Oxfam-Bericht: Europäische Konzerne befeuern globale Ungleichheitskrise

Die 100 umsatzstärksten europäischen Unternehmen verschärfen die Ungleichheitskrise – sozial, politisch, wirtschaftlich und ökologisch. Das zeigt der neue Oxfam-Bericht „People, Power, Profits, Planet: How the biggest European companies fuel the global inequality crisis“.

Anhand verschiedener Indikatoren und mit Daten aus den Jahren 2022 bis 2024 untersucht der Bericht erstmals, wie Konzerne in Europa mit ihrer Geschäftspolitik verschiedene Aspekte von Ungleichheit verstärken. Auch 27 deutsche Unternehmen sind Teil der Auswertung.

 

Hohe Dividenden und hohe Gehälter der Führungskräfte

Dem Bericht zufolge erhielten zwischen 2022 und 2024 Aktionärinnen und Aktionäre der 100 untersuchten europäischen Konzerne im Schnitt mehr als zwei Drittel der Gewinne. Sechs Unternehmen, darunter der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Bayer und der Schweizer Bergbau- und Rohstoffkonzern Glencore, schütteten 2024 sogar Dividenden aus, obwohl sie Verluste machten.

 

CEOs verdienten 2024 im Durchschnitt das 78-Fache des durchschnittlichen Einkommens der Beschäftigten in den 100 analysierten Unternehmen. Der durchschnittliche Gender Pay Gap in den deutschen Unternehmen lag mit rund 16 Prozent über dem Gesamtdurchschnitt von 11 Prozent aller untersuchten europäischen Unternehmen. Die Deutsche Bank hatte mit rund 39 Prozent den größten Gender Pay Gap.

  

Eine Machtkonzentration und ihre Folgen

Einer der Gründe für den großen Einfluss multinationaler Unternehmen ist laut dem Oxfam-Bericht die starke Marktkonzentration und die damit einhergehende Konzernmacht in vielen Sektoren. Durch gezielte Fusionen und Übernahmen sind die großen Konzerne in der Lage, ganze Branchen zu kontrollieren, Preise und Löhne auf Kosten von Verbraucherinnen und Verbrauchern und ebenso von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern festzusetzen sowie ihren Zulieferbetrieben Bedingungen zu diktieren.

 

Aufgrund ihrer Größe und finanziellen Mittel haben sie gleichzeitig einen erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen. Dieser Teufelskreis aus Konzern- und politischer Macht treibt nach Einschätzung von Oxfam die soziale Ungleichheit weiter voran.

 

Oxfam fordert deshalb: "Die Bundesregierung sollte den Abstand zwischen der Vergütung von CEOs und Medianlohn in Unternehmen auf maximal 20 zu 1 begrenzen. Eine rasche Erhöhung des Mindestlohns in Deutschland auf 15€ ist notwendig, damit die soziale Ungleichheit nicht noch weiter zunimmt. Die von der Bundesregierung beschlossene schrittweise Absenkung der Körperschaftssteuer sollte wieder rückgängig gemacht werden. Für Konzerne aus allen Wirtschaftssektoren sollte eine allgemeine und dauerhafte Übergewinnsteuer von mindestens 50 Prozent auf diejenigen Gewinne eingeführt werden, die über einer Rendite von 10 Prozent liegen – im fossilen Sektor schon ab 3 Prozent."

 

Wie die Reichen immer reicher werden

Hierzulande - wie in anderen europäischen Ländern - wächst die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter, wird in einem Factsheet zu dem Oxfam-Bericht festgestellt: "Deutschland steht an vierter Stelle der Länder mit den meisten Milliardärinnen und Milliardäre weltweit, während gleichzeitig etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung in Armut lebt. Dieser extreme Reichtum ist kein Zufall. Das Vermögen von Milliardärinnen und Milliardären beruht überwiegend auf Anteilen an multinationalen Konzernen, auf die sie als CEOs oder Aktionärinnen oder Aktionäre enormen Einfluss haben. Von den großen Gewinnen dieser Konzerne profitieren sie selbst am meisten: Die weltweiten Dividenden erreichten im Jahr 2025 einen Rekordwert von 2,1 Billionen US-Dollar, was einem Anstieg von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Gehälter von 25 CEOs aus den deutschen DAX-40-Unternehmen stiegen im Durchschnitt von 4,5 Millionen Euro im Jahr 2019 auf fast sieben Millionen Euro im Jahr 2025."

 

Leonie Petersen, Referentin für sozial-ökologische Transformation bei Oxfam Deutschland, sagt „Egal ob milliardenschwere Dividenden für Aktionärinnen und Aktionäre, maßlose CEO-Vergütungen oder vernachlässigte Investitionen in den ökologischen Wandel: Europäische und deutsche Konzerne tragen zur sozialen und ökologischen Krise bei. Das ist kein zufälliges Ergebnis wirtschaftlicher Entwicklungen, sondern Ausdruck eines Systems, das zu einem enormen Einfluss von Großkonzernen und der Konzentration von Milliardenvermögen führt. Denn die Rekordgewinne deutscher Unternehmen kommen vor allem den Superreichen des Landes zugute, die als Anteilseignerinnen und Anteilseigner Entscheidungen der Unternehmen mitbestimmen und von den immer weiter steigenden Dividenden-Ausschüttungen profitieren.“

  

Ein vorbildliches Mitbestimmungsgesetz in Deutschland

Die untersuchten deutschen Unternehmen, so der Bericht,  schneiden im europäischen Vergleich aufgrund umfassender gesetzlicher Regelungen wie dem Mitbestimmungsgesetz besonders gut ab: Im Durchschnitt sind 46 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter.  Das ist der höchste Wert im europäischen Vergleich. Gewerkschaftliche Organisierung und Tarifverhandlungen sind wichtige Mittel, mit dem Beschäftigte gerechte Löhne und gute Arbeitsbedingungen voran bringen können.

