„Über Literatur kann ich nicht sprechen, ich kenne keine anderen Aufsätze als die, welche vom Konditor kommen." Freimütig bekannte sich Salomon Heine zu seinem Bildungsmangel. Schließlich hatte der Onkel des Dichters Heinrich Heine nie eine höhere Schulbildung genossen. Trotzdem galt seine Leidenschaft dem Theater, und er war ein gern gesehener Gast im Stadttheater - auch wenn er so manches Mal während der Aufführungen einnickte.
Es war Salomon Heine nicht in die Wiege gelegt, zum reichsten Mann Hamburgs aufzusteigen. Er wurde am 19. Oktober 1767 in einer jüdischen Altwarenhändler-Familie in Hannover geboren und musste im Alter von 13 Jahren miterleben, wie seine Familie nach dem Tod des Vaters völlig verarmte. Mit 17 Jahren zog er 1784 mit ganz wenig Geld in die Handelsstadt Hamburg, wo zwar der Antisemitismus weit verbreitet war, sich für Juden aber gute Möglichkeiten zu Handels- und Kreditgeschäften boten.
Er fand eine Anstellung als Bankbote und bald darauf als Bankangestellter. 1797, im Alter von 30 Jahren, wurde Heine Teilhaber einer Bank, die unter seiner Leitung rasch zu einem der großen Kreditinstitute der Stadt aufstieg. Selbst die französische Kontinentalsperre und die Besetzung der Stadt durch napoleonische Truppen 1806 konnten seinen Aufstieg zum führenden Bankier der Stadt nicht aufhalten. Von 1818 an war Heine alleiniger Eigentümer der Bank.
Salomon Heine war mit Härte und Großzügigkeit, Wutanfällen und großer Mitmenschlichkeit eine eigenwillige, vor allem aber erfolgreiche Persönlichkeit. Der „Hamburger Rothschild“ war ein Patriarch, meist freundlich, aber manchmal auch jähzornig. Seine gutmütige Frau Betty litt darunter und sorgte oft für den nötigen Ausgleich. Salomon liebte seine Frau und seine sechs Kinder, vor allem seine Töchter, denen er gern jeden Wunsch erfüllte. Er blieb seinem jüdischen Glauben treu und schloss sich 1818 dem liberalen Neuen Israelitischen Tempelverein an. Ebenso blieb er dem Jiddisch treu und hatte Probleme mit dem Hochdeutschen, sodass sein Neffe Heinrich Heine spottete: „Mein Onkel hat drei Diener, einen zum Servieren, einen für den Dativ und einen für den Akkusativ.“ Der Onkel seinerseits äußerte über diesen Neffen: „Hätte der dumme Junge was gelernt, brauchte er nicht zu schreiben Bücher!“.
In Heines Haus am Jungfernstieg gaben sich Senatoren, Diplomaten und Künstler die Klinke in die Hand, und der Bankier schätzte gutes Essen in munterer Gesellschaft über alles. Dass bei Heines gut gekocht wurde, sprach sich bis zu dem Kriegshelden Marschall Blücher herum. Bei einem Hamburg-Besuch im Jahre 1816 nahm er deshalb gern die Einladung des Bankiers Heine in seine Villa an der Elbchaussee an. Die Umgebung Blüchers riet von einem Besuch ab, weil Heine Jude wäre, aber der „Marschall Vorwärts“ entgegnete barsch: „Was schert mir denn die Abstammung von diesem Musjöh? Ick gehe hin! Jüden sind bekannt für gutes Essen!“ Es soll ein köstliches Mahl gewesen sein, und die zwei haben sich gut unterhalten. Dass beide Schwierigkeiten mit dem Hochdeutschen hatten, machte ihre Beziehung umso herzlicher.
Der Antisemitismus macht auch nicht halt vor dem großzügigen Bankier
Der Bankier Heine erkannte, dass wirtschaftlicher Erfolg gekoppelt mit großzügigem Mäzenatentum der beste Weg war, um als Jude Anerkennung in der Stadt zu finden. Das gelang ihm, aber zunächst nur ihm, während die Ausgrenzung der übrigen Juden bestehen blieb. Und auch dem reichen Bankier warf der Mob die Fensterscheiben ein, als es 1830 wieder einmal zu einem judenfeindlichen Aufruhr kam. Dabei hatte der Bankier bereits seit Jahren wohltätige Einrichtungen der Stadt unterstützt und viel für den wirtschaftlichen Aufstieg Hamburgs getan. Heinrich Heine war während der Krawalle in Hamburg, er konnte „die heidnische Wildheit entzügelter Volksmassen in der Nähe betrachten. Es blieb Gottlob nur bei Steinwürfen und Fenstergeklirre ...“
Als fünf Jahre später erneut aufgehetzte Stadtbewohner über den Jungfernstieg stürmten und schrien "Hep! Hep! Jude verreck!“, da schützten beherzte christliche Hamburger das Haus des Bankiers Heine vor Steinewerfern. Die antijüdischen Angriffe waren auch darin begründet, dass viele christliche Hamburger, die in wirtschaftlicher Not lebten, die Juden für ihre Misere verantwortlich machten. Zu erwähnen ist auch, dass lutherische Prediger von der Kanzel herab gegen die Juden wetterten. Der Bankier Heine mit seinem prächtigen Haus am Jungfernstieg war ein besonders exponiertes Ziel von Angriffen.
Es gab auch den Antisemitismus der gebildeten und wirtschaftlich erfolgreichen Hamburger. Sie warfen keine Steine, verhinderten aber zum Beispiel die Aufnahme des Bankiers Heine in die angesehene Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns. Die „ehrbaren“ Herren wollten Hamburgs reichsten und wohltätigsten Mann nicht in ihrer Mitte dulden, was Heine sehr schmerzte. Auch die Bemühungen, ihn zum Ehrenbürger zu machen, scheiterten. Selbst das Hamburger Bürgerrecht verwehrte die Stadt ihm. Ein kleiner Trost war, dass ihn die von der Aufklärung inspirierte Patriotische Gesellschaft 1843 demonstrativ zum Ehrenmitglied machte.
Salomon Heine revanchierte sich für die Diskriminierungen durch die Kaufleute auf seine Weise. Als der geizige Bankier Conrad Hinrich Donner um eine Spende für den Bau eines Schulhauses in Ottensen gebeten wurde, schickte er die Bittsteller erst einmal zu Heine. Was der reiche Jude gebe, das würde er auch zahlen. Heine übernahm die Hälfte der Kosten für den Schulbau und sagte den Spendensammlern: „Nun gehen Sie zu Donner und dann können Sie die Liste schließen.“ So war es. Donner sah sich gezwungen, die zweite Hälfte zu finanzieren. Immer wieder brachte Heine die Kaufleute durch seine Großzügigkeit in Verlegenheit, wollten sie sich in Sachen Mildtätigkeit nicht von einem Juden übertreffen lassen. Sie zahlten zähneknirschend, der Bankier hingegen mit Freude.
Auch zu seinem Neffen Heinrich war Salomon Heine großzügig. Nicht nur finanzierte er ihm sein Dichterleben, sondern zahlte auch dessen Auslandsreisen. Vergeblich hatte er versucht, ihn zum Bankier oder Kaufmann zu machen, und resigniert förderte er schließlich den Dichter. Stolz war er auf seinen berühmten Neffen dann doch. Streit gab es, wenn Heinrich wieder einmal Geld brauchte und sich zur „Fütterungsstunde“ bei seinem Onkel einfand. Susanne Wiborg schreibt in ihrem sehr lesenswerten Salomon Heine-Buch über Bankier und Dichter: „... beide waren überragende Genies auf ihrem ureigenen Gebiet - was aber wiederum keiner am anderen anerkennen konnte oder wollte“.
Die Großzügigkeit Salomon Heines nach dem Großen Brand
Die Großzügigkeit Salomon Heines zeigte sich auch beim Großen Brand 1842. Große Teile der Stadt wurden zerstört, und wahrscheinlich wäre die Katastrophe noch größer geworden, hätte nicht Heine angeboten, sein Haus am Jungfernstieg zu sprengen, um so eine Schneise zu schlagen und die Flammen zu stoppen. Das gelang, sodass das Wohngebiet rund um den Gänsemarkt gerettet werden konnte.
Als die Flammen gelöscht waren, zogen die Hamburger Kaufleute und Bankiers Bilanz. Das Ergebnis war niederschmetternd, und ein Neuanfang schien kaum möglich. Wieder war es Salomon Heine, der für Optimismus sorgte. „Na, was ist denn verloren? Ist die Elbe abgebrannt? Na, dann ist doch nichts verloren, wenn wir nur die Elbe noch haben!“ Er verzichtete auf die Rückzahlung von Wechseln und sorgte durch die Vergabe von Krediten dafür, dass das Wirtschaftsleben erneut in Schwung kam und die zerstörte Stadt wiederaufgebaut wurde.
Der Tod eines reichen Bankiers und Wohltäters
Als das Finanzgenie Salomon Heine am 23. Dezember 1844 starb, hinterließ er ein riesiges Vermögen, das er großzügig auf jüdische und christliche Einrichtungen (zum Beispiel das Rauhe Haus) und seine Verwandten verteilte. Für den dichtenden Neffen war nicht viel vorgesehen, was zu einem heftigen Familienstreit führte. Geblieben ist die Erinnerung an einen großzügigen jüdischen Bankier, der zum Beispiel das „Israelitische Krankenhaus“ stiftete und der durch seine Großzügigkeit half, die Emanzipation der Hamburger Juden vorzubereiten.
Der Trauerzug für Heine weckte bereits die Hoffnung auf Veränderungen. Susanne Wiborg schreibt in ihrem Heine-Buch: „Tausende ganz normale Hamburger, Juden und Christen, ließen es sich trotz des Schmuddelwetters nicht nehmen, den Sarg zu Fuß zum jüdischen Friedhof nach Ottensen zu begleiten. Das offizielle Trauergeleit, so berichtet Mendelsohn, bildeten hundert Equipagen.“
Die Villa Salomon Heines an der Elbchaussee existiert nicht mehr, aber das Gartenhaus wird inzwischen als Kulturzentrum Heine-Haus genutzt. Im Gartensaal finden u. a. Vorträge über die Familie Heine statt. Das Heine-Haus am Jungfernstieg erinnert daran, dass an dieser Stelle das Stadthaus von Salomon Heine gestanden hat. Am Israelitischen Krankenhaus erinnert ein Gedenkstein an den Stifter Heine. Der Salomon-Heine-Weg führt durch Eppendorf und Alsterdorf. Bis zum Machtantritt der Nazis gab es eine Heinestraße, die an Salomon Heine erinnerte.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte