Ralf Frisch: Gott – Ein wenig Theologie für das Anthropozän, Theologischer Verlag Zürich, 2. Auflage, Zürich 2025, 215 Seiten
Die gesellschaftliche Debatte über das Erdzeitalter Anthropozän hat erst begonnen. In den Naturwissenschaften wird er seit dem Beginn unseres Jahrhunderts verwendet, um eine Zeit zu benennen, in der der Mensch die Erde maßgeblich und in rasch steigenden Umfang negativ verändert. Die durch Menschen verursachten Schädigungen auf der Erde nehmen inzwischen ein bedrohliches Ausmaß an. Wenn diesen Prozessen kein Einhalt geboten wird, ist das Überleben der Menschheit und zumindest ein Leben mit der bisherigen Lebensqualität akut gefährdet. Das gleiche gilt für das Leben von Tieren und Pflanzen, von denen eine größere Zahl bereits ausgestorben oder auf so kleine Bestände geschrumpft ist, das ein Aussterben kaum noch zu verhindern ist.
Auch in den christlichen Kirchen und den anderen Religionsgemeinschaften wächst die Besorgnis über diese Prozesse. Was hat die Theologie zu diesen existenziellen Fragen zu sagen. Professor Ralf Frisch hat das Buch „Gott – Ein wenig Theologie für das Anthropozän“ veröffentlicht. Er lehrt Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Da in dem Buch eine einigermaßen fundierte Darstellung des Anthropozäns fehlt, was das Anthropozän ist, wird in diesem Beitrag nicht nur das Buch rezensiert, sondern es wird auch erläutert, was das Anthropozän ist und welche Ziele die Anthropozän-Forschung hat.
Wenn in dem Buch „Gott“ über Theologie geschrieben wird, geht es fast ausschließlich um deutsche Theologie (Ausnahme ist vor allem die Theologie des Schweizer Theologen Karl Barth). Nur gelegentlich wird wahrgenommen, dass es über Deutschland hinaus Kirchen und Theologien gibt. Diese Einschränkung erläutert der Autor an keiner Stelle in seinem Buch, geschweige denn, dass er sie begründet. Das muss überraschen, denn beim Anthropozän geht es um eine neue globale Epoche der Erde, sie betrifft also die ganze Menschheit. Schätzungsweise 98 % der Christenheit und ihre Theologien kommen bei der weitestgehenden Beschränkung auf Deutschland in dem Diskurs von Ralf Frisch über Gott nicht vor. Das würde wohl eine Begründung erfordern. Es ist zum Beispiel zu bedenken, dass es in anderen christlichen Kirchen signifikant andere Gottesverständnisse als in der von Ralf Frisch kritisierten deutschen Theologie gibt.
Der Gott, an den Christinnen und Christen in aller Welt glauben, ist der Gott der ganzen Schöpfung und wird von der ganzen Christenheit angebetet. Das schließt nicht aus, sich in einem bestimmten Kontext mit spezifischen religiösen Traditionen und Erfahrungen damit zu beschäftigen, welches Verständnis dort Theologien von Gott haben, was dieser Gott von den Menschen erwartet etc. Aber es sollte nicht aus dem Blick geraten, dass diese Kirche und ihre Theologie ein Teil der weltweiten Christenheit sind.
Das hat Konsequenzen dafür, wie Theologie betrieben wird. Wenn nicht wahrgenommen und darüber reflektiert wird, dass es weltweit einen großen theologischen Reichtum gibt, dass wir von anderen Theologien lernen und sie zumindest in einem Buch über Gott ernst nehmen sollten, dann besteht Anlass, sich um diese Theologie große Sorgen zu machen.
Es wäre zum Beispiel unsinnig zu ignorieren, dass afrikanische Theologen und Theologinnen sich nicht scheuen, von Gott zu sprechen. Das dürfte Ralf Frisch nicht unbekannt sein. Er war bis 2022 Theologischer Referent der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Diese Kirche unterhält eine ganze Reihe von Partnerschaften zu Kirchen zwischen Papua-Neuguinea und Brasilien. Der frühere Bischof dieser Kirche, Henrich Bedford-Strohm, war bis 2023 Vorsitzender des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen. Viele Gemeinden der bayerischen Landeskirche pflegen Partnerschaften zu Kirchengemeinden im anderen Teilen der Welt. Diese Liste von Beispielen solcher ökumenischer Weite könnte mühelos verlängert werden. Haben all diese ökumenischen Verbindungen und die daraus gewonnenen auch theologischen Erkenntnisse und Einsichten keinerlei Bedeutung, wenn man ein Buch über Gott im neuen Erdzeitalter schreibt?
Bei der Lektüre das Buch wurde mir nach einer Weile bewusst, dass unter „die Theologie“ die Theologie in der evangelischen Kirche in unserem Land gemeint ist. Nun ist „evangelische Kirche“, die der Autor mehrmals erwähnt, in diesem Zusammenhang eine nicht ganz präzise Formulierung. Der Autor meint wahrscheinlich die Landeskirchen, die an einigen Stellen auch ausdrücklich erwähnt werden. Daneben gehören zu der evangelischen Kirche als Sammelbegriff in unserem Land aber auch Freikirchen, also kleinere Kirchen wie die Baptisten, die sich zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zusammengeschlossen haben.
Den Theologen der baptistischen Gemeinden zu unterstellen, sie würden es vermeiden, von Gott zu sprechen, wäre schlicht unsinnig, das kann man leider nicht anders ausdrücken. Sie sind in der Argumentation des Autors offenbar nicht mitgemeint und andere Freikirchen wahrscheinlich auch nicht. Aber wäre es nicht angemessen, das wenigstens irgendwo im Buch zu erwähnen? Auch die theologische Vielfalt in den hiesigen lutherischen und reformierten Landeskirchen wird nur an wenigen Stellen des Buches sichtbar.
Die römisch-katholische Kirche wird im Buch gelegentlich erwähnt, ist aber offenbar meist nicht in der Kritik des Autors an der Theologie und den Theologen einbezogen, lernt man im Laufe der Lektüre des Werkes. Die orthodoxen Kirchen in unserem Land, immerhin eine traditionsreiche und theologisch reiche Kirchenfamilie, kommt im Buch überhaupt nicht vor. Den Theologen dieser Kirchen vorzuwerfen, sie würden nicht von Gott sprechen, liegt nicht nahe, sei vorsichtig angemerkt. Der theologische Reichtum dieser Kirchen, die einen signifikanten und wachsenden Anteil an der hiesigen Christenheit stellen, bleibt im Buch über Gott ungenutzt.
Es soll an dieser Stelle auch erwähnt werden, wie der Autor mit dem Judentum, der jüdischen Theologie und dem jüdischen Gottesverständnis bzw. den Gottesverständnissen umgeht. Jahrzehnte des christlich-jüdischen Dialogs in unserem Land nach dem Holocaust haben in den Kirchen eine größere Sensibilität dafür geschaffen, dass der Gott, zu dem die Christen beten, der Gott des jüdischen Volkes war, ist und bleiben wird. Er ist inzwischen auch der Gott des Christentums, das seine Wurzeln im Judentum hat. Die christlichen Kirchen können sich Gott nicht aneignen, wie es häufig in der Kirchengeschichte und christlichen Theologien geschehen ist. Hierzu wäre noch vieles zu sagen.
Es könnte naheliegen, in ein Buch über Gott eine sensible Behandlung dieser Thematik einzubeziehen, etwa dann, wenn es um die Christologie geht. Das habe ich in dem Buch vermisst. Einige Zitate von Martin Buber zu unterschiedlichen Themen im Rahmen der Argumentationskette des Autors sind kein Ersatz dafür.
Das Gottesverständnis im Islam, immerhin eine der abrahamitischen Religionen, kommt im Buch nicht vor.
Völlig überrascht war ich, wie der Autor auf das Anthropozän eingeht, das im Untertitel des Buches vorkommt und im Buch immer wieder erwähnt wird. Manche, vielleicht viele Leserinnen und Leser werden diesen Begriff nicht kennen und noch weniger die Debatte und die Forschungsergebnisse zu diesem neuen Erdzeitalter. Auf Seite 13 spricht der Autor von „einer Epoche, die seit einigen Jahren Anthropozän heißt, weil die Oberfläche der Erde immer sichtbarer die Züge des Menschen trägt“. (13)
Diese Formulierung ist zutreffend, aber für sich genommen unzureichend, um die komplexen Prozesse zu verstehen, die das Anthropozän prägen und auf unterschiedlichste Weise Wirkungen auf die Geologie und auf das Leben der Menschen, Tiere und Pflanzen haben und in Zukunft noch stärker haben werden. Statt ausführlicher auf diese Zusammenhänge einzugehen, stellt der Autor im nächsten Satz eine ebenso steile wie falsche Behauptung auf: „Im Anthropozän macht sich der Mensch für alles verantwortlich, was das Antlitz der Erde versehrt und verstümmelt.“ Ich werde diese Behauptung im Verlauf dieses Textes korrigieren.
Ich will aber zunächst versuchen, wenn auch in knapper Form darzustellen, was man wissen sollte, wenn man über das Anthropozän spricht oder schreibt und darüber reflektiert, welche theologischen Antworten es auf die Herausforderungen durch die Entwicklungen gibt, die mit diesem neuen Erdzeitalter verbunden sind.
Die Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt ist zuerst von Wilhelm von Humboldt wissenschaftlich gründlich erforscht worden. Danach waren es Geowissenschaftler, die diese Zusammenhänge untersucht und in der Geologie Spuren menschlichen Handeln und menschlicher Schädigungen der Erde gefunden haben. Sie wiesen im Laufe der Wissenschaftsgeschichte wiederholt darauf hin, dass der Mensch zu einem wichtigen Faktor im natürlichen Prozessgeschehen auf der Erde geworden ist.
Das Anthropozän als neues Erdzeitalter wurde von dem niederländischen Meteorologe und Atmosphärenforscher Paul J. Crutzen seit Anfang unseres Jahrhunderts intensiv in den wissenschaftliche Diskurs eingeführt, auch wenn er nicht der Erfinder dieses Begriffs ist. Crutzen erhielt 1995 den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeiten zum Ozon. Er hat wesentlich dazu beigetragen, die Entstehung des Ozonlochs wissenschaftlich zu erklären. Crutzen war der erste Nobelpreisträger, der für Umweltforschung ausgezeichnet wurde. Eines seiner Ziele als Wissenschaftler war es: „Ich möchte dazu beitragen, dass es keine Scheinlösungen gibt.“ Das sah er als Teil seiner gesellschaftlichen Verantwortung an.
Paul Crutzen engagierte sich gemeinsam mit mehr als 70 anderen Nobelpreisträgern dafür, dass das 2008 verabschiedete Kreationismusgesetz im US-Bundesstaat Louisiana zurückbenommen wird. Das Gesetz ermöglicht es u. a., in Schulen den Kreationalismus als Wissenschaft zu lehren, ebenso Theorien, die die Erderwärmung leugnen. Der Kreationalismus, der vor allem, aber nicht nur in den USA viele Anhänger hat, vertritt die Auffassung, dass das Universum, das Leben und die Menschheit genau so entstanden sind, wie es in den ersten Kapiteln der Hebräischen Bibel beschrieben wird. Die Evolutionstheorie wird strikt abgelehnt. Es kann nicht überraschen, dass die Kreationalisten und ähnliche Bewegungen die wissenschaftlichen Forschungen zum Anthropozän und ihre Ergebnisse ablehnen. Paul Crutzen starb 2021. Über die Herausforderungen, vor denen die Menschheit im Anthropozän steht, sagte er 2019 in einem Interview mit dem Verlag Ökom:
„Seit dem Erdgipfel von 1992 haben sich die globalen CO2-Emissionen nahezu verdoppelt. Dabei wissen alle: Ein Weiter-so kann es nicht geben und eine Politik, die nur nationale Interessen und kurzfristiges Wirtschaftswachstum sieht, darf es nicht geben. Das Anthropozän fordert uns heraus. Aber je mehr sich die Lage zuspitzt, also klar wird, wie groß die Aufgabe ist, desto schwerer wird es sein, den Umbau zu organisieren. Wirtschaftliche Interessen und Angst vor Verlust und Abstieg werden ihn erschweren. So erleben wir den Widerspruch, dass die Ökologie zwar allgemein akzeptiert ist, dennoch der Umbau von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft kaum vorankommt.“
„Anthropos“ steht im Altgriechischen für Mensch und „zän“ für Epoche. Anthropozän bezeichnet ein neues Erdzeitalter, in dem der Mensch die natürlichen Abläufe der Erde maßgeblich verändert hat. Der Begriff und die damit verbundenen Überlegungen wurde inzwischen von anderen Wissenschaftsdisziplinen aufgenommen. Er bezieht sich unter anderem (!) auf eine veränderte Landnutzung, das Artensterben, den Klimawandel, das Schrumpfen der Gletscher, den Temperaturanstieg in Meeren und Ozeanen und Veränderungen von Meeresströmen wie dem Golfstrom. Vielleicht überraschen wird es, dass inzwischen auch neue Minerale und Gesteine entstanden sind und erforscht werden.
Auf der Website der Max-Planck-Gesellschaft habe ich diese kurze Erklärung gefunden, was das Anthropozän ist: „Das Anthropozän ist das Zeitalter, in dem der massive Einfluss des Menschen überall auf dem Planeten Erde nachweisbar ist: in der Luft, im Wasser, an Land, vom Weltall aus und in Ablagerungen im Boden.“
Wissenschaftler der Universität Heidelberg haben in einem Aufsatz mit dem Titel „Das Zeitalter des Anthropozän“ diese Prozesse so beschrieben: „Mit der Industrialisierung ist der Mensch eine geologische Kraft geworden: Noch nie hat eine Spezies das Gesicht des Planeten Erde in so kurzer Zeit so grundlegend verändert. Die dramatischsten Veränderungen, die häufig unter dem Begriff ‚The Great Acceleration‘ zusammengefasst werden, setzten in den 1950er-Jahren ein. Seither verändern sich die biogeochemischen Kreisläufe, und die … Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf unserer Erdoberfläche sind unübersehbar und werden durch Aufnahmen aus dem All besonders augenscheinlich. Wenn nicht eine globale Extremkatastrophe die Menschheit trifft, wird sich diese Rolle als dominierende Kraft in der Umwelt weiter verstärken.“
Anzeige von Der Mensch als geologische Kraft. Das Zeitalter des Anthropozäns
Die Veränderungen, die auf menschliches Handeln zurückgehen, lassen sich von Geologen datieren. In Kooperation der Geowissenschaften mit anderen Wissenschaften lässt sich heute sehr detailliert darstellen, wie sich das menschliche Handeln auf unsere Erde ausgewirkt hat und auswirkt. Diese Prozesse erfolgten regional sehr unterschiedlich und haben sich aus kleinen Anfängen in der Neuzeit drastisch beschleunigt. Viele Schädigungen durch menschliches Handelns sind auch von Nichtwissenschaftlern gut zu erkennen, zum Beispiel die Millionen Tonnen Plastik in den Meeren und auf der Erdoberfläche.
Paul Crutzen hat betont, dass das Anthropozän geprägt ist von vielfältigen Veränderungen nicht nur der Erdoberfläche und der Meere, sondern zum Beispiel auch der Beziehungen zwischen Natur und Mensch: „Die Menschheit vergrößert ihre Macht über die Natur, das ist das Erkennungszeichen der Ära des Anthropozäns. Aber wenn wir unsere Macht einfach nur weiter vergrößern, werden sowohl die Natur als auch die Menschheit zu Verlierern.“
Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Anthropozän beschäftigen, wird manchmal Panikmache oder Alarmismus vorgeworfen. Das ist eine verzerrte Darstellung. Es wird in der Anthropozän-Forschung dargestellt, wie die Erde sich auf unterschiedlichen Gebieten durch menschliches Handeln sehr negativ verändert hat und verändert und dass dies gravierende und nicht selten katastrophale Auswirkungen hat.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigen aber auch, was getan werden kann, um diese Folgen abzumildern und in manchen Fällen zu beseitigen. Sie weisen zu Recht darauf hin, dass manche Auswirkungen menschlichen Handelns unwiederbringlichen Schaden anrichten. Das gilt zum Beispiel für die globale Erwärmung. Die zahllosen Tier- und Pflanzenarten, die vor allem aufgrund menschlichen Handelns bereits ausgestorben sind, lassen sich nicht zurückholen. Je später und halbherziger gehandelt wird, desto größer sind die bleibenden Schäden. Es kann von den Menschen viel getan werden, um unseren Planeten zu bewahren, lautet die hoffnungsvolle Botschaft der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Anthropozän beschäftigen, wir müssen dies nur tun und das möglichst rasch und möglichst konsequent.
An dieser Stelle will ich schon einmal auf ein Defizit im Buch „Gott“ eingehen. Der Autor lässt die Leserinnen und Leser mit der Frage allein, wann das Erdzeitalter des Anthropozän begonnen hat. In der Wissenschaft gibt es intensive Debatten darüber, wann dies geschehen ist. Wenn man kein Naturwissenschaftler ist, wird man sich dafür entscheiden müssen, eine zeitliche Einordnung als plausibel anzusehen und auf dieser Grundlage „Ein wenig Theologie für das Anthropozän“ betreiben. Nur, wenn man unerwähnt lässt, ab welchem Jahrzehnt oder Jahrhundert man den Anfang dieses Erdzeitalters einordnet und entsprechend die zu dieser Zeit bestehende Theologie reflektiert, wird es schwierig.
Das ist keine Bagatelle, wie sich zeigt, wenn man auch nur in Stichworten die verschiedenen wissenschaftlichen Einordnungsversuche des Beginns des Anthropozäns betrachtet. Hier eine sehr kurze Übersicht:
12000 v. Chr. – Das Massenaussterben der späteiszeitlichen Groß-säuger, vermutlich infolge anthropogener Bejagung.
5000 v. Chr. – Starke Ausweitung des Reisanbaus in asiatischen Regionen wie Indien und China sowie des intensiveren Getreideanbaus in Europa und einigen anderen Weltregionen (verbunden mit großflächigen Abholzungen). In dieser Zeit nahmen die Methankonzentration und die CO2-Konzentration in der Atmosphäre signifikant zu.
1000 n. Chr. – Seit dieser Zeit ist ein weltweit deutlich verstärktes Auftreten von Bodenerosionserscheinungen zu beobachten.
1492 – „Entdeckung“ Amerikas und Beginn der Neuzeit und vielfältigen Folgen auch auf die Oberfläche der Erde.
1610 – Nach der Ausrottung großer Teile der indigenen Bevölkerung in Amerika hat sich die Landnutzung auf diesem Kontinent (und bald darauf auch durch den europäischen Kolonialismus in Afrika und Asien) verändert und damit den Beginn eines neuen Erdzeitalters beschleunigt.
1800 – Beginn der Industrialisierung in Europa und Nordamerika. Für eine solche Datierung hat sich zum Beispiel der erwähnte Wissenschaftler Paul Clutzen ausgesprochen.
1950 – Seit dieser Zeit haben die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Erde dramatisch zugenommen. Außerdem ermöglicht die Ausbreitung von Plutonium über den ganzen Globus nach den ersten Atomwaffenversuchen und Atombombenabwürfen eine sehr zuverlässige Datierung, welche geologischen Veränderungen es vor und nach diesem Zeitpunkt gegeben hat.
Diese kurze Zusammenstellung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe auch auf die Darstellung der Argumente für und gegen die Wahl der einzelnen Datierungen für den Beginn des Anthropozäns verzichtet. Ein Problem jeglicher Festlegung des Beginns der Zeit des Anthropozäns ist, dass es je nach Weltregion signifikante zeitliche Unterschiede in der Frage gibt, wann der menschliche Einfluss gravierend zugenommen hat. So kann man den Beginn des neuen Zeitalters mit guten Argumenten auf den Beginn der Industrialisierung in Europa festlegen, aber beispielsweise für Afrika oder Indien wäre eine solche Datierung nicht angemessen.
Die wissenschaftliche Debatte über den Beginn des Anthropozäns ist noch nicht abgeschlossen. Der Versuch einer Gruppe von Wissenschaftlern, den Beginn auf das Jahr 1950 festzulegen, ist vorerst gescheitert. Das Gremium, das darüber entscheidet, ob und ab wann wir von einem neuen Erdzeitalter sprechen können, ist die „Internationale Stratigraphische Kommission“ (International Commission on Stratigraphy, ICS). Sie hat den Vorschlag 1950 im Jahr 2023 abgelehnt, vorerst jedenfalls.
Ich halte es für einleuchtend, dass die Überlegungen zu einer Theologie für das Anthropozän je nach Jahrhundert oder Jahrtausend sehr unterschiedlich sein werden und damit auch die Gottesverständnisse. Nach mehrmaliger Lektüre des Buches tendiere ich zu der Hypothese, dass der Autor den Beginn des Anthropozäns etwa auf die Mitte des 20. Jahrhunderts datiert, aber früher als 1950, weil er die theologischen Überlegungen Dietrich Bonhoeffers über Gott in seine Argumentation einbezieht, der 1945 ermordet wurde. Es ist aber zu berücksichtigen, dass das Buch ein Kapitel zu Albert Einstein enthält, dessen wissenschaftliche Schaffensperiode in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag.
Hier soll nun wenigstens kurz auf den Zusammenhang von Anthropozän und Theologie eingegangen werden. Es dürfte einleuchten, dass dann, wenn man über die Theologie im Mittelalter reflektiert, ein möglichst genaues Bild von den Gesellschaften und beispielsweise den wissenschaftlichen Diskurs in dieser Epoche haben sollte. Das gilt selbstverständlich auch für das neue Erdzeitalter Anthropozän. Das wird hinsichtlich des Anthropozäns dadurch erschwert, dass wir beim Mittelalter von einer historisch abgeschlossenen Periode sprechen, während das Anthropozän je nach Datierung eventuell erst vor einigen Jahrzehnten begonnen hat. Aber selbst wenn wir von einer Frühdatierung von vor einigen Jahrtausenden ausgehen, wissen wir nicht, wie lange dieses Erdzeitalter noch dauern wird und ob wir uns deshalb eventuell erst am Anfang befinden.
Hinzu kommt, dass die Anthropozän-Forschung zunächst eine naturwissenschaftliche und vor allem geologische Forschung war und die Auswirkungen auf die Gesellschaften erst allmählich deutlicher werden. Die gesellschaftswissenschaftliche und theologische Debatte über Konsequenzen aus den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen hat erst begonnen. So wird inzwischen zum Beispiel kritisiert, dass bei der Präsentation der Forschungsergebnisse oft nicht ausreichend reflektiert und dargestellt wird, dass nicht „die Menschheit“ als Ganze in gleicher Weise für Schädigungen auf der Erde verantwortlich ist, sondern die Hauptverantwortung bei den Menschen in den Ländern Europas und Nordamerikas liegt.
Es ist nun nicht so, dass Religion und der Glaube an Gott im neuen Erdzeitalter als obsolet angesehen oder gar bekämpft werden, jedenfalls nicht von denen, die dieses Zeitalter erforschen, vor den negativen Folgen schädlichen menschlichen Handelns warnen und ein verändertes menschliches Handeln fordern. Das Anthropozän ist keine gottlose Epoche, und es wird der Glaube an Gott auch nicht dadurch unterhöhlt, dass wissenschaftlich erforscht wird, welche Veränderungen die Menschheit auf unserem Planeten in wachsendem Umfang verursacht hat, wie sie sich auswirken und welche Gefahren damit verbunden sind.
Menschen, die an Gott (oder genereller gesprochen an ein höheres Wesen) glauben, der diese Erde geschaffen hat, werden durch die Anthropozän-Forschungen noch fundierter darauf aufmerksam, wie bedroht das Leben in dieser Schöpfung ist und in Zukunft noch stärker sein wird. Sie werden ermutigt, sich gemeinsam mit Menschen anderen und ohne religiösen Glaubens energisch für die Bewahrung dieser Schöpfung zu engagieren.
Vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zum Anthropozän arbeiten sowie Umwelt- und Klimaschützer auf der Welt werden in ihrem Engagement von ihrem religiösen Glauben getragen und ermutigt, ohne dass hier das Engagement von Menschen ohne religiösen Glauben abgewertet werden soll. Auch als Atheist oder Humanist hat man viele gute Gründe, für die Erhaltung unseres Planeten aktiv zu werden.
Die Anthropozän-Forschung ist nicht wertfrei, kann es nicht sein. Sehr viele der Forscherinnen und Forscher haben die Motivation, einen Beitrag dazu leisten, die komplexen Prozesse zu analysieren, die durch die massiven menschlichen Veränderungen der Erde verursacht wurden, um zu verstehen, was getan werden muss, um das Leben auf dieser Erde für viele weitere Generationen sicherzustellen und so lebenswert wie heute zu erhalten. Paul Crutzen hat das in einem Gespräch mit der „Zeit“ im Alter so formuliert: „Ich hoffe, dass mein Enkel eine gute Zukunft hat.“
Die Wissenschaftseinrichtungen, die über die Tier- und Pflanzenwelt im Anthropozän arbeiten, bauen ihre Arbeit auf den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie auf. Hier eine KI-gestützte kurze Beschreibung, was Evolutionsbiologie ist: „Die Evolutionsbiologie ist das Teilgebiet der Biologie, das die stammesgeschichtliche Entwicklung des Lebens, die Entstehung neuer Arten und die Mechanismen dahinter erforscht, basierend auf Konzepten wie natürlicher Selektion, Mutation und Gendrift, die durch Belege aus Fossilien, Genetik und Vergleichender Anatomie gestützt werden, um die Verwandtschaftsbeziehungen und die Geschichte aller Organismen zu verstehen.“
Bekanntlich gibt es christliche Gruppen, die die Wissenschaft von der Evolution vehement bekämpfen, weil sie nach ihrer Auffassung den biblischen Schöpfungsberichten widersprechen. Für diese Christinnen und Christen sind die Evolutionsbiologie und benachbarte Wissenschaftsbereiche falsch. Sie werden deshalb auch die entsprechende Forschung zum Anthropozän als gegen Gott gerichtet verstehen.
Aber eine Forschung zu den negativen Auswirkungen menschlichen Handelns ist schwerlich durchführbar, wenn man ihr ein Evolutions-Denkverbot auferlegt. Dafür ein plastisches Beispiel. Das GEMOR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel hat in den letzten Jahren untersucht, woran es liegt, dass es immer weniger Dorsche gibt, die zudem im Durchschnitt deutlich kleiner sind als früher. Die Ergebnisse wurden im Juni 2025 veröffentlicht. Überfischung und zunehmende Erwärmung hat die Zahl der Dorsche dramatisch sinken lassen. Das konnte nicht überraschen, aber warum bleiben die verbliebenen Dorsche im ausgewachsenen Zustand signifikant kleiner als vor einigen Jahrzehnten?
Früher erreichte ein Ostseedorsch eine Länge von mehr als einem Meter und ein Gewicht von bis zu 40 Kilogramm. Es war der Gigant unter den Fischen in der Ostsee. Heute passt ein Dorsch, wenn man denn noch einen fängt, mühelos auf einen Essteller. Das GEMOR schreibt zu den genetischen Veränderungen, die dies verursacht haben: „Konkret identifizierten die Forschenden bestimmte Genvarianten, die mit dem Körperwachstum in Verbindung stehen und über die Zeit hinweg Anzeichen gerichteter Selektion zeigten – also systematisch häufiger oder seltener wurden. Diese Gen-Orte überschneiden sich auffällig mit Genregionen, die für Wachstum und Fortpflanzung wichtig sind. Auch eine bestimmte chromosomale Inversion (eine Veränderung im Erbgut, die für die Anpassung an Umweltbedingungen eine wichtige Rolle spielt) zeigte einen gerichteten Selektionsverlauf. Das bedeutet: Die genetische Basis des ‚Schrumpfens‘ der Dorsche ist belegt – der Mensch hat Spuren im Genom der Fische hinterlassen.“
Wie ist das in den letzten Jahrzehnten geschehen? Es wurden zu viele und vorzugsweise die großen Dorsche gefangen. Diese Dorsche hatten deshalb geringe Möglichkeiten, sich fortzupflanzen. Die Fische, die aufgrund ihrer Gene kleiner blieben, hatten deutlich bessere Überlebenschancen und das vor allem dann, wenn sie früh geschlechtsreif wurden und damit potenziell mehr Nachwuchs zeugten, bevor sie eventuell gefangen wurden. Sie hatten einen evolutionären Vorteil. Unter einem hohen Fangdruck waren es primär diese Fische, die ihre Gene weitergeben konnten. Dorsche mit den Genvarianten, die zu höherem Wachstum und später Reifung führen, sind nach Einschätzung der Forscher vielleicht gar nicht mehr zu finden.
Es konnte so erklärt werden, warum trotz Fangverbot in den letzten Jahren nicht zu beobachten ist, dass das Gewicht und die Länge der Dorsche wieder signifikant zugenommen haben. Es fehlen weitestgehend die Fische mit Genen, die ein starkes Wachstum auslösen. Solche Erkenntnisse können helfen, die Folgen von Überfischung und Meereserwärmung besser zu verstehen, Es zeigt sich, dass man nicht erwarten kann, dass die Folgen der Überfischung rasch beseitigt sind, wenn man vorübergehend den Fischfang einstellt. Das gilt noch weniger, wenn die Erwärmung der Meere ohnehin der Fischpopulation einen Überlebenskampf aufzwingt.
Religiöser Einfluss auf solche wichtigen Forschungsarbeiten wäre sehr problematisch. Das betrifft nicht nur Fragen der Evolutionsforschung. Wer daran zweifelt, möge sich mit den Einflussversuchen US-amerikanischer evangelikaler Gruppen und Kirchen auf die Bildung und die Forschung in den Vereinigten Staaten beschäftigen.
Die internationale Anthropozän-Forschung müsste schwersten Schaden nehmen, wenn sie unter den Druck oder die Kontrolle unterschiedlichster religiöser Gruppierungen geraten würde. Forschung muss ethische Maßstäbe einhalten, das ist zweifelsohne wichtig. Aber es wird gefährlich, wenn mit der Behauptung, Gottes Willen oder den Willen eines Religionsgründers genau zu kennen und nun auch durchzusetzen, Forschung behindert oder verhindert wird. Es gibt Bereiche des Lebens und der Wissenschaft, wo wir säkulare Einrichtungen schätzen sollten – das schreibe ich als Christ. Das schließt eine kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen dieser Wissenschaft keineswegs aus.
Gott hat auch im Anthropozän einen festen Platz in den Gesellschaften der Welt, ebenso andere Götter. Viele gläubige Menschen arbeiten in Anthropozän-Forschungsprogramm mit, auch, um einen Beitrag zur Bewahrung von Gottes Schöpfung zu leisten. Und noch viel mehr Christinnen und Christen nehmen die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Anthropozän zum Anlass, sich noch aktiver im Klimaschutz, Meeresschutz und in vielen anderen Bereichen zu engagieren.
Es gibt keinen Geheimplan, mit Hilfe der Anthropozän-Forschung den Glauben an Gott zu bekämpfen, das wäre auf globaler Ebene betrachtet auch größenwahnsinnig. Probleme bringen die Arbeiten der Wissenschaftler allenfalls für Gläubige, die wissenschaftliche Erkenntnisse, die ihren Glaubensvorstellungen widersprechen, als Teufelswerk ansehen. Aber können wir diese Forschung verurteilen und ablehnen, nur weil bestimmte religiöse Kreise den Glauben und die Wissenschaft nicht miteinander in Einklang bringen können? Es wäre, bin ich überzeugt, unverantwortlich angesichts der Gefahren, auf die uns die Anthropozän-Forschung fundiert aufmerksam macht und zu deren Überwindung sie Konzepte erarbeitet.
Das sind wichtige Themen und spannende Debatten und Fragen, an der man sich aber nur beteiligen kann, wenn man wenigstens die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Anthropozän kennt und reflektieren kann. Dafür ist das vorliegende Buch keine Hilfe. Zwar kommt sehr häufig die Formulierung „im Anthropozän“ vor, aber das ist kein Ersatz für eine solide Darstellung der wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnisse der Forschung zum Anthropozän.
Es sei wiederholt, dass es sich um einen wissenschaftlichen Ansatz handelt, durch den nachweisbare Veränderungen auf unserer Erde aufgrund menschlichen Handelns dargestellt und analysiert werden und nach Reaktionsmöglichkeiten gesucht wird. Die Ergebnisse lassen sich wissenschaftlich belegen und überprüfen. Im Blick auf das Buch „Gott“ sei betont, dass das Anthropozän kein handelndes Subjekt ist, sondern ein Erdzeitalter, das bisher vor allem naturwissenschaftlich erforscht wird. Die Ergebnisse dieser Forschungen haben gesellschaftliche Auswirkungen, auch religiöse Auswirkungen, aber die Forschungen muss man erst einmal fundiert erkennen, bevor man zu theologischen Aussagen kommt – bin jedenfalls ich überzeugt.
Es ist also nicht sinnvoll, in der Theologie die naturwissenschaftlichen Ergebnisse zu bestätigen oder infrage zu stellen, ohne über eigene belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse zu verfügen, die es zumindest plausibel erscheinen lassen, dass die vorliegenden Forschungsberichte fehlerhaft sind. Das sollte Theologen von Leugnern des Klimawandels unterscheiden. Es geht für die Theologie in Zeiten des Anthropozäns vor allem darum, sich an der Debatte darüber zu beteiligen, welche Konsequenzen man aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Geologie und benachbarter Naturwissenschaften auf Gesellschaften, Kirchen und theologische Themen wie das Gottesverständnis ziehen kann und sollte.
Die Anthropozän-Forschung vertraut nicht darauf, dass Gott in nächster Zeit in das heutige Weltgeschehen eingreift und diese Erde rettet. Das kann man dieser Forschung vorwerfen, wenn man fest daran glaubt, dass Gott diesen Globus rechtzeitig vor dem Kollaps retten wird. Aber diese Verständnis vom Wirken Gottes ist vorsichtig formuliert keine Mehrheitsauffassung unter den hiesigen Christinnen und Christen sowie Theologinnen und Theologen.
Aber selbst, wenn man diese Glaubensüberzeugung hat, spricht manches dafür, sich trotzdem zu bemühen, zum Beispiel den Klimawandel zu verstehen und die katastrophalen Auswirkungen dieses Klimawandels zu bekämpfen. Immerhin kann man bis zum Zeitpunkt der erwarteten Rettung unseres Planeten durch Gott dazu beitragen, dass weniger Menschen unter den Folgen der globalen Probleme leiden und sterben. Soll man tatenlos zusehen, wie Menschen elendig sterben, weil man fest glaubt, Gott werde demnächst in die Geschichte eingreifen? Und ist es für Christinnen und Christen in dieser Situation angemessen, die im Klimaschutz engagierten Menschen verbal heftig zu attackieren?
Theologinnen und Theologen, die sich der Verantwortung der Menschen für das Bewahren und Bebauen der Schöpfung bewusst sind, können Verdienstvolles und Segensreiches leisten, indem sie die vielfältige und reiche Schöpfungstheologie, zu der Theologien in der weltweiten Kirche sehr beigetragen haben, in ihre Predigten und ihre übrige pastorale Arbeit einbeziehen.
Im Buch von Ralf Frisch finden sich mehrere Formulierungen, die auf eine Distanz zum Klimaengagements der hiesigen Kirchen hindeuten könnten. Dazu komme ich noch. Wenn wir hier zu dieser Thematik die weltweite Ökumene mit in den Blick nehmen, so ist nicht zu übersehen, dass Kirchen im Süden der Welt die Kirchen in Deutschland und im übrigen Europa sowie in Nordamerika immer wieder auffordern, sich für Klimaschutzmaßnahmen im eigenen Land und global zu engagieren. Hier sind beispielsweise die Kirchen auf pazifischen Inseln zu nennen, die nicht ohne Grund innerhalb der nächsten Jahre und Jahrzehnte den Untergang ihrer Heimat durch steigende Meeresspiegel und vermehrte heftige Stürme befürchten.
Sollen wir ihnen sagen, sie möchten sich an andere wenden, unsere Kirchen sähen sich nicht für zuständig an, hätten andere Prioritäten? Oder sollen wir ihnen sagen, es reiche, wenn sie auf ein baldiges Eingreifen Gottes vertrauen? Glücklicherweise gehen die Kirchen in unserem Land nicht diesen Weg, sondern haben zahlreiche Initiativen zum Klimaschutz begonnen – und es gibt sehr viele Christinnen und Christen, die das begrüßen und für einen selbstverständlichen Beitrag zur Erfüllung der christlichen Verantwortung in dieser Welt ansehen, die sie als Gottes Schöpfung betrachten.
Christinnen und Christen haben allerdings keinen Grund, mit dem Finger auf andere zu zeigen, wenn nach den Gründen für die negativen Auswirkungen menschlichen Handelns auf unseren Planeten gefragt wird. Hier möchte ich Professor Matthias Zimmer, bis 2021 CDU/CSU-Bundestagsabgeordneter und Verfasser des Buches „Nachhaltigkeit! Für eine Politik aus christlicher Grundüberzeugung“, zu Wort kommen lassen. Er schrieb 2015 in der Zeitschrift „Die Politische Meinung“ der Konrad-Adenauer-Stiftung:
„Allerdings hat es nur in der christlich geprägten Welt eine Entwicklung gegeben, die auf immer stärkere Naturbeherrschung und Naturausbeutung zielte. Nur im Christentum hat sich die Idee des stetigen und kontinuierlichen Wachstums der Wirtschaft entwickelt. Keine andere Kultur hat den Gedanken hervorgebracht, dass es in Ordnung sei, die Natur für eigene Zwecke auszubeuten; dass es in Ordnung sei, nach immer mehr Wachstum zu streben.“
Daraus und aus der biblischen Botschaft erwächst, kann man dem Aufsatz entnehmen, eine besondere Verantwortung der Christinnen und Christen. In diesem Zusammenhang plädiert Matthias Zimmer u. a. für eine Theologie der Nachhaltigkeit. Zu seinen Einsichten aus der Beschäftigung mit dem Anthropozän gehört: „Wir müssen also die Grundlagen unserer Lebensweise infrage stellen, das, was der Wiener Politikwissenschaftler Uli Brand als imperialen Lebensstil bezeichnet: nicht nur im Verhältnis zu anderen, weniger entwickelten Ländern, sondern imperial auch in unserem Verhältnis zur Natur.“
Ein Beispiel des kirchlichen Engagements im Zeitalter Anthropozän ist die 2019 geschaffene „Arbeitsstelle Anthropozän“. Sie wird von Brot für die Welt finanziert und von evangelischen und katholischen Einrichtungen mitgetragen. Die Kirchen wollen mehr für ein nachhaltiges, sozial gerechtes und klimagerechtes Wirtschaften tun. Wie Konsequenzen aus den Erkenntnissen zum Anthropozän auf allen Ebenen der Kirchen gezogen werden können, soll von der Arbeitsstelle herausgearbeitet und vermittelt werden.
Wie man als Religionsgemeinschaft mit den Ergebnissen der Anthropozän-Forschung umgehen kann, hat Gundula M. Tegtmeyer in der „Jüdischen Allgemeinen“ vom 15. Oktober 2020 so dargestellt: „Leben wir im Zeitalter des Anthropozäns? Dieser Begriff, geprägt vom Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen, ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche, in der wir Menschen zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf unserem Planeten Erde wurden. Wie positioniert sich das Judentum dazu? Können die fünf Bücher Mose ‚ökologisch‘ gelesen werden, die g’ttlichen Lehren der Hebräischen Bibel eine inspirierende Quelle und Ansporn für ein nachhaltigeres Leben sein? Dieser spannenden und zeitgemäßen Frage gehen die Rabbiner Yonatan Neril und Leo Dee, beide Mitglieder des Interface Center for Sustainable Development (ICSD), in ihrer ‚Öko-Bibel‘ – die eigentlich eine ‚Tora-Bibel‘ ist – auf den Grund …“
Wenig hilfreich in der Debatte um ein verantwortungsvolles christliches Engagement angesichts der Herausforderungen des neuen Erdzeitalters sind meiner Auffassung nach diese Bemerkungen von Ralf Frisch in seinem Buch „Gott“, auf das ich nun näher eingehen will: „Wer also allen Ernstes glaubt, die Mission der Bewahrung der Schöpfung könne auf die Bebauung der Schöpfung und auf die Bekämpfung ihrer Schattenseiten verzichten, täuscht sich über die Natur der gefallenen und verfluchten Welt oder ist blind für die Rahmenbedingungen des privilegierten eigenen Lebens.“ (99). Niemand wird bezweifeln können, dass auf die Bebauung der Schöpfung nicht verzichtet werden kann und soll. Für wie borniert hält der Autor eigentlich die Menschen, die sich für die Bewahrung der Schöpfung engagieren?
Ob die Schöpfung auch Schattenseiten hat, mögen andere entscheiden. Ich orientiere mich an der Schöpfungserzählung in 1. Mose 1, wo Gott mehrmals über seine Schöpfung sagt: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Das haben Christinnen und Christen im Laufe von fast zwei Jahrtausenden Kirchengeschichte immer wieder tief bewegt wahrgenommen, und diejenigen, die dazu ein Talent hatten, haben Lieder und Gedichte darüber geschrieben. Das schließt nicht aus, dass es immer wieder Anlässe gab und gibt, wo Menschen in die Natur eingreifen wie zum Beispiel durch das Anlegen von Feldern oder den Bau von Deichen. Und es schließt noch weniger aus, dass menschliche Eingriffe erfolgen müssen, um die negativen Folgen früherer menschlicher Eingriffe in die Natur abzumildern oder zu beseitigen.
Ich müsste jetzt eigentlich auf die Formulierung von der „gefallenen und verfluchten Welt“ ausführlicher eingehen, beschränke mich aber darauf zu erwähnen, dass zumindest ich in einer Welt lebe, in der die Menschen sowie der Tiere und Pflanzen mit vielen Problemen zu kämpfen haben, aber das dies nach christlicher Überzeugung weiterhin Gottes geliebte Welt ist, mit der wir sorgsam umgehen sollen. Als verflucht mögen andere diese Welt ansehen.
„Mag der Mensch im Anthropozän aber auch allein schuld sein, so wird im Anthropozän doch allein dem Menschen auch die Heilung der Wunden der Erde zugetraut und zugemutet. Er spielt alle Rollen im Erddrama. Er spielt die Rolle des Schuldigen und des Richters, die Rolle des Verderbers und des Retters. Er spielt die Rolle des Teufels und die Rolle Gottes.“ (13) Das klingt dramatisch, aber stimmt es auch? Zunächst einmal zur Rolle des Schuldigen. In der Tat tragen die Menschen nach den vorliegenden Forschungsberichten eine Hauptverantwortung für die dramatischen negativen Veränderungen auf der Erde. Aber nicht für alle negativen Veränderungen. Man kann etwa an die Folgen von Vulkanausbrüchen denken. Aber das relativiert nicht die Verantwortung der Menschen, alles zu unternehmen, um die Schädigungen unseres Planeten zu vermindern und ein gutes Leben auch für zukünftige Generationen von Menschen, Tieren und Pflanzen zu ermöglichen.
Die Menschen sind keine Richter in diesen Prozessen, jedenfalls in aller Regel nicht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die den Menschen die Folgen ihres Handelns deutlich machen, sind keine Richter und treten auch nicht so auf. Es gibt in der Richterfrage Ausnahmen, zum Beispiel bei Prozessen gegen Verursacher von Ölverschmutzungen auf dem Land und im Wasser. Das ist dringend geboten und wohl kaum von Theologen zu kritisieren. Es ist ganz eindeutig auch keine Konsequenz der Ausrufung eines neuen Erdzeitalter und der Forschungen zu dieser Thematik. Umgekehrt ließe sich sagen, dass eine erhöhte Umweltsensibilität aufgrund der Forschungsergebnisse zum Anthropozän zu einem verstärkten Einsatz gegen Umweltkriminalität führen kann – soll man das bedauern?
Die Forschungsergebnisse zum Anthropozän können Menschen ermutigen, sich für den Schutz dieser Erde zu engagieren. Sie werden das auf dem Hintergrund unterschiedlichster religiöser und ethischer Überzeugungen tun. Das ist auf unserem in Glaubensfragen so vielfältigen Planeten auch nicht anders zu erwarten. Ob Menschen die Rolle des Teufels übernehmen, wenn sie zu den Schädigungen der Erde beitragen, kann ich nicht beurteilen. In meinem Glauben kommt ein Teufel nur metaphorisch vor (wofür ich viele Gleichgesinnte in der modernen Theologie habe).
Das mögen manche anderen Christen anders sehen und dann vielleicht ihre Mitmenschen, die unseren Planeten schädigen, zu Teufeln erklären. In den wissenschaftlichen Studien zur Bedeutung menschlichen Handelns auf die Erde wird man sehr wahrscheinlich eine solche Wortwahl nicht finden.
Dass Menschen, die sich für die Bewahrung der Schöpfung engagieren, sich als Gott verstehen oder die Rolle Gottes übernehmen wollen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Einzelfälle kann man natürlich nicht ganz ausschließen. Aber quantitativ dürfte es allenfalls ein winzig kleiner Anteil an den Menschen auf der Erde sein, die sich für die Erhaltung unseres Planeten engagieren. Es fallen schon einmal die Milliarden Buddhisten, Hindus und Schintoisten aus, in deren religiösem Glauben es undenkbar ist, dass ein Mensch durch sein Handeln für die Schöpfung zum Gott wird. Muslime werden einen solchen Gedanken brüsk von sich weisen, ebenso Juden. Menschen ohne religiösen Glauben werden sich schwerlich zu Göttern aufschwingen. Und die Christinnen und Christen? Auch sie werden diesen Gedanken weit von sich weisen. Der Mensch übernimmt nicht die Rolle von Gott.
Wohl aber gibt es viele Menschen, die aus ihrem Glauben an den einen Gott oder die Götter heraus für die Bewahrung der Schöpfung engagieren – und das ist gut so. Sie übernehmen keine „Heilandsrolle“, wie Ralf Frisch unterstellt (13). So größenwahnsinnig sind die allermeisten Menschen nicht. Sie haben nicht selten ein großes Gottvertrauen, aber das veranlasst sie nicht, die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, dass Gott diese Welt rettet (was für nichtchristliche Gläubige ohnehin keine Option ist).
Es gibt keine „klimaapokalyptische Gewissheit, dass Gott uns nicht retten wird“ (39). Eine solche Gewissheit kann es nicht geben. Aber es gibt auch nicht die Gewissheit, dass Gott uns kurzfristig retten wird. Und mit jedem Monat, jedem Jahr nimmt die Zahl der Tier- und Pflanzenarten zu, die von diesem Planeten verschwinden. Es gibt zahlreiche Studien, die den Zusammenhang von menschlichem Handeln und der drastischen Abnahme der Tier- und Pflanzenarten belegen.
Auch gibt es immer mehr Menschen in armen Ländern, die als Folge des Klimawandels durch Dürren und Flutkatastrophen sterben. Sollen wir sie in der „Glaubensgewissheit, dass Gott uns retten wird“ (39), ihrem „Schicksal“ überlassen? Die Kirchen (in unserem Land) führen keine „Opfersuchwettbewerbe“ durch, wie Ralf Frisch behauptet (59). Sie engagieren sich aus ihrem Glauben heraus für Menschen im Süden der Welt, die zu Opfern von Prozessen geworden sind, die uns im Rahmen von Anthropozän-Forschungen und -Initiativen noch deutlicher werden.
Auch stimmt diese Behauptung nicht: „Das Wort Gott ist kein Wort im Anthropozän.“ (15) In diesem Erdzeitalter gibt es etliche Milliarden Menschen, die an einen oder an mehrere Götter glauben. Und es wird sie auch weiter geben, lautet meine gewiss nicht gewagte These. Das gilt mit Sicherheit auf globaler Ebene, und es müsste erst einmal nachgewiesen werden, dass die abnehmende Religiosität in unserem Land eine Konsequenz des Beginns eines neuen Erdzeitalters ist. Um das zu prüfen, müsste man natürlich allein schon die Angabe haben, wann dieses neue Erdzeitalter eigentlich begonnen hat, aber dafür ist das vorliegende Buch wie erwähnt keine Hilfe.
Ralf Frisch zitiert in dem Abschnitt seines Buches „Theologie ohne Gott“ die Schlussätze einer Predigt der Klimaaktivistin Luise Neubauer im Berliner Dom am 28. Februar 2021:
„Gott wird uns nicht retten. Das werden wir tun. Weil wir es wagen, die Schwere der Krisenbewältigung anzunehmen. Weil wir verstanden haben, dass nichts schwerer ist als Ohnmacht, als Nichtstun, als hin- und dann schnell wegzublicken. Wir werden uns retten, weil wir nicht den Glauben verlieren. Den Glauben an eine bessere, gerechtere Welt, die möglich ist, solange wir für sie kämpfen. Sorgt euch nicht. Amen.“ (29f.)
Ralf Frisch schreibt anschließend: „Wenn der Aufruf zur Sorglosigkeit vor dem finalen Amen nicht nur ein dekoratives Anhängsel oder ein Zugeständnis an kirchliche Rhetorik ist, dann ist er entweder realitätsblind, zynisch oder eine verzweifelte Beschwörung. Denn natürlich gibt es Grund zur Sorge. Und genau diese Sorge schürt und von dieser Sorge zehrt die Klimaschutzbewegung. Aber auch die Vorstellung, die Sorge könne durch Aktivismus aus der Welt zu schaffen sein, ist rührend.“ (30)
Was Leserinnen und Leser des Buches von Ralf Frisch nicht erfahren ist, dass im Zentrum der Predigt von Luisa Neubauer die Botschaft Jesu zum Thema Sorgen in Matthäus 6,23-33 stand. Und so begann sie ihre Predigt mit einer Bibellesung: „Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet …“. Am Ende des Bibelabschnitts lesen wir: „Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedarft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“.
In ihrer Predigt stellte Luisa Neubauer dar, wie sie sich Sorgen um diese Welt macht und betonte: „Ich sorge mich bei dem Gedanken daran nicht nur, ich trauere. Ich trauere, um die Welt die wir schon verloren haben, um die Arten, die nie wieder leben werden. Und ich trauere um die Welt die wir, alle zusammen, in der Zukunft zu verlieren haben. Und so gehen wir auf die Straßen, protestieren, intervenieren, wann auch immer es geht.“
Die Botschaft Jesu, wie sie Matthäus überliefert hat, gibt der Christin Luisa Neubauer Hoffnung: „Es geht nicht darum, dass nicht geplant, nicht vorausschauend gehandelt werden soll. Auch die Vögel bauen Nester für ihre Eier, sie treffen Vorbereitungen. Es geht auch nicht um Sorglosigkeit in Form von Unachtsamkeit, oder gar Rücksichtslosigkeit, was phasenweise eine sehr beliebte Interpretation von Freiheit ist. Nein. Bei ‚Sorgt euch nicht‘ geht es um eine bestimmte Qualität der Sorgen. Es geht um Sorgen, die ins Leere führen, die inhärent unproduktiv sind, die Energie rauben, Momente stehlen. Genau dabei liegt an uns, sie nicht nur anzuerkennen, sondern viel mehr einen richtigen Umgang zu finden. Konkret heißt das: Es liegt an uns, im Hier und Jetzt darauf hinzuwirken, dass diese Sorgen in Zukunft kleiner werden - in dem wir ein Umfeld schaffen, dass Sorgenfreiheit begünstigt. Wie sieht das praktisch aus? Die Magie kommt von einer einzigen Silbe, die aus den Sorgen, Vor-Sorgen macht. Aus Sorgen, werden Vorsorgen, wir lassen uns begeistern von der Idee der Prävention. Wir nehmen die Sorgen fest in die Hand, verstehen sie als Anstoß, als Quelle der Kraft eine bessere Welt zu gestalten.“
Luisa Neubauer hat in dem Bibelabschnitt geschlossen: „Die großen Schätze der Welt gilt es nicht zu sammeln. Es gilt sie zu beschützen. Es ist der Planet, die Schöpfung, die alles bereitstellt, was wir brauchen. Wir müssen uns, wie die Vögel nicht sorgen – eigentlich – denn es ist alles da, vorausgesetzt, wir gehen achtsam damit um. Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden. Wenn wir Vor-Sorgen, muss uns das Ver-Sorgen nicht sorgen.“ Das bildet den Grund für den letzten Satz ihrer Predigt: „Sorgt euch nicht. Amen.“
Und wenn man die Predigt als Ganze liest, und ich weiß nicht, ob Ralf Frisch das getan hat, ist diese Aufforderung nach meinem Verständnis weder realitätsblind, noch zynisch noch eine verzweifelte Beschwörung. Sie entsteht aus dem Vertrauen auf Gott und in der Aufnahme des Schlusssatzes des Abschnitts des Matthäusevangeliums, nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten.
Um Ausflüchten entgegenzuwirken, sei hier betont, dass die Gerechtigkeit im Reich Gottes auch mit ganz konkreter Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit zu tun hat. Man lese dazu den Bibelabschnitt Matthäus 25,34-46 über das Weltgericht. Dort lesen wir in den Versen 42 und 43 über die Begründung Gottes für sein Urteil über die Verfluchten: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“
Diese Auflistung kann nicht als vollständig angesehen werden. Wer seinen Mitmenschen, die Opfer des Klimawandels sind, nicht mit aller Kraft hilft, der fällt ebenfalls unter das Verdikt im Weltgericht. Umgekehrt können diejenigen, die sich aktiv für die Opfer des Klimawandels und anderer Folgen menschlicher Schädigungen der Erde einsetzen, darauf hoffen, beim Weltgericht zu den Gesegneten zu gehören. Eine Garantie gibt es selbstverständlich nicht, kann es nicht geben. Auch das übrige Handeln dieser Menschen wird gerichtet werden. Nun muss man nicht an ein Weltgericht glauben, aber man sollte erkennen, dass es in Jesu Botschaft unbezweifelbar eine große Bedeutung hat, wie Gläubige sich gegenüber ihren Mitmenschen verhalten.
Das gilt auch für die übrige Schöpfung, wenn man die biblische Botschaft ernst nimmt. Erinnert werden kann hier an den bekannten Vers 1. Mose 2,15: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.“ Will man – wenn man kein Leugner des Klimawandels ist – wirklich bezweifeln, dass es zu den Aufgaben der Menschen in der göttlichen Schöpfung gehört, mit aller Kraft dafür aktiv zu werden, dass die Erde kein Opfer des Klimawandels, der ökologischen Zerstörung und vieler anderer akuter Probleme wird?
Es gibt viele Christinnen und Christen, die kein nahe bevorstehendes direktes Eingreifen Gottes zur Überwindung der heutigen globalen Probleme erwarten, sondern der Überzeugung sind, dass sie in der Nachfolge Jesu dazu herausgefordert und berufen sind, selbst zur Bewahrung der Schöpfung beizutragen. Es gibt viele Christinnen und Christen wie Luisa Neubauer, die als gläubige Menschen die Verantwortung sehen, etwas für das Klima, für die Gerechtigkeit und für den Frieden zu tun. Im Blick auf den Klimaschutz sagte Luisa Neubauer in ihrer Predigt: „Wir schaffen das.“ Und hat hinzugefügt, „deshalb bin ich hier als Christin und als Klimaaktivistin“.
Eine letzte Bemerkung zu den Aussagen von Ralf Frisch zur Predigt von Luisa Neubauer. Wir können als Christinnen und Christen diametral unterschiedliche Auffassungen über Gott und über unsere Verantwortung in dieser Welt haben. Aber wenn eine Predigerin sich in ihrer Predigt als Christin vorstellt und ernsthaft um die Auslegung eines biblischen Textes für die heutige Zeit bemüht, ist es eine Frage menschlichen und allemal christlichen Anstands, ihr nicht ein „Zugeständnis an die kirchliche Rhetorik“ zu unterstellen, nicht einmal in der Möglichkeitsform.
Die vollständige Predigt von Luisa Neubauer finden Sie hier.
Können wir darauf hoffen und vertrauen, dass Gott selbst eingreift, um die Welt vor den Folgen von Klimawandel und anderen globalen Gefahren zu retten? Diese Frage hat zweifellos eine große Bedeutung für Christinnen und Christen, und deshalb will ich darauf genauer eingehen, was Ralf Frisch in seinem Buch über Gott zu dieser Thematik schreibt. Er spricht dieses Thema bereits in der Einleitung seines Buchs an. Um dem Vorwurf zu entgehen, Sätze aus dem Zusammenhang gerissen zu haben, zitiere ich diese Passage vollständig:
„Der dritte Gedanke, der durch dieses Buch geistert, kann der Versuchung nicht widerstehen, den Heiland als Helden der kosmischen Geschichte am Werk zu sehen und der großen Erzählung der Bibel mehr Glauben zu schenken als den illusionslosen oder illusionären Narrativen unseres so säkularen wie ersatzreligiösen Zeitalters. Sollte wirklich der rettende Gott es sein, der die Welt im Inneresten und Äußersten zusammenhält, gegen das Chaos kämpft und seine Schöpfung der Vernichtung entreißt, dann wäre das zwar ungeheuerlich. Aber wovon sonst, wenn nicht von der Ungeheuerlichkeit Gottes sollte im christlichen Glauben, in der christlichen Theologie, in der christlichen Kirche und in einem christlichen Buch über Gott die Rede sein?“ (9 f.).
Mit dem Zeitalter ist offenkundig das Anthropozän gemeint, das im Titel sowie viele Male im Buch erwähnt wird. Nun ist es eine Glaubensüberzeugung, dass Gott selbst die Schöpfung der Vernichtung entreißen wird. Es ist eine Glaubensüberzeugung, die es zu respektieren gilt als eine von mehreren Glaubensüberzeugung hinsichtlich der Frage, wie Gott in dieser Welt wirkt. Man kann allerdings die Frage stellen, warum Gott nicht bereits beim Holocaust, in den vielen Kriegen unseres Jahrhunderts und zum Beispiel beim Völkermord in Ruanda eingegriffen hat. Ich kann diese Frage nicht beantworten, da müssen Sie schon die fragen, die trotzdem der Überzeugung sind, Gott werde rasch eingreifen, um die Erde vor den Folgen menschlichen Handelns zu retten. Sie können dann auch fragen, was mit all den Menschen, Tieren und Pflanzen ist, die jeden Monat, jedes Jahr im Anthropozän ihr Leben verloren haben und verlieren?
Schwierig wird es, wenn aus dieser Glaubensüberzeugung heraus die Bemühungen anderer Christinnen und Christen sowie von Menschen anderen Glaubens oder ohne religiösen Glauben, etwas für die Rettung des Klima und der anderen Bedrohungen des menschlichen und übrigen Lebens auf der Erde zu tun, relativiert oder mit polemischen Bemerkungen bedacht werden. Es scheint mir hingegen durchaus möglich zu sein, auf Gottes Wirken zur Rettung der Welt zu hoffen und daran zu glauben und gleichzeitig einen eigenen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung zu leisten.
Es bedarf dann keines Versuchs, die Forschung und die Forschungsergebnisse zum Anthropozän als „ersatzreligiös“ zu diskreditieren. Die naturwissenschaftlichen Forschungsarbeiten und ihre Ergebnisse sind bis zum Beweis des Gegenteils keine Narrative, also Erzählungen. Sie sind weder illusionslose noch illusionäre Narrative, jedenfalls dann nicht, wenn man naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht per se als Narrative oder Erzählungen ansieht. Da der Begriff Narrativ inzwischen inflationär verwendet wird, lohnt es sich zu erwähnen, worum es sich dabei eigentlich handelt. Einfachheitshalber zitiere ich hier aus einem Wikipedia-Beitrag zum Thema Narrativ:
„Als Narrativ (Neutrum) wird seit den 1990er Jahren eine sinnstiftende Erzählung bezeichnet, die Einfluss auf die Art hat, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen Nationalstaat oder ein bestimmtes Kulturareal bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind.“
Selbstverständlich kann man einzelne wissenschaftliche Ergebnisse als unzutreffend kritisieren und dann deren Fehlerhaftigkeit nachweisen. Man kann auch über die Konsequenzen debattieren, die man aus wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa zum Klimawandel zieht. Dabei geht es aber nicht um Erzählungen, sondern um Strategien und Konzepte.
Mich hat der Gedanke nicht überzeugt, es Gott zu überlassen, diese Welt vor den negativen Folgen menschlichen Handelns zu retten. Ja, wir sollten als Christinnen und Christen an Gottes Wirken glauben und darauf hoffen, aber das sollte uns nicht davon abhalten, selbst aktiv an der Bewahrung der Schöpfung mitzuarbeiten.
Mir kommt an dieser Stelle das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in den Sinn. Jesus zeigt mit diesem Gleichnis, dass wir ganz konkret unserem Nächsten helfen sollen, der in Not ist. Und die Menschen im Süden der Welt, die schon heute unter den Folgen von steigenden Meeresspiegeln und vermehrten Extremwettereignissen wie Flutkatastrophen leiden, sind unsere Nächsten, unsere fernen Nächsten. Hätte Jesus empfohlen, dem Mann, der unter die Räuber gefallen war, zu sagen, er solle auf das Eingreifen Gottes warten? Das war nicht die Botschaft Jesu. Er hat Kranke geheilt und die Reichen aufgefordert, mit den Armen zu teilen. Und er hat seine Jünger aufgefordert zu taufen – und zu heilen (Matthäus 28,19-20).
Es steht jedem frei, die Erkenntnisse der Erdwissenschaften und benachbarter Wissenschaften zu den negativen Auswirkungen des menschlichen Handelns auf diese Welt als „Narrative“ zu bezeichnen oder auch die Strategien zur Verhinderung globaler Katastrophen so zu titulieren, aber das gilt es dann auch zu beweisen. Viele Christinnen und Christen erkennen die wissenschaftliche Erkenntnisse an und bemühen sich um so intensiver, Gottes Schöpfung zu bewahren.
Der Autor wirft der evangelischen Kirche vor, sie setze auf „ernüchternde Moral- und Politpädagogik, auf Gerechtigkeitslücken- und Opfersuchwettbewerbe, auf ethische Entmythologisierung statt auf die Kraft der Mythen, auf die Magie des heiligen Spiels und auf eine spirituelle und rituelle Weltvergessenheit, die das pulsierende Herz der Anderswelt zu ertasten sucht“. (59) An dieser Stelle erwähnt der Autor, dass es „natürlich auch einen anderen Protestantismus“ gibt, der den Unterschied zwischen Religion und Moral kennt und einen Sinn für das Unendliche hat. „Es gibt den frömmeren und bodenständigen Protestantismus …“ (59f.)
Aber bereits im nächsten Satz kehrt der Autor wieder zum Angriff auf jene Kirche zurück, der er ein Narrativ der Aufklärung und des Gesetzes vorwirft. Es sei der „vermeintlich weltzugewandte, grenzenlos menschenfreundliche Protestantismus, ein unverbesserlich weltfremder Protestantismus, weil er Menschen- und Weltbildern nachhängt, die aufgrund ihrer Neigung, die Abgründe des Menschen zu unterschätzen, und die wirklich weltbewegenden Realitäten zu ignorieren oder zu verharmlosen zutiefst gefährlich ist.“ (61)
Das sind schwere Vorwürfe, aber statt hierfür hieb- und stichfeste Beweise zu liefern, beendet der Autor an dieser Stelle das Kapitel. So weiß ich nicht, wie ein Protestantismus weltfremd sein kann, zu dem beispielsweise diakonische Programme gehören, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich tagtäglich um Prostituierte, um von ihren Männern misshandelte Frauen und Obdachlose kümmern, um hier nur einige von zahlreichen Beispielen zu nennen. Was die wirklich weltbewegenden Realitäten sind, habe ich in diesem Kapitel nicht verstanden.
Der Autor stellt eine geradezu gewaltige Zahl von Behauptungen auf, von denen er nur wenige belegt. Ich beginne mit einem Satz gleich in der Einleitung: „Gegen die Alternativlosigkeit der atheistischen Denkungsart schreibt dieses Buch an.“ (10). Ist ein auf einem Atheismus beruhendes Denken von Alternativlosigkeit geprägt? Ich habe Zweifel, aber ich bleibe in diesem Buch mit meinen Zweifeln auf mich gestellt, weil der Autor nicht den geringsten Versuch unternimmt, seine Behauptung zu begründen oder zu belegen. Einige Seiten weiter: „Im Anthropozän macht sich der Mensch für alles verantwortlich, was das Antlitz der Erde versehrt oder verstümmelt.“ (13) Diese Aussage ist schlicht falsch. Die Anthropozän-Forschung zeigt, dass die Menschheit einen rasch zunehmenden Einfluss auf die Gestalt unserer Erde hat, was oft negative Auswirkungen zeitigt. Selbstverständlich haben auch die Tiere einen Einfluss darauf, wie sich unsere Welt verändert. Die Natur ist kein „Streichelzoo“. Aber können Tiere auf der gleichen Ebene Verantwortung tragen wie Menschen?
Auch Naturereignisse wie Vulkanausbrüche versehren das Antlitz der Erde. All das wird in der Anthropozän-Forschung mit möglichst großer Präzision analysiert, um Schädigungen unserer Erde durch menschlichen Einfluss von Schädigungen aus anderen Gründen zu unterscheiden. So primitiv, alles, was unsere Erde negativ verändert, auf die Menschen zurückzuführen, sind Forscherinnen und Forscher zum Anthropozän nicht. Wir sollten ihnen das auch nicht unterstellen und schon gar nicht, wenn wir keine Belege für diese Behauptung anführen.
Angefügt sei, dass in der Anthropozän-Forschung zunehmend Abstand davon genommen wird, von „der Mensch“ zu sprechen, der Verantwortung trägt, weil dadurch verschleiert werden kann, dass zum Beispiel die Einwohner Deutschland sehr viel mehr Verantwortung für die negativen Auswirkungen menschlichen Handelns auf unsere Erde haben als zum Beispiel die Einwohner von Bangladesch.
Einige Seiten weiter stellt der Autor die Behauptung auf: „Gott ist peinlich. Ein Wort zum Fremdschämen. Ein Fremdkörper in unserer Sprache und unserer Welt.“ (19) Da stellt sich die Frage, was „unsere Welt“ ist. Endet sie irgendwo bei Garmisch-Partenkirchen oder umfasst sie zum Beispiel auch Länder wie Kenia oder Tansania, wo von Peinlichkeit oder Fremdschämen keine Rede sein kann, wenn es um Gott geht. Aber auch in Deutschland ist das Wort Gott nicht überall ein Fremdkörper. Das es mancherorts und in manchen Milieus tatsächlich so ist, liegt vielleicht nicht nur an Aufklärung und Anthropozän-Forschung, sondern auch an den Enttäuschungen der Menschen über die Kirchen, nicht zuletzt die zahlreichen sexuellen Missbrauchsfälle.
„Wenn man der Religion im Anthropozän einen positiven Nutzen zuzubilligen bereit ist, dann offenbar nur unter der Voraussetzung, dass es sich dabei nicht nur um eine Religion jenseits der Religionen, sondern auch um eine Religion ohne Gott handelt.“ (23) Das scheint mit eine sehr gewagte These zu sein, und es erscheint mir unzureichend zu sein, hier lediglich die Kommunistische Internationale anzuführen, die bekanntlich lange vor dem Beginn des Anthropozän entstand, wenn man von der Hypothese ausgeht, dass dieses Erdzeitalter für den Autoren Mitte des 20. Jahrhunderts begonnen hat.
