Die feministische Theologie, die zumeist im Westen entstanden ist, wurde vor allem im Süden der Welt in den 90er Jahren zu einer ökofeministischen Theologie weiterentwickelt. Bemerkenswert ist, wie Frauen in verschiedenen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas diese Theologie erarbeitet, diskutiert und weiterentwickelt haben. Heute gibt es in verschiedenen Regionen der Welt (auch im Norden) ökofeministische Theologien, die Antworten auf den jeweiligen kulturellen und sozialen Kontext suchen und miteinander im Austausch stehen. In Lateinamerika ist die Zeitschrift „Con-spirando“, die von Chile aus veröffentlicht wird, zum wichtigsten Publikationsorgan für die Debatte über die ökofeministische Theologie geworden. Dort wird die feministische Diskussion fortgeführt, die in Lateinamerika Anfang der 80er Jahre begonnen hat und bald darauf auch das theologische Nachdenken von Frauen prägte. Beiträge aus dieser Zeitschrift sind auf Deutsch erschienen in der Broschüre „Das Seufzen der Schöpfung – Ökofeministische Beiträge aus Lateinamerika“, herausgegeben von Bärbel Fünfsinn und Christa Zinn, Hamburg 1998.
Ivone Gebara (Brasilien), eine der führenden Vertreterinnen des Ökofeminismus in Lateinamerika, sagt, dass sie seit 1980 feministische Theologie betreibt, beginnend damit, dass sie und andere Frauen sich bewusst machten, welche Rolle Frauen in der Bibel einnahmen, „dass sie Schlüsselpersonen in der Geschichte waren“ (Ganzheitlicher Ökofeminismus, Interview mit Ivone Gebara, in: Das Seufzen der Schöpfung, a. a. O., S. 17).
In einer zweiten Phase entdeckten die Frauen das mütterliche Antlitz Gottes neu und daraus entwickelte sich dann die heutige ökofeministische Theologie. Dieser Prozess erfolgte im Austausch mit Befreiungstheologen, aber auch in Abgrenzung zur Befreiungstheologie. Ivone Gebara: „Das Unbehagen gegenüber der Befreiungstheologie wächst immer mehr. Die Verheißung einer neuen Gesellschaft, die sich auf Gerechtigkeit und Gleichheit gründet, hat sich nicht erfüllt ... Die Analyse der politischen und wirtschaftlichen Situation unserer Länder ist sehr wichtig, aber sie ist nicht alles. Wir hingegen richten unsere Aufmerksamkeit auf die Luft, das Wasser und die Erde. Wir sehen den Abfall, der uns umgibt, und fühlen tief in uns selbst, dass unser Planet nicht irgendein Ort ist, sondern dass er unser Körper ist. Der Ökofeminismus schlägt eine neue Beziehung mit der Erde und dem ganzen Kosmos vor.“ (Ganzheitlicher Ökofeminismus, a. a. O., S. 20)
Ein solches Verständnis von Feminismus hat offenkundig Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Schöpfung und den Umgang mit ihr, aber es tangiert auch das Gottesverständnis. Dazu noch einmal Ivone Gebara: „Wir können nicht länger von einem Gott als einem Wesen an sich sprechen, das allmächtig ist und über allem steht. Dieses Gottesbild ist nicht mehr adäquat, wir können nicht länger jemand gehorchen, der ‚da oben’ ist. Das ist der Gott des Patriarchats. Im Gegenteil, unsere Intuition sagt uns, dass wir vielmehr innerhalb eines Geheimnisses leben. Wir sind Teil dieses Geheimnisses, das sich genauso wie wir entwickelt. Dieses Geheimnis nennen wir das Göttliche. Aber es ist kein Wesen, keine Person. Es gibt keinen Gott, der auf einem Thron sitzt und uns richten wird, wenn wir sterben. Unsere Brüder und Schwestern auf der Erde sind unsere Richter und Richterinnen ... Der ganzheitliche Ökofeminismus unterstreicht, dass Gott überall und deshalb alles heilig ist.“ (Ebenda, S., 22)
Der Ökofeminismus betont die Bewahrung des Lokalen als Teil der umfassenden Schöpfung und als Lebensraum. Auf lokaler Ebene gilt es, soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung durchzusetzen. Das Globale wird nicht ignoriert, aber mit Skepsis betrachtet: „So ist die Politik der globalen Befreiung, die globale Rede, das globale Heil in gewisser Weise die Fortführung der globalen Herrschaft einer Elite über das Leben auf lokaler Ebene, über Menschen in ihrem kulturellen Kontext, über ihre Bedürfnisse und ihre täglichen Kämpfe. Das heißt nicht, dass das Globale nicht wichtig ist, aber es muss immer auf enge Weise mit dem Lokalen verbunden sein, um gerechtfertigt zu sein.“ (Ivone Gebara: Das Seufzen der Schöpfung und unser Seufzen, in: Das Seufzen der Schöpfung, a. a. O., S. 33)
Eine andere Globalisierung, so ist hieraus zu schließen, ist aus ökofeministischer Perspektive nur erstrebenswert, wenn sie lokal verwurzelt ist und lokal verantwortet wird. Nicht der große globale Entwurf ist gefragt, auch nicht die große globale Organisation, die den Mächtigen der neoliberalen Globalisierung Paroli bietet, sondern eine Bewegung für die Bewahrung und Entfaltung der Schöpfung und für Gerechtigkeit, die aus unzähligen lokalen Initiativen für ein anderes Leben entsteht. Ökofeministische Theologinnen treten für einen neuen Bund ein, in dem die Verschiedenheit als Reichtum begriffen wird. In diesem Sinne ist es konsequent, dass eigenständige Formen der Spiritualität und Theologie von Frauen der indigenen Völker in Lateinamerika wahrgenommen und gefördert werden, die zum Beispiel in wachsendem Maße in der Zeitschrift „Con-spirando“ zu Wort kommen. Auch innerhalb der feministischen Bewegung ist also eine Vielfalt von Positionen vorhanden und gewünscht, und dies spiegelt sich in den Theologien wider.
Neben dem Spezifischen gibt es vieles, was die Vertreterinnen des Ökofeminismus verbindet. Mercedes Canas, Umweltaktivistin in El Salvador, hat dies so formuliert: „Der Ökofeminismus möchte das Schweigen brechen, das Frauen seit Jahrhunderten gelähmt hat. Der Ökofeminismus möchte, dass die Menschen die Liebe und das Leben achten, dass sie in einer Gesellschaft leben, in der es sich für alle – Männer und Frauen – ‚lohnt, einmal geboren worden zu sein’. Es ist die Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der die Kindheit für alle möglich ist, als eine Zeit des Spielens und der Kreativität, eine Zeit, gefördert zu werden. Eine Gesellschaft, in der die Jugend eine Zeit der Freiheit sein kann, um ohne Gefahren entscheiden zu können, was wir sein wollen: eine Zeit der Bestätigung, der Großzügigkeit und der kreativen Energie. Eine Gesellschaft, in der das Alter eine Zeit des Ausruhens ist, eine Zeit, Erfahrungen auszutauschen. Eine Gesellschaft, in der es niemanden am materiell Wesentlichen mangelt, um zu leben ... und auch nicht an der Liebe, der Solidarität, der Freundschaft und der Zärtlichkeit, damit die Seele gesund bleibt.“ (Mercedes Canas: In den Frauen wächst das Leben, in: Das Seufzen der Schöpfung, a. a. O., S. 90)
