
81% der Bundesbürger ab 16 Jahren sind der Auffassung, dass der Wohlstand in unserem Land ungerecht verteilt ist. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die die ARD Ende April 2026 veröffentlicht hat. Nur 15% finden die gegenwärtigen Verhältnisse gerecht. Auch 68% der Befragten, die mit der CDU/CSU sympathisieren, sind der Auffassung, dass der Wohlstand in unserem Land ungerecht verteilt ist. Als gerecht empfinden nur 28% dieser Befragten die Wohlstandsverteilung. Jeweils mehr als 80% derer, die mit anderen größeren Parteien sympathisieren, halten die Verteilung des Wohlstands für ungerecht. Bei den Sympathisanten der Linken sind es sogar 98%.
Es gibt bei der Beantwortung der Frage nach der Gerechtigkeit der Verteilung des Wohlstands deutliche regionale Unterschiede. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz empfinden 20% die Verhältnisse als gerecht. In Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt sind es nur 7%. Im Osten beklagen viele die ungleiche Verteilung des Wohlstands zwischen Ost und West.
Bemerkenswert ist, dass 78% der Befragten mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von mehr als 4.500 Euro die Wohlstandsverteilung als ungerecht ansehen – kaum weniger als der Durchschnitt. Es wäre also ein Irrtum anzunehmen, in der Gerechtigkeitsfrage gäbe es einen krassen Unterschied zwischen den Besserverdienern und der übrigen Bevölkerung. Die Verteidiger der jetzigen Wohlstandsverteilung sollten sich also nicht der Illusion hingeben, dass alle Wohlhabenden ihre Auffassungen teilen würden.
Alle Parteien, die ja für sich in Anspruch nehmen, auf Volkes Stimme zu achten, sollten diese Zahlen zum Nachdenken veranlassen. Wenn gefragt wird, warum so viele Menschen einen Zorn „auf die da oben“ haben und eine beträchtliche Zahl das Vertrauen in die Demokratie verloren hat, geben die Umfrageergebnisse zumindest eine Teilantwort, die nicht ignoriert werden sollte.
Deutliche Mehrheit für eine Vermögenssteuer und eine höhere Erbschaftssteuer
Ein Instrument, um den Wohlstandsabstand zwischen Armen und Reichen zu vermindern, ist die Vermögenssteuer. Sie wird allerdings in Deutschland seit 1997 nicht mehr erhoben. 64% der Befragten sind dafür, eine solche Steuer zu erheben. Unter den Anhängern der CDU/CSU sind 62% für eine Anhebung der Besteuerung hoher Einkommen.
War es ein Zufall, dass sich der CSU-Vorsitzende Markus Söder kurz nach Veröffentlichung der Umfrageergebnisse offen für eine stärkere Besteuerung hoher Einkommen zeigte? Vorher hatte er jegliche Steuererhöhungen kategorisch ausgeschlossen.
Eine Anhebung der Erbschaftssteuer befürworten 61% der Befragten. Für einen solchen Schritt spricht sich die Mehrheit der Anhänger aller Parteien mit Ausnahme der AfD aus.
Wie sollte das Sozialsystem reformiert werden?
Zwei Drittel der Befragten sind der Auffassung, dass Migranten nur dann Sozialleistungen erhalten sollten, wenn sie vorher länger in Deutschland gearbeitet haben. Bei denen, die mit der AfD sympathisieren, sind es 91%, bei der Linken noch 34% und bei den Grünen 28%.
47% der Befragten kann persönliche Einschnitte bei den Sozialleistungen nachvollziehen, um diese für die Zukunft zu sichern. Die Bereitschaft, solche Einschnitte zu akzeptieren, ist in den westdeutschen Bundesländern höher. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind 60% nicht zu solchen Einschnitten bereit, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass hier der durchschnittliche Wohlstand geringer ist als im Westen und die Menschen stärker auf Sozialleistungen angewiesen sind.
Je konkreter die Fragen zu den Einschnitten im Sozialsystem wurden, desto stärker sank bei der Befragung die Bereitschaft, sie zu befürworten. Bei der Arbeitslosenversicherung ist dazu ein Drittel bereit, vermutlich in beträchtlichem Umfang Menschen, die selbst nicht mit einer Arbeitslosigkeit rechnen. Bei der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung sind jeweils weniger als 20% mit Einschnitten einverstanden. In der politischen Entscheidungsfindung sollte berücksichtigt werden, dass 78% der Befragten Einschnitte bei der Pflegeversicherung ablehnen und nur 13% sie befürworten. In den aktuellen Debatten ist zu berücksichtigen, dass 40% der Befragten bei Reformen des Sozialsystems Beitragserhöhungen befürworten, 36% hingegen Leistungskürzungen.
Debatte über die Rentenreform
Eine große Mehrheit von 86% der Befragten fände es richtig, Beamte, Selbständige und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Das ist in Ländern wie der Schweiz und Norwegen bereits der Fall. Nur 10% der Befragten würden eine solche Reform ablehnen.
Einen radikalen Systemwechsel bei der Rentenversicherung nach dem Vorbild der USA lehnen 69% der Befragten ab, nur 23% sind dafür. Mit einem solchen Systemwechsel wäre verbunden, die Beiträge zur Rentenversicherung zu senken und stärker auf eine Eigenverantwortung zu setzen. Bundeskanzler Merz hatte kurz vor der Veröffentlichung der Ergebnisse der Umfrage mit seiner Aussage, die gesetzliche Rentenversicherung allein werde in Zukunft „allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“ für viel Kritik gesorgt. Daraufhin erklärte der Bundeskanzler: „Es wird mit uns keine Kürzungen der Rente geben.“
Das klingt auf den ersten Blick beruhigend, leider nicht auf den zweiten. Keine Partei, die nicht auf den politischen Selbstmord zugehen will, wird Rentenkürzungen durchsetzen und sei es nur wegen der vielen Millionen Rentner. Der wirkliche Konfliktstoff wird sein, in welchem Umfang die Renten in Zukunft steigen. Wenn man sich wie heute grundsätzlich bei der Erhöhung der Renten daran orientiert, wie die Löhne steigen, sichert das den Rentner, in erheblichem Umfang vom Wachstum der Wirtschaft zu profitieren. Entscheidet man sich hingegen dafür, die Renten nur noch in Höhe der Inflationsrate zu erhöhen, haben sie von vornherein keine Aussicht, am Zuwachs des nationalen Reichtums zu partizipieren.
Streit gibt es auch darüber, wie man die Anzahl der Arbeitsjahre berücksichtigt, wenn man die Rente berechnet und welche Abzüge man bei einer Frühverrentung hinnehmen muss. Die Thematik besitzt beträchtliche soziale Sprengkraft. So stellt sich die Frage, ob die jetzigen Rentner relativ hohe Renten erhalten werden, die vor allem durch die Beiträge jüngerer Menschen finanziert werden, während die Jungen befürchten, selbst später keine ähnlich hohen Renten zu erhalten. Dabei werden die Konsequenzen des Trends befürchtet, dass immer weniger Erwerbstätige die Rente von immer mehr Senioren finanzieren müssen.
Es gibt keine einfachen Lösungen für solche Probleme. Aber man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die sozialen Spannungen sehr viel heftiger sein werden, wenn weiterhin vier Fünftel der Bevölkerung davon ausgeht, dass der Wohlstand in unserem Land ungerecht verteilt ist. Dann Opfer von den Menschen zu verlangen, wird dazu führen, dass noch mehr von ihnen keine Erwartungen mehr an das System dieses Staates haben.
Leistungsgerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und Bedarfsgerechtigkeit
Es sinkt mit zunehmender Unzufriedenheit mit dem Status quo auch die Bereitschaft, weniger leistungsfähigen Menschen und ganz Armen einen größeren Teil am Wohlstand zukommen zu lassen. Das lässt sich bereits jetzt an der ARD-Umfrage ablesen. Eine Frage lautete: „Es gibt ja unterschiedliche Vorstellungen darüber, was gerecht ist. Geben sie bitte an, was Ihnen persönlich davon am wichtigsten ist.“ 42% bevorzugten eine Leistungsgerechtigkeit: „Derjenige, der mehr leistet, soll auch mehr verdienen.“ 32% entschieden sich für eine Verteilungsgerechtigkeit: „Unterschiede bei Einkommen und Vermögen sollten nicht zu groß werden.“ Lediglich 23% wollten sich an der Bedarfsgerechtigkeit orientieren: „Man soll sich besonders um die Schwachen in der Gesellschaft kümmern.“
Je nach Parteipräferenz sind die Vorstellungen davon, was gerecht ist, sehr unterschiedlich. Von denjenigen, die mit der CDU/CSU sympathisieren, entschieden sich 59% für die Leistungsgerechtigkeit, 28% für die Verteilungsgerechtigkeit und nur 12% für die Bedarfsgerechtigkeit. Ganz andere Auffassungen äußerten – nicht ganz überraschend – die Sympathisanten der Linken. Lediglich 16% votierten für die Leistungsgerechtigkeit, 41% für die Verteilungsgerechtigkeit und 39% für die Bedarfsgerechtigkeit. Letzteres ist mit Abstand der höchste Wert beim Vergleich der Sympathisanten der einzelnen Parteien.
Bei den Sympathisanten der SPD und der Grünen entschieden sich fast die Hälfte für die Verteilungsgerechtigkeit und um die 30% für die Verteilungsgerechtigkeit. Die AfD-Sympathisanten votierten zu 58% für die Leistungsgerechtigkeit, also etwa so viele wie die CDU/CSU-Sympathisanten. Mit 20% ist aber bei der AfD der Anteil derer deutlich höher, die sich für die Verteilungsgerechtigkeit entscheiden.
Ein Problem ist, dass in der Gesellschaft sehr unterschiedliche Vorstellungen davon bestehen, was Leistungsgerechtigkeit bedeutet. Das beginnt bei der Frage, wie groß der Gehaltsunterschied zwischen ungelernten und gelernten Arbeitskräften sein kann, um als leistungsgerecht zu gelten. Am oberen Ende der Gehaltsskala stellt sich die Frage, ob ein Manager mit einem Jahresgehalt von vielen Millionen tatsächlich ein Vielfaches von dem leistet, was ein Facharbeiter im gleichen Unternehmen bekommt.
Viele stellen solche Gehaltsgefälle nicht infrage und werfen den Kritikern eine „Neid-Debatte“ vor. Wenn man sich fragt, warum 81% der Bundesbürgerinnen und -bürger der Auffassung sind, dass der Wohlstand in unserem Land ungleich verteilt ist, wird man aber dieses Thema nicht ausklammern oder gar tabuisieren können.
