jungen Generation, die viel zu lange geschwiegen hatte, 1947 mit Beckmann eine Stimme gegeben. Beckmann fragte eindringlich, warum die ältere Generation die Jugend in einen sinnlosen Krieg geschickt hatte, warum sie so lange zu Krieg und Unrecht geschwiegen hatte. Und Gott? „Wo ist der alte Mann, der sich Gott nennt? Gebt doch Antwort! Warum schweigt ihr denn? Gibt denn keiner Antwort? Gibt denn keiner, keiner Antwort?“
Das Hörspiel auf der Grundlage des Dramas wurde am 13. Februar 1947 erstmals vom Nordwestdeutschen Rundfunk gesendet. Es löste viele begeisterte und manche empörte Hörerzuschriften aus. Bernhard Meyer-Marwitz, der mehrere Bücher Borcherts verlegte, hat diese Reaktionen in einem Nachwort zum 1949 erschienenen Buch „Wolfgang Borchert – Gesamtwerk“ so beschrieben: „Borcherts Schrei löste tausend Zungen in dem verwüsteten und darbenden Deutschland. Die Hörer schrien zurück: emporgerissen, gepeinigt, erschreckt, befreit, zornig, erschüttert, abwehrend, dankbar.“
Unter Leitung von Ida Ehre ist das Theaterstück am 21. November 1947 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt worden. Hellmuth Karasek schrieb später: „Selten hat ein Theaterstück die Zuschauer so erschüttert wie Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür.“
Wolfgang Borchert war einen Tag vorher in der Schweiz gestorben, wo er sich zu einem Genesungsaufenthalt befand. Er hat also das große Echo auf dieses Heimkehrer-Stück nicht mehr erlebt. Später wurde er als führender Vertreter der „Trümmerliteratur“ in die Literaturgeschichte aufgenommen. Aber diese Schublade wird dem Schriftsteller nicht gerecht. Bernhard Meyer-Marwitz hat ihn so gewürdigt: „Borchert gab dieser Jugend ihre Stimme zurück, er fand sich mit ihr im gemeinsamen Schicksal und half ihr, diesem Schicksal zu begegnen. Dieses Verdienst wog in jenen Tagen schwerer als gefälligere literarische Leistungen.“
Zu der Situation derer, die sich in der Nachkriegszeit draußen vor der Tür befanden, hat Wolfgang Borchert eine Kurzgeschichte geschrieben, „Hinter den Fenstern ist Weihnachten“. Sie befand sich in seinem Nachlass und ist erst 1961 veröffentlicht worden. Ein Mann, der in einem Bunker leben muss, ist vor den Weihnachtsliedern in dieser bedrückenden Atmosphäre geflüchtet. Er sieht eine junge Frau vor sich, er sieht sie jedenfalls, wenn sie gerade wieder unter dem Licht einer Laterne durch die menschenleere Stadt geht. „Wir beide sind ganz allein in der Stadt. Hinter den Fenstern, da ist Weihnachten. Manchmal sieht man hinter den Gardinen die Kerzen vom Tannenbaum.“
Er folgt mit Abstand der Frau, holt sie nicht ein und spricht sie nicht an. Wir erfahren, was er ihr sagen würde, wenn er sie ansprechen würde: „Hörst du, hinter den Fenstern machen sie Weihnachten. Sie sitzen auf weichen Stühlen und essen Bratkartoffeln. Vielleicht haben sie sogar Grünkohl. Aber dann sind sie reich. Aber sie haben ja auch Gardinen, dann haben sie auch Grünkohl. Wer Gardinen hat, ist reich. Nur wir beiden sind draußen.“
Er überlegt, ob er die junge Frau an der nächsten Laterne ansprechen soll. „Aber wenn ich dich anrede, ist vielleicht alles vorbei. Du antwortest vielleicht gar nicht. Oder du lachst mich aus, weil ich dir zu jung bin.“ Die junge Frau hat die nächste Laterne erreicht. „Die Laterne. Nein, ich warte noch ein paar Laternen. Noch nicht.“ Und nach weiteren Laternen überlegt er: „Wenn die nächste Laterne kommt, rede ich dich an. Vielleicht wird es was … Guck mal, hinter den Gardinen haben sie Weihnachten. Vielleicht auch Grünkohl. Nur wir beide sind draußen. Wir sind ganz allein in der Stadt.“
Mit diesen Überlegungen endet die Kurzgeschichte. Während die Sesshaften, die Gutbetuchten schon wieder Weihnachten mit Weihnachtsbaum, Bratkartoffeln und Grünkohl feierten, blieben viele Kriegsheimkehrer und Ausgebombte draußen vor der Tür. Ihnen gab Wolfgang Borchert mit dieser Kurzgeschichte und weiteren literarischen Werken in der ersten Nachkriegszeit eine Stimme. Und vielleicht haben sich die beiden jungen Leute, die in dieser Geschichte am Weihnachtsabend allein durch die Stadt zogen, einander ja doch noch gesprochen und gefunden. Vielleicht. Wolfgang Borchert war kein Schriftsteller mit „happy end“. Die Zeiten waren nicht danach. Aber die Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben, die gab er nicht auf.
Hüten wir uns davor, Wolfgang Borchert vorschnell in die Reihen der gläubigen Christen einzureihen. Am 28. September 1947, kurz vor seinem Tod, schrieb er seinen Eltern aus Basel: „Mir scheint, auch unsere Religion nicht so sehr als Manifest moralischer und soziologischer Dinge, sondern eine Flucht vor dem Ticktack der Vergänglichkeit, gegen die wir die Auferstehung und das belebte Jenseits erfunden haben, die aber, konsequent zu Ende gedacht, aus jeder Sekunde unseres Hierseins heraustickt und mit der wir uns abfinden müssen. Eine Waffe gibt es dagegen und einen Ausweg: die Liebe und der Tod. Aber je mehr wir uns lieben, desto mehr leiden wir unter dem Ticktack, weil keine Religion uns Gewissheit der Unvergänglichkeit gibt und noch viel weniger das Wiedererkennen im Jenseits.“
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