Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 1016 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

1785 – Christian Frederik Hansen wird Stadtbau-meister und Architekt in Altona

„Mit Hansen ist wieder der gute Geschmack in die Baukunst gekommen.“ So beurteilte der Hamburger Domherr Friedrich Johann Meyer die Bauten des dänischen Architekten. Paul Th. Hoffmann schrieb in seinem umfangreichen Standardwerk „Die Elbchaussee“: „Die höchste Blüte des Landhausbaues wurde zweifellos unter Christian Fr. Hansen an der Elbe erreicht.“ Und anlässlich einer Hansen-Ausstellung im Jahre 2000 erklärte Gerhard Kaufmann, der Direktor des Altonaer Museums: „Er hat die Villenkultur in den Elbvororten begründet. Hansen war nicht ein dänisches oder schleswig-holsteinisches Phänomen, er war ein Künstler von europäischem Rang.“ Es gab auch negative Bewertungen seiner Architektur, aber dazu später.

 

Christian Frederik Hansen kam am 29. Februar 1756 in Kopenhagen zur Welt. Sein Vater war Schuhmacher und die Mutter als Amme und Kinderfrau am Königshof beschäftigt. Schon mit zehn Jahren begann das „Wunderkind“ und zukünftige Architekt Christian Frederik ein Studium an der Kunstakademie in Kopenhagen. Als er größer und kräftiger war, absolviere er parallel zum Studium eine Maurerlehre. Er zeigte ein großes Talent und wurde deshalb in der Klasse des angesehenen Architekten Caspar Frederik Harsdorff aufgenommen.

 

Ernennung zum Stadtbaumeister

 

Mehrmals erhielt er Preise der Kunstakademie. Mit einem Reisestipendium des dänischen Königs konnte der 25-Jährige von 1782 an zwei Jahre lang Italien besuchen. Hansen beschäftigte sich dort mit antiken Bauten und der Architektur der Renaissance, vor allem des Architekten Palladio. Er fertigte zahlreiche detaillierte Zeichnungen der besuchten Gebäude an, was sich später als sehr hilfreich für eigenen Entwürfe erwies.

Hansen bewarb sich von Italien aus beim dänischen König um die Stelle des holsteinischen Landbaumeisters und wurde 1784 mit dieser Aufgabe betraut. Er zog daraufhin nach Altona, damals die zweitgrößte Stadt im Reich des dänischen Königs, der in Personalunion auch Schleswig-Holstein regierte. Altona war – nicht zuletzt wegen seiner Toleranz - ein herausragendes kulturelles Zentrum in Norddeutschland. Als Landbaumeister war Hansen zunächst vor allem mit der Erneuerung von Schlössern, Wassermühlen und Brücken beschäftigt.

 

Hinzu kamen Neubauten wie die Rathäuser von Bad Oldesloe und Plön sowie das Arresthaus in Neumünster. Außerdem entwarf er mehrere Kirchen. Die durch Schlichtheit auffallende Marienkirche in Husum bezeichnete der Dichter Theodor Storm als „Kaninchenstall“, aber zur Ehrenrettung Hansens muss erwähnt werden, dass der Dichter ein sehr kritisches Verhältnis zu seiner Kirche hatte und dass dies vermutlich sein vernichtendes Urteil stark beeinflusst hat.

 

Zu Hansens größeren Bauvorhaben in Schleswig-Holstein gehörte die „Irrenanstalt“ in Schleswig. Auch heute noch geht von diesem vierflügeligen Gebäude mit seinen kreuzgangähnlichen Arkaden „eine wunderbare, fast klösterliche Ruhe aus“, schrieb Carl-Heinz Mann 1982 im „Hamburger Abendblatt“. Hansen äußerte sich mit großer Empathie für die Erkrankten über seinen Heilanstalt-Bau: „Man darf also nur den Hauptgegenstand vor Augen haben und suchen, den elenden Zustand dieser Unglücklichen durch eine gesunde und bequeme Wohnung zu lindern und zugleich für ihre Sicherheit sorgen.“

 

Berühmt für seine Landhäuser an der Elbchaussee

 

Hansen betätigte sich neben seinen staatlichen Aufgaben auch als Privatarchitekt. Vor allem für Landhäuser an der Elbchaussee und die Bebauung der Palmaille in einem einheitlich klassizistischen Stil fand er viel Anerkennung. Er ließ bei seinen Bauten die Barockarchitektur hinter sich und gilt als bedeutender Architekt des aufkommenden Klassizismus. Hansens Bauten sind bestimmt von klaren Fassadengliederungen und großen Putzflächen mit einigen wenigen, wiederkehrenden Schmuckelementen. Häufig nahm er antike Gestaltungsformen bei Bögen und Gesimsen auf. Ein Blickfang sind bei seinen Bauten die Säulen, die an kaum einem seiner Häuser fehlen und mit denen er an die antike Baukunst anknüpfte. Besonders markant sind sie am Goßlerhaus in Blankenese wahrzunehmen, das an das antike Pantheon erinnert.

