
„Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weiß kaum, ob ich seither einen schwereren erlitten habe. Es war damals, als meine Großmutter starb. Tag für Tag hatte sie bis dahin in ihrem Zimmer auf dem Ecksofa gesessen und Märchen erzählt. Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen, als dass Großmutter dasaß und vom Morgen bis zum Abend erzählte, während wir Kinder ganz still neben ihr saßen und lauschten. Es war ein herrliches Leben.“ So beginnt die Geschichte „Die Heilige Nacht“ von Selma Lagerlöf, in die viele eigene Kindheitserfahrungen eingeflossen sind.
Unvergessen blieb ihr auch nach Jahrzehnten eine kleine Geschichte von Jesu Geburt. Diese Legende, wie sie die Großmutter erzählte, begann so: „Es war einmal ein Mann, der in die dunkle Nacht hinausging, um sich etwas Feuersglut zu holen. Er ging von Hütte zu Hütte und klopfte an jede Tür. ‚Helft mir, Ihr lieben Leute!‘, sagte er. ‚Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer anzünden, um sie und das Kindlein zu wärmen.‘ Aber es war tiefe Nacht, sodass alle Menschen fest schliefen.“ Schließlich entdeckte er einen Hirten, der umgeben war von seinen schlafenden Schafen und seinen ebenfalls schlafenden drei Hunden. Als die Hunde den Fremden hörten, wachten sie auf. Sie „sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, man vernahm jedoch keinen Laut“. Die Hunde versuchten, den Mann zu beißen, aber ihre Zähne und Kinnladen funktionierten nicht.
So schritt der Mann über die dicht beieinander liegenden schlafenden Schafe, aber keines der Schafe erwachte. „Als der Mann schon beim Feuer angelangt war, blickte der Hirte auf. Er war ein alter mürrischer Mann, unfreundlich und hart gegen alle Menschen. Als er nun einen Fremden nahen sah, griff er nach einem langen, spitzen Stab, den er in der Hand zu haben pflegte, wenn er seine Herde weiden ließ, und schleuderte ihn nach dem Mann. Der Stab flog sausend auf ihn zu, aber ehe er ihn treffen konnte, wich er zur Seite und flog an ihm vorbei ins Feld hinaus.“
Der Mann bat den Hirten um Feuersglut. Am liebsten hätte der Hirte ihn zurückgewiesen, aber angesichts des bisherigen Geschehens fürchtete er sich vor dem Fremden. Er sagte: „Nimm soviel du brauchst!“ Da der Fremde kein Behältnis für die Feuersglut bei sich hatte und das Feuer schon fast gänzlich niedergebannt war, dacht der Hirte, der Fremde würde ohnehin keine Feuersglut mitnehmen können: „Aber der Mann beugte sich nieder, las mit bloßen Händen die glühenden Kohlen aus der Asche und wickelte sie in seinen Mantel. Und die Kohlen versengten ihm weder Hände noch Mantel, und der Mann trug sie davon, als wären es Äpfel und Nüsse.“ Der Hirte sagte daraufhin zum Fremden: „Was ist das für eine Nacht? Und wie kommt es, dass alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?“ Der Fremde antwortete, dass müsse der Hirte selbst erkennen.
Der Hirte folgte anschließend dem Fremden, um das Geheimnis zu ergründen. „Da sah er Hirte, dass der Mann nicht einmal eine Hütte besaß, um darin zu wohnen, sondern sein Weib und Kind lagen in einer Felsenhöhle, die nur nackte, kalte Steinwände hatte.“ Den bisher hartherzigen Hirte berührte dieses Elend. Er löste sein Bündel von der Schulter und schenkte dem Mann ein weiches, weißes Schaffell, auf dem das Kindlein gebettet werden konnte. Er zeigte damit Barmherzigkeit und ihm wurden daraufhin die Augen geöffnet. „Er sah, dass er inmitten einer dichten Schar kleiner, silberbeschwingter Engel stand, die einen Kreis um ihn bildeten. Und jedes Englein hielt ein Saitenspiel, und alle sangen mit jubelnder Stimme, dass in dieser Nacht der Heiland geboren sei, der die ganze Welt von ihren Sünden erlösen würde.“ Die Großmutter legte die Hand auf den Scheitel der kleinen Selma und sagte: „Dies sollst du dir gut merken, denn es ist so wahr, wie ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Kerzen und Lampen kommt es an, noch auf Sonne und Mond, sondern was nottut, ist einzig und allein, dass wir die rechten Augen haben, Gottes Herrlichkeit zu sehen.“
Was die erwachsene Schriftstellerin Selma Lagerlöf in dieser Geschichte aufgeschrieben hat, gibt nicht nur Worte ihrer Großmutter wieder, sondern ist auch Ausdruck ihres eigenen Glaubens. Wer die Welt der Weihnachtsgeschichten von Selma Lagerlöf kennenlernen will, der sollte sich hineinbegeben in einen fast naiv erscheinenden Weihnachtsglauben, selbst wenn man selbst ihn nicht teilen sollte.
