1842 – Berend Goos, ein Hamburger Apotheker erlebt den Großer Brand

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Berend Goos wurde am 26. November 1815 geboren. Sein Vater war Mennoniten-Pfarrer und seine Mutter stammte aus der bekannten mennonitischen Kaufmannsfamilie Roosen. Die Familie wohnte in einem geräumigen Haus mit Garten in der Poolstraße. Mit fünf Jahren kam Berend in die Schule der deutsch-reformierten Gemeinde, die nur zwei Klassenräume für jüngere und ältere Kinder besaß. Hier soll aus den vielen von Goos beschriebenen Schulgeschichten nur ein Vorkommnis zur Sprache kommen, in dem der Sohn eines Zuckerbäckers, der den Englischlehrer schon häufig geärgert hatte, die Hauptrolle spielte:

 

„Doch die Sache sollte endlich ein plötzliches Ende nehmen, als in einer dieser gesegneten englischen Stunden auf einmal ein dicker Rauch von unten durch die Tischplatte stieg und lustig nach oben wirbelte. Da diese Erscheinung höchst auffallend und durchaus nicht durch den Gang des Unterrichts bedingt war, so guckte alles gespannt unter den Tisch. – Unser Freund Jochen hatte daselbst, zur Abwechslung oder mehr zur Verherrlichung seines geliebten Lehrers, ein artiges kleines Freudenfeuer aus Papier angezündet und somit die Wahrheit des Sprichworts bewiesen, dass wo Rauch auch Feuer sein muss.“

 

Goos schloss die Schule erfolgreich ab und begann 1831 eine Ausbildung in einer Apotheke am Neuen Wall. Gleich im ersten Lehrjahr brach in Hamburg die Cholera aus, vermutlich in einer „Bettlerherberge“. Goos schrieb über diese Unterkunft: „In Hamburg existierte eine berüchtigte Bettenherberge auf dem Venusberge, ‚Tiefer Keller‘ genannt. Der Name entstand ohne Zweifel daher, dass man, vom Venusberge eintretend, zwei bis drei Stockwerke Kellergeschoss hintereinander passierte, ehe man den niedrigsten Teil des Schaarmarktes, wo, wenn ich nicht irre, der Ausgang war, erreichte. In diesen Lokalitäten herrschte, wie man sich denken kann, Schmutz und Unordnung vor. Es konnten daselbst von den Vagabunden und Bettlern für verschiedene Preise Nachtlager erhalten werden: für den ersten Preis bekam man ein Bett - in welcher Gestaltung, lässt sich denken; für den zweiten Preis schlief man auf Pritschen und Strohlagern. Der letzte Preis, ich glaube ein Schilling, gab Anrecht auf ein Lokal, in welchem ein langes Tau ausgespannt war, über das die Gäste mit den Armen sich hängten und so die Nacht, ob schlafend, bleibt dahingestellt, zubrachten.“

  

Cholera in Hamburg

Es war nicht verwunderlich, dass die Cholera in solchen „Wohnverhältnissen“ ausbrach und sich rasch in der Stadt ausbreitete. Die Apotheke „ward in den ersten Tagen förmlich belagert“. Ob alle gegen die Krankheit angebotenen Medikamente geholfen haben, muss allerdings bezweifelt werden: „Eine wahre Verproviantierungsepidemie sowohl mit Präserativmitteln als Heilmitteln gegen die Cholera entstand. Kamillen, Flieder, Pfefferminze, Krauseminze und dergleichen wurden zu viertel und halben Pfunden im Voraus abgewogen und zu hohen Bergen aufgestapelt; ebenso Senfmehl, Riechessig, Opium- und Choleratropfen, Chlorkalk, Räucheressenz und Spanisch-Fliegenpflaster im Vorrat abgefasst und … angefertigt.“ Und man ahnt es: „Die besten Geschäfte machten zu dieser Zeit die Apothekenbesitzer, aber ganz besonders die Drogisten. Sämtliche Drogen, die während der Epidemie in Anwendung kamen, stiegen auf fabelhafte Weise im Preise.“

 

Nach vier Lehrjahren stand 1835 für Goos das Gehilfen-Examen an, auf das sein Lehrherr ihn intensiv vorbereitet hatte. Nachdem er die schriftliche und mündliche Prüfung bestanden hatte, beschäftigte ihn sein Apotheker als Gehilfen. Von 1836 an studierte er in Jena und Kiel Pharmazie. Er bestand das Pharmazeutische Staatsexamen und konnte am 1. April 1842 im Alter von 26 Jahren eine kleine Apotheke in der Kleinen Johannisstraße eröffnen. Aber bereits am 6. April brach der Große Brand aus, bei dem große Teile der Innenstadt niederbrannten und auch die Apotheke in Schutt und Asche gelegt wurde.