 

An der Elbchaussee entstand unter anderem das Halbmondhaus für den aus Großbritannien stammenden Kaufmann John Thornton. Es bestand ursprünglich aus zwei halbkreisförmigen Gebäuden, dem Landhaus und der Remise, die durch die Elbchaussee voneinander getrennt waren, damals ein Sandweg. Hansen ließ sich bei der Gestaltung dieser Häuser stark von den Villen Palladios inspirieren. Da die Gebäude gelb gestrichen waren, erhielten sie im Volksmund die Bezeichnung Halbmondhaus. Dieser Name erhielt einen „offiziellen“ Charakter, als die angrenzende Nebenstraße der Elbchaussee den Namen Halbmondsweg bekam. Das Landhaus riss man 1913 ab, und angesichts des sehr schlechten Bauzustandes drohte Mitte der 2010er Jahre auch die Remise zerstört zu werden. Dank vieler Proteste wurde der Abriss verhindert. Auf Initiative und mit Geldern der Hermann Reemtsma Stiftung konnte das Gebäude aufwendig restauriert und 2021 an eine Reederei vermietet werden.

 

Ebenfalls gerettet wurde das „Elbschlösschen“, das 1806 erbaute Landhaus des Kaufmanns Heinrich Johann Baur. Es ist ein quadratischer zweigeschossiger Bau mit einem Zugang mit vier hohen ionischen Säulen. Paul Th. Hoffmann, der sich so positiv über das Gesamtwerk Hansens an der Elbchaussee geäußert hat, merkte zu diesem Landhaus an: „Der Name ‚Elbschlösschen‘ selbst passt freilich nicht recht zu dem besagten alten Gebäude. Es ist eher ein Tempel; man könnte sagen ‚Elb-Wohntempel‘, wenn diese Bezeichnung nicht wiederum etwas leicht Ironisches an sich hätte, das freilich nicht ganz unberechtigt wäre. Jedenfalls wirkt die Front des Hauses wahrhaft feierlich-ernst, fast wie ein Mausoleum, keineswegs aber wie ein Landhaus, das den Freuden ländlichen Aufenthalts und Gartenlebens geweiht war.“

 

Inwieweit Baur selbst für diese Gestaltung verantwortlich war, lässt sich nicht mehr klären. Er sollte nur ein Jahr bis zu seinem plötzlichen Tod in dem Haus wohnen. Inzwischen hat die Hermann Reemtsma Stiftung hier ihren Sitz. Nach der grundlegenden Restaurierung wurde das Landhaus von der Gebäudereiniger-Innung Hamburg als „Hamburgs schönste Fassade 2004“ ausgezeichnet. Mit dem Preis würdigte man die sehr gelungene Restaurierung der Fassade.

 

Bei einer Würdigung der prächtigen Landhäuser und Gärten an der mehr als acht Kilometer langen Elbchaussee ist zu beachten, dass viele dieser Häuser durch den gewinnbringenden Sklavenhandel und die rücksichtslose Ausplünderung des Reichtums der Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas finanziert wurden. Hinter den hellen Fassaden so manchen Hauses verbirgt sich eine dunkle Geschichte der Ausbeutung. Das ist Architekten wie Hansen nicht anzulassen, darf aber nicht verschwiegen werden.

 

Insgesamt hat Hansen 17 repräsentative Häuser an Elbchaussee und Palmaille gebaut. Auffällig ist, dass in vielen Fällen die Auftraggeber reiche Einwanderer aus England und Frankreich waren. So erhielt er seine ersten Aufträge für Landhäuser von den aus einer französischen Hugenottenfamilie stammenden Johann Cesar und Peter Godeffroy. Von den reichen Hamburger Kaufleuten, die zu dieser Zeit von den Idealen der Aufklärung und ebenso der Empfindsamkeit beeinflusst waren, erhielt Hansen keinen Auftrag für ein Landhaus an der Elbchaussee.

 

Fast zwei Jahrzehnte Stadtbaumeister in Altona

 

In Hamburg selbst konnte er nur zwei Wohnhäuser bauen, die inzwischen längst verschwunden sind. Von seinen 21 Bauten in Hamburg, Altona und an der Elbchaussee sind nur noch 10 erhalten geblieben, und erst in unserem Jahrhundert hat der dänische Baumeister in Hamburg wieder größere Beachtung und Anerkennung gefunden.

 

Hansen hat mit seiner Frau Margarethe fast zwei Jahrzehnte in seinem Haus an der Palmaille gewohnt und gearbeitet, bevor er 1804 nach Kopenhagen versetzt wurde, wo das königliche Schloss Christiansborg und große Teile der Stadt durch Brände zerstört worden waren. 1807 beschossen britische Schiffe während der Napoleonischen Kriege die dänische Hauptstadt und richteten große Schäden an. Es gab für den Architekten also viel zu tun, und er konnte als Oberbaudirektor mit seinem Stil, dem dänischen Klassizismus, der Stadt ein neues Gesicht geben. 1831 erkrankte Hansen schwer und konnte nur noch mit großen Einschränkungen arbeiten. Ein Jahr vor seinem Tod am 10. Juli 1845 war er von allen seinen Ämtern zurückgetreten.

 

 

Seit 1997 gibt es im Hamburger Stadtteil Nienstedten eine Christian-F.-Hansen-Straße. Wer sich auf die Spuren des dänischen Architekten begeben will, wird aber vor allem seine Bauten an Elbchaussee und Palmaille besuchen. 

 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann