Maria 2.0 – der Weg zu grundlegenden Veränderungen in den Kirchen

Die Frauen, die die Initiative „Maria 2.0“ unterstützen, fordern grundlegende Reformen in der katholischen Kirche, zu denen auch eine Gleichberechtigung der Frauen gehört. Bei der Wahl des Namens Maria hatten sie auch eine Neubestimmung der Kirchenstrukturen zum Ziel. Nach dem lehramtlichen Verständnis der katholischen Kirche ist Maria nicht nur ein Vorbild der Frauen, sondern legitimiert auch die Kirchenstruktur. Sie steht für den vorhandenen Typus der Kirche. Sie gilt dabei als Vorbild für Glauben und Gehorsam. Dieser Gehorsam wird auch vom heutigen Kirchenvolk erwartet.

 

Indem die Frauen von „Maria 2.0“ das lehramtliche Verständnis von Maria infrage stellen, rütteln sie nicht nur am Verständnis von Maria als duldsamer und gehorsamen Frau, sondern auch an der Rechtfertigung einer streng hierarchisch aufgebauten Kirche mit Maria. Nachdem sich die katholische Kirche (u. a. im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils) stärker der historisch-kritischen Exegese geöffnet hat, wird deutlich, dass das lehramtliche Verständnis von Maria in wichtigen Fragen keine oder eine nur geringe Grundlage in der Bibel hat.

 

Der Rückzug bei der Begründung von Dogmen und anderen kirchlichen Festlegungen auf die Verbindlichkeit der kirchlichen Lehre hat nur eine geringe Überzeugungskraft bei vielen Frauen in der Kirche und ebenso bei Gläubigen im Süden der Welt, die an den Entscheidungen nicht mitgewirkt hatten.

 

Mirja Kutzer hat 2023 in der „Herder Korrespondenz“ den Wandel auf diesem Gebiet so zusammengefasst: „Im Apostolischen Schreiben ‚Marialis Cultus‘ (1974) stellte Papst Paul VI. denn auch eine ‚Entfremdung‘ insbe­sondere von Frauen ‚im Bereich des Kultus der Mutter des Herrn‘ fest. In diesem Zusammenhang betonte er die Kulturbedingtheit mariologischer Überzeugungen. Ebenso habe sich die Theologie an kein Geschlechtermodell gebunden. Im Hintergrund stehen hier die beiden dominanten Geschlechtermodelle der Kirchen-, Theologie- und Gesellschafts­geschichte, die durch die Mariologie jeweils gestützt wurden und die die Frauenrechtsbewegung und später die feministische Bewegung massiv kritisierten.“

 

Dieses Modell von Weiblichkeit wird von Verfechterinnen einer feministischen Theologie kritisiert. Dazu Mirja Kutzer: „Kritisch haben sie zunächst die Konsequenzen der klassischen Mariologie für Frauen verdeutlicht. Die Zeichnung von Maria als Hörende, Gehorsame und Empfangende fordert von Frauen eben diese Haltung ein. Dass diese bis zur Selbstverleugnung gehen können und begünstigen, dass Frauen zu Opfern werden, findet heutzutage traurige Bestätigung im Zuge der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt durch katholische Kleriker.“

 

Die feministischen Theologinnen fordern grundlegende Veränderungen in der katholischen Kirche, schreibt Mirja Kutzer: „Profilierte feministische Theo­loginnen wie die US-Amerikanerin Radford Ruether haben … auch die systematischen Verschränkungen von Marien-, Gottes- und Kirchen­­bild hervorgehoben und hinterfragt. Es genügt laut Radford Ruether nicht, einzelne biblische Stellen von Maria oder einzelne Lehraussagen neu zu interpretieren. Vielmehr muss das gesamte System von theologischer wie kirchlicher Über- und Unterordnung, von Herrschaft und Unterwerfung verschoben werden. Maria kann nur in der herrschaftskritischen Perspektive der Evangelien richtig verstanden werden.“

 

 

Kein Zweifel, will ich hier hinzufügen, Marias Verkündigung vom Sturz der Mächtigen vom Thron fordert auch innerkirchlich deutliche Veränderungen – und das nicht nur in der katholischen Kirche. 

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

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