Schöpfungsgeschichten der Bibel und ihre kontroversen Auslegungen

Die meisten Völker besitzen Schöpfungsmythen, und mit den Antworten auf die Frage des Woher ist immer auch bereits viel über das Wohin ausgesagt. Schöpfungsmythen sollen Antworten geben auf die Frage nach der Entstehung des Lebens und dem Ziel des Lebens. Die Bibel enthält gleich zwei Schöpfungsgeschichten. Wie viele ähnliche Geschichten erzählen sie nicht nur von der Entstehung des eigenen Volkes und seines Lebensraums, sondern die ganze Erde ist im Blick.

 

Dass sich die beiden einander widersprechenden Schöpfungsgeschichten in der Bibel gleich aufeinander folgen, kann von vornherein den Eindruck beseitigen, hier handle es sich um historische Berichte. Das kann den Blick dafür öffnen, dass uns jede dieser Geschichten und beide zusammen dem Geheimnis Gottes und seiner Schöpfung näher bringen können.

 

Gerade in Zeitalter der Konflikte globaler Mächte haben uns die beiden Schöpfungsgeschichten viel zu sagen, wie zum Beispiel der Streitschrift "Globalisierung der Landwirtschaft aus christlicher Sicht" des „Ausschusses für den Dienst auf dem Lande in der Evangelischen Kirche“ aus dem Jahr 2000 zu entnehmen ist:

 

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Theologisch gesehen ist ‚Globalisierung’ eine Selbstverständlichkeit. Die Bibel setzt die Einheit der Erde und die unbeschränkte Geltung der Gebote Gottes in dieser Welt voraus. Die Schöpfungsberichte am Anfang der Bibel fassen diesen Glauben zusammen: Wir leben in einer von Gott geschaffenen Welt, die den Menschen zur Bebauung und Bewahrung anvertraut ist ... Immer wieder heißt es in dem Schöpfungsbericht nach jedem Schöpfungstag: ‚ein jedes nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.’ Gott wollte bewusst eine vielseitige Welt, er wollte die Artenvielfalt. Er freute sich an der Schönheit und Ausgewogenheit. Lieben wir unseren Schöpfer, müssen wir seine Liebe an der Vielfalt des Lebens teilen.“

 

Nach einer Analyse des heutigen Umgangs mit der Schöpfung heißt es dann: „Wir fassen zusammen: Globalisierung bedroht Gottes Gabe des Lebens in Vielfalt, weil der Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie auf globaler Ebene ungelöst ist und die menschliche Ordnung der ‚freien Weltwirtschaft‘ Gottes Schöpfungsordnung bedroht.“

  

Nach dem Bilde Gottes geschaffen

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." Mit diesen Sätze beginnt das 1. Buch Mose und mit ihnen beginnt die erste Schöpfungsgeschichte.

 

Nach dieser Erzählung schied Gott am zweiten Tag das Wasser vom Himmel und am dritten Tag Land und Meer. Am vierten Tag schuf er die Himmelskörper. Am fünften Tag schuf Gott die Tiere. "Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie ..." (1. Mose 1, 21f.) Der letzte Halbsatz ist von zahllosen Christen immer wieder überlesen und ignoriert worden. Dass Gott die Tiere - noch vor den Menschen! - gesegnet hat, erfordert ein radikales Umdenken in unserem Verhalten gegenüber unseren Mitgeschöpfen! "Tierwohl" ist dann eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit Tieren, die uns anvertraut sind. Der Streit darüber, ob Gott die Welt wirklich in sechs Tagen geschaffen hat, sollte nicht ablenken von der Verantwortung, die aus diesem Bibeltext für die Gläubigen erwächst - in der eigenen Umgebung und auf globaler Ebene. 

 

Von der ersten Schöpfungsgeschichte wird heute besonders der folgende Vers häufig zitiert: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.“ (1. Mose 1,27) Die Gottesebenbildlichkeit der Menschen ist von geknechteten und gedemütigten Menschen seit vielen Jahrhunderten als eine geradezu revolutionäre Botschaft wahrgenommen worden. Dies gilt zum Beispiel für den antikolonialen Kampf in Afrika und den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Es sind vor allem Frauen, die angesichts von Diskriminierungen Kraft und Zuversicht aus der Gewissheit schöpfen, dass sie nach Gottes Bild geschaffen sind.

 

Noch bis ins 19. und 20. Jahrhundert waren die meisten Christinnen und Christen davon überzeugt, dass die Erde genau so entstanden ist, wie wir es am Anfang der Bibel lesen. Auch heute noch gibt es viele Gläubige, die von der Irrtumslosigkeit der biblischen Texte überzeugt sind. Aber die moderne Astrophysik hat diese Glaubensüberzeugung ins Wanken gebracht. Das Alter unseres Universums wird auf etwa 14 Milliarden Jahre geschätzt.  Und wahrscheinlich gab es schon etwas, das wir heute noch nicht kennen, vor diesem Universum.

 

Gemessen daran ist der homo sapiens ein Spätgeborener,. Noch sind viele Fragen offen, wie unser Universum und unser Planet entstanden sind. Aber das kann kein Grund sein, der Astrophysik den Rücken zu kehren und denen zu folgen, die behaupten, die Erde sei erst vor 10.000 Jahren entstanden und zwar genau so, wie es in der Bibel steht.   