Selma Lagerlöf wurde 1858 auf dem Gut Mårbacka in der schwedischen Provinz Värmland geboren. Die Gutsbesitzerfamilie war wohlhabend, aber die Tochter musste als Jugendliche miterleben, wie dieser Wohlstand während einer lang anhaltenden schwedischen Wirtschaftskrise schwand und das Gut schließlich verkauft werden musste. Wegen eines Hüftleidens verbrachte sie in der Kindheit viel Zeit im Haus und las viel. Die Situation von Außenseitern, wie sie selbst es gewesen war, spielte später in ihren Werken eine bedeutende Rolle. Selma Lagerlöf konnte genesen, aber ein leichtes Hinken blieb zurück.
Sie wurde mit ihren Schwestern von Gouvernanten unterrichtet. Später besuchte sie ein Gymnasium. Von 1882 an studierte sie an einem Lehrerinnenseminar und arbeitete anschließend als Volksschullehrerin. Das war eine ungewöhnliche Berufswahl für eine Frau aus „gutem Hause“. Daneben begann sie ihre schriftstellerische Arbeit. Zuerst erschien 1891 der Roman „Gösta Berling“, in dessen Mittelpunkt ein alkoholabhängiger Pastor steht, der seine Pfarrstelle und seinen Beruf aufgibt und nach vielen Irrungen und Wirrungen am Schluss eine neue Berufung findet. Der Roman begründete Selma Lagerlöfs Anerkennung als Schriftstellerin.
1895 konnte Selma Lagerlöf es wagen, ihre Stellung als Lehrerin aufzugeben und ausschließlich von ihren Einnahmen als Schriftstellerin zu leben.
Selma Lagerlöf stand der damaligen schwedischen Staatskirche, wie sie sie erlebte, kritisch gegenüber. Das hatte Gründe, die bis in ihre Kindheit zurückreichten. Das kann man in ihrem Buch „Aus meiner Kindheit“ und dort besonders im Kapitel „Der Kirchenbesuch“ nachlesen. Ihr Vater, der Gutbesitzer, und seine Frau gehörten zu den Herrschaften, die von allen gegrüßt wurden, wenn sie mit Pferd und Wagen zum sonntäglichen Gottesdienst erschienen. Die Familie hatte Plätze auf der Empore. Selma Lagerlöf erinnerte sich: „Seht, es ist natürlich sehr vornehm, wenn man auf de vordersten Bank der Empore sitzt, aber dieser Platz hat den Fehler, das man nichts von dem versteht, was der Pastor drunten in der Kirche sagt.“ Auch die Kirchenlieder waren mit einem Problem verbunden: „Wenn die Orgel erklingt, so hören wir das allerdings, aber auch das ist nicht lauter Freude, denn in der Kirche von Ost-Ämtervik wagte kein Mensch zu singen.“ Einmal, als sie noch klein war, sang Selma einen Vers so laut, wie sie konnte. Aber sie wurde danach von ihrer Familie dazu veranlasst, nicht weiter zu singen.
Dass sie die Predigten von Pastor Lindegren nicht verstehen konnte, bedauerte das Mädchen sehr. Der Pastor war mit ihren Eltern befreundet und Selma schätzte ihn. Pastor Unger schätzte sie so sehr, dass sie ihm ein Kapitel in ihren Kindheitserinnerungen gewidmet hat. Gleich im ersten Absatz erfahren wir: „Pastor Unger habe ich sehr lieb.“ Dabei kam Pastor Unger immer wieder unangekündigt gerade dann in ihr Gutshaus, wenn es der Familie am wenigsten passte: „Wir pflegten zu sagen, wir wüssten wirklich nicht, wie es ihm gelinge, ausgerechnet gerade an dem Tag zu kommen, wo wir die große Weihnachtsputzerei haben und es am allerunbehaglichsten und unordentlichsten bei uns ist.“
Pastor Unger ließ sich auch an einem solchen Tag nicht abweisen – schon deshalb nicht, weil er vor dem Vorweihnachtshektik seiner Frau Maria flüchtete: „‚Ach so, ihr habt auch Großreinemachen‘ sagt er. ‚Ja, das hätte ich mir fast denken können, denn Maria hat daheim so fürchterlich gestöbert, dass ich notgedrungen auf und davon gehen musste.‘“ Besonders in der Küche vergrößerte Pastor Unger das vorhandene Chaos noch, aber er blieb ein begnadeter, humorvoller und gern gesehener Besucher auf dem Gutshof.
In einem Jahr platzte Pastor Unger nicht mitten in den Weihnachtsvorbereitungen zu einem Besuch herein. Man war beunruhigt, aber erfuhr dann, woran es lag. Der Propst von Gunnarskog war gestorben und Pastor Unger hatte sehr gut Aussicht, sein Nachfolger zu werden. Aber es gab in Gunnarskog einen schlecht bezahlten Hilfsprediger, der sich auch Hoffnungen auf die Propstenstelle machte. Er hatte vom Konsistorium, dem Kirchenamt, nie eine feste Stelle bekommen. Und wenn Pastor Unger sich auf die Propstenstelle bewerben würde, hätte der Hilfsprediger keine Aussicht, berufen zu werden. Pastor Unger rang nun in der Vorweihnachtszeit mit sich und sagte häufiger: „Es ist Senf in den Honig gekommen. Er schmeckt nicht mehr süß.“
Am letzten Tag, an dem man sich bis 12 Uhr bewerben konnte, kam Pastor Unger gegen Mittag in das Konsistorium. Die verantwortlichen Herren schienen schon den ganzen Vormittag auf ihn gewartet zu haben. Man versuchte, ihn zur Bewerbung zu drängen, aber er erhob Einwände. Unmittelbar vor Zwölf fasste Pastor Unger „in die Tasche, zog eine Handvoll Schriftstücke heraus und zeigte sie dem Konsistorialsekretär. Es war seine Bewerbung um Gunnarskog. Während die Uhr zwölf schlug, ließ er die Hand so weit sinken, dass die Papiere fast auf dem Tisch lagen, aber er ließ sie nicht los, und gerade als der letzte Schlag ertönte, hob er sie wieder auf und steckte sie in seine Brusttasche zurück. Dann setzte er ohne ein weiteres Wort seinen Hut auf, zog seinen Überzieher an und ging zur Tür hinaus.“
Auf dem Gutshof war man begeistert über diesen gradlinigen Pastor, der um eines Amtsbruders willen auf das Propstenamt verzichtet hatte. Selma Lagerlöf schrieb über die Reaktion ihrer Familie auf diese Entscheidung: „Wir sind sehr glücklich, weil jemand, den wir kennen, etwas so Großartiges getan hat, und wir wollen gar nicht zu Bett gehen.“ Selma Lagerlöf sagte sich vor dem Einschlafen: „Wenn ich etwas Ähnliches wie Pastor Unger tun könnte, ja, das würde ich für sehr viel mehr halten, als wenn ich das allerschönste Buch der Welt schriebe.“ Aber Schriftstellerin, das wollte sie trotzdem weiterhin werden. „Ich bin eben doch gezwungen, Romane zu schreiben, wenn ich groß bin, denn dazu bin ich auf die Welt gekommen.“
Ein Höhepunkt ihrer schriftstellerischen Tätigkeit war 1896 die Veröffentlichung des Romans „Jerusalem“. Hintergrund für den Roman war, dass sich 1896 insgesamt 55 Angehörige Bewohner eines Dorfes ihren Besitz verkauft hatten und nach Jerusalem ausgewandert waren. Sie gehörten einer frommen Erweckungsbewegung an und wollten im heiligen Jerusalem dem Heiland nahe sein. Sie kamen tatsächlich in Jerusalem an und schlossen sich der „American Colony“ an.
