Ist Jesus der Sohn Gottes? Ist er „wahrer Gott und wahrer Mensch“? Unser heutiges Verständnis von Jesus und von Gott werden ganz wesentlich von den Beschlüssen des Ökumenischen Konzils von Nicäa (oder Nizäa) geprägt. Es war das erste von sieben anerkannten Ökumenischen Konzilen. Die Ehrfurcht vor der großen ökumenischen Versammlung in Nicäa mag etwas leiden, wenn wir uns mit den Umständen dieses Treffens beschäftigen. Die auf das Römische Reich verstreute Christenheit war damals zutiefst zerstritten, genauer gesagt lagen die Bischöfe und andere leitende Personen der Kirche miteinander im Streit. Es drohten Kirchenspaltungen.
Das missfiel Kaiser Konstantin, der das Christentum zu einer verbindenden Kraft in seinem Reich machen wollte, auch wenn er selbst sich – wenn überhaupt – erst auf dem Sterbebett taufen ließ. Er hatte sich 312 nach seinem Sieg über einen Rivalen um die Herrschaft in Rom in der Schlacht an der Milvischen Brücke dem Christentum zugewandt, weil er seinen Erfolg dem Gott der Christen zuschrieb. 324 siegte er erneut, diesmal gegen den Ostkaiser Licinius, sodass er nun das gesamte Römische Reich beherrschte. Auch diesen Sieg verdankte er dem christlichen Gott, war er überzeugt. Als „Dankgeschenk für den Sieg“, so sein Biograf Eusebius, lud er zum Konzil von Nicäa ein.
Kaiser Konstantin hatte an dem Kirchentreffen ein ganz praktisches Interesse. Er wollte, dass dem Reich, das die damals bekannte Welt (die „oekumene“) zu großen Teilen beherrschte, eine ebenso umfassende Kirche entsprechen sollte. Deshalb lud er die zerstrittenen Bischöfe nach Nicäa in der Nähe seiner neuen Hauptstadt Konstantinopel ein, wo sich ein prächtiger kaiserlicher Palast befand.
Kaiser Konstantin ließ die Bischöfe auf Kosten des Reiches nach Nicäa anreisen, war Gastgeber des kirchlichen Treffens und leitete die Eröffnungssitzung persönlich. Das wäre etwa so, als wenn heute der US-Präsident die Führer einer Religionsgemeinschaft, die kurz vorher noch als Staatsfeinde angesehen wurden, in luxuriösen Flugzeugen aus aller Welt nach Washington einfliegen lassen und dann ihr Treffen im Weißen Haus eröffnen würde. Mehr als 200 Bischöfe reisten an, dazu ihre Begleiter. Insgesamt sollen über 1.000 Kirchenvertreter an dem ökumenischen Treffen teilgenommen haben. Es kamen vor allem oströmische Bischöfe zum Konzil. Ende Juli 325 fand das Konzil in Nicäa mit einem Bankett zum zwanzigsten Jahrestag der Thronbesteigung von Kaiser Konstantin seinen festlichen Abschluss. Thron und Altar haben seither noch oft eng zusammengewirkt.
Konstantin nahm Einfluss auf den inhaltlichen Verlauf der Synode. Die komplizierten theologischen Differenzen zwischen den Bischöfen mögen ihn wenig interessiert haben, aber er tat alles, was notwendig erschien, um die Einheit der Kirche herzustellen und zu bewahren. Opfer dieser kaiserlichen Interventionen war der Presbyter Arius aus Alexandrien, der Jesus als Geschöpf Gottes ansah und die Einzigartigkeit Gottes betonte. Zum Vater wurde danach Gott erst, als Jesus geboren wurde. Jesus gehörte nach Arius Verständnis zur Schöpfung Gottes, ihm kam keine Ewigkeit zu.
Die Frage der Göttlichkeit Jesu drohte die Kirche zu spalten. Zum Ergebnis dieser Debatte hat die evangelische Kirchengeschichtlerin Katharina Heyden von der Universität Göttingen 2010 in der „Evangelischen Zeitung“ geschrieben: „Dass die Bischöfe sich einigten, war weniger der theologischen Überzeugungskraft der Gegner des Arius, als vielmehr dem Druck von Kaiser Konstantin zu verdanken, der im Interesse seiner Religionspolitik auf die Einheit der Kirche drängte. Das Konzil verurteilte Arius und formulierte als Bekenntnis, der Sohn sei ‚wahrer Gott vom wahren Vater, gezeugt, nicht geschaffen, wesenseins mit dem Vater’.“ Der Heilige Geist ist 381 beim zweiten ökumenischen Konzil in Konstantinopel in das Gottesverständnis aufgenommen worden, sodass man seither von einer Trinität spricht, vom „dreieinigen Gott“. Betont werden muss, dass man am Monotheismus festgehalten hat, also an einem dreieinigen Gott. Auf die komplexen Debatten um die Trinitätstheologie kann hier nicht eingegangen werden.