Religionen wird auch von manchen nichtreligiösen Menschen zugetraut, die Achtung und Bewahrung unseres Planeten zu lehren und zu leben. Der Glaube an Gott ist dabei kein Ausschlusskriterium. In der Frage, wie man die negativen Auswirkungen des rasch zunehmenden negativen menschlichen Einflusses auf unsere Erde bekämpfen kann, bestehen auch an die Religionsgemeinschaften Erwartungen und zwar an alle. Das gilt zum Beispiel auch für Islam und Judentum. Will der Autor unterstellen, dass diese Religionsgemeinschaften ohne Gott seien und deshalb eingeladen sind, an der Bewahrung des Lebens auf dieser Erde mitzuwirken?
Auch hinsichtlich des Christentums ist es meines Erachtens schlicht unsinnig anzunehmen, nur den Christinnen und Christen, die nicht an Gott glauben, würde „ein positiver Nutzen zugetraut“. Es erfolgt bekanntlich keine Glaubens- oder Gesinnungsprüfung, bevor Menschen eingeladen werden, an der Bewahrung dieser Erde mitzuwirken.
„Genau aber das ist die Überzeugung des Anthropozäns, dass der Himmel leer ist und dass es keinen Himmel Gottes, sondern nur einen meteorologischen Himmel gibt.“ (23) Wenn wir hier einmal die Frage beiseitelassen, ob ein Erdzeitalter Überzeugungen haben kann, bleibt in diesem Zitat die Frage nach dem meteorologischen Himmel. In der Atmosphäre unseres Planeten, die auch als meteorologischer Himmel bezeichnet wird, haben Wetterereignisse auf der Erde ihren Ursprung, deshalb der Name. Daneben gibt es, was man im Buch nicht erfährt, einen astronomischen Himmel. Er wird von Astronomen und Astrophysikern erforscht. Im meteorologischen Himmel, von dem der Autor spricht, erwarten auch sehr, sehr viele Christen nicht den göttlichen Himmel.
Ernstzunehmende Astronomen und Christen werden nicht erwarten, dass der göttliche Himmel mit Teleskopen und Raumschiffen zu entdecken ist. Sie wissen beide, dass der göttliche Himmel – wenn es ihn gibt – so nicht zu finden ist. Es ist schlicht ein absurder Gedanke, dass eines Tages Astronauten in einem Raumschiff vor dem göttlichen Himmelstor erscheinen und Petrus um Einlass bitten.
Selbstverständlich gibt es viele Menschen, die überzeugt sind, dass Gott nicht existiert. Aber nur die allerdümmsten von ihnen werden das heutzutage damit begründen, die Astronomie habe ihn nirgends gefunden. Deshalb haben gläubige Christinnen und Christen unter den Astronomen und Astrophysikern kein Problem damit, Wissenschaft zu betreiben, ohne darin einen Gegensatz zum Glauben an einen göttlichen Himmel zu sehen. Sie halten – wie ihre nicht gläubigen Kolleginnen und Kollegen – die Suche nach einem göttlichen Himmel mit astronomischen Mitteln für völlig unsinnig.
„Es gibt aber nicht nur Religion ohne Gott. Es gibt auch Theologie ohne Gott. Es gibt sogar Theologie, die stolz darauf ist, Theologie ohne Gott zu sein, dessen Tod sie für theologisch unhintergehbar und normativ erklärt. Viele Theologinnen und Theologen der Gegenwart neigen in einer Art metaphysischer Ernüchterungstrunkenheit dazu, Gott als überweltlichem Gegenüber ebenso selbstverständlich den Laufpass zu geben, wie die nichttheologische aufgeklärte Welt dies längst getan hat.“ (25) Ein Problem an dieser Stelle ist, dass Ralf Frisch pauschale Aussagen macht, die der Vielfalt heutiger Theologie allein schon in unserem Land in keiner Weise gerecht werden.
Ein weiteres Beispiel: „Interessanterweise besteht zwischen der Theologie, der Philosophie und der Kosmologie unserer Zeit also kein nennenswerter Unterschied. Alle gehen sie davon aus, dass der Mensch in der Ungeheuerlichkeit des Alls auf sich selbst gestellt ist.“ (29) Wenn wir hier die Beschränkung des Blickwinkels des Autors auf die (evangelische) Theologie übernehmen, was ich nur mit großer Zurückhaltung tun kann, bleibt doch die theologische Vielfalt in dieser Kirche beträchtlich. Die evangelikale Theologie in unserem Land zum Beispiel, die in sich eine durchaus bedeutende Breite von Positionen besitzt, wird sich in der Auffassung einig sein, dass diese Aussage des Autors nicht auf sie zutrifft. Gleiches lässt sich zum Beispiel von der charismatischen Theologie sagen.
Aber auch im „Rest“ der Kirche und Theologie besteht eine so große Vielfalt, dass sich meines Erachtens eine so pauschale Aussage nicht rechtfertigen lässt, auch wenn hier gar nicht geleugnet werden soll, dass es Theologinnen und Theologen gibt, die das Gott selten oder sehr selten in Predigten und Gemeindearbeit aussprechen. Warum das so ist, gilt es gründlich zu untersuchen und in den Landeskirchen zu diskutieren.
Vielleicht sind Sie wie ich in dem Zitat über das Wort „Ernüchterungstrunkenheit“ gestolpert. Ich kannte es nicht und auch bei Google bin ich nicht fündig geworden. Auch was eine metaphysische Ernüchterungstrunkenheit ist, hätte ich gern erklärt bekommen. Pauschale Verurteilungen führen meines Erachtens in dieser Frage nicht weiter.
Auf Seite 31 schreibt der Autor: „Der Untergang des Menschen ist aber auch dann gewiss, wenn der Mensch sich nicht als ‚Homo Destructor‘, also als Zerstörer dieser Welt herausstellen und anderen, nichtmenschlichen Weisen der Vernichtung seiner Spezies trotzen sollte … Das Weltgebäude wird der Atlas zermalmen. Der Himmel wird dem Himmelsstürmer auf den Kopf fallen. Die Sonne wird ihn versengen.“
Das klingt dramatisch, wird aber von vielen als weniger dramatisch wahrgenommen werden, wenn man weiß, wann die Sonne die Erde versengen wird, was der Autor nicht erwähnt. Exakt lässt sich der Zeitpunkt nicht vorhersagen. Vielleicht wird es fünf Milliarden Jahre dauern, bis die Sonne die Erde versengt und unser Planetensystem vernichtet wird. Das ist sehr lange hin. Aber auch die etwa 100 Millionen Jahre, in denen nach einigen Berechnungen noch menschliches Leben auf diesem Planeten möglich sein wird, sind ein beachtlich langer Zeitraum.
Wenn die Kirche dann noch bestehen sollte, hat sie noch den weitaus größten Teil ihrer Geschichte vor sich. Was im Buch zunächst einmal als Schreckensszenario erscheint, kann man also durchaus positiv interpretieren und als Anstoß verstehen, nun erst recht daran mitzuwirken, dass das die Zeit bis zum Ende der Menschheit nicht durch Klimawandel und Umweltzerstörung sehr drastisch auf einige Jahrhunderte reduziert wird.
Für Christinnen und Christen, die auf ein ewiges Leben hoffen, ist die Aussicht, dass unsere Erde in ferner Zukunft vernichtet wird, ohnehin kein Schreckensszenario, weil ihre Zukunft nicht an die Existenz dieses Planeten gebunden ist. Und für diejenigen, die kein ewiges Leben erwarten, hat die Aussicht auf ein Ende unseres Planeten in langer, sehr langer Zeit auch keinen Schrecken. Der Autor schreibt, dass der Mensch früher oder später verschwinden wird – und liefert damit ein Argument dafür, heute und in Zukunft alles zu tun, damit es später wird.
Dass die Geschichte der Menschen auf dem Planeten Erde kein „happy end“ haben wird, sieht Ralf Frisch sehr negativ: „Die Aufklärungserzählung ist unerträglich, auch wenn sie von vielen Naturwissenschaftlern eher abgeklärt erzählt wird. Der Sog nach unten ist so fürchterlich, dass man sich schleunigst von ihr abwenden muss, um nicht hinabgezogen zu werden in Depression und Melancholie.“ (33) Für mich ist der Gedanke, dass das menschliche Leben in einigen Jahrhunderten als Folge menschlichen Handelns zu Ende gehen oder sehr stark eingeschränkt werden könnte, erschreckend. Dass das menschliche Leben auf der Erde auf jeden Fall in 100 Millionen Jahren (und vielleicht auch später) zu Ende gehen wird, ist für mich kein fürchterlicher Sog nach unten – und ich vermute, dass ich damit nicht allein bin.
Warum der Autor angesichts der auch von ihm anerkannten Gefahren des Klimawandels von einem „Klimaradikalismus unserer Tage“ (35) spricht und wie er zur Behauptung kommt, Klimaschützer wie Luisa Neubauer würden nicht mehr lachen (34), weiß ich nicht, würde mich aber sehr interessieren. Die Formulierung „ökologischer Alarmismus“ (98) lässt mich angesichts der gewaltigen ökologischen Probleme auf unserem Planeten ratlos zurück.
Völlig ratlos zurückgelassen hat mich die Aussage: „Wenn das Bewusstsein des Anthropozän etwas registrieren würde, was im Wesen Gottes, genauer gesagt, in der Geschichte Gottes liegt, nämlich dessen Entfernung von einer Welt, dann wäre das natürlich eine metaphysische Ungeheuerlichkeit.“ (38) Hat das Anthropozän, also ein Erdzeitalter, ein Bewusstsein? Fragen Sie bitte nicht mich. Der nächste Satz lautet: „Es könnte nämlich bedeuten, dass das Anthropozän Gottes Gericht wäre.“ Kann ein Erdzeitalter ein Gericht sein, sogar Gottes Gericht? Gottes Gericht könnte in diesem Erdzeitalter stattfinden, dessen Ende wir ja noch nicht kennen.
Aber wenn Gott in diesem Zeitalter anklagen sollte, was Menschen (und besonders Menschen in Industrieländern) aus seiner Schöpfung auf diesem Planeten gemacht haben, dann gnade uns Gott – oder ernsthafter formuliert, dann wären wir mehr denn je auf Gottes Gnade angewiesen. Da wäre es doch klug, wenn die Kirchen und die einzelnen Gläubigen mit aller Kraft an der Rettung dieses Planeten und an der Wiederherstellung all dessen arbeiten, was sie zerstört haben.
Einige Seiten später ist im Buch von der „Weisheit des Anthropozän“ (41) die Rede. Wenn ich der Argumentation des Autors folge, hat dieses Erdzeitalter also auch eine Weisheit, wobei es aber an der Zeit sei, diese Weisheit hinter sich zu lassen. Schade, könnte ich ironisch sagen, wo ich gerade erst von ihr erfahren habe.
Ralf Frisch glaubt daran, „dass Gott gegen allen Augenschein im Regiment sitzt und sein Regiment so ausübt, dass er beharrlich und unablässig mit dem Dämon seiner Schöpfung ringt“ (39). Ich weiß nicht, wer dieser Dämon ist. Es ist ein „Dämon der Vernichtung“, so viel erfahre ich noch (40), mehr nicht. Die Welt der Dämonen ist mir fremd und wird es auch bleiben.
Irritiert haben mich die Ausführungen von Ralf Fisch zur Gewalt. Er schreibt u.a.: „Dass Gewalt seit drei Generationen in weiten Kreisen des Protestantismus theologisch und ethisch eher abgelehnt als eschatologisch und politisch für notwendig und notwendend gehalten wird, verkennt letztlich die Realität der Gewalt. Die Bibel selbst ist so naiv nicht, weshalb zu befürchten steht, dass es sie eines Tages nur noch in gewaltbereinigter Gestalt geben könnte, um die Vision der schönen neuen Pippi-Langstrumpf-Welt nicht zu gefährden.“ (89)
Das sind Gedanken, die mich wütend machen. Kein Wort dazu, dass die Kirche vor den letzten drei Generationen Waffen gesegnet und Kriege mit Predigten befürwortend begleitet hat. Kein Wort dazu, wie die Kirchen Jahrhunderte lang in „Religionskriege“ verwickelt waren. Kein Wort zu der Gewalt in der heutigen Gesellschaft und in Ehen … Stattdessen wird dem Protestantismus vorgeworfen, inzwischen Gewalt eschatologisch und ethisch eher abzulehnen. Ist das naiv, angesichts der Realität von Gewalt? Dann wäre auch Jesus naiv gewesen mit seiner Friedensbotschaft.
Es ist bezeichnend, dass Ralf Frisch sich in seiner anschließenden Argumentation zunächst auf die Hebräische Bibel beruft. Er schreibt danach, die Evangelisten des Neuen Testaments hätten sich gehütet, den ohnmächtigen Gott theologisch zu verherrlichen. Zu Jesus schreibt der Autor, dass er „den Teufelskreisen der Welt zum Opfer gefallen war“ (90). Nein, er war nicht den Teufelskreisen der Gewalt zum Opfer gefallen, sondern dem römischen Gewaltimperium, das alle potentiellen Feinde bekämpfte und oft wie im Falle Jesu kreuzigte. Ich kann nirgendwo einen Teufelskreis entdecken. Es gab zu der Zeit, als Jesus gekreuzigt wurde, ein weitgehendes Gewaltmonopol der Römer und ihrer einheimischen Unterstützer in Judäa, wenn man von einzelnen Widerstandsaktionen der Zeloten absieht. Diese lösten keinen Teufelskreis aus, zu dessen Opfer Jesus wurde. Und Jesus selbst war schon gar nicht Teil eines Teufelskreises der Gewalt, sondern lehnte Gewalt konsequent ab.
