
„Wir befinden uns in der Ära der Milliardär*innen – und das ist keine gute Nachricht für die Welt. Die Wirtschaftsmacht der Superreichen schlägt sich immer deutlicher in politischer Macht nieder und höhlt die Demokratie immer weiter aus. Das sehen wir zum Beispiel in den USA, wo der Milliardär Donald Trump mit seiner reichenfreundlichen Agenda die Ungleichheit immer weiter anfacht, mit weltweiten Folgen.“ Das sagte Charlotte Becker, Vorständin von Oxfam Deutschland, anlässlich der Präsentation des Berichtes „Die Zerreißprobe; Wie extreme Ungleichheit die Demokratie gefährdet“.
Der Bericht wurde Anfang 2026 veröffentlicht. Er bleibt aktuell und ist sehr relevant für diesen Blog. Oxfam ist ein internationaler Verbund von Entwicklungsorganisation. Das globale Netzwerk will zu einer Welt ohne Armut beitragen.
Stand Ende November 2025 gab es laut Oxfam-Bericht erstmalig mehr als 3.000 Milliardäre auf der Welt. Zusammen besaßen sie 18,3 Billionen Dollar, eine Steigerung von 2,5 Billionen Dollar im Vergleich zum Vorjahr. Allein diese Steigerung entsprach fast dem gesamten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Allein die reichsten zwölf Milliardäre besaßen mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Auch die Zahl der Dollar-Millionäre erhöht sich ständig, Allein im Jahr 2024 um 680.000.
Die andere Seite: 46,28% der Weltbevölkerung lebt in Armut, also von weniger als 8,30 Dollar an Tag, Diesen Wert sieht die Weltbank als Grenze der Armut an. 2,3 Milliarden Menschen sind von moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, fast ein Viertel der Menschheit. Beunruhigend ist auch, dass sich die Zahl der betroffenen Menschen zwischen 2015 und 2024 um 42,6% erhöht hat. 92 Millionen dieser Menschen leben in Europa und Nordamerika.
Die Folgen der Schuldenkrise armer Länder
Die Situation der Armen in den Ländern des Südens verschärft sich durch eine Schuldenkrise. 3,4 Milliarden Menschen leben in Ländern, in denen der Staat mehr Geld für Zinszahlungen aufwenden muss als für Bildung oder Gesundheit. Im Oxfam-Bericht heißt es dazu: „Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Fortschritte bei der universellen Gesundheitsversorgung stagnieren und etwa zwei Milliarden Menschen über 10 Prozent ihres Haushaltsbudgets für Gesundheit ausgeben müssen.“
Auch die „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ der UNO im Bildungsbereich lassen sich in dieser Situation nicht erreichen. Etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter in ärmeren Entwicklungsländern besucht keine Schule. Die Benachteiligung trifft vor allem Mädchen.
Immer weniger Geld für die Entwicklungszusammenarbeit
Angesichts solcher Zahlen ist es alarmierend, dass die weltweiten Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit in den letzten Jahren deutlich gesunken sind, allein im Jahre 2024 um 9% und im Jahr 2025 nach den vorläufigen Zahlen um bis zu 17%. Besonders gravierend wirken sich die drastischen Kürzungen in den USA und die Zerstörung von USAID aus.
Aber auch die Kürzungen in Deutschland sind sehr beträchtlich. Dazu steht im Oxfam-Bericht: „Die von der Bundesregierung beschlossenen Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe untergraben Deutschlands internationale Verpflichtungen und bedrohen die Rechte von Frauen und Mädchen weltweit. Der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung soll 2026 auf rund zehn Milliarden Euro sinken. Das sind etwa 30 Prozent weniger als 2022 und damit der niedrigste Stand seit einem Jahr zehnt. Gleichzeitig wurden die Mittel für humanitäre Hilfe seit 2022 um 60 Prozent auf nur noch eine Milliarde Euro gekürzt, bei steigendem internationalen Bedarf.“
Wachsender politischer Einfluss der Reichen und Superreichen
Im Oxfam-Bericht wird diagnostiziert, dass die Kluft zwischen einer kleinen reichen Minderheit und der übrigen Bevölkerung zur Destabilisierung von Demokratien beiträgt. „Ungleichheit untergräbt das Vertrauen in demokratische Institutionen, schürt die politische Polarisierung und verringert die politische Beteiligung weniger wohlhabender Bürger*innen.“
Superreiche, so der Bericht, bauen ihre politische Macht vor allem durch finanzielle Einflussnahme auf die Politik, das Eigentum und die Kontrolle von Medien und die Übernahme politischer Ämter aus. 100 milliardenreiche Familien investierten 2,6 Milliarden Dollar in die Präsidentschaftswahlen 2024 in den USA. Das Ergebnis ist bekannt.