Giuseppe Cesari, Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies
Giuseppe Cesari, Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, Gemälde von etwa 1606, Christ Church Art Gallery. Foto: Giuseppe Cesari and workshop, Public domain, via Wikimedia Commons

Besonderer Beliebtheit erfreut sich die zweite Schöpfungsgeschichte mit der Geschichte von Adam und Eva, dem Garten Eden und dem Verzehr von Früchten des verbotenen Baumes. Dieser "Sündenfall" von Adam und Eva hat eine katastrophale Wirkungsgeschichte im Christentum gehabt. Eva und in ihrer Nachfolge alle Frauen wurden und werden für die Versuchung und die darauf folgende Vertreibung aus dem Garten Eden verantwortlich gemacht. (1. Mose 2-3). In der christlichen Theologie hat man viele Jahrhunderte lang Eva und Maria gegenübergestellt. Eva (und alle anderen Frauen) werden als sündige Menschen der Jungfrau Maria gegenübergestellt (vgl. dazu den Beitrag "Maria und Eva - Jungfrau und Sünderin?" auf dieser Website). 

 

Adam und Eva haben in dieser Schöpfungsgeschichte die Grenzen überschritten, die Gott ihm gesetzt hat. Das ist offenbar eine Urerfahrung lange vor den Krise des 20. und 21. Jahrhunderts. Leonardo Boff schreibt in seinem Buch "Schrei der Erde, Schrei der Armen" (Düsseldorf 2002): „Wenn der jahwistische Autor vor allem in Gen 3 vom ‚Sündenfall’ spricht, geht es ihm nicht um Vergangenes, wie sich dies und das abgespielt habe. Vor uns liegt kein historischer Bericht, sondern eine prophetisch-weisheitliche Reflexion über das Drama der menschlichen Existenz. Sie will die vorfindliche Situation anklagen, so habe Gott die Dinge nicht gewollt.“

 

Carlos Mesters, ein weiterer bekannter lateinamerikanischer Befreiungstheologe, fügt hinzu: „Das Paradies ist sozusagen ein Modell der Welt. Das Paradies ist der Bauplan in der Hand des Poliers, das heißt des Menschen, der Mann und Frau ist. Das Paradies ist ein Projekt, das Glauben und Mut der Menschen ständig herausfordert ... Die Beschreibung des Paradieses nimmt die volle Verwirklichung der Welt voraus, in Bildern und Symbolen, die den Menschen damals vertraut waren. Sie soll ihnen als Orientierung und Anregung dienen, damit sie sich ans Werk machen.“ (zitiert nach ebenda)

 

Das Wissen um die historische Entstehung der Schöpfungsgeschichten und den Zweck, der damit verbunden wurde, sie aufzuschreiben, eröffnet einen neuen Zugang zu diesen Bibeltexten. Das hat die aus Ghana stammende Theologin Mercy Amba Oduyoye in ihrem Buch "Wir selber haben ihn gehört" (Freiburg/Schweiz 1988) so formuliert:

 

„So wie anderswo hat auch in Afrika eine buchstäbliche Lektüre der Schöpfungsberichte ihren theologischen Inhalt zu ersticken vermocht; damit wurde auch die Chance für eine echte Reflexion verpasst. Lesen wir aber statt dessen Genesis 1-3 aus der Perspektive der bereiten Kinder Israels, beginnt der Text plötzlich ganz anders zu reden. Statt die Dinge zu sanktionieren, so wie sie sind, spricht der Text ein negatives Urteil über die Welt und unseren Umgang mit ihr. Er wird zu einer Anklage der Sünde, wo immer es diese gibt ... Die Geschichte klagt unsere Weigerung an, die Grenzen zu beachten, welche uns von einem Gott gesetzt worden sind, welcher vom Chaos befreit und der einzige Gesetzgeber ist.“

  

Macht euch die Erde untertan

Arche inmitten der vernichtenden Flut
Arche inmitten der vernichtenden Flut, Foto: iStock/Javier_Art_Photography

Sehr rasch folgen in der biblischen Geschichte im 1. Buch Mose auf die Vertreibung aus dem Paradies der erste Mord von Abel und Kain und die große Flut, die in einem engen Zusammenhang mit den Schöpfungsgeschichten steht. Schon auf den ersten Seiten der Bibel werden die großen Themen von Schuld und Sühne, Vernichtung und Neuanfang entfaltet. Und schon im 11. Kapitel wird mit dem Turmbau in Babel das Allmachtstreben der Menschen thematisiert.

 

Die biblische Aussage „... und füllet die Erde und machet sie euch untertan“ (1. Mose 1,28) könnte auf den ersten Blick wie ein früher programmatischer Auftrag zur heutigen Globalisierung erscheinen, aber eben nur auf den ersten Blick. Stellt man den Satz in den Kontext des biblischen Auftrags, die Erde als Haushalter Gottes zu verwalten und zu bewahren, wird deutlich, warum die Tora, also die ersten fünf Bücher der Hebräischen Bibel, so viele detaillierte Aufträge enthält, wie mit der Erde und seinen Geschöpfen umzugehen ist. Als Beispiel kann hier die Bestimmung genannt werden, das Land sechs Jahre zu bebauen und im siebten Jahr brachliegen zu lassen.  Die Regeneration der Schöpfung bildet die Grundlage dieses Gebotes, eine überlebenswichtige Aufgabe in einem Land, dessen ökologisches Gleichgewicht durch Übernutzung rasch zerstört werden konnte. 

Mit Giftstoffen belasteter Fluss in Irland
Noch lange, nachdem eine Kupfermine in Amlwch in Irland geschlossen worden war, ist der benachbarte Fluss mit giftigen Stoffen belastet worden. Foto: Cls14, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Heute erleben wir hingegen, wie das „untertan machen“ zum Freibrief für katastrophale Zerstörungen im Interesse kurzfristiger Gewinne missverstanden wird. Zum Paradiesgarten schreibt Dorothee Sölle in ihrem Buch "Leben und arbeiten" (Hamburg 1999): „Ihn zu ‚bauen’ bedeutet, ihn zu pflegen im Sinne von Ehrfurcht, Respekt und Demut; und den Garten zu ‚bewahren’ heißt, ihn zu hegen und zu beschützen. Bauen und bewahren, als die ersten biblischen Hinweise auf menschliche Arbeit und auf den ‚Erdling’ als einen arbeitenden Menschen, kann und darf nicht als Ausbeutung verstanden wer-den, sondern als sorgsame Pflege.“

Man kann bereits diese Schöpfungsgeschichte als Gegenprogramm zu einer völligen Ökonomisierung des Lebens lesen, bei der die Schöpfung und die Arbeit der Menschen zu Produktionsfaktoren reduziert werden.

 

Mit Abraham kommt im 11. Kapitel des 1. Buches Mose die Geschichte des eigenen Volkes in den Blick, eines kleinen Volkes mitten in den Einflussbereiche von Weltmächten. Dass in Abraham alle Geschlechter auf Erden gesegnet sein sollen (1. Mose 12,3), weist bereits darauf hin, dass der Gott, der die ganze Erde geschaffen hat, ein globaler Herrscher bleibt, wobei er sich seinem Volk besonders zuwendet und alle verflucht, die Abraham und seine Nachkommen verfluchen.

  

Die globale Dimension der Herrschaft und der Sorge Gottes darf nicht vorschnell verengt werden auf die Auserwählung eines Volkes. Dazu schrieb Frank Crüsemann 1995 in einem Buchaufsatz „Die Menschheit als Ganzes ... wird auf einen ersten Menschen bzw. das erste Menschenpaar zurückgeführt, und sie entfaltet sich nach der Flut aus den drei Söhnen Noahs. So wird die Menschheit als Familie dargestellt, als family of men. Es geht um nichts Geringeres als die essenzielle Einheit alles Menschlichen. Jede ist mit jedem verwandt, es gibt keine grundlegenden, keine das Menschsein als solche berührenden Differenzen ... Es geht in der Genesis um den einen Schöpfergott und sein eines Volk inmitten einer Vielfalt von gottgewollten Kulturen und Nationalitäten, zu denen auch die verschiedenen Beziehungen zu diesem Gott, also ihre Religionen gehören.“

Schöpfungsglaube im Neuen Testament und im heutigen Christentum

"Schöpfung und Neuschöpfung spielen auch im Neuen Testament eine zentrale Rolle. Die Hoffnung auf das schöpferische Handeln Gottes und das Vertrauen auf Gottes Fürsorge für seine Geschöpfe bilden den Horizont für Jesu Botschaft vom 'Reich Gottes' und seine ethischen Weisungen. Nach Paulus ist Gott aufgrund seiner Schöpfungswerke für jeden Menschen erkennbar (vgl. Röm 1,19f.). Die gegenwärtige Schöpfung liege in Wehen und stöhne unter Geburtsschmerzen (Röm 8,22), doch eine neue Schöpfung sei bereits angebrochen (2 Kor 5,17)." Das schreibt der katholische Theologieprofessor Andreas Benk in der Ausgabe 1/2001 der Zeitschrift "Bibel und Kirche". 

 

Er erinnert auch daran, dass es gleich zu Beginn im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt: "Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde". Es sind aber gerade die Schöpfungsgeschichten,  die zu einer Entfremdung vieler Menschen bei uns von der biblischen Botschaft beitragen.  Die Geschichten von Adam und Eva, so beeindruckend sie für Kinder erzählt werden können, und ebenso die Schaffung der Welt durch Gott in sieben Tagen widersprechen diametral allen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Neuzeit. 

 

Das Paradies, das am Anfang der Bibel nicht etwas Vergangenes ist, sondern untrennbar mit den Verheißungen für die Zukunft zusammenhängt, wird von Jesus wieder aufgenommen.  Konsequenterweise sagt Jesus im 22. Kapitel: "Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte,  der Anfang und das Ende." Die Alttestamentlerin Bettina Wellmann hat 2016 in der Zeitschrift "Welt und Umwelt der Bibel" geschrieben: "Die ersten Seiten der Bibel formulieren. 1. Gottes Schöpfung ist gut. 2. In der Welt gibt es Feindschaft und Gewalt, Mühsal und Tod. Die letzten Seiten der Bibel nehmen den Faden auf und machen deutlich: Gott bleibt seiner Schöpfung und den Menschen treu. Er schafft einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen nichts Lebensfeindliches mehr Platz hat." 

 

Nicht übersehen werden sollte deshalb, dass es einen Zusammenhang zwischen den ersten Kapiteln der Hebräischen Bibel und dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes gibt. In Kapitel 21 der Offenbarung lesen wir: "Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen."

