Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 1016 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

1784 - Caroline Rudolphi eröffnet eine vorbildliche Erziehungs-anstalt für Mädchen in Billwerder

Niemand konnte ahnen, dass Caroline einmal anerkennend als „weiblicher Sokrates“ bezeichnet werden würde, als sie am 24. August 1753 als Kind armer Leute geboren wurde. Ihr Vater starb früh, und so konnte sie nur wenige Jahre zur Schule gehen, um anschließend die schwermütige Mutter bei der Anfertigung von Handarbeiten zu unterstützen, die sie verkauften. In ihrem autobiografischen Roman schrieb sie über sich als Mädchen, „nun versank sie neben der trostlosen Mutter in einen dumpfen, freudlosen Zustand, von dem ihr nur noch eine dunkle Erinnerung übrig geblieben“.

 

Carolines großes Glück war, dass sie als Jugendliche in der Bibliothek einer Nachbarin viele klassische Werke lesen und an Leseabenden teilnehmen durfte. Das motivierte sie dazu, eigene Gedichte zu schreiben. Diese Gedichte gefielen dem königlich-preußischen Kapellmeister Johann Friedrich Reichardt so gut, dass er sie vertonte. Auch sorgte er dafür, dass 1776 erste ihrer Gedichte in einer Zeitschrift erschienen und später eine Gedichtsammlung veröffentlicht wurde. Das Buch fand viel Anerkennung und Absatz.

 

Eröffnung einer Erziehugnsanstalt am Rande von Trittau

 

1778 konnte Caroline Rudolphi endlich einen eigenen Berufsweg einschlagen und nahm die Stelle als Gouvernante bei der Gutsherrnfamilie von Röpert in Trollenhagen/Mecklenburg an. Sie hatte sich autodidaktisch eine solche Bildung erworben, dass sie die Töchter der Familie unterrichten konnte. Die Kinder liebten sie sehr, aber die häufig wiederkehrenden heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern belasteten auch die Kinder und ihre Gouvernante. Das veranlasst Rudolphi 1783, die Stellung aufzugeben. Sie bat die Eltern darum, die vier Mädchen zur weiteren Erziehung mit nach Trittau nehmen zu können, wo ihr Bruder als Lehrer tätig war. Die Eltern stimmten zu und man einigte sich auf eine Bezahlung. Die Mädchen antworteten auf diese Pläne „mit einem Jubel, als ob ihnen das größte Glück angekündigt würde“, erinnerte sich Rudolphi später.

 

In einem kleinen Strohdachhaus am Rande von Trittau eröffnete sie eine Erziehungsanstalt für junge Demoiselles, zunächst nur für die Töchter der Familie von Röpert. Ein Gedicht Caroline Rudolphis über die „Hütte“ beginnt mit diesem Vers:

 

Du kleine Hütte, wie so froh

Ist unter deinem Dach von Stroh

Mein Herz, daß still und sorglos schlägt,

Und keine niedern Wünsche hegt.

 

Allerdings, das Haus abseits des kleinen Ortes war nicht sicher vor möglichen Einbrüchen oder Überfällen. Auch bildeten die Zahlungen aus Trollenhagen keine solide finanzielle Grundlage für die kleine Erziehungsanstalt, und mehr Kinder waren hier nicht unterzubringen. 1784 entschloss sich Rudolphi weitere Mädchen in ihr Pensionat aufzunehmen und hierfür in ein Haus in Billwerder umzuziehen. Der Abschied von der „kleinen Hütte“ in Trittau fiel schwer, schrieb sie später: „Das kleine Völklein verließ die arme Hütte mit vielen Tränen und kam sich selbst vor wie von Cherub aus dem Paradiese vertrieben.“

 

Die Zahl der betreuten Mädchen nahm in Billwerder langsam zu, und die Mädchenerziehung in der Bildungseinrichtung fand Anerkennung. Aber die finanzielle Lage blieb offenbar prekär, und wahrscheinlich hielten die von Röperts ihre ursprünglichen finanziellen Zusagen nicht ein. Bereits nach einem Jahr zog Rudolphi erneut um, in ein Haus in Hamm, wo sie bis zu 24 Mädchen aufnehmen konnte. Aber die tatsächliche Zahl der Mädchen stieg nur langsam.

 

Anerkennung im Kreis der Aufklärer in Hamburg

 

 

Rudolphi konnte nun auch regelmäßig an den Treffen der Hamburger Aufklärungsanhänger um die Familien Sieveking und Reimarus teilnehmen und sich einen großen Freundeskreis aufbauen. Mit ihren klugen Beiträgen zu Gesprächen über Erziehung und Literatur sowie ihren Gedichten erhielt sie den Ruf eines „weiblicher Sokrates“. Sie soll keine Schönheit gewesen sein, aber das glich sie durch ihre intellektuellen Fähigkeiten und ihre Zuwendung zu ihren Mitmenschen aus. Trotz ihrer Zugewandtheit zu den Menschen in ihrer Umgebung hat Caroline Rudolphi nie einen Mann fürs Leben gefunden.

 

Eröffnung eines Mädchenpensionat in Billwerder 

 

Wie sehr sie geschätzt wurde, zeigte sich zum Beispiel, als das Haus in Hamm, in dem ihr Institut zur Miete untergebracht war, verkauft werden sollte. Ein befreundeter Graf kaufte das Haus heimlich und legte fest, dass sie es lebenslang mietfrei nutzen durfte. Gudrun Perray schreibt in ihrer Rudolphi-Biografie: „Leicht ist es der Rudolphi nicht geworden, das großzügige Geschenk anzunehmen. Sie tut es in der Überzeugung, dass ein Geschenk, das von Herzen kommt, Anspruch auf freudigen Empfang hat. Vom Geben und Nehmen handelt deshalb das Gedicht … Es geht darin um die Kunst, mit Liebe und Schonung zu geben und mit Freude zu nehmen, ohne den anderen zu kränken oder zu beschämen.“ In dem Gedicht finden sich diese Zeilen:

 

          Schön ist es, wenn bescheidnen Sinnes beyde,

         der Geber und der Nehmer. sich verstehn.

       

In ihrer Pädagogik war sie stark beeinflusst von Rousseau und Pestalozzi. Sie strebte danach, dass die bis zu etwa 20 Mädchen im Pensionat ihre natürlichen Fähigkeiten entfalten konnten. Wie einst Sokrates war sie bemüht, im Gespräch Wissen und Einsichten zu vermitteln. Dabei erkannte sie: „Geduldiges Erwarten geziemt dem Erzieher wie dem Gärtner.“ Zu ihrem Erziehungskonzept gehörte, dass die älteren Schülerinnen am Unterricht für die Jüngeren mitwirkten. Zum breiten Bildungsangebot gehörten unter anderem Zeichnen, Tanzen, Klavierspiel, Englisch und Religion. Sie unterrichtete einen Teil der Fächer selbst, für andere Fächer ein Hauslehrer. Diese Aufgabe übernahm in Billwerder und Hamm einige Jahre lang ihr Bruder Ludwig.

 

Gudrun Perray schreibt über das Pensionat: „Unterricht und Alltag sind immer eng miteinander verwoben. Spaziergänge dienen der Naturbeobachtung, abends werden Sterne beobachtet und dann alles im Unterricht ausgewertet.“ Der Schriftsteller und Pädagoge Karl August Böttiger beschrieb seine Eindrücke bei einem Besuch im Pensionat so: „Die Mädchen waren alle fröhlich und guter Dinge. Während wir nach Tische in einem anstoßenden Zimmer Tee tranken, saßen sie in einem großen Saal zusammen an einem langen Tische. Einige schrieben, andere lasen, noch andere stickten, ohne allen Zwang und ohne alle Prätension (Anmaßung, der Autor).“ Die Atmosphäre im Haus war so freundlich und einladend, dass Friedrich Klopstock sehr gern dorthin ritt und Rudolphi und ihre Schülerinnen besuchte. Und in dieser Atmosphäre fand die Schulleiterin auch die Muße, viele Gedichte zu verfassen.

 

Rudolphi war einem traditionellen Frauenbild verhaftet und überzeugt, dass die Verstandeskultur dem Mann zueigen wäre, den Frauen hingegen das Zartgefühl. Die Frau trüge die Verantwortung für Haus und Familie. Rudolphi setzte sich für ihren gleichberechtigten Zugang zu Bildung ein. Auch in sozialen Fragen war sie offenbar sensibel. Während die meisten Mädchen ihres Pensionats aus wohlhabenden und reichen Familien kamen, die für eine höhere Bildung zahlen konnten, ließ Rudolphi häufig ein oder zwei Mädchen aus armen Familien „mitlaufen“, ohne dass deren Eltern dafür bezahlten.

 

1803 zog sie nach 16 Jahren in Hamm mit einigen Schülerinnen nach Heidelberg, „um sich in der Pfalz ein ruhiges, heitres Plätzchen … zu wählen“. Dort setzte sie ihre pädagogische Arbeit mit einem kleineren Kreis von Schülerinnen fort und baute sich erneut einen großen Freundeskreis auf. Hier fand sie auch die Zeit, ihr zweibändiges pädagogisches Werk „Gemälde weiblicher Erziehung“ zu verfassen. Sie starb am 15. April 1811.

 

 

Ein Gedenkstein im Gutspark von Trollenhagen erinnert an sie, in Barmbek wurde der Rudolphiplatz nach ihr benannt.

 

 Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

© Frank Kürschner-Pelkmann