  

Ein Apotheker erlebt den Großen Brand

Goos machte sich nach dem Ausbruch des Feuers in der Deichstraße auf den Weg, um sich einen Eindruck vom Ausmaß der Gefahr zu machen: „In höchster Spannung machte ich mich auf den Weg. Wenn auch bis jetzt noch keiner wissen konnte, zu welcher Größe und Ausdehnung sich zu steigern das Unglück berufen war, so lag doch ein so dumpfer Schrecken, ein so ahnungsvolles, stilles Fürchten in den Gesichtern der mir Begegnenden, dass mir selbst schwül und angst wurde, obgleich ich noch nichts von dem Feuer gesehn.“

 

Ein Nachbar berichtete Goos nach seiner Rückkehr, dass der Turm der Nikolaikirche brennen würde. „Ich lief hinauf nach dem Boden, von wo aus man benannten Turm in seiner ganzen Höhe vor sich hatte – und richtig, an verschiedenen Stellen der Spitze kräuselten die Rauchwölkchen aus der Kupferbekleidung hervor. Nicht lange brauchte ich zu warten, da folgten auch die Flammen nach, deren Anblick ohne Zweifel tausend emporschauende Augen mit Tränen füllten, denn jetzt war an kein Aufhalten des gierigen Elements mehr zu denken; der herabstürzende brennende Turm musste ja alles Umliegende entzünden.“

 

Goos nahm gern das Angebot eines Fuhrmanns an, die wertvolle Ausstattung seines Hauses mit Pferd und Fuhrwerk nach Altona in Sicherheit zu bringen. Rasch wurde alles gepackt und auf den Wagen geladen. Eine Fahrt reichte selbstverständlich nicht aus, aber als alles bereitstand für den nächsten Transport, kam das Fuhrwerk nicht zurück. „Wir warteten voller Angst und Ungeduld in die Nacht hinein auf Jürgensens Rückkehr ...“ Im Morgengrauen bog das Fuhrwerk endlich in die Kleinen Johannisstraße ein. Es war requiriert worden, um Sprengstoff zum Alten Rathaus zu transportieren, das man in der vergeblichen Hoffnung sprengte, das Feuer an dieser Stelle zu stoppen.

 

Der Apotheker erlebte am Jungfernstieg die Sprengung von mehreren Gebäuden, um endlich an dieser Stelle das Feuer zu stoppen: „Da lag denn vor uns das bisher so stolze Gebäude (des Hotels, der Autor) Die alte Stadt London als wüster Trümmerhaufen, eingehüllt in dicke Staubwolken … und im nächsten Augenblick gewahrte ich, wie das folgende Gebäude – es war das Haus Salomon Heines – plötzlich, wie durch Zaubergewalt und scheinbar unversehrt, mit kräftigem Ruck emporgehoben wurde, und dann, mit demselben Luft und Erde erschütternden Knalle wie sein Vorgänger, krachend zusammenpolterte, einzelne Teile aber hoch in die Luft fuhren. Auf dieselbe Weise folgten die zwei Nachbarhäuser Streit`s Hotel und die Schuhmacher-Herberge.“

 

Goos erfuhr nach dem Ende des Großen Brandes, dass seine Versicherung ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnte und nur zwanzig Prozent der entstandenen Schäden ersetzen würde. Auch lag die Wirtschaft der Stadt danieder. Er beschrieb, wie ein Zusammenbruch vermieden wurde: „Unter den einflussreichen Börsenherren stand in dieser schweren Zeit der Israelit Salomon Heine allen anderen voran. Derselbe erfreute sich, in Hamburg sowohl wie auswärts, eines hohen Rufes als echter Patriot und Wohltäter der Menschheit … Jetzt musste man es ihm vorzugsweise zuschreiben, dass der Kredit der Hamburger Kaufmannschaft vollkommen aufrechterhalten blieb, durch sein Ansehen sowohl wie durch seine Millionen.“

 

Das ermutigte Goos, eine neue Apotheke zu eröffnen. Das alte Grundstück kam dafür nicht infrage, weil die Stadt es für eine veränderte Straßenführung und eine neue Bebauung enteignet hatte. Der Apotheker ging das Risiko ein, bei einer öffentlichen Versteigerung der Grundstücke am neu geplanten Rathausmarkt mitzubieten, und er erhielt tatsächlich zu einem hohen Preis den Zuschlag für ein Grundstück. Durch die Vermietung eines Teils des geplanten Gebäudes hoffte er, die finanzielle Last des teuren Grundstückerwerbs tragen zu können.

 

Goos konnte am Rathausmarkt 6 eine große elegante Apotheke eröffnen. 1845 heiratete der Apotheker und gründete mit seiner Frau Cäthchen einen zunächst sehr bescheidenen Haushalt, weil die meisten Flächen des Hauses entweder der Apotheke dienten oder aus finanziellen Gründen vermietet waren.

   

 

1853 gab Goos aus gesundheitlichen Gründen seinen Beruf auf und betätigte sich als Landschaftsmaler. Er starb am 26. November 1885. Eckart Kleßmann, der die Lebenserinnerungen von Berend Goos unter dem Titel „Ein Leben in Hamburg“ veröffentlicht hat, schrieb über den Apotheker: „Er muss ein liebenswürdiger, stets bescheidener Mann gewesen sein, dem avantgardistische Ambitionen völlig fernlagen …“ Er war „ein ungemein humorvoller Chronist seiner Vaterstadt, ein durch und durch nobler Charakter, der das Leben liebte und ihm stets bejahend begegnet ist.“ 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

   

© Frank Kürschner-Pelkmann