Anschließend schreibt der Autor: „Die Bibel also steht – anders als jene schwachen Theologien, die um der Kritik der Gewalt willen mit der Schwächung Gottes liebäugeln – auf Kriegsfuß mit jeder Form der Verweichlichung Gottes.“ (90) Für seine Behauptungen über „schwachen Theologien“ führt der Autor keinen einzigen Beleg an.
Er vertieft seine Attacken gegen das Friedensengagement der evangelischen Kirchen und ihrer Theologien sogar noch: „Und doch machte die Ohnmachtstheologie durch die Zeiten hindurch Karriere. Vor allem nach Auschwitz brach sie mit der Allmachtstheologie. Wollte man es im Blick auf unsere Gegenwart ein wenig schneidig formulieren, dann könnte man sagen, dass theologische Verweichlichung und Hypersensibilität seit 1945 geradezu zu Signatur des Abendlandes, insbesondere der Länder der Reformation geworden ist.“ (91) Es ist nicht „ein wenig schneidig“, sondern nach meiner Überzeugung skandalös, wie hier das Friedensengagement in den Kirchen bei uns und in vielem anderen Ländern Europas diffamiert wird. Mehr will ich dazu nicht sagen, ich vertraue auf die Urteilskraft der Leserinnen und Leser und ihren Glauben an den Friedensfürsten Jesus.
Auch wenn ich etwas skeptisch im Blick auf die KI bin, muss ich eingestehen, dass sie auch Vernünftiges und Wahres hervorbringt. Deshalb zitiere ich hier den KI-Text zum Thema „Friedensfürst Jesus“ bei Google (Stand 4.1.2026): „‘Friedensfürst Jesus‘ ist ein zentraler christlicher Titel für Jesus Christus, der auf die Prophezeiung in Jesaja 9,5-6 zurückgeht und ihn als den verheißenen Messias beschreibt, der wahrhaften Frieden bringt – nicht durch Gewalt, sondern durch seine Lehre, seine Taten und letztlich sein Opfer, wodurch er inneren und globalen Frieden ermöglicht. Dieser Titel wird besonders in der Weihnachtszeit hervorgehoben und betont, dass Jesus die Herrschaft des Friedens auf der Erde begründet, ein ‚Shalom‘, der weit über das Fehlen von Krieg hinausgeht.“
„Zum Häretiker und zur Häretikerin wird man in der Theologie des Anthropozän nicht dadurch, dass man die theologischen Grundfesten von zwanzig Jahrhunderten Dogmatik erschüttert. Zum Häretiker wird man nicht, indem man die Gottessohnschaft Jesu Christi, seine Auferstehung oder seine Wiederkunft, die Idee eines Schöpfergottes, die Heilsbedeutung des Kreuzes oder die Heilige Schrift für Unsinn erklärt. Mit der Konsequenz öffentlicher und kirchenleitender Ächtung als theologischer Irrlehrer oder als theologische Irrlehrerin hat man dann zu rechnen, wenn man gegen den Strom allzu blauäugiger Gerechtigkeits-, Schöpfungs-, Demokratie und Menschenrechtsvergöttlichung schwimmt.“ (102)
Wenn dem so ist, müsste der Autor eigentlich mühelos in der Lage sein, konkrete Beispiel für eine solche öffentliche und kirchenleitende Ächtung zu geben. Ich habe in dem Buch kein einziges Beispiel gefunden. Nicht unproblematisch ist auch, dass hier an einer Opfergeschichte gestrickt wird, wie wir sie auch in der Politik finden, und gleichzeitig mit heftigen verbalen Angriffen gegen die vorgegangen wird, die anderer Auffassung sind. In jedem Fall wäre die Behauptung einer blauäugigen Gerechtigkeits-, Schöpfungs-, Demokratie- und Menschenrechtsvergöttlichung zu belegen.
Was ich erlebe ist, dass sich Kirchen und ihre Mitglieder für Gerechtigkeit, die Schöpfung und die Demokratie engagieren, wofür man in der heutigen Weltlage nur dankbar sein kann. Ich kenne kein einziges Beispiel dafür, wo Kirchen und ihre Mitglieder dabei eine Vergöttlichung vorgenommen haben, schon gar keine blauäugige. Wenn man solche schwerwiegenden Behauptungen aufstellt, ist es geboten, sie auch zu begründen und Beweise zu liefern. Wenn der theologische Diskurs in der deutschen Theologie sich in Zukunft auf diesem Niveau bewegen sollte, würde ich mir Sorgen um diese Theologie und unsere Kirchen machen.
Der Autor zählt weitere Formen von Häresie auf, die er heute sieht, leider wieder ohne jeden Beleg. Die Aufzählung endet mit diesem Satz: „Häresie ist, wenn man trotzdem lacht.“ (103). Von dort aus kommt der Autor bald noch einmal auf die angebliche Humorlosigkeiten der Klimaschützer zurück:
„Wenn die Jeannes d’Arc des Klimaschutzes allerdings deshalb nicht lachen, weil sie glauben, heiliger Ernst dulde kein Lachen, dann irren sie. Humor, Komik und Ironie sind nicht nur ein Privileg derjenigen, die sich gelassen die Freiheit nehmen, über alles, auch über die letzten Dinge zu lachen. Auch Fromme können heiter und schallend über die vorletzten und augenzwinkernd auch die letzten Dinge lachen …“ (105) Das mag nun hinsichtlich der Frommen so sein, nur wie kommt der Autor hier erneut zur Behauptung, die Klimaschützerinnen würden nicht lachen. Es kommt eben auf die Situation an, in der man lacht. Ein Statement zu den Folgen der Klimakatastrophe im Fernsehen ist gewiss kein Anlass zum Lachen. In der Hebräischen Bibel lesen wir am Anfang von Prediger 3: „Ein jegliches hat seine Zeit … weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit …“ Wenn Ralf Frisch unterstellt, die Klimaschützerinnen würden nicht lachen, hat er vielleicht die Zeiten verpasst, in denen sie lachen. Könnte ja sein.
„Doch das Evangelium des schöpferischen Gottes, der will, dass es uns gibt und der uns von daher nicht der Vernichtung überlässt, ist in der aufgeklärten Welt und in der Theologie dieser aufgeklärten Welt nicht salonfähig. Das Evangelium von Gottes Held, der aus der Kammer geht und die Welt aus ihrem Jammer reißt, hat in der sich selbst überlassenen Welt der Aufklärung keinen Platz.“ (170f.) Auch Christinnen und Christen, die aus ihrem Glauben heraus in der Wissenschaft oder zum Beispiel in Klimainitiativen aktiv werden, um Gottes Schöpfung vor weiteren Schädigungen durch Menschen zu schützen, glauben an einen schöpferischen Gott. Der Autor baut in dieser Passage seines Buches einen Gegensatz zwischen denen auf, die auf Gottes Eingreifen in der Welt vertrauen, und denen, denen im Gefolge der Aufklärung die Furcht vor den Dämonen genommen werden sollte, was aber nach der Überzeugung des Autors nicht gelungen ist (171).
Weil es der Aufklärung nicht gelungen sei, „den Menschen die Angst zu nehmen und die Welt zu überwinden, kann der aufgeklärte Vernunftgebrauch nicht der Maßstab für den Vernunftgebrauch der Theologie sein. Weil die Vernunft das Geheimnis zerstört und den Ausgang des Menschen in die Anderwelt vermauert, führt sie letztlich nicht in die Freiheit. Sie kann die Dämonen des Kosmos nicht austreiben und die Ketten des Alls nicht sprengen. Die Kraft dazu hat allein das Evangelium. Das Evangelium entzaubert die Vernunft und die Unvernunft der Welt. Das Evangelium gibt der Welt ihren Zauber zurück.“ (172f.)
Zunächst einmal bleibt festzustellen, dass die Theologen und Theologien, die vor der Aufklärung den Glauben der Christinnen und Christen prägten, allzu oft Angst verbreitet und ein Bedrohungsszenario von Fegefeuer und Hölle aufgebaut haben. Dem konnte man vermeintlich nur entgehen, wenn man das glaubte und tat, was damals als Gottes Heilsbotschaft verstanden wurde. Dazu gehörte auch die Austreibung von Dämonen und das Verbrennen von Hexen. Wenn man verbal auf die Aufklärung einprügelt, sollte man nicht so geschichtsvergessen sein, die dunklen Seiten der Kirchen- und Theologiegeschichte vor und parallel zur Aufklärung zu unterschlagen. Jedenfalls würde man dann heute nicht ohne ausführliche Erklärungen vom Kampf gegen Dämonen sprechen.
Durch die Aufklärung wurde vielen Menschen ein nicht zu unterschätzender Teil ihrer Ängste genommen, zum Beispiel dadurch, dass die Ursachen von Gewittern erforscht und vermittelt wurden. Alle Ängste der Menschen sind durch die Aufklärung nicht beseitigt worden, das wäre auch illusionär.
Nach meiner Überzeugung entzaubert das Evangelium die Vernunft und Unvernunft der Welt nicht. Wenn die Menschen Gottes Geschöpfe und sein Ebenbild sind, dann sind sie als vernunftbegabte Wesen von Gott geschaffen worden. Und wenn die Welt eine Schöpfung Gottes ist, fällt es zumindest mir schwer, die „Vernunft der Welt“ abzulehnen. Hier will ich noch einmal auf das Verhältnis der christlichen Theologie zum jüdischen Glauben zurückkommen. Wenn es das Evangelium ist, dass die Vernunft und Unvernunft der Welt entzaubert, unterliegen die Jüdinnen und Juden in ihrem Glauben an Gott dann einem großen Irrtum, haben sie doch das Evangelium nicht angenommen? Wenn allein das Evangelium die Kraft hat, die Dämonen des Alls auszutreiben und die Ketten des Alls zu sprengen, dann scheint der Glaube der Jüdinnen und Juden an Gott defizitär zu sein.
Wer sich auch nur rudimentär mit der jüdischen Geschichte und Theologie der letzten Jahrhunderte beschäftigt hat, weiß, dass es im Judentum – besonders auch in Deutschland – intensive und manchmal heftige Debatten darüber gab, in welcher Beziehung Glaube und Vernunft zueinander stehen, wenn man an Gott glaubt. Christliche Theologinnen und Theologen können aus diesen theologischen Überlegungen und Debatten viel lernen – wenn sie sie denn zur Kenntnis nehmen und in ihre eigenen theologischen Überlegungen einbeziehen.
Schwierigkeiten habe ich damit, dass der Autor schreibt, der aufgeklärte Vernunftgebrauch könne nicht der Maßstab für den Vernunftgebrauch der Theologie sein. Die Theologie seit der Aufklärung, die der Autor kritisiert, ist erstens tatsächlich durch eine große Vielfalt und zweitens nicht nur durch die Aufklärung geprägt, sondern durch eine Vielzahl anderer geistesgeschichtlicher, sozialgeschichtlicher etc. Entwicklungen in der Neuzeit beeinflusst worden.
Es gibt also keine monokausale Verbindung zwischen Aufklärung und der von Ralf Frisch kritisierten Kirche und ihrer Theologie. Und wenn die Theologie die Vernunft der Welt verwirft, welche Vernunft hat sie dann? Worin diese Vernunft dann bestehen soll, müsste fundiert dargestellt werden, bevor man die Vernunft der Welt verwirft. Da Theologie nicht im luftleeren Raum entsteht, stellt sich auch die Frage, ob Theologinnen und Theologen auch dann, wenn sie zu verstehen suchen, in welcher Welt wir leben, die Vernunft der Welt beiseitelassen sollten.
Wenn gläubige Christinnen und Christen und ihre Kirche an der Bewahrung dieser Erde aus ihrem Glauben heraus mitwirken wollen, dann sollten sie die „Vernunft der Welt“ nicht diskreditieren und verwerfen. Sie sollten sie verantwortungsbewusst nutzen. Der Zauber der Welt wird nicht zerstört, wenn Gläubige vernünftig handeln und dies aus einer tiefen Achtung vor und Liebe zu der Schöpfung heraus tun.
Diese Achtung und Liebe bietet eine gute Orientierung dafür, die Vernunft zu nutzen, um Gottes Auftrag zur Bewahrung und Bebauung der Welt nachzukommen. Wer sich zum Beispiel mit den Theologien von Dorothee Sölle oder Leonardo Boff beschäftigt, kann beeindruckt sein von ihrer tiefen Achtung und Liebe für die Schöpfung und gleichzeitig von ihrem Bestreben, als vernunftbegabte Geschöpfe zu analysieren, wodurch diese Schöpfung bedroht ist und worin der menschliche Beitrag bestehen kann, sie zu bewahren.
Das Buch enthält ausführliche Ausführungen zur Ethik und besonders zur christlichen Ethik im neuen Erdzeitalter. Das kann hier nur in knapper Form dargestellt und diskutiert werden. Ralf Frisch schreibt: „Zwar fällt in nahezu jeder Diskussion eines individualethischen Dilemmas nach spätestens drei Minuten der Satz: ‚Dass muss jeder für sich selbst entscheiden.‘ In sozialethischer Hinsicht wird die Selbstbestimmung freilich zunehmend kleiner geschrieben. Das Bekenntnis zum Klimaschutz, zu den Menschenrechten und zur Demokratie leitet sich aus der beanspruchten Verallgemeinerungsfähigkeit ethischer Normen ab, die nicht verhandelbar und nicht diskutierbar sind. Wohl ist es erlaubt, Klimaschutz, Menschenrechte und Demokratie insgeheim für Unsinn zu halten. Denn die Gedanken sind bekanntlich frei. Aber es hat – aus gutem Grund – juristische Konsequenzen, wenn man sich sichtbar an den Menschenrechten vergeht oder gegen die Demokratie agiert. Und natürlich gibt es auch ökologische Vergehen.“ (113)
Hierzu ist festzustellen, dass es durchaus erlaubt ist zu behaupten, Klimaschutz sei Unsinn. Angesichts der beachtlichen Zahl von Menschen in unserem Land, die bestreiten, dass es einen Klimawandel und die Notwendigkeit zum Klimaschutz gibt, müssten sonst die Gefängnisse überfüllt sein. Es gibt sogar ein Partei, deren Abgeordnete in Parlamenten diese Auffassungen vertreten. Sie werden nicht daran gehindert. Davon zu unterscheiden sind Umweltvergehen. Die werden geahndet, was nach Auffassung des Autors auch richtig ist.
Für Ralf Frisch liegt das Problem nun in der Verallgemeinerungsfähigkeit ethischer Normen, wie sie von Kant formuliert wurden. Der Autor schreibt: „Es hätte der Theologie nach Kant frei gestanden, sich im Glauben nicht beirren zu lassen, den Weg in ein selbstbewusstes Artikulieren dieses Glaubens zu wählen, auf Kants Metaphysikkritik zu pfeifen und die vernunftkritischen Vorschriften Kants nicht auf die andersweltliche Realität Gottes anzuwenden.“ (115) Die Theologie habe aber mehrheitlich auf ihr „Erstgeburtsrecht“ verzichtet. „Sie hörte auf zu singen und zu künden. Sie folgte Kants Kritik der praktischen und religiösen Vernunft. Sie erledigte sich, um zu überleben.“ (115)
Das ist nun eine wirklich radikale Kritik an der mehrheitlichen Theologie bei uns und bedürfte einer ausführlichen und fundierten Beweisführung. Sie fehlt im Buch. Stattdessen bekräftigt der Autor: „Weil die Theologie nach Kant glaubte, sich durch die Umstellung auf Ethik ein warmes Plätzchen am Herd der aufgeklärten Welterhellung sichern zu können, ersetzte sie die Metaphysik des Glaubens an Gottes Handeln durch die Metaphysik des menschlichen Handelns, also der Sitten.“ (115)
Hier sind wir wieder bei der Frage angekommen, wie Gott handelt. Ich würde entschieden behaupten, und damit bin ich sicher nicht allein, dass der Glaube an Gottes Handeln keinen Gegensatz zum Handeln der Menschen aus dem Glauben heraus darstellt. Der Autor räumt ein: „Ob sich jemand als Christ erweist, zeigt sich zweifellos auch darin, ob Zuwendung, Einfühlungsvermögen, Erbarmen und Nächstenliebe in seinem Leben Gestalt gewinnen.“ Dass es sich auch darin zeigt, wie eine Christin oder ein Christ sich in der Schöpfung verhält und ob sie oder er sich für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt, kommt in der Aufzählung nicht vor.
Im übernächsten Satz startet der Autor einen Angriff gegen den Moralismus, hierzulande ein Begriff mit durchaus negativem Klang, der für ihn eng verbunden ist mit der Ethik: „Das eigentliche Problem moralischer Kommunikation liegt in der latenten Zerstörung des Guten, die dieser Kommunikation innewohnt. Moralische Kommunikation neigt zur Verurteilung, zum Nichteinlassenkönnen und zur Intoleranz.“
Nun kommt es mir doch etwas eigenwillig vor, dem Moralismus eine Intoleranz vorzuwerfen, aber die Intoleranz, die viele Jahrhunderte im Christentum ganz katastrophale Wirkungen gehabt hat, zu verschweigen. Historisch waren es vor allem die Aufklärer und die von der Aufklärung beeinflussten Theologen, die sich für Toleranz eingesetzt haben. In einer Stadt wie Hamburg und sicher nicht nur dort waren es orthodoxe lutherische Theologen, die von der Kanzel herab Botschaften der Intoleranz und des Hasses gegen Juden, reformierte Christen, Katholiken und Pietisten verkündet haben. Ich empfehle hier als Beispiel meinen Beitrag über den pietistischen Pastor Johann Heinrich Horb auf meiner Website.
Das passt nun, nehme ich an, nicht in das Glaubens- und Kirchenbild des Autors, aber bevor man anderen Intoleranz vorwirft, sollte man die eigene Kirchengeschichte kennen und reflektieren. Vielleicht sollte man auch das Sprichwort kennen, dass jemand, der im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen werfen sollte.
Ralf Frisch schreibt im übernächsten Satz: „Dem Moralismus wohnt Ausschließlichkeit inne. Er schließt Andersdenkende aus der Diskursgemeinschaft, vielleicht sogar aus der Gemeinschaft der Mitmenschen aus. Moralisten neigen folglich zur Selbstgerechtigkeit, also dazu, eher die anderen als sich selbst für schlecht und böse zu halten. Das unterscheidet Moralisten von der theologischen Erbsündenlehre insbesondere der paulinischen Tradition, derzufolge alle Menschen außer Christus Sünder sind.“
Nun ist diese Erbsündenlehre inzwischen in den Kirchen durchaus umstritten, nicht weil Menschen Sünden begehen, sondern weil eine Kette der Sündhaftigkeit von Adam und Eva bis zu den heute Neugeborenen hergestellt wird. Dazu wäre viel zu sagen. Das ist hier nicht möglich. Ich will aber erwähnen, dass es trotz Erbsündenlehre viel Selbstgerechtigkeit in der Christenheit gibt und gab, ob es mehr oder weniger als in den „Moralisten“-Kreisen ist, vermag ich nicht zu sagen.
Zum Ausschließen anderer will ich erwähnen, dass zum Beispiel orthodoxe lutherische Pastoren in Hamburg mit beträchtlichem Erfolg dagegen gewettert haben, dass Juden in der Stadt leben und vielleicht sogar eine Synagoge eröffnen durften. Auch der Bau einer katholischen Kirche und die Übernahme von Ämtern in der Stadt wurde von ihnen lange Zeit verhindert. Also, beim Ausschließen anderer aus der Gemeinschaft hat die Kirche ein lange, traurige Geschichte. Das ist wahrlich kein Alleinstellungsmerkmal derer, die der Autor als Moralisten bezeichnet.
Irritiert hat mich, dass der Autor das Wort „Gutmenschen“ verwendet, ein verbales Todschlagwort gegen die, die sich um ein anständiges Leben bemühen und ihre hilfsbedürftigen Mitmenschen unterstützen. Mit KI-Unterstützung bei Google stößt man auf diese Erläuterung: „‘Gutmensch‘ ist ein ursprünglich positiv besetzter Begriff für hilfsbereite, empathische Menschen, der aber seit etwa 2015 zunehmend als abwertende, spöttische Bezeichnung genutzt wird, besonders von Rechten, um Menschen zu diffamieren, die sich z.B. in der Flüchtlingshilfe oder im Klimaschutz engagieren; die Jury wählte es 2015 zum ‚Unwort des Jahres‘, weil es Toleranz als naiv und weltfremd abwertet und einen sachlichen Diskurs verhindert.“ Wem die KI-Angaben nicht reichen oder wer ihnen nicht traut, dem empfehle ich eine Suche im Internet. Sie wird, behaupte ich, die KI-Aussagen vertiefen.
Kann man dieses „Unwort“ heute noch unbefangen in einem theologischen Diskurs verwenden? Hier der Satz von Ralf Frisch: „Aber das Ziel des Moralisierens besteht für die bezeichnenderweise als ‚Gutmenschen‘ Etikettierten doch gerade darin, den bösen anderen überlegen, also selbst in der Sündhaftigkeit möglichst sündlos zu sein.“ (117), Meine Behauptung lautet, dass die allermeisten derer, die als „Gutmenschen“ diffamiert werden, bemüht sind, anderen Menschen zu helfen und selbst ein anständiges Leben zu führen, sodass sie sich im Spiegel ansehen können.
Fassungslos bin ich bei diesem Satz: „Wer das absolut Gute im Schilde führt und davon überzeugt ist, dass es unbedingt und möglichst sofort verwirklicht werden muss, wird mit Güterabwägungen nichts anfangen können und letztlich mit der Demokratie in Konflikt geraten.“ (117) In Konflikt mit der Demokratie, bin ich überzeugt, geraten heute vor allem die, die auf Ausländer und manchmal auch auf „Gutmenschen“ einprügeln, die unsere Demokratie lächerlich machen und die sie zerstören wollen, sobald sie dazu die nötige Macht haben. Sieht Ralf Frisch das nicht und sinniert darüber, dass Menschen, die entschlossen Gutes erreichen wollen, in Konflikt mit der Demokratie geraten würden?
Und was bedeutet hier, „das absolut Gute“? Ich würde entschieden bestreiten, dass zum Beispiel Klimaschützer das absolut Gute wollen. Sie wollen erreichen, dass das Klima konsequent geschützt wird und zwar möglichst rasch. Manchmal greifen sie wie Angehörige der „letzten Generation“ aus Verzweiflung zu radikalen Methoden. Sie geraten dadurch mit Gesetzen in Konflikt, aber doch nicht gleich mit der Demokratie. Die allermeisten Klimaschützer und anderen Menschen, die sich auch aufgrund der Anthropozän-Forschungsergebnisse für die Bewahrung dieser Welt engagieren, übertreten keine Gesetze.
Ein weiterer Satz des Autors in diesem Kapitel lautet: „Wer im Namen des absolut Guten unterwegs zu sein beansprucht, wird letztinstanzlich dazu neigen, zu reden und zu handeln und die Stelle des problematisierten Gottes mit sich selbst zu besetzen“ (117). Das müsste erst einmal belegt und bewiesen werden. Darauf verzichtet der Autor. Wenn ich darüber nachdenke, wem ich in diesem Leben begegnet bin, der beansprucht hat, im Namen des absolut Guten unterwegs zu sein, so waren das Angehörige religiöser Sekten. Meine These ist, dass Christinnen und Christen, die sich entschlossen für die Bewahrung der Schöpfung engagieren, dies aus christlicher Verantwortung tun und dass sie Gottes Gebote ernst nehmen. Dass sie sich an die Stelle von Gott setzen wollen, würden sie als absurden Gedanken ablehnen.
„Rätselhafterweise ist die Frage, wie man angesichts der Untaten des Menschen noch immer an den Menschen glauben kann, trotz allen Terrors und trotz aller Scheußlichkeiten des Homo sapiens kaum zu hören. Wenn sie dennoch vereinzelt laut wird, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten. Entweder werden die moralischen Imperative intensiviert oder die Stimmen des Zweifels an der moralischen Güte des Menschen werden als opferverachtend und zynisch zum Schweigen gebracht. Vielleicht gehört all dies zum Wesen des Anthropozän.“ (145)
Hier sei noch einmal daran erinnert, dass das Anthropozän ein Erdzeitalter ist und dass die Anthropozän-Forschung sich zum Ziel gesetzt hat, die Auswirkungen der durch Menschen verursachten Schädigungen unserer Erde zu analysieren und nach Konzepten zur Verminderung der Auswirkungen dieser Schädigungen zu suchen. Es ist deshalb nicht plausibel anzunehmen, im Anthropozän glaube man an „den Menschen“. Worauf man im Anthropozän hofft ist, dass die Menschen für die Erhaltung des Lebens auf der Erde aktiv werden – schon aus Eigeninteresse und zum Wohle der nächsten Generationen. Es gibt erfreulich viele Menschen, die die Erkenntnisse im Anthropozän zum Anlass nehmen, sich noch entschlossener für die Bewahrung der Schöpfung zu engagieren.
Ralf Frisch bestreitet nicht, dass die Menschen die Verantwortung für Schädigungen der Erde haben. Aber er schreibt dann über den Menschen im Anthropozän: „Denn er hält sich nicht nur für den Klimaproblemverursacher, sondern auch für den Klimaproblemlöser… Sein moralisches Vertrauen in den eigenen Aktionismus ist ebenso ungebrochen wie die Gewissheit der Verschwörungstheoretiker, dass es weder tragisches noch Unbegreifliches gibt, sondern irgendjemand hinter allem stecken muss.“ (146) Der letzte Satz ist Polemik der billigsten Art, auf die einzugehen ich mich weigere.
Es kommt nach meinem Eindruck noch schlimmer: „Und so leuchtet dem moralischen Menschen im Anthropozän keine andere Logik ein als die rührende Klein-Mäxchen-Logik des ‚Machste dreckig, machste sauber‘!“ (146) Die Menschen, die ein Wissenschaftlerleben lang versuchen, die komplexen Auswirkungen des menschlichen Eingreifens in die Natur zu analysieren und Strategien zu finden, diese Erde vor dem Untergang zu retten, sind Menschen mit Verantwortungsbewusstsein, davon können wir ausgehen.
Das gleiche gilt für Menschen, die sich ganz konkret im Natur- und Umweltschutz engagieren. Sie auf eine Weise zu diffamieren, wie der Autor das mit diesem Satz tut, ist überaus schäbig. Es kann sein, dass der Autor der Auffassung ist, dass die Menschen nicht in der Lage sind, die Aufgabe der Bewahrung der Schöpfung ohne ein aktives Eingreifen Gottes zu bewältigen. Aber das ist keine Rechtfertigung für eine solche verletzende Argumentationsweise. So diskreditiert man sich für jeden ernsthaften Diskurs.
****
Ich beende an dieser Stelle die Beschäftigung mit dem Buch „Gott“, auch wenn es noch so viel zu sagen gäbe. Ich will die Geduld der Leserinnen und Leser nicht mit weiteren Ausführungen strapazieren und auch nicht meine Bereitschaft, mich mit diesem Buch auseinanderzusetzen. Ein Redner würde an dieser Stelle sagen: „Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“ Das will ich nun auch tun.