  

Das Bibel- und Geschichtsverständnis des Kreationismus

Viele evangelikale und charismatische Theologen bemühen sich, einen Weg zu finden,  ein wortwörtliches Verständnis der Bibeltexte und wissenschaftliche Erkenntnisse in Einklang zu bringen. Kreationismus ist hier ein wichtiges Stichwort. Kreationisten sind davon überzeugt, dass die Erde höchstens 10.000 Jahre alt ist. Und da nach der ersten Schöpfungsgeschichte Gott binnen einer Woche alle Tierarten und die Menschen geschaffen hat, haben unsere Vorfahren nach diesem Verständnis gemeinsam mit den Dinosauriern auf der Erde gelebt. Solche Auffassungen sind vor allem in den USA weit verbreitet, wo gefordert und zum Teil durchgesetzt wird, dass der Kreationismus parallel zur wissenschaftlichen Erklärung der Entstehung der Welt in den Schulen gelehrt wird. 

 

Die Kreationisten sind überzeugt, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse zur Evolution der Bibel widersprechen und abzulehnen sind. Die Arbeiten zur Evolution seien keine Wissenschaft, sondern eine antireligiöse Ideologie.  Hier wird an die Grundüberzeugungen christlicher Fundamentalisten angeknüpft, dass alles, was den biblischen Texten widerspricht, unwahr ist. Die größte kreationistische Organisation "Answers in Genesis"  hat das so formuliert:

 

"Definitionsgemäß kann kein noch so einleuchtendes, erkanntes oder behauptetes Beweismaterial auf irgendeinem Gebiet, eingeschlossen Geschichte und Chronologie, wahr sein, wenn es im Widerspruch zu den biblischen Berichten steht. Von elementarer Wichtigkeit ist die Tastsache, dass das Beweismaterial immer von fehlbaren Menschen interpretiert wird, die nicht alles Wissen haben. "

 

Die Kreationisten entwickeln eine eigene Wissenschaft, die sie "Scientific Creationism" nennen.  Sie soll wissenschaftlich das untermauern, was die Kreationisten aus der Lektüre der ersten Kapitel der Bibel als biblische Wahrheit verstehen. Dazu gehört zum Beispiel, dass der Erde von höchsten 10.000 Jahre alt ist und dass die in der Bibel beschriebene Sintflut tatsächlich in dieser Form stattgefunden hat und die ganze Erde von der Flut bedeckt war. Aus einem solchen Verständnis heraus muss ein Großteil der Wissenschaft konsequent abgelehnt werden. 

  

Titelbild der Ausgabe 2/2016 der Zeitschrift "Welt und Umwelt der Bibel"
Titelbild der Ausgabe 2/2016 der Zeitschrift "Welt und Umwelt der Bibel"

Nach Befragungen Mitte der 2010er Jahre sehen knapp 40% der US-Bürger die Evolutionstheorie als falsch an und 32% lehnten sie sogar entschieden ab. In Deutschland waren es 10 bis 12%.  Es gibt auch unter Muslimen starke Vorbehalte gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Evolution, die nach ihrer Auffassung dem Koran widersprechen. Das erklärt, warum etwas mehr als die Hälfte der Befragten in der Türkei die Evolutionstheorie ablehnen. Diese Zahlen und viele Informationen zur Debatte um die Kreationismus habe ich der Ausgabe 2/2016 der Zeitschrift "Welt und Umwelt der Bibel" zum Thema "Bibel kontra Naturwissenschaft? Schöpfung" entnommen.  

 

Wir befinden uns also in einer globalen Auseinandersetzung darüber,  ob alle wissenschaftlichen Erkenntnisse abzulehnen sind, die einem engen wortwörtlichen Verständnis religiöser Texte widersprechen.  Ich teile die Auffassung der "Evangelischen Kirche in Deutschland" und vieler Kirchen, Theologen und Gläubigen in aller Welt, dass der Kreationismus ein Irrweg ist.  Schöpfungsglaube und Evolution bereichern einander, wenn man in biblischen Texten tiefe religiöse Wahrheit wahrnimmt und sich dadurch im eigenen Glauben bereichern lässt, aber keinen wissenschaftlich exakten Bericht über die Entstehung der Welt erwartet. 

 

Dass es der katholischer Theologe George Lemaître  war, der in den 1920er Jahren die Theorie vom Urknall entwickelt hat,  kann ein Anstoß dafür sein, sich fundiert mit dem Verhältnis von biblischen Schöpfungsgeschichten und naturwissenschaftlicher Erklärung der Entstehung der Welt zu beschäftigen. George Lemaître war sowohl katholischer Priester als auch Astrophysiker an der katholischen Universität Löwen.  Er konnte Urknall und Bibel miteinander in Einklang bringen. Er wird heute als jemand geschätzt, dem eine Versöhnung von Physik und Theologie gelang. 

  

Ein Volk musste sich gegen die globalen Mächte seiner Zeit behaupten

Die Geschichte, die die Hebräische Bibel in vielen Geschichten erzählt wird, ist auch (nicht nur) eine Geschichte der Auseinandersetzungen eines kleinen Volkes mit den Großmächten, die für damalige Verhältnisse globale Mächte waren. Die biblischen Berichte und Aussagen über die Auseinandersetzung der Israeliten mit Mächten in Ägypten, Babylonien, Griechenland und Rom haben eine Relevanz für die heutigen Konflikte mit den Mächten der Globalisierung. Dafür ist es allerdings notwendig, den sozialgeschichtlichen Hintergrund der biblischen Geschichten näher kennenzulernen und sich auch bewusst zu machen, dass die Bibel kein einheitlich verfasstes Buch ist, sondern in vielen Jahrhunderten entstand und die Erfahrungen, Einsichten und Vorstellungen unterschiedlichster Menschen enthält. Daraus ist eine Vielfalt von Theologien entstanden.

 

Mit Erhard Gerstenberger ("Theologien im Alten Testament", Stuttgart 2001) lässt sich sagen: „Die Mannigfaltigkeit der Theologien öffnet uns den Blick für andere Völker, Zeiten und Gottesvorstellungen, sie enthebt uns dem Zwang, ängstlich im Auf und Ab der Geschichte und der Theologien nach der einen, geschichtslosen, unwandelbaren, absolut verpflichtenden Vorstellung und Richtlinie zu suchen. Sie befreit uns zu der aufrichtigen, gelassenen Würdigung der theologischen Leistungen unserer Vorväter und Vormütter, die sie verdienen, und sie macht uns fähig, im Dialog mit ihnen und mit den Religionen der Welt den ‚richtigen’, d. h. heute und jetzt zu verantwortenden Gottesglauben für unser Wende (und End?)Zeitalter zu finden und zu formulieren.“

 

Aus der Fragestellung, was uns die biblischen Texte zur Frage des Umgangs mit globalen Machtstrukturen zu sagen haben, lässt sich die Bibel dann aus einer ganz neuen Perspektive lesen. Es ist nicht die einzige Perspektive, und sie kann auch nicht alle biblischen Texte berücksichtigen. Aber sie hilft uns, die Gotteserkenntnisse unserer Vorväter und Vormütter neu zu entdecken und sie weiterzuentwickeln, um Antworten auf die drängenden Fragen und Probleme unserer Zeit zu finden. Daraus wird auch deutlich, dass die Suche nach einzelnen Bibelversen zur Legitimation der eigenen Position sinn- und perspektivlos ist. 

Am Anfang standen Großfamilien und Sippen

Die Vorfahren Abrahams, so ist überliefert, lebten in Mesopotamien, dem Kulturraum an Euphrat und Tigris, der den Aufstieg und Fall verschiedener globaler Mächte erlebte. Aber Abraham blieb nicht im Zentrum der Macht, sondern machte sich aufgrund eines göttlichen Auftrages und seiner Verheißung auf den Weg an die Peripherie globaler Machtstrukturen, nach Kanaan.

  

Abraham und seine Leute waren Viehzüchter, die in kleinen Sippen von vielleicht zwanzig oder dreißig Personen lebten. Diese Sippen waren über lange Zeit die prägende soziale Größe des Lebens der Israeliten, auch nachdem Städte und dann Staaten entstanden waren. Die Großfamilien waren patriarchal organisiert, die Frauen hatten aber den Haushalt unter ihrer Kontrolle und damit einen erheblichen Einfluss. Die Sippen standen zunächst nur in loser Verbindung zueinander und waren prinzipiell gleichberechtigt, denn es gab keine übergeordnete politische oder wirtschaftliche Autorität.

 

Diese Tradition der Geborgenheit in der Großfamilie und des nicht durch politische Autoritäten bestimmten Zusammenlebens der Sippen hat die Theologien der Israeliten stark geprägt. Die Erinnerung an diese Zeit der Freiheit als Nomadensippen war offenbar auch ein Hintergrund für die Vorbehalte vieler Propheten gegenüber autoritären Strukturen in der Königszeit. Im Exil in Babylon, wo ein großer Teil der Texte der Hebräischen Bibel formuliert oder bearbeitet wurde, hat angesichts der Niederlage des eigenen Staates und der Unterdrückung durch die Sieger der Rückblick auf die Zeit, als die Familien noch selbstständig waren, eine große Rolle gespielt. Wenn wir die biblischen Texte also besser verstehen und erkennen wollen, was sie für uns heute bedeuten, müssen wir uns mit dieser Tradition des nomadischen und halbnomadischen Lebens etwas näher beschäftigen, ohne es zu verklären.

 

Die kleinen Sippen, aus denen später die Stämme Israels entstanden, hatten zunächst keine Chance, die wehrhaften Städte Kanaans zu erobern, sondern suchten sich zwischen den Einflussbereichen der Städte einen Lebensraum. Die einzelnen Sippen lebten von der Kleinviehzucht und später auch in begrenztem Umfang vom Ackerbau. Das Zusammenleben und gemeinsame Wirtschaften beruhte auf der Bereitschaft, die eigene Arbeit in die Gemeinschaft einzubringen und dafür Ansprüche gegenüber dieser Gemeinschaft zu erwerben, die für Nahrung, Kleidung, Wohnung und andere Grundbedürfnisse sorgte.

 

Die Stabilität des Zusammenlebens hing davon ab, dass alle Mitglieder eine Loyalität zur Gruppe entwickelten und bewahrten. Solche Sippen besaßen eine Sensibilität dafür, dass jeder und jede so behandelt werden musste, dass er und sie sich gut aufgehoben fühlte in der Gemeinschaft. Dies war nicht möglich, ohne dass alle an den Ergebnissen der gemeinsamen Arbeit teilhaben konnten. Die Sippe besaß alles gemeinsam (vielleicht abgesehen von einigen persönlichen Gegenständen), und die Erinnerung an diese Gütergemeinschaft hat bis zur christlichen Urgemeinde nachgewirkt.

