
Zu den besonders drastischen Warnungen gehört das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lukas 16, 19-31). Lazarus lag vor dem Haus des Reichen und wäre mit den Brosamen zufrieden gewesen, die von dessen Tisch fielen, aber auch die wurden ihm verwehrt. Als Lazarus starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen, der Reiche hingegen kam nach seinem Tod in die Hölle. Angesichts seiner Qualen bat der Reiche Abraham, seine fünf Brüder zu warnen, damit sie nicht auch in die Hölle kämen, aber Abraham verweist darauf, dass Moses und die Propheten bereits die Warnungen ausgesprochen haben, ohne dass die Reichen darauf gehört hatten.
Bastiaan Wielenga, Professor am Tamilnadu Theological Seminary in Indien, schrieb zu diesem Gleichnis: „Für den reichen Mann, der starb, ohne vorher zu bereuen, ist es zu spät. Solche praktischen Veränderungen müssen vor dem Tod stattfinden. Das ist die Botschaft des Gleichnisses, die das Gegenteil von Opium ist. Für die Brüder des reichen Mannes, die noch leben, gibt es immer noch eine Möglichkeit. Alles hängt davon ab, ob sie bereit sind, auf ‚Moses und die Propheten’ zu hören. Lukas wiederholt diesen Hinweis, damit wir seine zentrale Bedeutung nicht überhören ... ‚Moses und die Propheten’ bezieht sich auf das soziale, wirtschaftliche und politische Leben der Menschen. Die Propheten haben Unrecht entlarvt und verurteilt ... Sie haben die natürlichen ‚Gesetze’ der wirtschaftlichen Entwicklung nicht akzeptiert. Sie akzeptieren Armut und wachsende Ungleichheit nicht als Teil des Lebens, sondern sie verurteilen sie als soziale Sünde.“ (Bastiaan Wielenga: The rich man and Lazarus, in: Reformed World, September 1996, S. 111f.)
Im Blick auf die Globalisierung und ihre Folgen sind drei Botschaften Jesu für die Reichen von zentraler Bedeutung. Eine große Kluft zwischen Arm und Reich ist ein Skandal, und dies zunächst einmal unabhängig davon, wie sie zustande gekommen ist. Ganz in der Tradition der Propheten des Alten Testaments fordert Jesus für die Armen Unterstützung ein und fordert die Reichen auf, sich nicht an ihren Reichtum zu klammern.
Von daher ist die große Kluft zwischen Arm und Reich heute für Christinnen und Christen nicht hinzunehmen, und dies gilt unabhängig davon, ob man den Theorien vertraut, die den Reichtum als quasi naturgesetzliches Ergebnis des Agierens am Markt ansehen, also von der Frage der Gerechtigkeit lösen. Die Reichen stehen wie der reiche Jüngling vor der Frage, ob sie ihr Herz an ihr Geld hängen oder Jesus nachfolgen wollen, und sie stehen wie der reiche Mann vor der Frage, ob sie Lazarus „übersehen“ wollen oder den Armen und Hungernden dieser Welt helfen, und zwar gleich, nicht durch die Vertröstung darauf, dass die Segnungen eines freien Welthandels irgendwann allen zugute kommen würden.
Zweitens stellt Jesus die Frage nach der Gerechtigkeit, indem er an die Botschaft von Moses und den Propheten erinnert. Die Gerechtigkeit wird nicht auf eine abstrakte Weise dadurch hergestellt, dass alle am Markt im Prinzip die gleichen Möglichkeiten haben, sondern dadurch, dass denen zu ihrem Recht verholfen wird, die bei der Anwendung der „Gesetze“ des Marktes immer den kürzeren ziehen, die also keine Arbeit finden, unter Anwendung der Marktmacht der Arbeitgeber nur einen Hungerlohn erhalten oder die aus diesem Markt schlicht herausfallen, weil sie keine Kaufkraft besitzen, so zahllose Arme im Süden der Welt. Gerechtigkeit nach den Maßstäben Jesu (und der Tora) hat ein Ziel, nämlich allen ein Leben und zwar ein Leben in Fülle zu ermöglichen. Nach diesen Maßstäben ist die freie Marktwirtschaft im Weltmaßstab in den letzten Jahrzehnten auf klägliche Weise gescheitert.
Mögen die Verfechter neoliberaler Wirtschaftstheorien auch die Auffassung verbreiten, es sei gerecht, wenn das Marktprinzip sich ungehindert durchsetzen könne, nach den Maßstäben Jesu wird so der Ungerechtigkeit Tür und Tor geöffnet. Gerechtigkeit wird von ihm nicht abstrakt definiert, sondern aus der Perspektive der Armen betrachtet und erfahren.
Drittens, und das ist die hoffnungsvolle Botschaft, gibt es auch für die Reichen einen Weg zur Umkehr. Darin liegt aber auch eine Verantwortung der Christinnen und Christen. Die Bitte des reichen Mannes in der Hölle, seine Brüder zu warnen, ist auch eine Bitte an die, die Jesus nachfolgen. Sind wir bereit, die Reichen davor zu warnen, dass sie ihr Leben verfehlen, wenn sie sich für den Mammon entscheiden und den Armen vor ihrer Hausschwelle (oder in der Ferne) ignorieren? Es geht dabei selbstverständlich nicht um das Ausmalen von Höllenqualen, die Jesus in sein Gleichnis aufgenommen hat, um sichtbar zu machen, wie ernst die Lage ist, sondern um die Einladung zu einem Leben, das auf das Reich Gottes hin geführt wird, welches schon mitten in dieser Welt beginnt. Der Zollpächter Zachäus ist ein Beispiel dafür, dass es auch für die Reichen Hoffnung geben kann.