Wer sich wie Arius der Mehrheitsauffassung widersetzte, der wurde nicht nur mit der Exkommunikation durch die Kirche bestraft, sondern auch gleich mit der Verbannung durch den Kaiser. Der Besitz der Schriften von Arius konnte mit der Todesstrafe geahndet werden. Arius wurde als „Jude“ diffamiert, weil er ähnlich wie die damaligen Juden die Göttlichkeit Jesu bezweifelt hatte.
Bemerkenswert war, dass Kaiser Konstantin das entscheidende griechische Wort „homoousios“ – vermutlich auf Empfehlung von kirchlichen Gegnern von Arius – in die Konzilsverhandlungen einbrachte: „von einer Substanz“. Von dieser einen Substanz sind Gott und Gottessohn, lautet seither eine dogmatische Überzeugung großer Teile der Christenheit, was natürlich auch große Auswirkungen auf das Verständnis der Jesusmutter Maria hat.
Zur Motivation von Kaiser Konstantin in dieser Debatte hat Jan-Heiner Tück 2024 in der katholischen Zeitschrift „Communio“ geschrieben: „Es wäre verfehlt, ihm theologische oder sogar subtile christologische Interessen zu unterstellen. Als Pontifex-maximus sieht er seine Aufgabe darin, die Einheit des Reiches durch die Einheit der Kirche zu stützen.“ Das tat der oberste geistliche Führer Roms pragmatisch. Als er feststellte, dass die Bischöfe aus dem Westen seines Reiches, von denen nur wenige in Nicäa präsent gewesen waren, den Auffassungen von Arius zustimmten, ließ er diesen rehabilitieren, was wie zu erwarten neue innerkirchliche Auseinandersetzungen auslöste. Dass die Gegner von Arius sich schließlich durchsetzten, hat bis heute enorm große Auswirkungen auf den Glauben in den christlichen Kirchen.
Trotz aller tiefgreifenden theologischen Auffassungsunterschiede wurden die Beschlüsse des Konzils von Nicäa mit großer Mehrheit gefasst. Das lag sicher nicht zuletzt am Einfluss des Kaisers. In einem ausführlichen Buch über die ökumenischen Konzile schrieb der evangelische Theologieprofessor und Fachmann für die frühe Kirchengeschichte Georg Kretschmar: „… Konstantin selber führte sein Handeln auf ‚göttliche Inspiration’ zurück, und die Väter des Konzils haben ihm dies offenbar abgenommen – zu überwältigend war der Wandel gegenüber der Verfolgungszeit. Sie konnten anscheinend die Universalität des Reiches und der Kirche in Nicäa harmonisch zusammensehen und die ökumenische Veranstaltung des Kaisers als Neuwerden des Pfingstwunders erfahren.“
Im Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel lesen wir über Jesus und Maria:
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
Er wurde gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrlichkeit wird kein Ende sein.
Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das hierzulande ein fester Bestandteil des Gottesdienstes ist, knüpft an dieses Glaubensbekenntnis von Nicäa an. Es ist wahrscheinlich im 5. Jahrhundert in Gallien entstanden. Auf einige theologische Formulierungen wie „gezeugt, nicht geschaffen“ wurde verzichtet. Erhalten geblieben ist die historische Lücke zwischen Geburt und Kreuzigung Jesu. Das Apostolische Glaubensbekenntnis wird vor allem von den „Westkirchen“ gebetet, also der römisch-katholischen Kirche, der anglikanischen Kirche und den Kirchen der Reformation.
Es gab einen weiteren Streitpunkt, und die Entscheidung darüber sollte ganz praktische Auswirkungen haben. Es ging um den Termin des Osterfestes. Sollte das Fest weiterhin am Tag des ersten Frühjahrsvollmonds gefeiert werden, also zu der Zeit, zu der die Juden ihr Pessachfest feiern, war doch Jesus nach der Überlieferung der Evangelien in der Zeit dieses Festes gekreuzigt worden und auferstanden. Die Synode entschied sich mehrheitlich dagegen, dazu der damalige Theologe und Kirchengeschichtsschreiber Eusebius: „Nichts sollen wir mit dem verhassten Pöbel der Juden gemein haben.“ Seither ist das Osterfest vom Pessachfest abgekoppelt. Der Beschluss zum Ostertermin trugen erheblich dazu bei, dass die Trennung von Judentum und Christentum ihren Abschluss fand, die sich bereits in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten abgezeichnet hatte.
Einen gemeinsamen Ostertermin der Kirchen gab es nur bis 1582, als Papst Gregor XIII. die „Gregorianisch Kalenderreform“ mit einer Bulle einführte. Viele orthodoxe Kirchen und deren Länder behielten den Julianischen Kalender bei. Das hat dazu geführt, dass in den meisten Jahren das Osterfest an unterschiedlichen Tagen gefeiert wird. Das erweist sich besonders im Nahen Osten als Problem, wo unterschiedliche Kirchen verschiedener Traditionen eng nebeneinander zu Hause sind und es als Missstand wahrgenommen wird, nicht gemeinsam Ostern zu feiern.
Gleich nach dem Konzil von Nicäa brachen die alten Gegensätze wieder auf, und die Ergebnisse wurden unterschiedlich interpretiert. Auch wirkte nach, dass das Konzil zwar vom Anspruch her universal war, tatsächlich aber die Gemeinden im Westen des Römischen Reiches kaum vertreten waren. Wer sich heute auf die Beschlüsse des Konzils von Nicäa zum Wesen Gottes und zum Glaubensbekenntnis beruft, sollte sich des Ablaufs dieses Kirchentreffens unter dem Einfluss eines weiterhin heidnischen Kaisers Konstantin mit einer eindeutigen politischen „Tagesordnung“ bewusst sein.
Der Journalist Paul Kreiner, der sich intensiv mit kirchlichen Themen beschäftigt hat, schrieb 2025 der Zeitschrift „Publik-Forum“ über die innerkirchlichen Konflikte in den Jahrhunderten nach dem Konzil von Nicäa: „Da werden mitunter die Falschen ausgegrenzt, verfolgt, verbannt, ermordet. Da wird gehetzt und gebrandschatzt. Da rücken Heere zu Strafexpeditionen aus. Die Durchsetzung des heute so gefeierten ‚Nizänischen Credos‘ ist auch eine Geschichte furchtbarer Gewalt. Bischöfe intrigierten gegeneinander. Der Kaiserhof in Byzanz ist für politische Einflüsterungen ebenso unberechenbar offen.“
Wie beurteilen heutige Christinnen und Christen die Beschlüsse von Nicäa? Die große Mehrheit von ihnen hat mit den meisten damaligen Gläubigen gemeinsam, dass sie die Beschlüsse gar nicht oder nur sehr allgemein kennen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2024 die Ergebnisse eine Umfrage zum Glauben der Katholiken veröffentlicht. Ein Ergebnis: „Nur 32 Prozent der katholischen Kirchenmitglieder stimmen der Aussage zu: ‚Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat.‘“ Die komplexen theologischen Überlegungen von vor genau 1.700 Jahren sind beim Kirchenvolk 2025 nicht präsent und man kann fragen, ob sie es jemals waren.
Papst Franziskus hatte geplant, anlässlich des Konzilsjubiläums nach Nicäa zu reisen. Er gehörte zu denen, die die Hoffnung hatten, dass sich die Kirchen bei den Jubiläumsfeiern auf einen gemeinsamen Ostertermin einigen würden. Papst Franziskus ist vor den Feierlichkeiten gestorben. Seine Hoffnung auf einen gemeinsamen Ostertermin hat sich nicht erfüllt.
In der katholischen Weltkirche und auch in den protestantischen und anglikanischen Kirchen gibt es kritische Theologinnen und Theologen, die bezweifeln, dass die Beschlüsse der Konzile im hellenistischen Kulturraum heute noch für die Kirchen in aller Welt verbindlich sein können. Hätten sie damals im afrikanischen, asiatischen oder amerikanischen Kulturraum stattgefunden, wären die Ergebnisse sehr wahrscheinlich ganz anders gewesen. Es wird deshalb eine Enthellenisierung des Glaubens gefordert. Der srilankische Theologe Tissa Balasuriya hat solche Thesen vertreten und ist nicht zuletzt deshalb Anfang unseres Jahrhunderts (vorübergehend) exkommuniziert worden.