In ihrem berühmten Roman „Jerusalem“ schildert Selma Lagerlöf, wie die Erweckungsbewegung ein kleines schwedisches Dorf erreichte. Der Schulmeister und einige alte Bauern sagten vorher gelegentlich über den Pfarrer ihres Dorfes: „Unser Pfarrer hier hat eigentlich nur eine einzige Predigt. Er spricht beinahe von nichts anderem als von Gottes Vorsehung und Gottes Lenkung. Das geht noch an, solange die Sekten sich fernhalten; denn gegenwärtig ist die Festung schlecht verwahrt, und beim ersten Angriff wird sie fallen.“
Der Schulmeister des Dorfes, ein Bauer ohne pädagogische Ausbildung, aber mit viel Erfahrung, ergriff die initiative dafür, der Erweckungsbewegung etwas entgegenzusetzen. Er plädierte für den Bau eines Missionshauses und versicherte den Bauernfamilien: „Ihr kennt mich, ich will nur predigen, um die Leute in dem alten Glauben zu stärken.“ Das überzeugte angesichts der Erfolge der Erweckungsbewegung in benachbarten Orten. Das Missionshaus wurde gebaut, und von nun an predigte der Pastor am Sonntagmorgen in der Kirche und der Schulmeister am Sonntagnachmittag im Missionshaus.
So hätte das Nebeneinander fortbestehen können. Der Schulmeister hatte Sonntag für Sonntag über wichtige biblische Texte gesprochen. Er war an dem Sonntag, der alles verändern sollte, beim „himmlischen Jerusalem“ in der Offenbarung des Johannes angekommen. Auch der Pastor war dieses Mal gekommen. Nach dem Ende der Ansprache des Schulmeisters meldete sich der Bauer Hök Matts Erikkson zu Wort: „Ich möchte dem Schulmeister und der Versammlung mitteilen, dass vor kurzem an einem Sonntag, als ich mit meinen Dienstleuten in der Stube saß, der Geist über mich kam, sodass ich anfing zu predigen.“
An dem besagten Sonntag war er wegen des Glatteises nicht in die Kirche gekommen, aber auch an den folgenden beiden Sonntagnachmittagen hatte er in seiner Wohnstube gepredigt und seine Hausgenossen und Nachbarn waren gekommen. Erikkson sagte nun, dass seine Zuhörerinnen und Zuhörer ihn aufgefordert hätten, an den Versammlung im Missionshaus teilzunehmen und vor allen Leuten zu sprechen.
Das lehnte nun der Schulmeister entschieden ab: „Matt Erikkson, du kommst mit deinen eigenen Betrachtungen, und sagst, es sei Gottes Wort.“ Der Schulmeister ließ danach das Lied „Ich hebe meine Hände auf zu Jerusalem“ singen. Kaum war der letzte Ton verklungen, meldete sich ein Bauer zu Wort und kritisierte den Schulmeister dafür, dass er Erikkson zurechtgewiesen hatte, ohne vorher die Versammelten zu fragen. Daraufhin wies der Schulmeister auch diesen stattlichen Bauern, der einen der größten Höfe im Dorf besaß, wie einen Schuljungen zurecht.
Wie zu erwarten, geriet dieser in Zorn und mit ihm viele de Versammelten. Als sie das Haus gebaut hatten, sollte es ein freier Predigtsaal sein, aber seither hätte nur der Schulmeister gepredigt. Dass der Schulmeister seine früheren Schüler auch als erwachsene Bauern immer noch wie Kinder behandelte, zeigte sich gerade an diesem Nachmittag. Seine herablassenden Antworten auf Kritik brachte viele der Versammelten immer mehr in Rage. Am Ende der Versammlung legte der Schulmeister den Schlüssel des Missionshauses auf den Tisch und erklärte, er werde dort nie wieder predigen.
Der Bruch in der Gemeinde, den Pastor und Schulmeister bis dahin vermieden hatten, war nun erfolgt. Selma Lagerlöf hat in ihrem Roman exemplarisch dargestellt, wie zu ihren Lebzeiten in vielen schwedischen Kirchengemeinden eine Erweckungsbewegung entstand und großen Einfluss gewann. Der nicht überzeugend predigende Pastor und der selbstherrlich agierende Schulmeister repräsentieren in dem Roman eine Kirche, die keine angemessene Antwort auf die Erweckungsbewegung fand. Die Schriftstellerin schloss sich der Erweckungsbewegung nicht an. In ihren literarischen Werken und besonders in ihren Weihnachtstexten kommt aber eine Frömmigkeit zum Ausdruck, die manchmal fast naiv wirkt, aber ein Engagement für Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit zur Konsequenz hat.
Was im Roman aus der Erweckungsbewegung in dem schwedischen Dorf geworden ist? Sie hat sich radikalisiert, und viele Dorfbewohnerinnen und -bewohner verkauften all ihren Besitz, um sich auf den Weg nach Jerusalem zu machen. Einige erwarteten in Anlehnung an die Offenbarung des Johannes sogar, in ein Jerusalem mit goldenen Toren und Mauern aus gebrannten Glas zu kommen. Sie erreichte tatsächlich Jerusalem, aber es war nicht das herrliche goldene Jerusalem, das sie von einem religiösen Gemälde kannten, sondern eine Stadt mit vielen staubigen Straßen, schäbigen alten Häusern und vielen armen Menschen.
Die Erweckten aus Schweden schlossen sich einer Gruppe US-amerikanischer Gläubiger an, die in Jerusalem eine „American Colony“ gegründet hatten. Das war eine sozial engagierte Kommunität, die es tatsächlich gab und die Selma Lagerlöf bei einem Jerusalemaufenthalt besuchte. Sie war beeindruckt von dem sozial Engagement der Mitglieder und ihrem tiefreligiösen Leben. Selma Lagerlöfs Roman „Jerusalem“ hat dieser Bewegung ein Denkmal gesetzt.
Selma Lagerlöf erhielt vom schwedischen Volksschullehrerverband den Auftrag, eine Lesebuch zu verfassen, das die Geografie und Geschichte aller Regionen Schwedens darstellen sollte. Die Schriftstellerin erfand für dieses Buch den 14jährigen Nils Holgersson, der für seine Bösartigkeit damit bestraft wurde, in einen kleinen Däumling verwandelt zu werden. Wildgänse nahmen ihn auf dem Rücken mit auf eine Reise, während der er Land und Leute, Geschichte, Legenden und Sagen kennenlernte. In Konfliktsituationen wuchs er innerlich, bevor er am Ende der Reise auch seine körperliche Größe zurückerlangte.
Das 1906 erschienene Buch „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ wurde nicht nur in Schweden, sondern auch im Ausland zu einem großen Erfolg. Die Verkaufserfolge ihrer Bücher ermöglichten es Selma Lagerlöf, 1908 das Gutshaus in Mårbacka zurückzukaufen, wo sie intensiv arbeitete und auch eine Fabrik zur Produktion von Hafermehl aufbaute.
Selma Lagerlöf lebte in inniger Partnerschaft mit zwei Frauen. Von 1907 an kümmerte sie sich um ein Pflegekind. Der Junge hieß zufällig Nils Holgersson und deshalb hatte man die Schriftstellerin gefragt, ob sie seine Pflege übernehmen würde.
Politisch engagierte sich Selma Lagerlöf vor allem für Frauenrechte und das Frauenwahlrecht. Sozial setzte die Schriftstellerin sich für arme Menschen ein und unterstützte viele von ihnen finanziell. In ihrem Buch „Die Wunder des Antichrist“ zeigte sie Sympathie für sozialistische Vorstellungen und bemühte sich, Christentum und Sozialismus miteinander zu versöhnen. Angesichts der Schrecken des Ersten Weltkriegs veröffentlichte sie 1918 den Roman „Das heilige Leben“ mit einem Plädoyer für den Pazifismus. Von 1933 an beteiligte sie sich an einem Komitee zur Rettung von Jüdinnen und Juden aus Deutschland.
Eine erste bedeutende Anerkennung ihrer Schriftstellertätigkeit war 1907 die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophie durch die Universität Uppsala. Zwei Jahre später wurde sie als erste Frau mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Zu den weiteren Ehrungen gehörte die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Greifswald im Jahre 1928 und der Universität Kiel im Jahre 1932. Selma Lagerlöf starb 1940 im Alter von 81 Jahren.
Neben all ihren anderen Aktivitäten fand Selma Lagerlöf ausreichend Zeit, um Romane, Erzählungen, fantasievolle Geschichten von Trollen und Märchen zu veröffentlichen. Religiöse Themen und auch Geschichten rund um die biblischen Weihnachtsgeschichten und Geschichten, die Weihnachten spielen in ihrem Werk eine große Rolle. Zwei dieser Geschichten soll hier kurz vorgestellt werden.
Die Flucht von Maria und Josef mit ihrem Neugeborenen kommt im Neuen Testament nur im Matthäusevangelium vor und dort nimmt die eigentliche Flucht vor den Häschern von König Herodes nur einen einzigen Vers ein. Nachdem im vorangehenden Vers ein Engel Josef im Traum aufgefordert hatte, mit seiner Familie zu flüchten, heißt es in Matthäus 2,14: „Da stand er auf und nahm das Kind und seine Mutter mit sich bei der Nacht und entwich nach Ägypten.“ Dem Evangelisten war die Flucht selbst von keinem größeren Interesse. Es ging ihm um die Rückkehr Jesu aus Ägypten, denn in der Hebräischen Bibel war angekündigt worden, dass Gottes Sohn aus Ägypten kommen würde.
Vielen in der Jesusbewegung war diese kurze Darstellung der dramatischen Flucht dann doch zu nüchtern. Deshalb schrieben die Verfasser des Pseudo-Matthäusevangeliums eine Geschichte, die mit viel Fantasie die Flucht in zahlreichen Details darstellten. Als Beispiel sei nur erwähnt, dass hier zu lesen ist, dass sich friedliche Löwen und Leoparden der Reisegruppe anschlossen. Das Pseudo-Matthäusevangelium ist nicht in das Neue Testament aufgenommen worden, hat aber trotzdem viel Interesse gefunden. Das galt besonders für die Geschichte, wie die Reisegesellschaft unter einer großen Palme lagerte und großen Hunger und Durst hatte. Auf Jesu Geheiß senkte die Palme ihre Spitze, sodass die Flüchtlinge ihre Früchte essen konnten. An ihren Wurzeln entstand eine sprudelnde Quelle, sodass Mensch und Tier den Durst stillen konnten.
Diese Geschichte hat Selma Lagerlöf zu ihrer Erzählung „Die Flucht nach Ägypten“ inspiriert. Sie schildert das Geschehen aus dem Blickwinkel der Palme und beginnt so: „In weiter Ferne, in einer der Wüsten des Morgenlandes, wuchs vor vielen, vielen Jahrhunderten eine Palme, die mächtig alt und riesig hoch war.“ Die Palme erlebte eines Tages eine große Überraschung: „Wie nun die hohe Palme in ihrer Einsamkeit dastand und über die Wüste hinschaute. Bekam sie eines Tages etwas zu sehen, worüber sie vor Verwunderungen ihre gewaltige Blätterkrone auf dem schlanken Stamm hin und her wiegte. Fern am Wüstensaume kamen zwei einzelne Menschen hergewandert.“ Wir merken, dass Selma Lagerlöf hier eine Geschichte in einem Stil schreibt, wie sie ihn aus den Märchen und Legenden ihrer Großmutter kannte.
Das Schicksal der Menschen bekümmerte die Palme, denn sie fürchtete, dass die beiden
Reisenden von wilden Tieren gefressen, von Räubern getötet oder verdursten würden. Als die Fremden näherkamen, sah die Palme, dass sie mit einem kleinen Kind unterwegs waren. Als die Palme die Fremden sah, erinnerte sie sich, dass vor langer Zeit die Königin von Saba an dieser Selle vorbeigezogen war und dass König Salomo sie ein Stück auf ihrem Weg zurück in die Heimat begleitet hatte. An genau dieser Stelle hatten sie sich getrennt, und die Königin hatte in Erinnerung daran einen Dattelkern in den Sand versenkt.
Daraus war die mächtige Dattelpalme geworden, unter der nun Maria, Josef und das Jesuskind lagerten. Aber die Quelle nahe der Palme war versiegt: „Die todesmatte Frau legte ihr Kind nieder und setzte sich weinend an den Rand der Quelle. Der Mann warf sich neben ihr hin und hämmerte mit beiden Fäusten gegen den dürren Erdboden. Die Palme vernahm, wie sie davon redeten, dass sie sterben müssen.“
Es kam anders. Gern hätten Maria und Josef die Datteln gegessen, aber der Baum war viel zu hoch. Das kleine Kind hörte seinen Eltern aufmerksam zu: „Sobald von den Datteln gesprochen wurde, begann er den Baum anzustarren. Er überlegte und sann nach, wie er wohl die Datteln herunterbekommen könnte. Seine Stirn zog sich unter den blonden Locken in Falten. Endlich überflog ein Lächeln sein Gesichtchen … Auf die Palme zuschreitend, liebkoste er sie mit seiner kleinen Hand und sprach mit seiner holden, kindlichen Stimme: ‚Palme, beuge Dich, neige Dich!‘“ Die Palme neigte sich tatsächlich und die Familie war gerettet. Nachdem die Palme sich wieder erhoben hatte, lobten die Eltern des kleinen Jungen Gott. Es mag scheinen, als hörten wir in dieser Geschichte wirklich die Großmutter Selma Lagerlöfs. Und in deren Welt hatte das Jesuskind noch unhinterfragt blonde Haare.
Im Mittepunkt der Weihnachtsgeschichte „Der Sturm“ steht ein Mädchen, das in der Geschichte von Selma Lagerlöf „die Kleine“ genannt wird. Die Dreizehnjährige lebte mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder in großer Armut in einem kleinen Haus mitten im Wald. Ein großer Lichtblick war für die Familie jedes Jahr der zweite Weihnachtstag. Denn an diesem Tag lud der reiche Oheim sie jedes Jahr zu einem Weihnachtsschmaus ein und sie konnten sich endlich einmal sattessen. Das ganze Jahr hatte das Mädchen sich auf dieses Festessen gefreut. Aber an diesem Weihnachtsfest tobte ein starker Sturm, der auch mitten im Wald zu spüren war.
Das Mädchen ging an den Waldrand und erlebte die ganze Heftigkeit des Sturms: „Ach, ach! Wenn sie daran dachte, dass dort drunten jetzt süße Suppe mit Rosinen gekocht wurde, dass es da Reisbrei und Kuchen gab, und Kaffee mit mürbem Backwerk, und dass sie nichts davon bekommen sollte! Sie war über die Maßen zornig und wünsche geradezu, es möchte jemand in der Nähe sein, an dem sie ihren Zorn auslassen würde.“
Dann beschloss sie, trotz des heftigen Sturms den Weg zum Festessen des Oheims fortzusetzen. Die Mutter beobachtete, wie das Mädchen dem Sturm trotzte und nicht bereit war umzukehren. Sie schloss sich mit dem kleinen Sohn ihrer Tochter an. Der weihnachtliche Marsch durch den Sturm war aber so anstrengend, dass die drei auf dem Weg bei einer armen Familie Zuflucht suchen mussten. Es wurde beschlossen, dass die Mutter allein weitergehen und die beiden Kinder auf dem Rückweg abholen würde. Aber „die Kleine“ wollte nicht aufgeben. Nach einer Weile beschloss sie, mit ihrem kleinen Bruder doch zum Haus des Oheims zu gelangen, trotz des heftigen Sturms.
Sie erreichten einen zugefrorenen See, der es ermöglichen konnte, den Weg abzukürzen. Sie sammelten Tannenzweige, und als der Sturm heftig wehte, setzten die sich auf dem Eis auf ihre Tannenzweighaufen, „jedes von den Kindern nahm einen großen Tannenzweig in die Hand. Und Hui! sagte der Sturm, und hei! sagte der Sturm. Er schüttelte sie auf die Seite, wie wenn er probieren wollte, was er mit ihnen anfangen könnte. Dann fasste er hart zu und sie fuhren davon. Und es ging, es ging! Ja, hurtig wie der Wind ging es und nun fühlten die Kinder den Sturm gar nicht mehr.“
Sehr rasch erreichten sie den Hof ihres Oheims, gerade noch rechtzeitig zum Beginn des Weihnachtsessens. Alle wunderten sich über die beiden Kinder, nur die Mutter nicht. Sie sagte: „Dieses Mädchen gibt nicht auf. Ich hatte eigentlich schon die ganze Zeit erwartet, sie auf einem Besenstiel durch die Luft daherreitend zu sehen.“
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Lesetipp:
Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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