Vor allem reiche US-Familien besitzen auch die meisten der größten Medienkonzerne der Welt. Auch in anderen Ländern sind immer mehr Medien im Eigentum von Millionären und Milliardären. „Es ist kein Zufall, dass ein Großteil der Medien dazu neigt, die Interessen der in Armut lebenden Menschen sowie von Frauen und marginalisieren Minderheiten zu vernachlässigen und zur Akzeptanz von politischen Maßnahmen beizutragen, die den Interessen dieser Menschen schaden und die politische Gleichberechtigung untergraben.“ Die Kontrolle von KI-Angeboten durch wenige Konzerne im Besitz von Milliardären hat diese Probleme noch verstärkt. Zu erwähnen ist auch, dass etwa ein Zehntel aller Milliardäre schon einmal ein politisches Amt inne oder zumindest angestrebt hat.
Auch in Deutschland muss der Einfluss der Superreichen und der Konzerne begrenzt werden
Auch in Deutschland, wird in dem Oxfam-Bericht festgestellt, münzen Superreiche und Konzerne „ihre wirtschaftliche Macht gezielt in politischen Einfluss“ um. Die Konsequenz: „Eine Politik, die letztlich die Reichen bevorzugt und Armut und soziale Ungerechtigkeit grassieren lässt, untergräbt den Glauben vieler Menschen in demokratische Institutionen und bereitet den Nährboden für rechtspopulistisch Kräfte wie die AfD.“
Oxfam ist überzeugt, dass es erforderlich ist, die Macht der Superreichen und der großen Konzern einzudämmen, Ungleichheit zu verringern und die Demokratie zu schützen. So müssten die Supereichen wieder angemessen besteuert und die Marktmacht der Konzerne beschränkt werden.
In dem Bericht wird erwähnt, dass Deutschland im internationalen Vergleich eine ausgesprochen hohe Vermögensungleichheit aufweist: „Im Durchschnitt besitzt ein Mensch aus dem reichsten Prozent 800-mal mehr Vermögen als eine Person, die den ärmsten 50 Prozent an gehört. Die ärmere Hälfte besitzt insgesamt nur 3,4 Prozent des Gesamtvermögens, das reichste Prozent 27,7 Prozent.“
Diese Ungleichheit verstärkt sich noch durch eine zunehmende Einkommensungleichheit: „Oxfam hat berechnet, dass die Median-Gehälter von CEOs in Deutschland zwischen 2019 und 2024 30-mal so stark gestiegen sind wie die Reallöhne von Beschäftigten. Im Durchschnitt verdient ein*e deutsche*r Milliardär*in in nur 86 Minuten das durchschnittliche Jahreseinkommen in Deutschland.“
Gleichzeitig ist nach Zahlen der Bundesregierung der Anteil armer Menschen seit 2010 von 14,1% auf 17,6% gestiegen. Auch das Risiko, dauerhaft arm zu bleiben, hat sich deutlich erhöht. Umso beunruhigender ist, dass nach Berechnungen des Paritätischen Gesamtverbandes die Menschen in Armut seit 2010 real noch ärmer geworden sind. Auch haben sich die Chancen armer Menschen auf einen sozialen Aufstieg vermindert, so eine von Oxfam zitierte Erkenntnis des Ifo-Instituts.
Die Demokratie muss geschützt werden
Im abschließenden Abschnitt des Oxfam-Berichts steht: „Einer der Wirkmechanismen, der Menschen in die Hände der rechtspopulistischen Partei treibt, scheint … das Empfinden, selbst leer auszugehen, während andere das Stück vom Kuchen bekommen, das einem eigentlich zusteht.“
Es gibt nach Oxfam-Beobachtung nicht nur Verteilungskämpfe zwischen Arm und Reich, sondern auch horizontal, „zum Beispiel zwischen Menschen mit und ohne Lohnarbeit oder Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Vor allem die AfD instrumentalisiert dies politisch erfolgreich.“
Fazit von Oxfam: „Um die Demokratie in Deutschland zu schützen, müsste die Bundesregierung entschieden umsteuern in Richtung mehr horizontaler und vertikaler sozialer Gerechtigkeit. Notwendig wäre etwa eine Steuerpolitik, die wieder deutlich progressiver gestaltet ist und insbesondere Multimillionär*innen und Milliardär*innen in die Verantwortung nimmt.“