 

Die Geschäftspraktiken multinationaler Konzerne wirken sich aber auch auf Arbeiterinnen und Arbeiter in vielen Ländern entlang ihrer Lieferketten aus. Da es keine Daten zum gewerkschaftlichen Organisierungsgrad oder zu Tarifverträgen für einzelne Konzerne und ihre Zulieferer auf Unternehmensebene gibt, wurde im Bericht im Rahmen des "Corporate Inequality Frameworks" analysiert, ob die Konzerne Richtlinien zum Recht auf Organisierung und Tarifverhandlungen erstellen und umsetzen. Der Bericht kommt zum Ergebnis: 

 

"71 der untersuchten europäischen Unternehmen respektieren nach ihren eigenen Richtlinien Tarifverhandlungen; 59 richten sich dabei nach Standards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Nur 20 Unternehmen jedoch verpflichten sich klar dazu, von Vergeltungsmaßnahmen wie Entlassungen von Mit arbeitenden, die sich gewerkschaftlich organisieren oder für Tarifverhandlungen einsetzen, abzusehen."

  

Die Logik von Wachstum und Profit

Im heutigen Wirtschaftssystem sind Unternehmen auf kurzfristige Gewinne ausgerichtet und abhängig von stetigem Wachstum. Im Factsheet zum Oxfam-Bericht heißt es: "Langfristige Ziele wie eine lebenswerte Umwelt, die Deckung der Grundbedürfnisse aller Menschen und eine möglichst gerechte Verteilung von Ressourcen und Gewinnen sind in diesem Modell nicht vorgesehen. Wachstumslogiken befeuern die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und treiben den CO2-Ausstoß in die Höhe. Unsere Wirtschaftsweise erzeugt auf der einen Seite so viel materiellen Reichtum, dass unser Ökosystem darunter leidet, und lässt auf der anderen Seite Milliarden von Menschen zurück, deren Grundbedürfnisse unerfüllt bleiben. Eine Ursache dafür ist, dass eine verschwindend kleine Minderheit über die Art des Wirtschaftens bestimmt: Wer hohe Anteile an Unternehmen besitzt, hat nicht nur Anspruch auf die Gewinne, sondern entscheidet auch maßgeblich darüber, was und wie produziert wird. Radikale Profitlogik hat in den letzten Jahrzehnten zur Privatisierung von Wirtschaftszweigen wie Gesundheit, Bildung, Energie, Wohnen, Post und Telekommunikation geführt, die vorher in öffentlicher Hand waren ... Der Fokus auf kurzfristige finanzielle Ziele verbaut die Chancen auf einen Wandel hin zu langfristig nachhaltigen Unternehmensmodellen. Die Transformation von Konzernen hin zu einer gemeinwohlorientierten und ressourcenschonenden Ausrichtung muss daher mit einem systemischen Wandel des Wirtschaftssystems zusammengedacht werden. Dafür sind politischen Rahmenbedingungen notwendig, die Unternehmen aktiv die Transformation ermöglichen."

 

Hohe CO2-Emmissionen

Die Verantwortung für den Großteil der klimaschädlichen Emissionen auf der Erde tragen große Konzerne. Nur 32 Unternehmen weltweit waren 2024 für mehr als die Hälfte der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Insbesondere in CO2-intensiven Sektoren wie der Energieversorgung, der Automobil- oder Chemiebranche tätige Konzerne spielen bei der Reduktion von Emissionen und der sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft eine zentrale Rolle.

 

2024 schüttete knapp die Hälfte der Konzerne 32-mal mehr an Aktionärinnen und Aktionäre aus, als sie in den ökologischen Wandel investierte, also zum Beispiel in die Umstellung auf CO2-arme Produktionsprozesse. Die 100 untersuchten Konzerne verursachten zusammen rund 26 Prozent der weltweiten CO2-Emmissionen. Während die Unternehmen ihre direkten Emissionen zusammen zwischen 2022 und 2024 insgesamt senkten, erhöhten etwa Lufthansa und Thyssenkrupp ihre direkten Emissionen.

 

Ökologische Standards werden abgebaut

Der neue Oxfam-Bericht erscheint zu einer Zeit, in der die EU und die Bundesregierung soziale und ökologische Standards abbauen. Unter dem Vorwand der Wettbewerbsfähigkeit werden in Europa und Deutschland bereits erreichte Regelungen geschwächt, etwa bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung und der Lieferkettengesetzgebung.

Um konzerngetriebene Ungleichheit zu reduzieren, ist eine Vielzahl von Maßnahmen erforderlich. Oxfam fordert unter anderem, den Abstand zwischen der Vergütung von CEOs und dem Medianlohn in Unternehmen auf maximal 20 zu 1 zu begrenzen, die Senkung der Körperschaftssteuer rückgängig zu machen, eine dauerhafte Übergewinnsteuer von mindestens 50 Prozent einzuführen sowie Lobbyeinfluss stärker zu regulieren.

 

Um den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft voranzutreiben, müssten Mechanismen wie der europäische Emissionshandel gestärkt und durch sozial gerechte und zukunftsfähige industriepolitische Ansätze ergänzt werden. Die EU-Entgelttransparenz-Richtlinie müsse zügig und vollständig in deutsches Recht umgesetzt werden.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann