
Das Wohlbefinden der Kinder in Deutschland ist im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. UNICEF kam in einer Analyse zum Ergebnis, dass Deutschland nur Platz 25 von 37 umfassend bewerteten Ländern einnimmt. Deutschland liegt damit wie schon im letzten Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen im unteren Mittelfeld. Es bliebt nach UNICEF-Einschätzung weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Das zeigt die neue Studie des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti zum kindlichen Wohlbefinden in Ländern der EU und OECD.
Das UNICEF-Forschungsinstitut Innocenti mit Sitz in Florenz vergleicht in seinem Report Card-Serie seit dem Jahr 2000 regelmäßig die Situation von Kindern in den wohlhabenden Ländern. Es werden Trends im kindlichen Wohlbefinden untersucht, Gründe für diese Entwicklungen identifiziert und mögliche Maßnahmen für Politik und Gesellschaft erarbeitet.
Die Analyse „Report Card 20: Unequal Chances – Children and economic inequality“ ist die 20. Ausgabe der internationalen Vergleichsstudie. Ein Ergebnis: In Ländern mit hoher Einkommens- und Vermögensungleichheit und Kinderarmut wachsen weiter viele Kinder unter Bedingungen auf, die ihre körperliche und mentale Gesundheit, ihre schulischen Kompetenzen und damit ihre Zukunftschancen massiv beeinträchtigen.
„Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Top-Priorität werden”, sagt dazu Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Unser Land vergibt Zukunftschancen: Wer heute nicht in die Teilhabe, die Bildung und die gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiert, schadet nicht nur den Kindern, sondern zahlt morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis. Wie wir mit benachteiligten Kindern umgehen, entscheidet darüber, wie leistungsfähig und resilient unsere Gesellschaft sein wird.”
Stagnierende Kinderarmut und schwache Bildungsergebnisse
Im Durchschnitt der von UNICEF untersuchten Länder lebt fast jedes fünfte Kind in Einkommensarmut. Auch für Deutschland zeichnet die Studie ein besorgniserregendes Bild. Die Kinderarmutsquote stagniert seit Jahren bei hohen 15 Prozent. Die Einkommensungleichheit ist sogar noch deutlich von einem Verhältnis von 1 zu 4,3 (2012) auf 1 zu 5,0 gestiegen. Das bedeutet: Menschen im wohlhabendsten Fünftel der Bevölkerung verfügen heute über fünfmal so viel Einkommen wie Menschen im ärmsten Fünftel. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld – die Folgen sind für viele Kinder gravierend.
Alarmierend ist auch Deutschlands Abschneiden im Bereich Bildung: Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik. Damit liegt Deutschland auf Platz 34 von 41 Ländern. Länder wie Irland (Platz 1 bei den Kompetenzen), Slowenien (Platz 2) oder die Republik Korea (Platz 3) zeigen, dass bessere Ergebnisse mit einer teils deutlich schlechterer wirtschaftlicher Ausgangslage möglich sind. In Deutschland ist zudem der Abstand zwischen Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten und denen aus privilegierten Familien besonders groß: Unter den Jugendlichen aus benachteiligten Familien erreichen nur 46% die grundlegenden Kompetenzen. In privilegierten Familien sind es dagegen 90%.
Körperliche und mentale Gesundheit hängen oft vom Geldbeutel ab
Die Studie zeigt, wie sich Chancenungleichheit auf die Lebensrealität von Kindern auswirkt. Kinder aus besser gestellten Familien haben nicht nur bessere schulische Kompetenzen, sie sind auch häufiger gesund als Kinder aus benachteiligten Familien. Deutschland liegt im Bereich der körperlichen Gesundheit mit Rang 15 von 41 im oberen Mittelfeld. Doch auch hierzulande zeigt sich der Zusammenhang von körperlicher Gesundheit und dem Familieneinkommen und -vermögen: 79% der Kinder aus dem wohlhabendsten Fünftel der Familien ist in sehr guter gesundheitlicher Verfassung. Bei den ärmsten Kindern sind es nur 58%.
Beim mentalen Wohlbefinden zeigt sich ein ähnliches Bild: Zwar ist der Zusammenhang zwischen ökonomischer Ungleichheit und psychischer Gesundheit komplex, doch die Studie weist darauf hin, dass das Aufwachsen in Armut die mentale Gesundheit negativ beeinflussen kann. In Deutschland berichten nur 61% der 15-Jährigen aus den einkommensschwächsten Familien von hoher Lebenszufriedenheit. Bei Jugendlichen aus wohlhabenden Familien sind es 73%.
Schon der umfassende „UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2025" hatte gezeigt, wie stark Kinderarmut in Deutschland die Chancen von Kindern einschränkt, ihr Recht auf eine gute Entwicklung, eine gute Bildung, Gesundheit sowie gesellschaftliche Teilhabe einzulösen.
Andere Länder zeigen: Es geht auch anders
Die neue internationale Studie belegt erneut, dass wirtschaftlich vergleichbare oder schwächere Länder hinsichtlich des Wohlbefindens von Kindern deutlich besser abschneiden als Deutschland. Die Niederlande, Dänemark und Frankreich belegen die ersten drei Plätze. Aber auch in Ländern wie Portugal (Platz 4) und Litauen (Platz 7), mit zum Teil deutlich geringerer Wirtschaftskraft, wachsen Kinder insgesamt unter besseren Bedingungen auf.
Die UNICEF-Bericht macht deutlich: Ökonomische Benachteiligung und mangelnde Teilhabe beeinträchtigen den gesamten Alltag von Kindern – etwa durch schlechte Wohnverhältnisse mit wenig Rückzugsräumen, schlecht ausgestattete Schulen und benachteiligte Nachbarschaften, in denen beispielsweise Kinderärzte oder Spielplätze fehlen.
Zudem erhöht finanzielle Unsicherheit den Stress in Familien und kann so die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern beeinträchtigen. Werden einkommensschwache Familien unzureichend unterstützt, hat das langfristige Folgen – nicht nur für betroffene Kinder, sondern für die gesamte Gesellschaft: Schlechtere Bildungschancen und gesundheitliche Belastungen erhöhen das Risiko von Krankheit, sozialer Ausgrenzung und geringerer Qualifikation im Erwachsenenalter.
UNICEF Deutschland empfiehlt auf Basis der Studienergebnisse ein entschlossenes politisches Handeln, das Kinder mehr in den Mittelpunkt stellt. Zentrale Empfehlungen sind: Kinderarmut wirksam bekämpfen und gezielt in benachteiligte Kinder investieren, gute Zugänge für ein gutes Aufwachsen schaffen, Kinderinteressen stärken sowie Datenlage und Monitoring verbessern.
Es ist eine deutsche Zusammenfassung der Report Card 20 verfügbar.