 

Auch war das Leben in Sippen gegen eine Zentralisierung der Macht gerichtet. Dazu schreibt Hubertus Halbfas in seinem Buch "Die Bibel": „Die lockere Gesellschaftsstruktur entsprach einer antiherrschaftlichen Grundeinstellung. In bewusster Distanz zu den kanaanäischen Stadtstaaten räumt sie politische Macht nur soweit ein, wie dies zur Sicherung des Lebens und Überlebens notwendig erschien. Allein das gemeinsame Freiheitsideal einte das Stämmebündnis ‚Israel’.“

 

Wirtschaftliches Handeln vollzog sich in einer kleinen Gemeinschaft und beruhte auf Kooperation, nicht auf Konkurrenz. Sie trug zur Festigung von Geschwisterlichkeit bei, nicht zu anonymen Marktbeziehungen. Zu den großen Leistungen der Verfasser und Verfasserinnen der Bibel gehört es, diese Erfahrung in ihre Theologien und in ihre Vorstellungen von einem geschwisterlichen Zusammenleben einzubeziehen.

 

Dabei ist aber vor einer Idealisierung der kleinen Gemeinschaften zu warnen, und es müssen realistisch die Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen Gesellschaft in Rechnung gestellt werden. Dazu schrieb Erhard Gerstenberger: „Die rein physische Notwendigkeit, gemeinsam für den Lebensunterhalt zu sorgen, hat in der Antike die Familien zusammengeschweißt. Der gegenteilige Zwang, möglichst flexibel einer industriellen, leistungsorientierten, mobilen Beschäftigung nachzugehen, treibt die Menschen auseinander und in die Einsamkeit.“ 

  

Die Ökonomie der Sippe als Gegenbild zu einer Ökonomie der individuellen Bereicherung

Die Prophetinnen und Propheten des alten Israel mussten erleben, wie eine wachsende ökonomische Ungleichheit und eine Reduzierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf Marktbeziehungen den sozialen Zusammenhalt und die religiöse Gemeinschaft zu zerstören drohten. Deshalb suchten sie nach Wegen, Gerechtigkeit und ein wirtschaftliches Überleben für alle Angehörigen des Volkes zu schaffen.

 

Sie wussten, dass eine Lebens- und Glaubensgemeinschaft Schaden nimmt, wenn sich die einen auf Kosten der anderen bereichern. Die Ökonomie der Sippe bot ein Gegenbild zu einer Ökonomie der individuellen Bereicherung auf Kosten anderer. Auf der Suche nach einer neuen Form der Globalisierung ist dies ein wichtiger Punkt, an den angeknüpft werden kann. Elisa wird im 2. Buch der Könige mit dem Satz zitiert: „Ich wohne sicher unter meinen Leuten.“ (2. Könige 4,13)

 

Wer sagt das heute noch in einer durch Atomisierung und Konkurrenz geprägten Gesellschaft? Und doch ist der Wunsch nach einer Gemeinschaft, die Sicherheit und Geborgenheit bietet, erhalten geblieben. Es kann nicht um eine Romantisierung dieser frühen Formen sozialen Zusammenlebens gehen, wohl aber darum, zu erkennen, was im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende an Solidarität auf lokaler Ebene verloren gegangen ist und welche Perspektiven entwickelt werden können, wieder stärker in überschaubaren Gemeinschaften zu wirtschaften und zu leben. 

 

Eine so verstandene Schöpfungstheologie ist eine Befreiungstheologie. Dorothee Sölle hat schon vor mehr als drei Jahrzehnten gefordert, die Schöpfungstradition aus der Befreiungsperspektive zu begreifen. So verstanden, sind die Menschen nicht aus dem Paradies vertrieben worden, sondern sind gefordert und ermutigt, sich zu diesem Paradies auf den Weg zu machen. Jesus hat es ihnen zugetraut und in ihnen die Hoffnung auf das Reich Gottes geweckt. Ja, es stimmt, will ich hier die Kritik vieler Theologen aufnehmen, es steht nicht in der Macht der Menschen, das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen. Aber was spricht dagegen, sich an den Werten und Verheißungen dieses Reiches zu orientieren?

 

"Dein Reich komme" beten Christinnen und Christen im Vaterunser.  Für manche sicher überraschend, können ausgerechnet die Schöpfungsberichte uns Mut und Orientierung geben, wenn wir die Verheißung vom kommenden und schon beginnenden Reich Gottes ernst nehmen.  

   

Der gemeinsame Glaube hält die kleinen Gemeinschaften zusammen

Die Großfamilie war nicht nur ein Ort der Harmonie, sondern es gab auch heftige Konflikte, die solche Gemeinschaften zu zerstören drohten. Um dies zu verhindern, reichten die gegenseitige ökonomische Abhängigkeit und die Blutsverwandtschaft nicht aus. Es bedurfte auch einer gemeinsamen spirituellen Basis. Die Sippe war auch dafür verantwortlich, auf die religiösen Fragen nach dem Woher und Wohin, und nicht zuletzt auf die Frage nach dem Sinn des Lebens Antworten zu geben.

 

Jede Familie betete zu ihrem Gott oder ihrer Göttin, die im Zwiegespräch Antworten auf die elementaren Fragen des Lebens geben sollte. Zu Familiengöttin oder -gott wurde auch gebetet, damit es zur rechten Zeit regnete und Mensch und Tier gesund blieben. Die Sippen waren sich bewusst, wie abhängig sie von den Naturgewalten und von einem friedlichen Verhältnis zu ihren Nachbarn waren. Auch konnte die höhere religiöse Autorität angerufen werden, wenn es Auseinandersetzungen in der Familie gab.

 

Die Glaubensüberzeugungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, boten eine Orientierung, welche Normen und Werte es auch und gerade in Konflikten zu verteidigen galt. Es gab eine göttlich sanktionierte Ordnung und göttliche Normen, die das Zusammenleben regelten. Viele dieser Überzeugungen haben Eingang in die biblischen Texte gefunden. Erhard Gerstenberger vertritt die These: „... die vielgerühmten menschenfreundlichen Züge an Jahwe sind – wann auch immer formuliert – zum großen Teil als Erbe aus der Familientheologie zu betrachten“.

 

Die Göttinnen und Götter der Familie konnten angesprochen werden, man konnte sogar mit ihnen hadern und streiten, wie sich aus einzelnen Texten der Hebräischen Bibel schließen lässt. Das ist ein großer Unterschied zu dem Gottesverständnis, das viele heutige Theologien besonders in der westlichen Welt vermitteln. Mit dem entmythologisierten Gott, mit dem Prinzip Gott lässt sich kein Gespräch führen, vor ihm lassen sich die eigenen Sorgen, Ängste und Hoffnungen nicht ausbreiten.

 

Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass viele Christinnen und Christen heute zu ererbten religiösen Überzeugungen zurückkehren, gewissermaßen zu den Fundamenten des alten Glaubens, statt nach neuen religiösen Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu suchen. Deshalb ist wichtig, dass die biblische Tradition des persönlich ansprechbaren Gottes hierzulande neu entdeckt und in Verbindung mit unserer heutigen Welt gebracht wird. In Theologien im Süden der Welt wie der lateinamerikanischen Befreiungstheologie ist dies bereits wesentlich überzeugender gelungen.

 

So setzt sich Enrique Dussel in seinem Aufsatz „Die Familie in der ‚Welt der Peripherie’“ (Concilium 4/95) mit der biblischen und der sozialen Tradition der Großfamilien auseinander und stellt dann die Frage nach deren Zukunft:

 

„Diese moderne Kernfamilie hat zwar viele Werte gewonnen, vor allem was das individuelle Selbstbewusstsein, die Möglichkeit einer nicht durch Schuldkomplexe belasteten erotischen Beziehung, die Entscheidungsfreiheit im Handeln und die persönliche Verantwortung für das soziale Engagement betrifft. Aber kann man sich letztendlich so gewiss sein, dass das, was mit der Großfamilie verlorengegangen ist, weniger wertvoll ist als das, was man gewonnen hat, und vor allem, dass nicht vieles von dem Verlorenen wiedergewonnen werden könnte, wenn man nur Kriterien für eine Neuaneignung hätte? Zum Beispiel: Könnte die ‚christliche Basisgemeinde’ nicht auch ein Versuch sein, in der heutigen städtischen (und ländlichen) Gesellschaft vital und konkret die verloren gegangenen Werte der Großfamilie wiederzugewinnen – ohne deren Fehler zu wiederholen?“ 

 

Die einzelnen Familien haben unterschiedliche Göttinnen und Götter angebetet, aber sie beeinflussten einander auf religiösem Gebiet, und das schon dadurch, dass Frauen in andere Familien einheirateten und ihre religiösen Vorstellungen dort einbrachten. So entstanden zwischen befreundeten Sippen nicht nur Blutsverwandtschaften, sondern auch religiöse Annäherungen.

 

Besonders lesenswert ist in diesem Zusammenhang die im 1. Buch Mose beschriebene Flucht Jakobs mit Rahel und Lea aus dem Hause Labans, während dieser bei seinen Schafen war. Jakob nahm mit, was ihm gehörte, Rahel eignete sich aber auch den Hausgott ihres Vaters Laban an. Sie flüchteten ins Gebirge, wo sie von Laban und seinen Leuten eingeholt wurden. Laban akzeptierte zwar, dass Jakob ihm seine Töchter geraubt hatte, aber er wollte seinen Hausgott zurück. Er stellte Jakob zur Rede: „Warum hast du mir dann aber meinen Gott gestohlen?“ (1. Mose 31,30) Jakob wusste nichts von dem Diebstahl und bot seinem Schwiegervater an, er möge das ganze Lager nach dem Gott durchsuchen. Nur mit einem Trick gelang es Rahel, die kleine Gottesdarstellung zu verbergen: „Daher fand er den Hausgott nicht, so sehr er auch suchte.“ (1. Mose 31,35)

 

Diese Geschichte gibt eine alltägliche Erfahrung aus der Zeit der Sippen wieder, und die Archäologen haben Hunderte Figuren von Göttinnen und Göttern im Gebiet des damaligen Kanaan gefunden, die belegen, wie tief verwurzelt der Glaube der Nomaden und Halbnomaden an die Götter ihrer Familien war und wie er die zum Überleben notwendige Solidarität aller Mitglieder der Sippe förderte. Dieses Familienethos, so sei hier eingeflochten, ist später zu einer wichtigen Grundlage des Gemeindeethos der nachexilischen Zeit und dann auch der ersten christlichen Gemeinden geworden.

 

Damals wie heute ist er eine Gegenkraft zu den Mächten, die die Welt unter ihre Kontrolle bringen wollen. Der Glaube dieser Sippen wurde auch von den Göttern und ihren Heiligtümern beeinflusst, die von der sesshaften Bevölkerung in den Städten Kanaans angebetet wurden.

 

Die biblische Darstellung des Lebens der kleinen Gemeinschaften wäre missverstanden, wenn man ihn als nostalgischen Rückblick ansieht. Es ist vielmehr eine Vision von einem Leben in Gemeinschaft, wie es von Gott von Anfang an intendiert war und das in Gegenwart und Zukunft anzustreben ist. Mit Professor Jürgen Ebach können die Schöpfungserzählungen als "utopische Erinnerungen" verstanden werden.  Sie halten die Erinnerung und zugleich die Hoffnung wach, dass eine andere Welt und ein anderes Leben möglich und erstrebenswert sind. 

 

Religiöse Beeinflussung durch benachbarte Völker

Statue von Pharao Echnaton
Statue von Pharao Echnaton im Ägyptischen Museum in Kairo, Foto: Personal picture of Gérard Ducher/https://commons.wikimedia.org/wiki/File:GD-EG-Caire-Mus%C3%A9e061.JPG?uselang=de#filelinks

Auch gab es religiöse Einflüsse von den benachbarten Großreichen, zunächst wohl vor allem von Ägypten. Inwieweit der Aufenthalt einzelner Sippen im ägyptischen Reich und die anschließende Flucht unter Führung von Moses dazu geführt haben, dass der Glaube der Menschen am Nil, zeitweise unter Pharao Amenophis IV. (Echnaton) ein Monotheismus, den Glauben der späteren Israeliten mit geprägt hat, bleibt umstritten. Jan Assmann hat diese Debatte 1998 mit seinem Buch „Moses der Ägypter“ belebt.

 

Im Mittelpunkt seiner Darstellung steht der Monotheismus Echnatons (Pharao Amenophis IV.). Wie immer man die Bedeutung der religiösen Vorstellungen in Ägypten für das Gottesbild der Israeliten einschätzt, ist religiöse Vielfalt bereits eine Erfahrung der Sippen in Kanaan und den Nachbarregionen, und schon sie haben erfahren, dass religiöse Intoleranz zu Kriegen führt beziehungsweise in Kriegen als Instrument zur Bekämpfung der Feinde eingesetzt werden kann. Der „Normalfall“ war damals die Respektierung des Glaubens der anderen, vielleicht auch die Bereitschaft, von diesen etwas zu übernehmen, sofern es sich in die Glaubensüberzeugungen der eigenen Sippe einfügen ließ.

 

In diesem Prozess hat sich ganz allmählich der gemeinsame Glaube entwickelt, den wir heute als den biblischen Glauben bezeichnen. Die Wahrung der je eigenen Identität und deren Verteidigung mithilfe eines Schutzgottes oder einer Schutzgöttin gingen einher mit der Bereitschaft und der Notwendigkeit zu religiösem und kulturellem Austausch.

 

Es herrschte in dieser Phase der Sesshaftwerdung der Sippen also eine große religiöse Vielfalt. Die Götter befreundeter Völker wurden respektiert, die Götter der Feinde verflucht. Von diesen Verfluchungen lesen wir in der Bibel, während die Redakteure der älteren Überlieferungen und Texte im babylonischen Exil und nach der Rückkehr nach Jerusalem die Passagen redigiert haben dürften, die gar zu sehr die Vielfalt eigner religiöser Vorstellungen beschrieben und positiv wahrnahmen.

 

So kam man dem göttlichen Geheimnis in kleinen Schritten und im Austausch miteinander näher. Es war dann die geografische Lage Kanaans mitten zwischen den politischen und ökonomischen Zentren östlich des Mittelmeers, die die Entwicklung von drei Weltreligionen begünstigte.

 

Die Sippen der Kleinviehhirten blieben zunächst Objekte der Großmächte ihrer Zeit und erlebten mit, wie die Ägypter sich aus Kanaan zurückziehen mussten und die Philister von Norden her das Gebiet eroberten. Waren die ägyptischen Herrscher weit weg gewesen, so wurden die Philister zu direkten Unterdrückern und Gegnern der Israeliten, und das hat ihnen eine ausgesprochen negative Rolle in der Hebräischen Bibel eingebracht.

 

Der Kampf der Großmächte geht zulasten der Machtlosen und Armen, war eine Erfahrung der Viehhirten in Kanaan. Diese Erfahrung machten in den letzten Jahrzehnten zum Beispiel auch viele afrikanische Völker. Sie haben diese Erfahrung in ein Sprichwort gefasst: „Wenn die Elefanten kämpfen, leidet das Gras.“ Um in diesen Kämpfen überleben zu können, mussten die nomadischen Sippen Bündnisse schließen und gemeinsame Feldzüge durchführen, aber dies waren zunächst nur ad hoc-Koalitionen. Neben die Familiengöttinnen und -götter trat nun der Kriegsgott, der half, die Feinde zu besiegen, an den man sich aber nicht mit den alltäglichen kleinen und großen Sorgen wandte.

  

© Frank Kürschner-Pelkmann